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Sport-Stammtisch (vom 15. Juni)

Muss Messi in den Knast? Quatsch. Zwar soll er in etwa so viele Millionen hinterzogen haben wie Uli Hoeneß, doch wird die Sache wohl im spanischen Sand verlaufen. Außerdem: Wenn nicht alles täuscht, was man von dem braven Fußballer zu wissen glaubt, hat nicht Messi Steuergeld hinterzogen, sondern Messis Steuergeld wurde hinterzogen. Aber der kleine, (un)feine Unterschied ist nicht rechtlich, sondern »nur« moralisch von Bedeutung.
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Auch Hoeneß kommt nicht in den Knast (wetten!?), obwohl er aktiv gehandelt hat. In seinem Fall beschäftigt mich nicht die rechtliche (und mir viel zu komplizierte) Seite der Affäre, weniger auch die moralische der aufrichtig Empörten, sondern viel mehr die pseudomoralische des Weintrinkers, der Wasser predigt. Egal, wie die Affäre endet: Die Rolle als moralische deutsche Instanz, quasi sitzend zur Rechten von Helmut Schmidt, hat Hoeneß für alle Zeiten verzockt (ob der Altkanzler dort zu Recht sitzt, ist eine andere Frage).
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Was Hoeneß ärgern dürfte: Erst durch Messi ist er wieder in den Blickpunkt gerückt, nachdem er sich auf leisen Sohlen zurückgezogen hatte, um die Zeit und andere Säue, die durchs deutsche Dorf getrieben werden, für sich arbeiten zu lassen. Hatte bis Messi auch gut funktioniert – wer hätte gedacht, dass Hoeneß nach dem Champions-League-Finale nicht zurücktreten würde? Ich jedenfalls nicht. Und niemanden hatte es noch aufgeregt.
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Mehr Aufregung schafft jedenfalls das Geeiere, Gestochere, Gestänkere um Robert Lewandowski, wobei vorerst nur klar ist: Einer lügt. Lachen sich die Bayern schon ins Fäustchen? Wollen sie ihn am Ende gar nicht, sondern nur leistungsmindernden BVB-Unfrieden stiften? Falls ja: Das ist gelungen.
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Unfrieden auch bei Eintracht Frankfurt, und der ist so was von überflüssig! Der Reporter Oliver Forster, den Heribert Bruchhagen zum Pressechef machen wollte, zieht sich nach Intervention von Armin Veh »freiwillig« zurück. Den Zoff lastet die mediale Frankfurt-Connection dem Trainer an, klar, sie lässt einen der Ihren nicht verkommen. Veh hatte gedroht, sein Amt hinzuschmeißen, was ihm als Überreaktion übel genommen wird.
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Nicht von mir. Es war die einzig richtige Reaktion. Es geht nicht um Forsters Reportagestil (der ist Geschmacksache, und dass er nicht mein Geschmack ist, spielt keine Rolle). Es geht um ein Frankfurter Hallenturnier vor eineinhalb Jahren, bei dem Forster heftig kritisierte, dass Veh es nicht beehrte und eine Reservemannschaft hinschickte. Was bedeutet: Veh hätte mitten in der kurzen, unabdingbar wichtigen Zwischen-Aufbauphase in der Winterpause seine Stammspieler zum Tralala-Kick in die Halle beordern sollen, mit bekanntem Verletzungsrisiko, zu Lasten des Trainings und letztlich des angestrebten Aufstiegs. So etwas zu verlangen, war ein Rückfall in schwärzeste Zeiten des späten vergangenen Jahrtausends, als ebenfalls eine Frankfurter Medien-Connection ihre Eintracht als Hallenkönigin von Deutschland feierte (und ich gleichzeitig aus dem gleichen Grund den Abstieg voraussagte).
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Veh hätte sich zum Narren gemacht, wenn er diese Personalie akzeptiert hätte. Was hat bloß Bruchhagen geritten, dem Trainer den fußballfachlich für ihn unakzeptablen Pressechef vor die Nase zu setzen? Nicht Forster ist schuld an dem Schlamassel, nicht Veh, sondern, mit Verlaub: Heribert Bruchhagen. Von den vielen dicken Steinen, die er bei mir im Brett hat, nehme ich einen zweiten (nach Skibbe/Amanatidis) heraus. Sorry. Aber es bleiben ja noch genug drin.
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Über Reporter und Medien nach Griechenland: Der Staatsrundfunk, also deren ARD/ZDF, wurde Knall auf Fall geschlossen. Kostengründe. Alles wegen der Krise. Heißt es. Nun stimmt es zwar, dass der Staatsrundfunk dort so grotesk aufgebläht war, dass unsere Öffentlich-Rechtlichen dagegen Effizienzpreise gewinnen müssten. Aber dass ausgerechnet der Regierungssprecher, der das Abschalten verkündete und verteidigte, früher als Minister freigiebig die Posten im Staatsrundfunk verteilt hatte, vorzugsweise an »gut aussehende Beraterinnen« (SZ), lässt doch an die alten Verhältnisse denken. Griechischer Bauernopfersalat.
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Unsere Öffentlich-Rechtlichen stehen ebenfalls unter Beschuss, vor allem auch im Sportbereich, und das oft zu Recht. Abschalten? Absurd. Sie sind unverzichtbar, wenn sie ihren Auftrag ernst nehmen. Aber in heutigen Zeiten, in denen anderswo gesellschaftlich Revolutionäres geschieht, sollten wir wenigstens über  Modifizierungen nachdenken. Wie wäre es denn damit: Öffentlich-Rechtlichen wird Werbung gesetzlich untersagt und kostenlose Kurzberichterstattung von allen öffentlichen (also auch sportlichen) Veranstaltungen ebenso gesetzlich gewährleistet. Gleichzeitig darf die Quote kein Kriterium mehr sein und wird ausschließlich den Privaten überlassen. Unrealistisch? Leider ja. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle