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Bis ins letzte Fitzelchen obduziert (Nach-Lese vom 15. Juni 2013)

»Ich lese keine Krimis. Zu dieser Lektüre habe ich kein Bedürfnis, keine Lust, keine Zeit. Aber ich habe nichts dagegen, dass andere Leser bei Krimis immer wieder Schutz und Zuflucht, Ablenkung und Vergnügen suchen.« (Marcel Reich-Ranicki)
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Immerhin lässt er uns generös die Lust am Krimi. Aber suche ich als Krimi-Leser nur Schutz, Zuflucht, Ablenkung, Vergnügen? Nein. Genauso wenig wie in »normalen« Romanen dem gestrengen R. R. diese Kriterien genügen, halten sie meinem Anspruch stand, denn: Ein guter Kriminalroman muss vor allem ein »kriminell« guter Roman sein.
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Aber wie finde ich den? Eine beschwerliche Suche, da die von mir bevorzugten guten, alten angelsächsischen Autoren fast alle gelesen und einige von ihnen leider schon gestorben sind, was den Nachschub erschwert.
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Überhaupt, mit zunehmendem Alter nimmt der Lektüre-Fundus generell ab, selbst wenn man nicht dem Beispiel jenes alten, hoch angesehenen englischen Schriftstellers folgt, nur noch Romane zu lesen, deren Autoren nicht deutlich jünger sind als man selbst. Weil: Was sollen ihm diese jungen Schnösel sagen, was er nicht schon wüsste? Wie heißt dieser greisige Grantler? Sein Name fällt mir nicht mehr ein. Vergessen. Noch etwas, das mit zunehmendem Alter abnimmt.
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Aber nicht Alters-Arroganz ist es, die mir die derzeit angesagten Hartstoff-Krimis verleidet. Wie ich sie hasse, diese wahnsinnigen Killer, die massenmordend Berge von zerstückelten Leichen produzieren, die von coolen, taffen Gerichtsmedizinerinnen bis ins letzte Fitzelchen obduziert werden (die Leichen, nicht die lebenden Killer, aber das kommt sicher auch noch), haarklein und genüsslich beschrieben von Marketing-Schreibern, die den Trend-Trieb zur Leichenfledderei bedienen.
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Schon lange nicht mehr lese ich auch die depressiv stimmenden Skandinavier. Der Trübsinn von Mankell und seinen Epigonen treibt selbst alte Frohnaturen in die Hoffnungslosigkeit. Wie habe ich das bloß früher ausgehalten? Alle Krimis von Sjöwall und Wahlöö verschlungen, mit Freude, ohne mich runterziehen zu lassen. Waren diese beiden alten Sozis besser drauf oder ich früher weniger runterziehbar?
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Aber ich gebe nicht auf. Wird Hakan Nesser nicht hoch gelobt und auch literarisch gerühmt? 24 Krimis liegen von ihm vor, keinen habe ich bisher in meiner Skandinavier-Phobie gelesen. Da liegt Nachschub brach! Per Zufall stoße ich dieser Tage auf die Taschenbuchausgabe von »Die Einsamen«. Der Plot, denke ich nach dem Klappentext, klingt nicht depriziös, sondern vielversprechend: »Am Fuße des Steilhangs bei Kymlinge liegt eine Leiche – und zwar genau dort, wo vor 35 Jahren schon einmal ein Mensch zu Tode kam.« Und zwar der ehemalige Freund der ersten Leiche (ja, klar: Als diese noch keine Leiche war. Selbst das muss heutzutage betont werden). Mysteriös. Interessant. Wie löst Nesser den Fall, spannend, unterhaltsam und mit literarischem Anspruch? Auf geht’s. Lesen!
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Aber dann, alter Schwede! 600 Seiten immer tieferer Tristesse. Knackpunkt (wer’s Buch lesen will, jetzt bitte erst nach dem übernächsten * weiterlesen): Die grautriste Reise einer Gruppe von sechs jungen Schweden (drei Pärchen) in den frühen 70ern mit dem Bus durch den tristgrauen Ostblock. Im endzeitartigen Timisoara werden sie von oberfiesen Uniformierten eingesperrt. Nach viel Angst kommt die grausige Ansage: Wir lassen euch laufen, aber zuvor muss uns eine von den Frauen zu Willen sein. Ansonsten werdet ihr alle umgebracht.
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Die Schweden lehnen entsetzt ab, dann schwenken sie peu a peu um, die Jungs zuerst (klar, sie haben nichts zu verlieren, diese Feiglinge), dann losen die drei Mädchen aus, wer von ihnen mitgehen muss, diejenige, die verliert, bricht zusammen, da opfert sich eine andere, die Massenvergewaltigung beginnt … danach kommen alle frei, sie fahren weiter, das Erlebte nicht, nie mehr thematisierend. Die erste Leiche wird das Mädchen, das sich geopfert hatte, die zweite ihr Freund, die anderen stehen unter Verdacht, am Ende ist aber alles anders, noch schlimmer, und der Leser greift nach dem Fläschchen mit dem Suizidverhinderungselixier.
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Die letzten 100 Seiten lese ich – eine echte Dummheit – ausgerechnet abends im Bett. Ein Gedicht wird zitiert: »Es handelt vom Tod, wenn er kommt«, und Nesser lässt rezitieren: »And so it stays just on the edge of vision / A small, unfocused blur / A standing chill / That slows each impulse down to indecision / Most things may never happen, this one will.«
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Ich schlage das Gedicht leider noch vor dem Schlafen nach. »Aubade« von Philipp Larkin. Da kommt nicht nur der Tod (»this one will«), sondern es vor ihm noch schlimmer: »Vor der grenzenlosen Leere ist mir bang, dem Ausgelöschtsein, auf das wir uns zubewegen, in dem wir dann auf immerdar verlorengehen.« – Na dann gute Nacht!
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Most things may never happen, this one will. »Die Einsamen«. Nesser garniert das Ganze auch noch mit depressiven christlichen Glaubensdiskussionen, aber ohne Halleluja.
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Resultat jedenfalls: Eine Nacht mit wenig Schlaf und einigen dunklen Träumen. Was soll ich bloß noch krimilesen, ohne Schaden zu nehmen an meiner zarten Seele?
Ratschläge nimmt dankend entgegen: (gw)

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