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Donnerstag, 13. Juni, 11.20 Uhr

Morgentour noch bei schönem Wetter. Jetzt windet es, es wolkt, und wahrscheinlich regnet es bald. Auf dem Rad Kopfnotizen für .. ja, für was? Für den “Anstoß”? Für eine “Nach-Lese”? Oder für mich behalten?

Im Blog, der ja auch mein Notiz-Blog ist, Ungeordnetes dazu: Alles wankt. Vor vielen Jahren schon in einer Kolumne geschrieben: Der Fetisch Wachstum ist ein Schneeballsystem. Später immer wieder mal variiert, zuletzt: Gewinnwarnungen sind perverser Ausdruck einer gewaltig schiefgehenden Entwicklung. Seit einiger Zeit stoße ich in meinen aktuellen Lektüren (gibt’s den Plural?), u.a. als Materialsammlung für “Ohne weitere Worte”, immer öfter auf Artikel und Meinungsäußerungen, die mich staunen und vermuten lassen, dass meine lange Zeit aussichtslos einsame Außenseitermeinung gar nicht mehr so einsam dasteht. Jüngstes Beispiel, ausgerechnet in der FAZ: “Sind wir am Ende der Unersättlichkeit?” heißt die Überschrift zu einer Rezension des Buches “Wie viel ist genug? – Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens” (Robert und Edward Skidelsky). FAZ-Unterzeile: “Wieso lassen sich Menschen überhaupt noch auf den Hexensabbat des Kapitalismus ein?” – Noch mal: In der FAZ! Zwar im Feuilleton, das in der graubügerlichseriösanständigfreiheitlichdemokratischgrundordentlichen FAZ traditionell Narrenfreiheit genießt (auch D.O.N.A.D.I.S.T.E.N. genießen sie freudig), aber immerhin. Außerdem hat das FAZ-Feuilleton schon des öfteren gesellschaftliche Diskussionen abseits des engeren Kulturbegriffs angestoßen.

Anderes Beispiel: Unsere, siehe FAZ, “freiheitlich-demokratische Grundordnung”. Ich erinnere mich noch an meinen ersten Arbeitsvertrag als Volontär, in dem ich mich zur Wahrung und Förderung der freiheitlich-demokratischen Grundordung verpflichtete (1972). Ohne groß nachzudenken, und wenn ich groß nachgedacht hätte, hätte ich es wahrscheinlich sogar gerne unterschrieben, da (jetzt kommt allerdings eine Floskelbinse) sie die am wenigsten schlechte aller schlechten Gesellschaftssysteme ist. Im Lauf der Jahrzehnte wuchsen meine Zweifel zumindest an der bundesdeutschen Variante der “FDG”, die u.a. dazu geführt hat, dass unsere politischen Parteien zu Wahlkampfparteien degenerieren, mit täglich wechselnder Demoskopie als Ersatz für ein stetiges, verlässliches Programm. Auch der obligatorische Verweis auf die klassische Demokratie bestärkten die Zweifel, ob es so etwas, was die Demokratie sein will und soll, in volksnaher Reinkultur überhaupt geben kann: Nur freie Bürger hatten in Athen Stimmrecht, also keine Frauen und keine Sklaven, die weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmachten. Und bei uns gibt es Wahlen, zum Beispiel für Landtage, in denen fast ebenso viele Menschen nicht zur Wahl gehen, obwohl sie es dürfen. Aber auch hier hilft der übliche Aufruf nach dem Motto “Demokratie mitgestalten heißt, zur Wahl zu gehen” nicht mehr unbedingt: Nicht zu wählen gilt nicht mehr unbedingt als Desinteresse und Abgestumpftheit unterer Schichten, sondern immer öfter als bewusste politische Entscheidung (zuletzt in einem Beitrag eines angesagten Soziologen im Spiegel). Der Demokratie-Überdenkungstrend begann so richtig mit der Finanzkrise. Klar, dass ich mir kürzlich nicht dieses Zitat für “Ohne weitere Worte” entgehen ließ: ”

»Kann die Demokratie in kritischen Situationen parlamentarische Mehrheiten für eine Politik herbeiführen, die ökonomisch notwendig ist? (…) Ist Demokratie eine Schönwetter-Verfassungsform?« (Knut Borchardt, »Doyen der Wirtschaftsgeschichte«, im FAS-Interview)

Eine Vermutung von mir hat sich allerdings noch nicht mal ansatzweise bestätigt: Dass die nächste Blase, die platzen wird, die Werbe-Blase sein wird, und dass dieses Platzen noch viel mehr für uns alle innerlich und äußerlich ändern wird als die bisher geplatzten Blasen.

Randnotiz: Öffentlich-Rechtlichen müsste Werbung gesetzlich untersagt und kostenlose Kurzberichtwerstattung von allen öffentlichen Veranstaltungen ebenso gesetzlich gewährleistet werden.

Warum ich das alles schreibe? Damit es im Notiz-Blog steht und es damit dann so geht, wie es mit Notizen zu gehen pflegt: Was draus machen. Oder wegwerfen. In diesem Fall dann: in den Orkus des Netzes.

Baumhausbeichte - Novelle