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Sonntag, 9. Juni, 6.00 Uhr

Schlaflose Nacht. War auf einer gigantischen Fete, hat bis kurz nach vier gedauert. War mittendrin. Mein Bett. Auf der Bühne, ungefähr zwischen Schlagzeug und Mikrofon. Die Fete war irgendwo draußen, unten im Feld, auf dem Sportplatz, oder an der Grillhütte, beim Schützenhaus, auf der Reitanlage, was weiß ich. Der Wind stand so, dass man Hinterland-Schumis hinten auf der Straße, die das Feld in ca. 1,5 km Luftlinie durchschneidet, durchs Zimmer rasen hört. Diesmal nicht. Nachts waren sie nicht unterwegs, und wenn sie es gewesen wären, hätten sie keine Chance gegen die Verstärker der Musikanlage gehabt. Bis nach vier! In der Stadt wäre die Polizei gekommen, es würde morgen Schlagzeilen in unserer Zeitung und Diskussionen geben. Ich beschwer mich nicht, ich sag’s ja nur.  Mein Pech, dass ausgerechnet heute nacht der Wind selten wie fast nie direkt aus Ost-Nord-Ost jeden Pups in Überlautstärke ins Schlafzimmer trägt.

Als Mithörer des kompletten Programms darf ich mir eine Meinung zum Musikprogramm bilden: Klasse. Wenn ich nicht hätte schlafen wollen, wäre ich begeistert gewesen. War’s eine Live-Band? Falls ja, Kompliment. Da mir das Musikprogramm gefallen hat, war’s ganz sicher keine Jugend-Fete. Hab fast alle Titel gekannt. Ü 50-BUMS-Party? BUMS – ich weiß immer noch nicht, was das (außer dem spätpubertären Flachwitz) bedeutet. Steht auf fast jedem Veranstaltungsplakat in fast jedem Dorf.

In der schlaflosen Nacht Gelegenheit, sich bzw. mir Gedanken zu machen, wie Hits funktionieren. Man muss jede Textzeile mit einem Atemzug eines normallungigen Menschen mitsingen und danach für die nächste Zeile genügend Luft holen können. Heute Nacht zum Beispiel für “Sailing”. Die komplette Feten-Gesellschaft grölte mit, wenn ich richtig gehört habe, sogar in einer deutschen Version:

Ich bin seee-lig

Ich bin seeee-lig

Ich bin see-lig

Nur mit Dieer

Ich bin see-lig

Ja so see-lig

Ich bin see-e-e-lig

Nur mit Dier.

In meinem Kopf dröhnt und wummert es noch. Nicht die geringste Ahnung, was ich in den “Montagsthemen” schreiben soll. Doch, die kenianischen Hochspringer, auf die mich Thomas Koch aufmerksam gemacht hat (siehe “Mailbox”), müssen unbedingt rein. Sensationell!

Was sagen die Meldungen der Nacht: “Johnny Hallyday wird 70″. Trainert täglich ein paar Stunden im Kraftraum, nimmt regelmäßig Cortison, heißt es, hat auch, wenn ich mich recht erinnere, einen großen Exfußballer seiner Nation mit zum Blutaustausch genommen. Als Sportler würde er lebenslang gesperrt. Als Sänger bleibt er überlebenslang berühmt.

“Flutwelle rollt gen Norden.” Dazu ein Interview mit einem Fachmann, der erklärt, warum man das Wasser nicht aus dem Keller pumpen soll (wegen des Drucks). Die armen Leute dort unten. Für mich hier oben auf dem Berg fast exotische Probleme (hier muss man eher Angst vor Sturm haben). Wenn man sieht, was das Hochwasser anrichtet, beschwert man sich erst recht nicht über die schlaflose Nacht wegen der epidauros-artigen Akustik auf meinem Berg. Ist doch Epidaurus, oder, wo man in dem antiken Theater hoch oben auf den Rängen hört, wenn tief unten auf der Bühne eine Münze auf den Boden fällt (Reiseführer demonstrieren das gerne, und jedesmal staunt ihr Publikum).

Jetzt Dröhn-Kopf auslüften mit den Hunden, dann Kaffee machen (selbst, da Ein-Tages-Strohwitwer), dann “Montagsthemen”. Und irgendwie versuchen, den Ohrwurm loszuwerden: “Ich bin see-lig, ich bin see-e-elig …”

 

 

Baumhausbeichte - Novelle