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Montagsthemen (vom 10. Juni)

Fast unbeachtet hat Zehnkämpfer Michael Schrader kurz vor dem Champions-Final-Hype weltklassereife 8427 Punkte gesammelt, dieser Tage laufen seit langer Zeit wieder drei DLV-Viertelmeiler unter 46 Sekunden, und noch länger her ist es, dass Deutschland Sprinter hatte, die 10,2-Zeiten hinlegen wie heute. Wichtige Sportmeldungen. Doch die Schlagzeilen gehören anderen.
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Zum Beispiel Gymnastik-Olympiasiegerin Alina Kabajewa, gemunkelter Scheidungsgrund der Putins. Oder Hollywood-Größe Esther Williams, die mit 91 gestorben ist und eine Klasseschwimmerin war. Oder Altrocker Johnny Hallyday, der 70 wird, noch täglich im Kraftraum trainiert, sich regelmäßig Cortison gönnt und, wenn ich mich recht erinnere, einen großen Exfußballer seiner Nation zum Blutaustausch animiert haben soll. Als Sportler würde er lebenslang gesperrt. Als Sänger bleibt er überlebenslang berühmt.
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Solche knalligen Meldungen lesen Sie bei uns nicht im Sportteil, die kleinen, aber wichtigen jedoch zumindest in »Aktuelles in Zahlen« (hoffentlich). Was macht einen guten Sportteil aus? Wer hat den besten? Wir natürlich, gemäß der Theorie vom egoistischen Gen. Doch dazu später.
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Wer also hat, hinter uns, den besten Sportteil? Die Fachwelt schwankt zwischen SZ und FAZ. Ich bin für die FAS, die Sonntagsversion der FAZ. Gestern eine Geschichte über Georgios Spanoudakis, ehemaliger U 12-Knirps der Frankfurter Eintracht, der mit 14 nun im berühmten Barca-Nachwuchszentrum lebt und Fußball spielt: Über Sinn und Unsinn solch früher Spezialisierung, auch mit Stichwort Kinderarbeit, ist in der FAS einiges zu lesen, auch über Dennis Krol, der mit zwölf ins Barca-Internat kam und mittlerweile bei Fortuna Düsseldorf II in der vierten Liga spielt.
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Nicht alle können Messis werden, und wer dann, mit 15, 16, wieder nach Hause geschickt wird, wie Spanoudakis’ Freund aus Mali, hat womöglich lebenslang daran zu knabbern. Was aber nicht in der FAS steht: Einem Messi jahrelang Wachstumshormone zu medikamentieren, damit er ein paar leistungsfördernde Zentimeterchen größer wird, erfüllt alle Definitionen von Doping. Aber das interessiert nicht einmal die pawloweffekthaftesten Antidoping-Spezialisten von SZ, FAZ und FAS.
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Statt dieses bösen Themas lieber ein schönes, ein echt sportliches und im Wortsinn Graswurzel-Thema. Thomas Koch, der, wenn er nicht den »Anstoß« liest, anderweitig zu tun hat (im Hessischen Innenministerium), macht auf ein Youtube-Filmchen aufmerksam (http://www.youtube.com/watch?v=-qTAeVGl_e8), ich klicke es an – und staune: Kleines, sehr kleines Schulsportfest in Kenia, auf einer Naturwiese. Zwei eng gestellte Ständer. Eine Holzlatte liegt auf etwa 2,10 m (geschätzt nach der Größe der Kampfrichter), dahinter kein Aufsprunghügel, keine Matte, nur etwas ebenerdiger Sand. Ein barfüßiger Kenianer läuft frontal auf die Latte zu und überquert sie in einer Art Lauf-Schritt-Schersprung. Sensationell!
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Kontrastprogramm bei uns: Gummistiefel-Wettrennen. Für Journalisten ein Karriere-Sprungbrett. So habe ich Jörg Schönenborn, heute Chefredakteur des WDR, bei einem früheren Hochwasser gummigestiefelt in den Fluten stehen sehen, stündliche Wasserstandsmeldungen abgebend. Allerdings gibt es auch im Gummistiefel-Nachwuchs ähnlich viele, die wie im Barca-Internat bald aussortiert werden.
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Für Politiker gilt ein Sieg im Gummistiefel-Rennen seit Gerhard Schröder als Grundbedingung für den Wahlerfolg, trotz aller peinlichen Bilder, auf denen scheinbar kräftig mit Hand angelegt wird. Von daher verdient Angela Merkel einen kleinen Sympathiepunkt: Zwar lässt selbst sie sich den Sandsack nicht nehmen (man würde gerne wissen, wie sich die grundrationale No-Show-Frau dabei wirklich fühlt), aber immerhin kommt sie in Wanderschuhen und nicht in Gummistiefeln. Gar nicht kommt Peer Steinbrück, dem inszenierte Show ebenfalls fremd ist, und dafür bekommt er einen großen Sympathiepunkt.
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Ach ja, die Theorie vom egoistischen Gen: Sie besagt, dass fast alle erfolgreichen Politiker Selbstbetrüger sind. Hübsches Experiment dazu (gelesen im »Spiegel«): 94 Prozent der US-Hochschulprofessoren glauben, dass sie zur besseren Hälfte ihres Standes gehören. Mindestens 44 Prozent überschätzen sich also. Und wahrscheinlich machen gerade sie die große Hochschul-Karriere .
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Na ja, Selbstbetrug funktioniert nicht immer, und bei mir nur ein paar Zeilen lang: Ich bin nicht Messi. Ich bin Krol. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle