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Sport-Stammtisch (vom 8. Juni)

Bolt verliert – und schon wirkt die Hampelei und Zappelei vor dem Startschuss nicht mehr als große Show, sondern wie das, was sie ist: eine alberne, schlechte Schauspielerei. Die U 21 verliert – und schon relativiert sich die modische Mär von der Unschlagbarkeit des neuen deutschen Fußballs. Der FC Bayern verliert – und schon wäre es nix mit dem Quadruple. Wenn es nicht die Basketballer wären, die verloren haben.
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Ja, so heißt es: Quadruple. Das haben die Fußball-Bayern eh schon in der Trophäen-Tasche (Triple plus Supercup), aber zum FC Barcelona fehlen noch zwei Titelchen – Barca gelang 2009 das nicht mehr zu übertreffende Sextuple.
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Ein weiteres Quadruple geht nach Bayern, denn Thomas Haas feierte in Paris sein mindestens viertes Comeback. Bei ihm denke ich immer an die alte Geschichte seines Vaters, der 1990 eine »Tennistalentförderung GmbH und Co. KG« gegründet hatte, in die 15 Förderer jeweils 50 000 Mark einfließen ließen, was jedem 15 Jahre lang eine Beteiligung von einem Prozent an allen Einnahmen garantieren sollte. Als es bei Haas ans Geldverdienen ging, wurden bereits 1999 die Zahlungen eingestellt. Die Förderer, unter ihnen Focus-Chef Helmut Markwort, erkämpften 2003 vor Gericht eine Zahlung von insgesamt 500 000 Euro.
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Zum Vormerken: In München begann kürzlich wieder ein ähnliches Projekt, das Anlage-Objekt heißt Jan Kristian Silva, ist zehn Jahre alt und wird von der alten Becker-Corona betreut (Besaiter Kühnel, Fitness-Mann Thränhardt, Techniktrainer DePalmer). Der arme Bub! Der arme Bub? Am besten Thomas Haas fragen. Oder aber seine Schwester.
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Die Schwester von Thomas Haas war ehemals auch Objekt der »GmbH und Co. KG«, ist dabei aber auf der sportlichen Strecke geblieben. Ein Fall für die Gender-Beauftragte? Aber was ist dann mit Michael Graf, Steffis Bruder, der es nur zum erfolglosen Rennfahrer brachte?
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Überhaupt, die bisher so erfolgreiche Genderallianz wankt in diesen Tagen unter einem Zwei-Zangen-Angriff der »Zeit«. Harald Martenstein, Kolumnist aus der Glossen-Champions League, gießt Hohn und Spott, die Psychologin Doris Bischof-Köhler nüchterne Wissenschaft über die Genderforschung aus. Deren Behauptung, Unterschiede zwischen Mann und Frau seien nicht angeboren, sondern anerzogen, hat aber keinen Hohn und Spott verdient, sondern mich als Beweisführer.
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Nein, nicht im eigenen Fall. Da ist, obwohl ich als Ultra-Fan des Matriarchats des Chauvinismus unverdächtig bin, Hopfen und Malz verloren. Ich sage nur: Pullover und Ringfinger! Doch dazu später. Mein Beweis, dass Mädchenhaftes auch in Buben angelegt ist, heißt Caio.
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Als ich die einst große Hoffnung erstmals sah, schrieb ich: »Caio spielt Mädchenfußball auf hohem Niveau, technisch anspruchsvoll, aber zu unathletisch, unspritzig und durchsetzungsschwach für die raue Männer-Ligawelt.« Das vergrätzte manche Fußballerin sowie die »FFFF« (Fraktion Frankfurter Fußball-Fantasten) sehr, und erst viel zu spät sah diese ein, dass der Nomen kein Omen (griechisch »caio!« = »Ich brenne!«) war, sondern Caio eine unentflammbare Ikone der Gemütlichkeit blieb, so geboren und immun gegen alle Frankfurter Umerziehungsversuche.
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»Ciao Caio«, so verabschiedete ich das Phlegma mit dem Zauberfuß vor gut einem Jahr. Vor zwei Tagen verabschiedeten wir Michael Ballack mit der Schlagzeile »Caio, Capitano«. Was nicht nur Heiko Seip (Bellersheim) ins Schmunzeln brachte: »Natürlich bin ich ein begeisterter gw-anstoß-Leser … Zeitung aus dem Kasten … Kaffee … und Anstoß lesen … herrlich. Heute musste ich aber sehr schmunzeln. ›Caio, Capitano‹, sehr wizzisch … eindeutiger Druckfehler … aber scheeee. Caio ist doch der ›Laktat-König‹ von unserer Eintracht.«
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»Eindeutiger Druckfehler«? Danke für das freundliche Angebot, aber »Caio, Capitano« gehört eindeutig in die Rubrik, die bei bildungsbeflisseneren Zeitungen »Erratum« heißt, was in ehrlicher Übersetzung bedeutet: »Sorry, Scheiße gebaut.« Meine Rubrik schließt einen Kompromiss, heißt Erradumm, und dazu gehört auch der Fehler, den Werner Haaser (Gießen) zur »DIES & DAS«-Kolumne vom Donnerstag anmerkt: »Der Airlinecode der Türkischen Fluggesellschaft ist TK und nicht TA. TA ist TACA Airlines (El Salvador).« So isses.
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Aber noch einmal zum Gendern, zu Caio, dem Ringfinger und dem Pullover: Gute Sportler haben längere Ringfinger als schlechtere. Bei einem »richtigen« Mann ist der Ringfinger länger als der Zeigefinger, während bei »echten« Frauen beide Finger gleich lang sind. Je länger der Ringfinger beim Mann, desto besser der Sportler. Aber auch aggressiver (hängt ja irgendwie zusammen). Kommt, so die Forschung, durch vorgeburtliche Prägungen, denn im Mutterleib stimuliere Testosteron das Wachstum des Ringfingers und Östrogen das des Zeigefingers. Die virilsten Testosteron-Bolzen müssten demnach Ringfinger in Macho-Traumpenislänge haben.
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Eintracht-Scout Bernd Hölzenbein hätte damals in Rio nicht auf Caios Zauberfuß schauen sollen, sondern auf seinen Ringfinger. Und er hätte darauf achten müssen, wie er sich den Pullover auszieht. Wetten, dass Caio ihn sich mit den überkreuzten Händen unten von vorne zieht, statt in den Nacken zu greifen und den Pullover von hinten über den Kopf zu puhlen?
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Eindeutig angeboren, allem Gendern zum Trotz. Machen Sie mal den Familientest: Ringfinger plus Pullover. Männlein oder Weiblein? Wem die ganze Diskussion zu blöd ist, der macht ganz einfach den Gestreckter-Mittelfinger-Test.  Und den Pullover, den ziehen wir uns  in diesem Sommer erst gar nicht mehr an. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle