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Sonntag, 2. Juni, 6.15 Uhr

Fast schlaflose Nacht. Wegen Hakan Nesser. Alter Schwede! Mit zunehmendem Alter nimmt der Lektüre-Fundus ab. Vor allem bei den Krimis. Ich hasse sie, die wahnsinnigen Killer, die massenmordend Berge von zerstückelten Leichen produzieren, die von coolen, taffen Gerichtsmedizinerinnen bis ins letzte Fitzelchen obduziert werden (die Leichen, nicht die lebenden Killer, aber das kommt auch noch),  haarklein und genüsslich beschrieben von Marketing-Autoren, die den Trend-Trieb zur Leichenfledderei bedienen. Das Zeug lese ich erst gar nicht. Schon lange nicht mehr lese ich die Depri-Skandinavier. Die treiben ja selbst alte Frohnaturen in die Hoffnungslosigkeit. Wie habe ich das bloß früher ausgehalten? Alle Krimis von ..  Achtung, jetzt kommt’s: … Söwöl-Wallho gelesen, mit Spaß, ohne Depri. Waren diese beiden alten Sozis besser drauf oder ich weniger berühreinflussbar?

So, den Google-Test aufs Exempel gemacht. Gar nicht so ganz schlecht: Sjöwall und Wahlöö heißen, nein hießen die beiden. Eine der besten Eigenschaften der Suchmaschinen: Selbst auf die blödest falsch geschriebenen Wörter kommt der freundliche Hinweis, dass man vielleicht … (dann kommt die richtige Schreibweise) … gemeint haben könnte. Habe ich!

Also, den Nesser gelesen. Titel: “Die Einsamen”. Plot, dachte ich nach dem Klappentext, vielleicht nicht depriziös, sondern  vielversprechend: “Am Fuße des Steilhangs bei Kymlinge liegt eine Leiche – und zwar genau dort, wo vor 35 Jahren schon einmal ein Mensch zu Tode kam.” Und zwar der ehemalige Freund der ersten Leiche. Aber dann: 600 Seiten immer tieferer Tristesse. Knackpunkt (wer’s Buch lesen will, jetzt hier bitte für ein paar Zeilen weglesen): Die Reise einer Gruppe von sechs jungen Schweden (drei Pärchen) in den frühen 70ern mit dem Bus durch den Ostblock. In Timisoara werden sie von ein paar Uniformierten eingesperrt. Nach viel Angst die Ansage: Wir lassen euch laufen, aber eine von den Frauen muss zuvor uns zu Willen sein. Die Schweden wollen erst nicht, dann schwenken sie um, die Jungs zuerst (klar), dann losen die drei Mädchen aus, wer mitgeht, diejenige, die verliert, bricht zusammen, da opfert sich eine andere, die Massenvergewaltigung beginnt, dann fahren sie weiter, das Erlebte nicht,  nie mehr thematisierend. Die erste Leiche wird das Mädchen, die zweite ihr Freund, die anderen stehen unter Verdacht, am Ende ist aber alles anders, noch schlimmer, und der Leser greift nach dem Fläschchen mit dem Suizidverhinderungselixier.

Die letzten 100 Seiten gestern vor dem Schlafengehen gelesen. Zeilen über ein Gedicht notiert: “Es handelt vom Tod, wenn er kommt. And so it stays just on the edge of vision / A small, unfocused blur / A standing chill / That slows each impulse down to indecision / Most things may never happen, this one will.

Most things may never happen, this one will. “Die Einsamen”. Nesser garniert das Ganze auch mit christlichen Glaubensdiskussionen, aber mit wenig Halleluja. Sog i!

Resultat jedenfalls: Eine Nacht mit wenig Schlaf und vielen dunklen Träumen, sehr plastisch, da nach jedem aufgewacht und damit beschäftigt. Der fröhlichste noch: Boxer Sidon ist sauer auf mich, weil ich kürzlich in Blog und Kolumne über ihn geschrieben und ihn mit dem alten “Anstoß”-Running Gag Schnieders (der Boxer mit der Zyste im Hirn) verglichen habe. Da Sidon ein alter Junge aus dem Leben ist und ich die “Szene” aus früheren Zeiten gut kenne, transportiert ihn der Traum in die wildeste Ecke der Szene, er will mich dort fertigmachen, ich sage ihm aber, dass ich schon mal gegen Jörg Eipel gesparrt habe, den Profi, der einst im Koma lag, spät erst wieder aufwachte, wieder Boxen wollte, und ich ihn beim Sparren schonte (das Bübchen war einen Zentner leichter), um ihn nicht wieder ins Koma zurückhauen zu müssen. Sidon ließ sich davon aber nicht beeindrucken, ging auf mich los … und ich erwachte.

Da ich aber ein optimistisches altes Kind bin, lasse ich mich weder von Nesser noch von Sidon unterkriegen. Im Gegenteil. Devise: Nicht depressiv, sondern konstruktiv. Die schlaflose Nacht wird kolumnistisch ausgebeutet. In Kürze darf ich wieder mein altes Baby “Nach-Lese” im Feuilleton betreuen. Zweimal kurz hintereinander. Den Nesser nehme ich als Aufhänger für die erste Kolumne, die Rührseligkeit für die zweite, dann mit Musik, Bob Dylan und dem berühmten Regisseur, der vor Wut auf einen Fernseher pinkelte.

Und das Pokalfinale? Och nö. Höchstens ein, zwei Sätzchen nachher in den Montagsthemen. Dort aber einiges zu Guardiola und seinem “Wunschspieler”. Und Harting? 69,75 in den USA. Stark. Und die Nachrichten der Nacht? Heute mal nicht. Hatte ja meine eigenen. Und die müssen, und das – muss – für – heute – morgen – genügen.

 

Nachtrag, passend zum Thema: Gerade im Blog von Wolfgang Herrndorf gelesen, dem schwer kranken (Hirntumor) Schriftsteller (“Tschick”, “Sand”). Sein vorerst letzter Eintrag: Blauer Himmel. Ich stehe seit Tagen in meiner von der Sonne aufgeheizten Wohnung, tue nichts und warte auf den Tod.

Baumhausbeichte - Novelle