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Sport-Stammtisch (vom 1. Juni)

Aus Kreisen der liebsten Zielgruppe wird schärfste Kritik laut: Immer nur Fußball in der »gw«-Kolumne, das ist ja kaum auszuhalten! Meine Damen, haltet durch! Der Sommer kommt, der Fußball geht, obwohl beides momentan schwer vorstellbar sein mag.
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Ich gehe dem Sommer mit gutem Beispiel voran und verringere heute den Fußball-Anteil drastisch. Eine Rolle spielt weder das Ekuador-Länderspiel (bei dem trotz des netten Kicks niemand mitmachte, der bei der WM in der Anfangself stehen wird), noch das deutsche Pokalfinale (das zweistellig enden müsste, da die Bayern wohl nüchtern antreten, aber selbst volltrunken klar gewännen, wie ihr Ober-Kalle siegestrunken behauptet hat).
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Besoffen vom deutschen Fußball sind wir ja alle, selbst die steife FAZ lässt alle Hemmungen fallen. Schlagzeile am Montag auf der Titelseite, unter dem Bild des harfezupfenden Münchners im Himmel: »Luja. Luja, sog i. Luja!« Daneben der Leitartikel mit der Überschrift »FC Deutschland« und dem apodiktischen Beginn: »Bayern München hat endgültig den europäischen Fußball-Thron bestiegen.«
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Was ist schon endgültig? Nur, was am Ende gilt, und das naht zwar jedem, ist aber nur einmal endgültig. Da weiter Fußball gespielt wird, haben die Bayern den Thron nicht endgültig, sondern vorerst für ein Jahr bestiegen.
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Na ja, statt über den falschen Gebrauch des Füllwortes »endgültig« zu tönen, sollte ich lieber kleinlaut nachzählen, wie oft ich schon »endgültig mein letztes Wort zum Thema Doping« geschrieben habe.
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»Endgültig« mein letztes Wort dazu: Warum es kein Anti-Doping-Gesetz geben sollte, das hat der Gießener Kriminologe Prof. Artur Kreuzer am Dienstag in unserer Zeitung überzeugend dargelegt. Bislang fehlte solch eine fachlich fundierte Stellungnahme eines bundesweit anerkannten Strafrechtlers. Stattdessen beherrscht eine Einheitsfront die veröffentlichte Meinung mit ihrer Forderung nach einem Anti-Doping-Gesetz.
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Wie absurd diese Forderung ist, zeigt eine kleine Meldung, die dieser Tage unbeachtet blieb: »Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) hat den Grenzwert für Cannabis-Konsum erheblich angehoben.« Wer hat erhöht? Eine nichtstaatliche Sportorganisation. Der Staat müsste also, hätte er denn ein Anti-Doping-Gesetz, jetzt nachziehen. Und bei jeder Dopingregel-Änderung müsste er seine Gesetze ändern, weil sich ein privater Verein neue Satzungen gibt. Dann wackelt der Schwanz mit dem Hund, und die Legislative gehorcht dem Herrchen Sport.
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Zu oft geköpft? Ab 2000 Kopfbällen im Jahr leidet die Denkfähigkeit, sagt eine Studie, die ich in »Ohne weitere Worte« zitiert habe. Nur um heute mit weiteren Worten auf ihren Sinn und Unsinn einzugehen. Denn nicht nur im Fußball, Handball, Boxen usw. droht Verblödung, sondern auch … beim Langlauf! Weil bei jedem Jogging »Tausende schwache Stöße« auf den Körper wirken, die fatal im Kopf ankommen könnten.
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Philipp Rösler ist kein Doofi, daher joggt er nur so kurz wie nötig, um so medienwirksam wie möglich rüberzukommen. Zwängt sich in ein hautenges Trikot, hängt sich Kopfhörer um den Hals und läuft ein paar Meter vor der Kulisse der Golden Gate Bridge herum, bis alle Fotografen ihr Bild im Kasten haben.
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Kinderfasching in San Francisco. Der eine Junge verkleidet sich als Jogger, dann wirft er sich einem anderen Jungen vehement in die Arme (dieses Bild!), der dort im Silicon Valley sogar Langzeitfasching feiert. Verkleidet nicht als Cowboy oder Indianer, wie wir früher, sondern als Nerd, mit Wuschelkopf, Kapuzenpulli und, Ehrensache, Turnschuhen mit geöffneten Schnürsenkeln. Ob er sich nach der Rückkehr wieder in den geschniegelt gegelten Bild-Chef zurückverwandelt?
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Verwandeln … wandeln … Klimawandel: Gibt’s ihn? Kommt er? Wie heftig? Menschengemacht? Gesinnungsfragen der Gelehrten, bei denen auch Ungelehrte gerne überzeugt antworten. Ich weiß nur, dass er uns im Fall der Fälle nicht verschmort, sondern ertränkt. Er übt ja schon. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle