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Rück-Blog: Von Mondgesicht bis Lederball (Anstoß vom 29. Mai)

Der Blog »Sport, Gott & die Welt« begleitet und ergänzt im Internet die Zeitungs-Kolumnen von »gw«. Ab und an veröffentlichen wir in dieser Kolumne Auszüge, zuletzt vor knapp einem Vierteljahr – es wird also Zeit, wieder einmal rückzubloggen.
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Sonntag, 10. März, 10.35 Uhr: »Harlem Shake« und »Gangnam-Style« (von dem, der aussieht wie der nordkoreanische Jungdiktator mit dem Mondgesicht). Immer das Gleiche: Einer macht vor, die anderen folgen. Auf Kommando gleichartige Bewegungen in der Gruppe, in der man so gerne aufgeht, ob konservativ oder progressiv, links oder rechts, Volksmusiker oder Gangsta-Rapper. Na ja, vielleicht gut, dass es nicht ins Blatt kommt, sonst wäre ich ganz schnell nicht von heute, sondern von vorvorgestern.

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Ostermontag, 1. April, 7.10 Uhr:    Schlagzeile der Nacht: »Eines der letzten Schallplatten-Presswerke Europas steht in Flammen.« In Diepholz. »In der Produktionshalle der Pallas Group (…) werden unter anderem CDs, DVDs sowie Schallplatten aus Vinyl mit zum Teil museumsreifen Maschinen gepresst.« – Wird jetzt meine Plattensammlung noch wertvoller? Ich habe Originalsingles und LPs (und auch EPs, kennt das noch jemand? Jeweils zwei Lieder vorne und hinten drauf?) der frühen Beatles und Stones, auch von Yardbirds, Dylan, Animals, oder die im Zug durch die Ostzone angstbibbernd von der Schulpflichtwoche in Berlin nach Hause geschmuggelte »Folk Singer Story« und noch viel mehr.
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Sonntag, 7. April, 6.15 Uhr: Schon die Nachrichtenlage gecheckt, gescheckt ist sie nicht, sondern einheitlich maugrau, was aber auch nicht schlecht ist: keine Katastrophen, keine nächtlichen Geisterfahrer, keine über Nacht explodierten politischen Verwicklungen. Im Gegenteil: Die USA verzichten auf Raketentests, um die Korea-Krise nicht eskalieren zu lassen. Korea-Krise: Der erste Begriff aus dem politischen Weltgeschehen, den ich als Kind gehört habe. Zwei Frauen kamen mit einem Kasten voller Flaschen aus der »Stadt« zurück in den Asterweg. »Mutti, was tragen die da?« – »Speiseöl.« – »Warum?« – »Wegen der Korea-Krise.« – »Ach so.« — Nachgefragt habe ich nicht, glaube ich. War eben so eine Sache der Erwachsenen: Speiseöl und Korea-Krise.
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Sonntag 22. April, 8.45 Uhr: Klopp »gesteht« (Frankfurter Rundschau) seine Haartransplantation. Er »gesteht«! Aber warum tut er sich das überhaupt an? Passt doch gar nicht zu ihm, jedenfalls nicht zu seinem Image (mehr als das Image kennen wir von ihm und anderen Promis sowieso nicht).
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Sonntag, 28. April, 6.15 Uhr: Schon halb hell, daher kann ich auf der Straße das erste Opfer der Krötenwanderung sehen, das den Weg in den Teich nicht geschafft hat. Sehr platt, das arme Ding. Nie werde ich vergessen, wie ich eines Nachts nach langem Redaktionsspätdienst nach Hause fuhr und kurz vor der Einfahrt in die Parknische aufschreckte: Eine Kröte stand mitten auf der Straße vor mir, auf zwei Beinen, den Körper hoch aufgereckt, die beiden kurzen Ärmchen mir flehend entgegengestreckt: Überfahr mich bitte nicht! Ich umkurvte sie, stieg aus, wollte sie retten – sie stand immer noch in ihrer flehenden Haltung. Mit beiden Füßen fest auf dem Boden. Sehr fest, sehr flach, sehr groß. Überfahren und plattgewalzt, ein Teil der Gliedermasse in den Oberkörper gepresst, der daher aufrecht stand, mit seinen flehenden Stummelhändchen.
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dpa-Meldung: »Millionen Menschen verfolgen gespannt Fußballspiele. Für den Wahlkampf begeistern sich dagegen nur wenige. ›Politik erregt die Öffentlichkeit nicht‹, sagt der Professor für Philosophie und Sportsoziologie an der Freien Universität Berlin, Gunter Gebauer« … schon höre ich auf zu lesen. Der unvermeidliche »Professor für Philosophie und Sportsoziologie«. Omnipräsent wie der »Molekularbiologe aus Heidelberg«, wenn es um Doping geht. Oder der »Parteienforscher«, dem Gebauer ins Handwerk pfuscht. Franke, Falter, Gebauer & Co. – wenn sie zu Wort kommen, weiß man, dass dem Redakteur nichts einfällt und er es sich leicht machen will. Welch ein Gaga-Thema: Warum begeistern sich die meisten Menschen mehr für Fußball als für Wahlkampf? Na, darum eben.
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Dienstag, 30. April, 17.40 Uhr: Vor ein paar Tagen Abendessen, zu Hause, vor dem schönen Panorama, das von der Landstraße ins Hinterland durchschnitten wird. Tagüber hat der Frühling fleißig versucht, Versäumtes nachzuholen. Jetzt ist es schon dunkel. Hinten, an der Straße, kurz vor der Kurve in den Wald, leuchtet ein Blaulicht auf. Es blinkt während des Essens und auch noch danach. Ich vermute: kleine Baustelle, Absperrung. Aber warum mit Blaulicht? Gesperrt ist die Straße jedenfalls nicht, normaler Tröpfelverkehr für diese Uhrzeit. Wir sitzen gemütlich hier oben, essen, trinken, schauen in die Gegend, lassen es uns gutgehen. Am nächsten Tag in der Zeitung: In der Kurve ist ein 23jähriger aus dem Ort mit dem Motorrad verunglückt. Beim Überholen. Tot. Und wir ließen es uns gutgehen, während um sein Leben gekämpft wurde. Der Gedanke lässt sich auch Tage danach nicht abschütteln. (Anm.: dazu gibt es in der »Mailbox« des Blogs berührende Zuschriften)
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Sonntag, 5. Mai, 6.25 Uhr: In dieser Jahreszeit das Grün im Wald, da geht auch ein verknorztes Herz auf. Gelesen, dass eine Art Waldlehrer empfiehlt, sich mal abseits der Wege tief im Wald einfach hinzulegen, still zu sein, zu gucken und Töne und Bilder auf sich einwirken zu lassen; es sei ein Erlebnis. Kann ich mir vorstellen. Aber es selbst zu machen? Und was, wenn ich entdecke, dass zwei Bäume weiter Uli Hoeneß neben mir liegt und ebenfalls waldkontempliert? Oder eine Männergruppe bäumeumarmend alles aus sich rauslässt? Oder mir der Förster als waidwundem Schwarzkittel den Gnadenschuss gibt?
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Sonntag, 26. Mai, 6.25 Uhr: Wenn ich nachher die »Montagsthemen« schreibe, muss ich aufpassen, dass meine Enttäuschung nicht zu sehr durchschlägt. Ein Gefühl wie als Junge, wenn man den neuen Lederball geklaut kriegt. Stelle ich mir vor. Hatte natürlich als armes Proletarierkind nie einen Lederball (Danke, danke für das späte Mitgefühl). (gw)

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