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Sonntag, 26. Mai, 6.25 Uhr

Seit Stunden gießt es. Mehr Tropfen, als selbst die BVB-Fans Tränen vergießen können. Im Regen stehen auch meine beiden Liegestühle, die ich gestern nachmittag neu gestrichen und nicht reingestellt habe.

Bei den Bayern, die in dieser Saison so viele neue Sympathien gewinnen konnten, bricht schon wieder die alte Überheblichkeit durch: Das DFB-Pokalfinale gewinnen sie jetzt, auch wenn sie noch 1,8 Promille hätten, tönt Rummenige, offenbar nicht nur siegestrunken. 1,8 Promille – mehr als eine Bischöfin geschafft hat, mehr als Verkehrsminister Ramsauer den Radlern zugesteht, die mehr als 20 Radler trinken (“Wer 1,6 Promille Alkohol im Blut hat, gehört nicht auf ein Fahrrad»/damit hätten wir auch die wichtigste dpa-Nachtmeldung abgehakt)

Wenn ich nachher die “Montagsthemen” schreibe, muss ich aufpassen, dass meine Enttäuschung nicht zu sehr durchschlägt. Ein Gefühl wie als Junge, wenn man den neuen Lederball geklaut kriegt. Stelle ich mir vor. Hatte natürlich als armes Proletarierkind nie einen Lederball (Danke, danke für das späte Mitgefühl).

Als schlechter Verlierer könnte man zwar behaupten, mit neun Spielern hätten die Bayern nicht gewonnen, aber ich will ja kein solcher sein. Einigen Bayern gönne ich es ja sogar. Vor allem Schweinsteiger. Anrührend auch, wie er Hoeneß den Pott aufdrängt.

Wer wird Weltfußballer des Jahres? Keiner, der sich durch Titel einer Nationalmannschaft auszeichnet. Keiner, der mit seiner Mannschaft kläglich an einem deutschen Klub gescheitert ist. Keiner, der das größte Titelspiel des Jahres verliert. Keiner, der in diesem Spiel hätte vom Platz fliegen müssen. Bleibt also nur ein Bayernspieler. Ribery (siehe vom Platz fliegen) nicht. Schweinsteiger, der es verdient hätte? Oder Robben, wegen des Siegtores?

Angenehm: keine Weißbierduschen. Wembley sei Dank. Über Weißbierduschen hat Axel Hacke in seiner SZ-Magazin-Kolumne geschrieben. Brech ich mir vielleicht was raus für die nächste “Ohne weitere Worte”-Kolumne.

Rausbrechen. Werde ich auch einiges aus dem Blog für die “Montagsthemen”. Der Blog als Stein(es)bruch. Ah, da fällt mir ein: Kürzlich verblüfft worden. Von der Frau am Telefon, bei der ich neue gelbe Säcke bestellt habe. (Da fällt mir noch was ein: Gelber Sack – kennen Sie den alten Witz? Den lass ich aber). Also, die Frau am Telefon … nee, noch eine Anmerkung: Mit welch einem bürokratischen Aufwand man gelbe Säcke bestellen muss bzw. zugeteilt bekommt! Früher wurden sie einfach ein, zwei Mal im Jahr vor die Haustür geworfen, später konnte man sie jederzeit bei der Gemeinde abholen, jetzt muss man bestellen, Name und Anschrift durchgeben, wird registriert und erhält ein rationiertes Kontingent von zwei Sackbündeln, ein paar Tage später vom Zustelldienst. Jetzt aber zur Verblüffung: Wie fast immer, wenn ich meinen Namen nenne, wird er falsch verstanden.  Sie bestätigt am Telefon Bestellung und Namen: “Stein”. Ich: “Nein. Steines. Stein und Emil Siegfried.” Sie: “Ach so, der Genitiv.” Ich (verblüfft): “Ja.” In der Schule sollten wir mal Gedichte auf Klassenkameraden machen. Einer hieß Stein. Auf ihn begann mein Gedicht. “Ich bin der Genitiv vom Stein und will deshalb nicht besser sein.” An was man sich so alles erinnert, wenn der Tag lang bzw. noch kurz und man selbst immer älter wird (was im übrigen eine Kuriosiät ist, die ich immer noch staunend einfach nicht fassen kann).

 

So. Kurz nach acht. Nach Kaffee-Servierpause (natürlich mit Knicks) und diverser Sichtungslektüre kann’s weitergehen. Stichworte für die “Montagsthemen” stehen. Zusätzlich zum Steinesbruch: Bier/Borussia – Hoeneß/Apple – Lügen in Zeiten der Werbung (BVB/Turkish Airlines) – Götzis/Schrader – Storl/Gill – Buddhisten/Moslems – Rethy/Verb. Bisschen viel auf einmal. Wenn ich alles abarbeite, kriegt der Seitenmacher die Krise. Da ich selbst immer noch als ein solcher denke, werde ich mich am Riemen reißen und wegen des außergewöhnlichen Wembley-Anlasses eine kürzestmögliche Kolumne anbieten.

Sehr schönes Interview mit Bela Rethy im SZ-Wochenende. Das Meiste wusste ich zwar – Herkunft, Vielsprachigkeit usw. – , aber insgesamt eine sehr interessante und informative Sache, ein beispielhaft gutes Interview, von Interviewer (Alex Rühle)  wie Interviewtem.

“Ich find’s viel schwieriger, vor fünf Menschen zu sprechen, die mir in die Augen schauen, als mit Kopfhörer in den Orkus zu reden.” – Kann ich sehr gut nachvollziehen. Als Sportler ging’s mir ähnlich: Kleiner Wettkampf vor einer Hand voll Zuschauer: schlimm, gehemmt, nicht aus mir raus gehen könnend. Großer Wettkampf, 50 000 Zuschauer (gab’s manchmal, natürlich nicht wegen mir, z.B. ISTAF in Berlin): Die Leute als Menschen nicht registriert, nur als amorphe Masse, keinerlei Hemmungen (leider dennoch meistens versagt, aber das ist ein anderes Thema, siehe “Sport-Leben”/Link rechts). Heute: Smalltalk beim Stehempfang mit sechs, sieben Leuten: grässlich. Rede vor einer gesichtslosen Masse (zum Beispiel vor einem großen Saal von Sportmedizinern; mach ich aber schon lange nicht mehr): kein Problem.

Für den “Montagsthemen”-Schluss vorgemerkt: Rethy: “Manchmal hänge ich während des Kommentierens am Ende eines Satzes in der Luft und denke: Lieber Gott, bitte, bitte, gib mir ein Verb.” – Wie ich das kenne! Manchmal, im ganz normalen Gespräch, merke ich, dass ich ein hypotaktisches Satzgefüge zusammenstammele, dessen logisches und grammatisches Ende immer ungreifbarer wird, je länger ich rede. Deshalb bin ich ja auch nicht redender, sondern schreibender Journalist geworden: Dem geht es zwar genauso, aber er behält immer die Kontrolle, kann von vorne beginnen, das Gesagte/Geschriebene löschen, grammatisch ausbessern, abwarten, auf einen besseren Einfall warten und schließlich einen Satz präsentieren, mit dem er …. wie? was? wie weiter? welches Verb? was wollte ich eigentlich meinen?

Im Blog rede ich mehr, als ich schreibe, deshalb lasse ich den Satz unvollendet. Für den Schluss der “Montagsthemen” müsste ich mir einen anderen Gag einfallen lassen. Oder gar keinen. Oder was ganz anderes schreiben. Hab ja Zeit genug. Das Glück des Schreibens kann ein ganz einfaches sein.

 

Baumhausbeichte - Novelle