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Montagsthemen (vom 27. Mai)

Gestern goss es in Strömen. Es fielen mehr Tropfen, als selbst die BVB-Fans Tränen vergossen haben.
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Schlechte Verlierer könnten behaupten, mit neun Spielern (Rot: Ribery; Gelb-Rot: Dante) hätte Bayern nicht gewonnen, aber wer will nach diesem grandiosen Finale schon ein schlechter Verlierer sein?

Der BVB war kein schlechter Verlierer, der FC Bayern, der in dieser Saison so viele neue Sympathien verdient hat, ein guter Gewinner. Auch wenn bei Rummenigge schon wieder die alte Überheblichkeit durchbrach: Das DFB-Pokalfinale gewinnen sie jetzt, selbst wenn sie noch 1,8 Promille hätten, tönte er. Stimmt zwar. Aber so etwas sagt man nicht. Außer, und das sind die mildernden Umstände: im Überschwang des (nicht nur) Siegesrausches.
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1,8 Promille – mehr als eine Bischöfin geschafft hat, mehr als Verkehrsminister Ramsauer den Radlern zugesteht, die künftig weniger als 20 Radler trinken sollen (»Wer 1,6 Promille Alkohol im Blut hat, gehört nicht auf ein Fahrrad«). Aber das nur sehr am Rande.
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Auch Jupp Heynckes gönnen alle den Triumph, selbst Frankfurter Eintracht-Fans mit Elefantengedächtnis. Was er Guardiola – süffisant? – hinterlässt (»Ich übergebe an meinen Nachfolger eine perfekt funktionierende Mannschaft«), erinnert an Franz Beckenbauer (»Nationalelf auf Jahre hinaus unschlagbar«) nach dem WM-Sieg 1990. Bertis Bürde ist auch Peps schwere Last.
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Das Schönste am Finale: Es war »simply wonderful« (»Telegraph«), die Fußballwelt staunt, und wir sind stolz darauf. Ohne falschen Überschwang, nüchtern gesehen: Weltfußballer, -trainer und -mannschaft können nur aus Deutschland kommen. Beispiel Weltfußballer: Es kann keiner gewinnen, der sich durch Titel eines Nationalteams auszeichnet (mangels Titel). Keiner, der mit seiner Mannschaft kläglich an einem deutschen Klub gescheitert ist (Real, Barca). Keiner, der das größte Titelspiel des Jahres verliert (BVB). Bleibt also nur ein Bayernspieler. Ribery (Malus: Vorbildfunktion, siehe Rot-Aktion) eher nicht. Also Robben, wegen des Siegtores? Oder doch Schweinsteiger?
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Ihm wäre es … nein, korrekt. Ihm gönne ich es am meisten, nach all den Vorgeschichten. Anrührend auch, wie er als erster zu Hoeneß eilte und ihm den Pott aufdrängte. Apropos Hoeneß: Was er via Schweiz getan hat, ist juristisch zu beurteilen, moralisch nur in dem Sinne, dass er sich nicht an die von ihm selbst auf manchmal penetrante Art gepredigte Moral hielt. Was er aber für den Verein getan hat, bleibt über jeden Zweifel erhaben und eine historische Großtat.
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Wer Hoeneß dennoch moralisch verurteilt (was sagten Sie noch mal von »asozial«, Herr Bundespräsident?), der sollte lieber bei, zum Beispiel, Apple anfangen, dem notorischen Garnichtsteuerzahler, aber dann müsste er auch als Apple-Kleinaktionär seine Dividende spenden. Oder: Wer denkt bei den »Schnäppchen«, die er so gerne macht, an Bangladesh, wo sie gemacht werden? Oder die Umfrage, nach der 79 Prozent der Deutschen glauben, dass Steuerhinterziehung weit verbreitet ist. Woher wissen sie das? Aus eigener Erfahrung?
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Zurück auf sicheres Terrain, zum Sport. Nicht alles ist Wembley, nicht alles Fußball. Aber an diesem Wochenende steht nun mal alles im Schatten des deutschen Finales, selbst Monaco, auch das Klose-Finale in Rom oder die langsam anbrummende Leichtathletik. Selbst die ach so friedlichen Buddhisten, die heute Moslems metzeln, führen uns zum Champions-League-Sieger zurück: Als Klinsmann seine Buddha-Figuren im Bayern-Wellnessgelände aufstellte, war er zwar ein Vorreiter – heute stehen in deutschen Vor(zeige)gärten mehr davon als Gartenzwerge – , tat damit aber schon den ersten Schritt vom Sommermärchen-Helden zur Bayern-Spottfigur. Mit den Buddhas gewannen sie keinen Blumentopf, mit dem figürlich sehr unbuddhistischen Heynckes werden ihnen in aller Welt Girlanden geflochten.
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Auch ins Hessische führt uns das Londoner Finale zurück. Ein ähnliches steht hier im Herbst auf dem Programm: VB gegen TSG. In jedem Fall wird ein Gießener gewinnen. Und da erlaube ich mir ausnahmsweise hemmungslos unjournalistische Parteinahme: Jeder von beiden ist mir als Lokalpatriot tausendmal lieber als jeder andere. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle