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Sport-Stammtisch (vom 25. Mai)

Nur noch ein paar Stunden. Aber die dauern. So relativ war die Zeit schon lange nicht mehr. Ich vertreibe sie mir und hoffentlich auch Ihnen, liebe Vorstartfieberer, mit Fachsimpelei. In Kenntnis all des hilflosen Expertentums, das in den letzten Tagen rund um Wembley Zeitungszeilen und Fernsehzeiten füllen musste, ist mir aber bewusst: Die Betonung liegt nicht auf »Fach«, sondern auf »-simpelei«.

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Simpeln wir los. Götzes Ausfall: Schon gehen wilde Gerüchte um. Aber ein – richtig diagnostizierter – Muskelriss heilt nicht so schnell, als dass es bis zum Finale klappen könnte, das war klar. Man konnte nur hoffen, dass es eine überdiagnostizierte Zerrung war. War es also nicht.
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Sinken nun Dortmunds Chancen? Nein. Hummels Ausfall wöge schwerer. Klar, Götze ist ein riesiges Talent. Aber ohne ihn wirkt Dortmunds geradliniger Überfallfußball noch überfallartiger. Und falls Reus meine Vorahnung bestätigt, der entscheidende Faktor zu werden, dann gewinnt der BVB ein Spiel, das er dem Kräfteverhältnis nach nicht gewinnen kann.
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Aber stimmt das überhaupt? Mit dem Kräfteverhältnis? Experiment: Aus dem Stand liste ich eine Gegenüberstellung auf, mit Punktwertung. Bin selbst gespannt, was dabei herauskommt. Auf geht’s.
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Tor: Zwar hatte Neuer in dieser Saison ein paar unglückliche Szenen, Weidenfeller dagegen viel Gelegenheit, sich auszuzeichnen, doch trotz des überschwänglichen Presselobs für den Dortmunder ist der Münchner einfach eine Klasse besser. Punkt für München. – Stand: BVB – Bayern 0:1.
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Außenverteidiger rechts: Lahm ist gut, Piszczek besser. Offensiv wie defensiv. Hatte Ribery schon oft im Griff. Punkt für Dortmund. – Stand: BVB – Bayern 1:1.
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Innenverteidigung: Die Bayern haben ihre einstige Schwachstelle durch Dante deutlich sicherer gemacht, der aber kein Weltklassespieler ist. Boateng auch nicht, zudem immer für einen Klops gut bzw. schlecht. Hummels und Subotic sind ein eingespieltes und in Normalform besseres Paar, in Bestform deutlich besser. Punkt für Dortmund (es sei denn, Hummels »hummelt« wieder einmal oder wird nicht fit oder Santana spielt – aber solche und weitere Unwägbarkeiten lassen wir mal außen vor). – Stand: 2:1.
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Außenverteidiger links: Schmelzer ist einer meiner Lieblingsspieler. Aber Alaba, dessen Leistung noch zu wenig gewürdigt wird, spielt auf absolutem Weltklasseniveau und symbolisiert für mich den Niveausprung des alten zum neuen FC Bayern. Punkt für München. – Stand: 2:2.
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Außenbahnen: Kuba/Großkreutz (?) und Robben/Ribery. Rechts unentschieden, links deutlicher Vorteil FCB. Punkt für München. – Stand: 2:3.
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Schaltzentrale: Gündogan/Bender gegen Schweinsteiger/Martinez. Schwierig, schwierig. Höchstes Niveau auf beiden Seiten. Punkt für beide. – Stand: 3:4.
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Offensiv-Irrwische: Reus und Müller. Die Unberechenbaren. Sie können den Unterschied ausmachen. In Bestform absolute Weltklasse, sogar »hors categorie«. Punkt für beide. – Stand: 4:5.
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Sturmspitze: Mandzukic hat Gomez den Rang abgelaufen, mit Betonung auf »laufen«. Lewandowski aber ist der aktuell mit Abstand beste Stürmer der Welt. Keine Frage: Punkt für Dortmund. – Stand: 5:5.
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Schöner Endstand. Bei dem bleiben wir. Andere Faktoren lassen wir aus (Trainervergleich / Reife / Begeisterungsfähigkeit / Fehleranfälligkeit / Umstellungen wie: Großkreutz raus, Reus links, Gündokan vor, Sahin rein / Bankstärke usw.). Zu vergeben sind aber noch drei weitere Punkte. Für den alles entscheidenden Ball-ist-Rund-Faktor. Wer den bekommt, das weiß aber nur der Ball, dieser Schmetterling der Fußball-Chaostheorie.
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Für wen schlägt mein Herz? In jedem Fall nach dem Schlusspfiff für den Verlierer und seine Fans. Sie fallen in ein tiefes Loch, die lange, schrecklich fußballlose Zeit kommt, in der die Erinnerungen an Wembley den schönsten Sommer verdunkeln. Trost gibt nur die hessische Erfahrung: Lebbe geht weider! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle