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Sport-Stammtisch (vom 18. Mai)

Noch eine Woche Tamtam. Bald ist der Ergebnis-Tipp des hinterletzten C-Promis durchgehechelt – und dann? Ruhe vor dem Sturm? Nein. Irgendeine künstliche Aufgeregtheit wird sich wohl noch inszenieren lassen. Dabei ist die echte Aufregung, das Vorstartfieber, schon längst in uninszenierbar höchste Höhen gestiegen.
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Mit Dortmund und nach Mönchengladbach wird den Bayern erneut eine Borussia gefährlich, und auch diesmal prallen nicht nur fußballerisch unterschiedliche Weltanschauungen aufeinander. Aber dass »Borussia« ein aus dem Lateinischen entlehntes Wort für »Preußen« ist, dass die preußische Hymne einst sogar »Borussia« hieß, das eignet sich nun doch nicht zum bayerisch-preußischen Klischee. Dortmunds zerbrechliche Beschwingheit liegt Gefühls- und Fußballwelten weiter südlich als Münchens preußisch-effektive Dominanz.
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Weia! Bin ich auch schon vom Virus des sinnlosen Tamtams infiziert? Bayern/Preußen – in diese morsche Kiste greifen? Außerdem: Bayern liegt fußballerisch mittlerweile ebenfalls im Süden (mit dem Vorteil der unzerbrechlich scheinenden Beschwingtheit), und der Aufsichtsrat laviert sogar im levantinischsten Süden herum: Die 8:0-Abstimmung für Hoeneß, die dennoch seinen Abschied einläutete, und gleichzeitig die Berufung des ehemaligen Sportwetten-Deutschlandchefs von »bwin« in das oberste Gremium des Klubs, dessen Galionsfigur an seiner Zocksucht katastrophal gescheitert ist – das muss man erst einmal bringen können. Sauber. Hund san’s schon.
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Noch ein hinkender Nord-Süd-Vergleich: Bayern München und Olympiakos Piräus. Die Griechen gewannen soeben den Basketball-Europapokal und den nationalen Fußballpokal. Zwar trumpfen auch die Bayern in beiden Sportarten auf, jedoch mit unterschiedlichem Schwerpunkt. Ebenfalls nicht vergleichbar: Ganz Griechenland feiert die Basketball-Helden aus Piräus als stilbildend und mutmachend für das gebeutelte Land und wendet sich beschämt von den Olympiakos-Fußballern ab. Die gewannen das Finale gegen Tripolis, einen Provinzklub von der Peloponnes, nach derart vielen verdächtigen Fehlentscheidungen, dass es sogar den eigenen Anhängern peinlich war. Sie verschmähten die Siegerehrung und verließen fluchtartig das Stadion.
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Viele Zuschauer verließen fluchtartig das ZDF-Sportstudio (heissa, welch eine Überleitung!), als es auf 23 Uhr verlegt wurde. Ich auch. Als Nichtseher beteiligte ich mich daher nicht an der wachsenden Kritik. Schade, findet Wilfried Schmied aus Staufenberg. Für unseren hierzulande nicht nur als Freizeitsportler bekannten Leser ist das »aktuelle« Sportstudio »heute nur noch ein müder Abklatsch. Habe kürzlich Töppi Töpperwien angesprochen, er möge doch einmal beim ZDF intervenieren. Seine Antwort: ›Sie haben recht, aber ich kümmere mich nicht mehr darum. Meine Zeit beim ZDF ist vorbei‹. Wenn auch gw dazu nichts sagt, bleibt wenig Hoffnung, dass sich dort etwas bessert.«
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Mein Einfluss endet leider exakt am Rand um diese Kolumne. Wenn ich erfahre, dass das ZDF nicht mehr an den 23-Uhr-Termin gebunden ist und schon um 21.45 Uhr beginnen könnte (da werden zur Zeit alte Krimi-Serien recycelt), aber freiwillig den späten Sendeplatz behält, dann juckt in Mainz meine Kritik daran weniger als ein in der Wetterau umgekippter Sack Kartoffeln. Vielleicht bleiben sie ja bei 23 Uhr, damit nicht zu viele miterleben, wie die Sendung langsam hinwegschnarcht?
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Wilfried Schmieds Mail ist eine unter mittlerweile weit über 200 in der »Mailbox« des Begleit-Blogs zu den »Anstoß«-Kolumnen. Schauen Sie mal hinein – da geht es nicht nur um Sport, sondern auch um Gott & die Welt, und gerade zuletzt auch um letzte Dinge. Handgeschriebenes dagegen ist zur echten Ausnahme geworden, wie (»nach genussvoller Lektüre ›angestoßen‹«) ein »herzliches Dankeschön« von Susanne Zitelmann (Ettingshausen). Danke.
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Der Rand meines Einflussbereiches naht, noch 26 Zeilchen habe ich, manches bringe ich nicht mehr unter (vielleicht anschließend im Blog), aber das muss noch rein: Schauen Sie sich auf »You tube« unbedingt die »Space Oddity«-Version von Astronaut Chris Hadfield an. Ich war gestern Nummer 12 762 376. Ebenfalls umwerfend: Die dickste Träne der Welt, auch gefilmt auf der ISS.
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Das Allerletzte: Sonya Kraus findet »völlige Ahnungslosigkeit mancher Leute bei politischen oder geschichtlichen Themen peinlich«, zum Beispiel, »nicht zu wissen, wer Angela Merkel ist«. Die Frankfurterin moderierte gestern auf Sat.1 den »IQ-Test 2013«. Nur Geistesgrößen durften teilnehmen, denn alle Bewerber wurden aussortiert, die nicht wussten, dass Angela Merkel Bundespräsidentin ist. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle