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Eine kurze Geschichte der Zeit

Liebes Eintracht-Tagebuch, vor ein paar Tagen ist mir beim Aufräumen ein Buch in die Finger gekommen, das ich mir zwar schon vor längerer Zeit gekauft, es aber bislang nie gelesen hatte: »Eine kurze Geschichte der Zeit« von Stephen W. Hawking, dem berühmten englischen Physiker!

Mit weltweit über zehn Millionen verkauften Exemplaren ein Weltbestseller! Darin geht es um Fragen zur Kosmologie, dem Urknall, den Eigenschaften schwarzer Löcher usw. Vor allem aber geht es um die Rolle der Zeit. Warum sie manchmal so rast, warum sie manchmal so dahin schleicht usw. Und weil ich diesbezüglich selber so viele offene Fragen mit mir rumtrage, habe ich ihm einfach mal einen Brief geschrieben! Den ich Dir natürlich nicht vorenthalten möchte!

»Sehr geehrter Mister Hawking, bitte wundern Sie sich nicht, dass ich Ihnen schreibe. Mein Name ist Hendrik Nachtsheim, und Sie werden mich ziemlich sicher nicht kennen. Auch weil wir mit Badesalz nie in England aufgetreten sind. Was echt schade ist, zumal sich Englisch und hessischer Dialekt bestens miteinander vertragen und eine ausgesprochen interessante Mischung ergeben.

Unsere Spezialität ist es zum Beispiel, an jedes Wort noch ein »SCHE« dranzubasteln, was alles etwas niedlicher macht und auch härtere englische Begriffe hübscher klingen lassen würde. »Gangstersche« zum Beispiel, »Killersche« oder »Motherfuckersche« … aber das nur am Rande.

Warum ich Ihnen schreibe, hat andere Gründe. Als ich ihr großartiges Buch durchblätterte, wurde mir urplötzlich bewusst, dass vor allem der Fußballfan in mir bezüglich Zeit und Raum schon länger nicht mehr mitkommt. Dass ich gar nicht mehr verstehe, warum sich gerade in dieser Sportart Dinge so extrem schnell ändern oder feste Gegebenheiten mir nichts dir nichts verschwinden.

Wohin ist zum Beispiel der Libero verschwunden, der lange Zeit als die eleganteste Form des Fußballspielers galt? Wieso sprechen heute selbst geistige Tiefflieger von der Raute, die sie zu ihrer Hauptschulzeit nicht mal ansatzweise zeichnen konnten? Warum erahnen Spieler nicht mehr, sondern antizipieren, was der Gegner vorhat? Wieso ist der freie Raum einer Schnittstelle gewichen, und warum ist heutzutage nicht nur eine Mannschaft, sondern gleich der ganze Verein gut aufgestellt? Wo ist die gute alte Kick-and-Rush-Spielweise hin, und warum predigen moderne Spitzentrainer ›One touch‹ als das Mass aller Dinge, obwohl man damit noch vor gar nicht allzu langer Zeit den unerlaubten Griff eines Spielers an das Gemächt des Gegners bezeichnete? Ganz abgesehen davon, dass heute niemand mehr mit ›Pressing‹ einen kurz darauf entbundenen Säugling verbindet! Wo ist die spanische, italienische, englische Übermacht im internationalen Vereinsfußball plötzlich hin und warum stehen auf einmal zwei deutsche Teams im Champions-League-Finale statt Real Madrid und Manchester United?

Wieso ist einer der erfolgreichsten Macher des deutschen Fußballs von einem auf den anderen Tag vor allem Steuerbetrüger? Und wie hat die Zeit es geschafft, die für ›Ewigkeiten in Stein gemeiselte Tabelle der Fußball-Bundesliga‹ (O-Ton Heribert Bruchhagen) plötzlich vom Beton zu befreien, indem Mannschaften wie der SC Freiburg oder unsere wunderbare Eintracht plötzlich oben mitmischen, während sich Werder Bremen bis kurz vor Saisonschluss mit dem Abstiegskampf herumplagen musste?

Überhaupt die Eintracht! Wieso haben wir plötzlich keine Erinnerungen mehr an den Abstieg vorletzte Saison? Warum wird unser ›Offenbacher Schnäppchen‹ Sebastian Rode jetzt mit internationalen Spitzenmannschaften in Verbindung gebracht? Warum ist der oftmals phlegmatische Alex Meier auf einmal ein quirliger Torjäger, und wie kommt es, dass sich ein deutscher Spitzentrainer namens Armin Veh gegen Schalke, aber für Frankfurt entscheidet? Und dass man, wenn man sich fernab der Heimat als Eintracht-Fan outet, nicht mehr mitleidig belächelt wird?

Und, lieber Mister Hawking, wie geht es an, dass trotz all dieser rasanten Veränderungen der Schnauzbart von Peter Neururer immer noch genauso bekloppt aussieht wie vor 20 Jahren? Sie sehen, Fragen über Fragen, die mein Fußballhirn überfordern. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir kurz vor Saisonende beim Klären all dieser Ungereimtheiten helfen würden! Hochachtungsvoll, Ihr Hendrik Nachtsheim!«

Und, Tagebuch, ob Du es glaubst oder nicht, gestern kam ein Antwortschreiben von ihm! »Sehr geehrter Mister Nachtsheim, Danke für ihr Schreiben! Aber leider kann ich Ihnen diese Fragen nicht beantworten, da der Fußball definitiv weitaus komplizierter und undurchsichtiger ist als zum Beispiel das Weltall! Weshalb ich auch nicht Trainer sondern Physiker geworden bin. Mit lieben Grüßen! Stephen Hawkingsche!« In diesem Sinne …  Hendrik Nachtsheim

Baumhausbeichte - Novelle