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Veronika Dankeschön (Nach-Lese vom 11. Mai)

Die alten, sehr alten Klassenkameraden treffen sich einmal im Monat und beackern querbeet alle Themen, die aktuell waren oder noch sind. Was geschieht in der Stadt? Was im Weltkreis? Urbi et orbi, Gott und die Welt – eine Meinung hat jeder von uns, Ehrensache. Aber wenn’s um Fakten geht, weiß nur einer immer alles: Mein Gott, Walter!
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Zuletzt hechelten wir den Rassismus durch. Beziehungsweise den »Neger« im Wandel der Zeiten. Ha! Da habe ich nicht nur Meinung, sondern kann auch mit Fakten aufwarten. Schließlich habe ich gerade erst in unserem Zeitungsarchiv gewühlt und dort einige schrullige Artikel aus den frühen fünfziger Jahren gefunden. Ich habe sie sogar dabei, in weiser Voraussicht mitgenommen. Walter wird staunen!
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Ich lege los. Überschrift im Mai 1952: »Ein Negermissionar spricht.« Der gute schwarze Mann »arbeitet unter Buschnegern, stolzen freiheitsliebenden Menschen. Missionar Koorndijk erlebt hier ein hartes Ringen zwischen Mächten der Finsternis und des Lichtes.«
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Mhmm. Nur ein kleiner Achtungserfolg. Stilles Schmunzeln in der Runde. Walter schweigt. Da muss mehr kommen. Ich trumpfe mit »Kuriositäten aus aller Welt« vom 31. Mai 1952 auf: »Der Erzbischof von Lebombo in Zentralafrika erklärte kürzlich, dass der Traktor mehr für die Abschaffung der Vielweiberei getan hat, als es gute Lehre und Mahnungen je getan hätten. Ein Traktor leistet an einem Tag mehr Feldarbeit als zehn Negerfrauen in einer Woche. Selbst die reichsten Häuptlinge sehen darum keinen Grund, mehr als eine Frau zu haben.«
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Ein Kracher. Walter schweigt. Wir bekakeln, ob »Neger« schon damals diskriminierend gemeint war. Ich behaupte: ja. Man war sich dessen nur noch nicht bewusst. »Neger« wurde gönnerhaft nach Kolonialherrenart gesagt und geschrieben. Wenn es abfällig werden sollte, griff man zum »Bimbo«, nicht nur in der Umgangssprache, sondern auch in der Zeitung. Auch in unserer. Sogar in der Überschrift: »›Bimbo‹ auf Abwegen« (Juni 1952): »Panischer Schrecken überfiel eine junge Frau, die im Garten ihres Hauses in der Ostanlage einen kleinen Abendrundgang unternahm, als sie zwischen Rosen kauernd einen farbigen Soldaten erkannte. Gellend hallten ihre Hilferufe durch den Abend, denn der Farbige stürzte sich plötzlich auf sie und versuchte, sie zu würgen. Da eilten aus dem Hause aber schon die Retter herbei, die die halb Ohnmächtige in ihre Obhut nahmen. Von dem Soldaten aber war nichts mehr zu sehen; er hatte in Blitzesschnelle eine hohe Umfassungsmauer überklettert und sich davongemacht.«
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Ein Brüller. Walter schweigt. Endlich einmal weiß er zu einem, zu meinem Thema: nichts. Auch zur aus meiner beruflichen Sicht interessanten Tatsache schweigt er, dass offenbar erst der Redakteur aus dem korrekten »Farbigen« des Polizeiberichts in der Schlagzeile den »Bimbo« gemacht hat.
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Amerikanische Soldaten und deutsche Frauen – ein Thema für sich. Auch damit kann ich punkten, denn deutsche Frauen hatten es damals nicht leicht, zumindest nicht, wenn sie Veronika hießen. Ich weiß es, seit ich gelesen habe, was die große US-Nachrichtenagentur United Press (UP) im Juni 1952 zur »Lex Veronika« gemeldet hatte: »Durch die in der Nähe Karlsruhes stationierten schwarzen Truppen hat das Dirnenunwesen in Badens alter Hauptstadt überhand genommen. Wie Landrat Josef Gross erklärte, ist es wiederholt zu Auseinandersetzungen zwischen Soldaten um die ›Veronikas‹ gekommen. In der Flüchtlingssiedlung Neurut würden an die ›Fräuleins‹ Zimmer für 100 DM als Absteigequartiere vermietet. Auf einem öffentlichen Forum wurde beschlossen, alle Neusiedler, die dem ›Veronikarummel‹ durch Übernachtungsmöglichkeiten Vorschub leisten, mit Entzug ihrer Siedlerstelle zu bestrafen. Die Siedler forderten eine Art ›Lex Veronika‹ und machten unter Hinweis auf die gefährdete Jugend den Vorschlag, die ›willigen Mädchen‹ in Arbeitshäusern unterzubringen.«
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Damit habe ich mein Pulver verschossen. Die Runde ist beeindruckt, Walter schweigt. Einer fragt: Aber warum »Veronika«? Ich bin ratlos. Walter beendet sein Schweigen: »Ich glaube, das kommt vom englischen Wort für Geschlechtskrankheit.«
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Mein Gott, Walter, denke ich, kannst du nicht einfach mal zugeben, dass du keine Ahnung hast, statt Dir solch einen Unsinn auszudenken? Dass Walter uns foppt, diesen Verdacht hatte ich ja schon, als wir in einer früheren Runde über die in der Ostzone bekannteste bundesdeutsche Stadt sprachen (Gießen – wegen des Notaufnahmelagers) und er behauptete, der Bundesnachrichtendienst hätte damals eine Zweigstelle in Gießen betrieben, ganz offiziell, sogar mit einem Geschäftsschild an der Tür: »Amt für Befragungswesen.« So etwas kommt doch nicht mal in der billigsten Agenten-Posse eines hinterletzten Komödienstadels vor!
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Einige Tage später lese ich in der »Welt« eine Kolumne von Klaus Harpprecht, des ehemaligen Redenschreibers von Willy Brandt. Es geht um die »Fräuleins« der Nachkriegszeit, und dass US-Journalisten damals eine Verschwörung witterten, »deren Ziel es sei, die Streitkräfte durch die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten zu schwächen. Warnungen vor den ›veneral diseases‹ waren angebracht. Das Kürzel VD wurde mit ›Veronika Dankeschön‹ übersetzt.«
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Sorry, Walter! Du weißt halt doch einfach alles. Und als ich daraufhin das »Amt für Befragungswesen« googele, erfahre ich, dass die »Zweigstelle für Befragungswesen des BND in Gießen Daten von rund 39 000 Aus- und Übersiedlern gespeichert hat« (»Berliner Zeitung«/1989).
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»Amt für Befragungswesen« – ein aparter Euphemismus. Mein alter Freund Brockhaus (Jahrgang 1958) sagt dazu: »E.: Umschreibung einer anstößigen oder gefürchteten Sache durch verschleiernde Worte, z. B. ›entschlafen‹, ›verscheiden‹ statt sterben.«
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Oder: Veränderung des Gesundheitszustands. Denn endlich, endlich weiß ich etwas, das Walter nicht weiß: Dass die CIA dem ach so friedfertigen Dalai Lama einst in Tibet beim Kampf gegen China zur Hand ging, Mord inklusive, geplant und beschlossen im »Komitee zur Veränderung des Gesundheitszustandes«. Soviel euphemistischer Einfallsreichtum nötigt selbst den Freunden der italienischen Oper Respekt ab!
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Auch Dir, Walter? Hast Du das gewusst? – Ja? – Ach so, war ja klar. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle