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Cornelius Lenz zum Blog vom 30.4. (Leben und Tod)

Nach langjähriger stiller Mitleserschaft im Anstoß – für den Block fehlt mir die Zeit – fühlte ich mich nun doch so sehr persönlich angesprochen, dass ich mich mit dieser Mail nun auch mal „melde“. Und vorab sorry, falls Sie sich als “Seelenmülleimer” mißbraucht fühlen sollten… Mein Vater (Paul-Ulrich Lenz) machte mich auf Ihren Blog-Eintrag vom 30.4. aufmerksam:

„Vor ein paar Tagen Abendessen, zu Hause, vor dem schönen Panorama, das von der Landstraße ins Hinterland durchschnitten wird. Tagüber hat der Frühling fleißig versucht, Versäumtes nachzuholen. Jetzt ist es schon dunkel. Hinten, an der Straße, kurz vor der Kurve in den Wald, leuchtet ein Blaulicht auf. Es blinkt während des Essens und auch noch danach. Ich vermute: kleine Baustelle, Absperrung. Aber warum mit Blaulicht? Gesperrt ist die Straße jedenfalls nicht, normaler Tröpfelverkehr für diese Uhrzeit. Wir sitzen gemütlich hier oben, essen, trinken, schauen in die Gegend, lassen es uns gutgehen.
Am nächsten Tag in der Zeitung: In der Kurve ist ein 23jähriger aus dem Ort mit dem Motorrad verunglückt. Beim Überholen. Tot.
Und wir ließen es uns gutgehen, während um sein Leben gekämpft wurde.
Der Gedanke lässt sich auch Tage danach nicht abschütteln.“

Ich hatte an diesem Abend das dringende Bedürfnis, es dem Frühling gleichzutun und Versäumtes nachzuholen. Unsere Kinder hatten meine Frau und ich sensationell früh ins Bett gebracht. Meine Frau gab mir das ok. Und so saß ich tatsächlich unfassbar früh auf meinem Rad um eine Runde im Grundlagenbereich zu drehen. Schließlich hatte ich mich für den am Sonntag anstehenden Schottener Vulkan-Mountainbike-Marathon angemeldet und wollte den immer wieder schönen Wettkampf mit den Bike-Kumpels für mich entscheiden. Um 19.22 Uhr blickte ich vor unserem Haus in der Höhenstraße auf meinen Tacho und begann locker ortseinwärts zu rollen. Die frühe Startzeit erlaubte es mir, Überlegungen anzustellen, ob ich statt der ursprünglich geplanten Strecke durchs Fohnbachtal, über die Schmelzmühle und den Lahnradweg, eine Tour mit ein paar Trailanteilen fahren sollte. Schnell war die Entscheidung zugunsten der trainingsmäßig unsinnigeren, spaßmäßig deutlich überlegenen Tour getroffen! Also fuhr ich durchs Dorf und bog an der Reithalle in einen Feldweg ein, der am Waldrand in die „Krofdorfer Perle“ mündet – einer der schönsten Zuwege Richtung Dünsberg. Während ich den Radweg entlang fuhr, hörte ich plötzlich, wie aus Richtung Krofdorf kommend ein Motorrad stark beschleunigend die Landstraße Richtung Frankenbach entlang fuhr. Als ich meinen Kopf drehte, sah ich, wie es einen PKW überholte und sich nach dem Überholvorgang wieder einordnete und dass der Fahrer anschließend seinen Oberkörper aufrichtete. So wie ich hatte auch er – ich war mir absolut sicher – riesige Freude an der Rückkehr des Lebens in die Natur und in sein Leben – wie ich einige Tage später erfuhr, hatte er nur kurze Zeit vorher von seinen Ärzten erfahren, eine Krebserkrankung „überstanden“ zu haben. Das Motorrad verschwand daraufhin aus meinem Blickfeld – der Motor war weiterhin hörbar. Sekundenbruchteile später hörte ich einen dumpfen Schlag und augenblicklich wurde es still. „Das ist viel zu schnell viel zu still geworden“, schoss mir durch den Kopf. Mit schnellerer Frequenz kurbelnd fuhr ich weiter in Richtung der Stelle, an der die Straße nach Frankenbach ganz leicht nach links abknickt, an der ein großer Platz ist, mit einem Picknicktisch und aktuell einigen Holzstämmen, die auf ihre Abholung warten. Der Platz, an dem der Feldweg in die Perle mündet, an dem eigentlich immer der ganze Spaß so richtig beginnt. Auf diesem Platz stand der PKW und ein junger Mann, der noch Sekunden vorher ein Jugendlicher war, setzte einen Notruf ab. Auf diesem Platz, auf den Baumstämmen lag der Motorradfahrer, als hätte er sich zum Verschnaufen abgelegt. Er hatte es nicht. Wir gingen zu dem Motorradfahrer und fühlten seinen Puls. Er war spürbar. Kurz tauschten wir uns aus, was zu tun sein. Ich streichelte den Rücken des Fahrers, wollte ihm unsere Nähe zeigen. Eine neuerliche Pulskontrolle blieb ergebnislos. Wir legten den Fahrer auf den Boden. Ich begann eine Herzdruckmassage allerdings ohne einen Glauben daran, dass unsere Bemühungen Erfolg haben könnten. Nicht bei diesem Aufprall, nicht bei diesem Zustand von Helm, Gesicht und Oberkörper des Fahrers. Die Zeit verging langsam. Ein Klinikmitarbeiter kam zum Unfallort und löste mich ab. Der Krankenwagen traf ein. Die Sanitäter nahmen ihre Bemühungen auf und ich schöpfte Hoffnung. Polizeiautos kamen an die Unfallstelle. Der Notarzt und die Sanitäter stellten ihrer Arbeit ein. Es wurde dunkel und das Leuchten des Blaulichts prägte die Szenerie.

Doch das nahm der Motorradfahrer alles nicht mehr wahr. Ich bin mir sicher, dass mit das Letzte, das der Motorradfahrer wahrnahm, Freude war, darüber dass das Leben in die Natur und in sein Leben zurückgekehrt war.
Und da ist es gut und richtig, das Abendessen auf der Terrasse zu genießen und wieder zur Krofdorfer Perle zu fahren!

Ich musste übrigens am nächsten Tag auf die dann doppelt aufwühlende Beerdigung vom Vater eines ganz engen Freundes, der überraschend gestorben war.
Bei einem Schwimmbadbesuch am Nachmittag, der eigentlich zum Boden unter die Füße bekommen gedacht war, rutschte ich aus, stürzte und zog mir einen – mittlerweile operierten – Mittelhandbruch zu. Wie nebensächlich so ein Knochenbruch sein kann… (Cornelius Lenz/Wettenberg)

Baumhausbeichte - Novelle