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Sonntag, 5. Mai, 6.25 Uhr

In dieser Jahreszeit das Grün im Wald, da geht auch ein verknorztes Herz auf. Gelesen, dass eine Art Waldlehrer empfiehlt, sich mal abseits der Wege tief im Wald einfach hinzulegen, still zu sein, zu gucken und Töne und Bilder auf sich einwirken zu lassen; es sei ein Erlebnis. Kann ich mir vorstellen. Aber es selbst zu machen? Und was, wenn ich entdecke, dass zwei Bäume weiter Uli Hoeneß neben mir liegt und ebenfalls waldkontempliert? Oder eine Männergruppe bäumeumarmend alles aus sich rauslässt? Oder mir der Förster als waidwundem Schwarzkittel den Gnadenschuss gibt?
Draußen schon lange hell. Sonnig, schön, gar nicht morgenkühl. Nachher wieder auf die Sauerlandlinie, irgendwo bei Meinerzhagen Schwimmunterricht. Nicht für mich. Für Hund. Mein erster Schwimmunterricht: Vor 60 Jahren in der Lahn. Unfassbar, diese Zahl zu schreiben. Lieber nicht drüber nachdenken. Danach konnte ich so gut schwimmen wie zuvor. Ich erinnere mich noch: Alle an den Händen fassen, und jetzt auf drei Kopf untertauchen: 1, 2 … Kopf bleibt oben. Ein seltsamer, beißender, ekliger Geruch lag dort an der Lahn in der Luft, neben den beiden offiziellen Badeanstalten (ein Männerschwimmbad? Ein “Müllersches”?). Ich habe ihn noch immer in der Nase, manchmal rieche ich ihn wieder, kann ihn nicht identifizieren, versuche immer noch rauszukriegen, was das ist. Ein Gemisch von Chemie und Schweißfuß.
Hinter den beiden Badeanstalten, wo es Eintritt kostete, badete das gemeine Volk, also ich. Ungefähr dort, wo die Wieseck in die Lahn mündet. Ein Bild vergesse ich nie, ich übernahm es für den Titel meines Krimis (der was anderes sein sollte, aber das ist ein anderes Thema): Vom Dreier aus sprangen alte Männer (also um die 20) kreischend und komisch ins Wasser, mit angelegten Armen, Kopf voraus. Was ist das? Was machen die? “Seemannsköpper.”
Schwimmen lernte ich erst Jahre später, bei meiner ersten Ferienfreizeit. Kirchvers. Kam mir vor wie 5000 Meilen von zu Haus. Abends wurde am Lagerfeuer gesungen. Wildgänse rauschen durch die Nacht, mit schrillem Schrei nach Norden. Ein Großer neben mir sang “Wildsäue rauschen…” Ich bewunderte ihn, fand ihn unglaublich cool und witzig. So würde ich auch gerne werden wollen und wusste doch, so würde ich nie sein können. Schwimmen gelernt, als einer der Großen mich ins Wasser schubste und nicht rauslassen wollte. Im Tiefen. In dem Schwimmbad war alles tief, ein Naturbecken am Waldrand, leicht versifft.
Für die Montagsthemen steht noch kaum etwas auf dem Zettel, auch das Material für Ohne weitere Worte ist noch dürftig. Nehme einigen Lesestoff mit auf die Sauerlandlinie. Bin ja nur der Fahrer, im Bergischen kann ich weiter sichten. Montagsthemen: Nachtrag Informant/Politiker – B-Teams mit Stärken und Schwächen der A-Teams – Blutbeutel – Waffengesetze. Noch sehr dürftig. Weiß nicht mal, wie Klitschko geboxt hat. Moment … na klar, leichter K.o.-Sieg, sechste Runde. Sein Gegner, nach dem Lesen eines Interviews mit ihm hatte ich ihm wider besseres Wissen die Daumen gedrückt, hat den größten öffentlichen Tag seines Lebens schon hinter sich. Wird er aber verkraften, nach allem, was er schon verkraftet hat. Noch notiert, beim Blick in die Nachtmeldungen: Bierbrauer fürchten Fracking und mächtige Explosionen in Damaskus. Die volle Bandbreite. Und jetzt der Sonntagskaffee. Wer außer mir bekommt ihn noch mit einem Knicks serviert? Ist aber nicht so, wie Sie denken, sondern: Das Matriarchat veralbert mich.

Baumhausbeichte - Novelle