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Sport-Stammtisch (vom 4. Mai)

»Herr Hoeneß, bereuen Sie, was Sie getan haben?« – »Ja, ich bereue das, unendlich. Ich habe eine große Torheit begangen, einen Riesenfehler, den ich so gut wie möglich korrigieren will.« Beginn des erstaunlichen »Zeit«-Interviews. Am erstaunlichsten aber, dass wir es schon seit einem halben Jahrhundert kennen: »Nun erzählen Sie mal, wie ist es denn dazu gekommen?« – »Ja … also … ich möchte mitteilen, dass mir meine Untat leid tut und dass ich versuchen will, durch ein schönes Leben … durch meine Hände Arbeit vielleicht … woll’n ma sagen, dass ich wieder ausbügele … was da so passiert ist. Die Sache tut mir leid, ja … ich bedauere … die Tat … die Tatsachen, alles. Und ich möchte es gern ungeschehen machen … also womma sagen, wieder einrenken. Kommt auch bestimmt nicht wieder vor.«
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Die Antwort kommt nicht von einem Steuerhinterzieher, sondern vom »Schwiegermuttermörder« Tegtmeier, einem Paradestück des unvergessenen Jürgen von Manger (»un – äh – denn hab ich se im Keller getragen und hab ich se gesägt«), aber Tegtmeiers Taktik entspricht haargenau der von Hoeneß: Nichts erklären (können), aber bereuen wollen und auf Milde hoffen.
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Die Bundeskanzlerin ist von Hoeneß »enttäuscht«, was Hoeneß enttäuscht, ihn aber nicht enttäuschen sollte, denn nur Wohlmeinende sind enttäuscht. Die anderen sind schadenfroh und gnadenlos. Was mag bloß den Bundespräsidenten geritten haben, vom »asozialen Kriminellen« zu sprechen? Das ist seines Amtes nicht würdig.
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Wer das »Zeit«-Interview mit neutralem Interesse liest, bleibt ratlos zurück – und ungeklärt die wichtigste Frage: Wie jemand, der sich »gerne als großer Moralist inszeniert, der besonders über die perversen Auswüchse an der Börse wetterte«, nun als »Börsenzocker am Pranger steht«. Hoeneß’ Erklärungsversuche reichen von krankhafter Spielsucht bis fast zur Schizophrenie beziehungsweise multiplen Persönlichkeit (»Es gibt zwei Uli Hoeneß, eigentlich drei«). Nichts davon überzeugt.
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Krankhafter Zocker? »Was war der höchste Stand auf diesem Konto, wenn Sie mal beim Zocken richtig gewonnen haben?« – »Das weiß ich nicht. Keine Ahnung, ich habe da nie drauf geschaut.« – Aber ein krankhafter Zocker schaut da immer drauf.
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Seit 2006 habe er weniger gezockt. »Woran liegt das?« – »Ich habe zu viele Verluste gemacht.« – Aber ein krankhafter Zocker zockt um so wilder, je mehr Verluste er macht.
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Wie viele echte Freunde haben Sie, liebe Leser? Falls Sie schon etwas älter sind, wie viele echte Freunde haben sie im späteren Leben noch gefunden? Hoeneß lernte den damaligen Adidas-Chef Robert Dreyfus, »einen meiner besten Freunde«, erst »in den neunziger Jahren kennen«, grob gemittelt also etwa 1995, und 2001 überwies ihm dieser Freund 20 Millionen Mark aufs Zockerkonto, in dem Jahr, in dem Adidas den Bayern-Deal gegen Nike gewann. »Robert hatte mit dem Deal gar nichts zu tun.« Das muss man erst mal glauben wollen können.
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Auch eine ganz neue Frage bleibt offen: »In den Jahren 2002 bis 2006 habe ich richtig gezockt, ich habe teilweise Tag und Nacht gehandelt.« – In diesen Jahren war Hoeneß Manager des FC Bayern München. Wenn er aber Tag und Nacht gezockt hat, wie wäre dann seine hoch gerühmte Arbeitsleistung für den Klub einzuschätzen?
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Im weiteren Verlauf des Interviews dementiert Hoeneß, der Götze-Wechsel sei aus taktischen Gründen vorzeitig bekannt gegeben worden: »Die Nachricht kam nicht von uns. Warum sollten wir Dortmund damit bewusst schwächen?« – Vielleicht, weil das traditionelles Geschäftsmodell des FC Bayern München ist?
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»Ich habe weit mehr gespendet als den Betrag, den ich hinterzogen habe. Ich bin ein sehr sozialer Mensch, das lasse ich mir auch nicht nehmen.« Auch nicht vom Bundespräsidenten, der sich populistisch halsbrecherisch weit aus dem Fenster gelehnt hat (Wulff wäre damit abgestürzt). Allerdings: Fürs Steuerzahlen wird man nicht als sozialer Wohltäter verehrt.
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Fazit: »Ich habe Riesenmist gebaut, aber ich bin kein schlechter Mensch.« Beidem ist voll und ganz zuzustimmen.
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Juristisch alles entscheidende Frage: Bleibt Uli Hoeneß straffrei oder muss er gar in den Knast? Das ist auch die Frage, von der die meisten ihr Urteil über den Menschen Hoeneß abhängig machen. Leider. Denn es geht nur um eine Formalie – nicht um das eingestandene Fehlverhalten, sondern um die Formulierungs-Kompetenz der Anwälte. Schlimm genug, dass rechtsbürokratische termini technici einer Selbstanzeige über Freiheit, Verurteilung oder Haft entscheiden. Eine eventuell formaljuristische Unfeinheit sollte aber in keinem Fall dazu dienen, ein moralisches Urteil zu fällen.
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Und nun zum Sport. Das deutsche Finale. Die furchterregende Dominanz kalter Bayern-Pracht gegen das heiße BVB-Herz mit seinen unerklärlichen Rhythmusstörungen und lebensbedrohenden Aussetzern. Im Normalfall gewinnen die Bayern, sagen alle, und das gerade ist ihr Handicap. Das heutige Spiel? Unerheblich. Vergleichbar allenfalls mit dem ersten Spiel Ungarn – Deutschland 1954 in der Schweiz. Ergebnis: 8:3. Galt als taktische Meisterleistung von Sepp Herberger. Nur: Macht uns diesmal einer den Herberger, und wenn ja, wer – Jupp oder Jürgen?
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Eines aber dürfte, sollte klar sein: Gewinnen die Bayern, gibt es im WM- und EM-losen 2013 nur einen Weltfußballer des Jahres: Bastian Schweinsteiger. Und wer gewinnt, der stellt auch den Welttrainer des Jahres. Hopp oder topp, Jupp oder Klopp.
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In jedem Fall aber, sei es in der Diskussion um Hoeneß oder im verbalen Heißlaufen vor dem Finale, sollten wir uns stets an den großen Jürgen von Manger halten: »Also ährlich: Bleibense Mensch!« (gw)

Baumhausbeichte - Novelle