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Paul-Ulrich Lenz zum “Sport-Stammtisch” vom 4. Mai

Danke für diesen Anstoß. Wenn ich auch, wie fast immer, nicht in allem
zustimme, so doch im Wesentlichen
Es hat mich gestört, fast auch verstört, dass der Bundespräsident so
völlig vergessen hat, was er als evangelischer Theologe einmal gelernt
haben muss – zu unterscheiden zwischen der Tat und dem Täter.”Gott hasst
die Sünde, aber er liebt den Sünder.” So wird das auf eine Formel
gebracht – auch von Uli Hoeness selbst: “Ich habe Riesenmist gebaut,
aber ich bin kein schlechter Mensch.” Besser wäre es allerdings, wenn er
das nicht über sich selbst gesagt hätte, sondern ein anderer über ihn.

Das andere ist die Suche nach Gründen und die Ratlosigkeit, weil sich
das alles nicht sauber erklären lässt. Ist Hoeness eine multiple
Persönlichkeit? Weiß ich nicht, glaube ich auch nicht, jedenfalls nicht
im Sinne einer krankhaften Persönlichkeits-Struktur. Sage ich mal aus
der Ferne.
Aber an diesem Fall wird wieder das Rätselhafte des menschlichen Wesens
sichtbar. Wir tun manchmal wider besseres Wissen Dinge, die wir für
falsch halten. Wir sind – oft genug unvernünftig und manchmal auch
unmoralisch, obwohl unser waches Bewusstsein sagt: so nicht. Der Apostel
Paulus -ein Autor, der bei vielen in Vergessenheit zu geraten droht,
schreibt einmal: “Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann
ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das
Böse, das ich nicht will, das tue ich.” (Römerbrief, 7, 18-19) Bis heute
streiten die Theologen über diese Stelle. Ich halte sie für eine
unglaublich realistische Sicht vom Menschen.

Wo ich schon daran bin – was mich sehr ärgert in der ganzen Affäre. Wer
legt endlich den Finger auf die Wunde der Geschwätzigkeiten? Das gilt
gleich doppelt. Jeder Angeklagte im mittelhessischen Raum wird, solange
er nicht verurteilt ist, in der Zeitung abgekürzt: H.R oder M.w oder…
Das hat mit Schutz der Persönlichkeitsrechte zu tun.

Wo bleibt der Schutz der Persönlichkeitsrechte bei Prominenten? Als
Zumwinkel vor der Kamera vorgeführt wurde, als Kässmanns Alkoholfahrt
nach einer halben Stunde bei der “Bild” landete, als die Selbstanzeige
publik gemacht wurde. Immer gab es Leute, die etwas wussten – und
womöglich für ihr weiter gegebenes Wissen noch kassiert haben. Ist das
nicht übles Denunziantentum? Gefördert durch die “Informationspflicht”
der Medien? Gewollt von einer News-geilen Öffentlichkeit, die den
Pranger im Netz und der Presse und dem TV liebt, weil es keine
Scheiterhaufen mehr gibt?

Wer nennt eigentlich die Weitergabe von Informationen im Zusammenhang
der Selbstanzeige einen Straftatbestand? Und was unterscheidet die, die
diese Weitergabe verarbeiten vom Hehler, der auch nur weiter verarbeit?

Ich habe das Gefühl, mit dieser Sicht der Dinge irgendwie aus der Zeit
gefallen zu sein. Ich habe ein paar Talk-Shows im Fernsehen geschwänzt,
als ich das Thema “Hoeness” als Thema der Show gelesen habe. Ich wollte
nicht Augenzeuge selbstgerechter Vorverurteilungen werden. Was ich in
Foren an dieser Stelle lese, ist geradezu unerträglich. (Paul-Ulrich Lenz/Schotten)

Baumhausbeichte - Novelle