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Sonntag, 28. April, 6.15 Uhr

Schon halb hell, daher kann ich auf der Straße das erste Opfer der Krötenwanderung sehen, das den Weg in den Teich nicht geschafft hat. Sehr platt, das arme Ding. Nie werde ich vergessen, wie ich eines Nachts nach langem Redaktionsspätdienst nach Hause fuhr und kurz vor der Einfahrt in die Parknische aufschreckte: Eine Kröte stand mitten auf der Straße vor mir, auf zwei Beinen, den Körper hoch aufgereckt, die beiden kurzen Ärmchen mir flehend entgegengestreckt: Überfahr mich bitte nicht! Ich umkurvte sie, stieg aus, wollte sie retten – sie stand immer noch in ihrer flehenden Haltung. Mit beiden Füßen fest auf dem Boden. Sehr fest, sehr flach, sehr groß. Überfahren und plattgewalzt, ein Teil der Gliedermasse in den Oberkörper gepresst, der daher aufrecht stand, mit seinen flehenden Stummelhändchen.
Von überall her hoppsen sie Richtung Teich. Allerdings sehr viel weniger Kröten als in früheren Jahren. Aber das wird wieder, denn die Nasen (Karpfenart), die vor Jahren zur Algenvernichtung eingesetzt wurden, jedoch vor allem Krötenlaich fraßen, habe ich im Herbst mit großem Aufwand (Wasser abgelassen, im Matsch rumgefischt) rausgeholt und im Bieberbach ausgewildert.
Na ja, wen interessiert’s? Mehr Interesse besteht an der neuen Wer-bin-ich-Runde. Ich würde so gerne etwas dazu schreiben, aber ich muss es mir unbedingt verkneifen, bis zum Einsendeschluss von Teil zwei, wenn es (für nur noch einen statt drei Punkte) ein paar weitere Hinweise gibt. Jedenfalls gibt es schon herrliche … nein, nein, nein. Mund zu, Finger weg von den Tasten.
Stattdessen der übliche Blick in die Meldungen der Nacht. Keine Katastrophen, keine Sensationen. Auch das ist ja wohl keine: “Millionen Menschen in Deutschland verfolgen gespannt Fußballspiele.
Für den Wahlkampf begeistern sich dagegen nur wenige. Was macht der Fußball besser als die Politik? Berlin (dpa) – Medien bejubeln die Leistung von Schwarz-Gelb und spekulieren über einen baldigen Machtwechsel – allerdings nicht im Kanzleramt, sondern auf dem Fußballfeld. «Politik erregt die Öffentlichkeit nicht», sagt der Professor für Philosophie und Sportsoziologie an der Freien Universität Berlin, Gunter Gebauer” … schon höre ich auf zu lesen. Der unvermeidliche “Professor für Philosophie und Sportsoziologie”. Omnipräsent wie der “Molekularbiologe aus Heidelberg”, wenn es um Doping geht. Oder der “Parteienforscher”, dem Gebauer ins Handwerk pfuscht. Franke, Falter, Gebauer & Co. – wenn sie zu Wort kommen, weiß man, dass dem Redakteur nichts einfällt und er es sich leicht machen will. Welch ein Gaga-Thema: Warum begeistern sich die meisten Menschen mehr für Fußball als für Wahlkampf? Na, darum eben.
Mal Meldungen der Nacht im Internet bei AOL angeklickt (statt im Redaktionssystem bei dpa & Co.). Die ersten vier: “Chris Martin will in England bleiben” / “Haben One Direction auf Tour Heimweh?” / “Britney: Frieden mit Kevin Federline?” / Vince Vaughn wird zum zweiten Mal Vater”. —Britney, na gut, das mag B. Spears sein. Aber Chris Martin, One Direction, Kevin Federline, Vince Vaugn???? Nie gehört. Wie weit weg bin ich schon von dem, was die Welt bewegt? Kennen Sie die Typen?
Genug warmgeschrieben, die Montagsthemen rufen. Und vorher die lange Fahrt zum Schwimmunterricht für eine Wasserscheue. Für wen, verrate ich nicht. Ist mir ein bisschen peinlich. Bis dann.

Baumhausbeichte - Novelle