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Sport-Stammtisch (vom 27. April)

Profis eines Fußball-Bundesligisten stehen am Gepäckband des Flughafens und warten. Die Fußballer langweilen sich. Da sammelt ein Nationalspieler bei seinen Kollegen jeweils 500 Euro ein, und schon wird’s spannend: Im Topf sind über 5000 Euro, und die gewinnt, wessen Koffer zuerst auftaucht.
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Der Hut, in dem die Gepäckband-Wetteinsätze landeten, ist ein ganz alter. Erste urkundliche Erwähnung des Zockertums im Fußball: »Schlucksee« 1982. Sportler, die vor, nach und zwischen den Trainingseinheiten viel Zeit totschlagen müssen (bei Fußball-Profis also sehr, sehr viel Zeit), vertreiben sich die Langeweile gerne, indem sie miteinander zocken und sich gegenseitig Geld abnehmen.
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Ein Nationaltorhüter mischt ein Geldbündel großer Scheine. Ein Mannschaftskamerad hebt ab. Und nun wird gewettet, ob die Seriennummer des jeweils nächsten Scheines mit einer geraden oder ungeraden Zahl endet. Wahre Geschichte.

Dass ein »Freund« einem »Freund« mal kurz zehn oder mehr Millionen als Spielgeld zum Börsen-Zocken schenkt – ich glaube es. Ich ziehe mir ja auch die Hose mit der Kneifzange an. Dass der eine »Freund« Adidas-Boss war und der andere Chef des Klubs, mit dem Adidas einen großen Deal … wo ist meine Kneifzange?
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Steuerhinterziehung ist ein »Reichensport« (Stern). Wir Nichtreiche. sind fein raus. Was machen wir mit einer geschenkten Million? Ach … geschenkt!
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Frankreich toppt das alles noch. Hier der CSU-Freund, da die Sozialisten – beim (eigenen) Geld sind und handeln alle gleich.
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Der typische Absolutist hält sich nicht an die Spielregeln der anderen, sondern an seine eigenen. Devise: Ich bin sozial, wenn, wann, wie und wo ich will. Und mit einem Bruchteil des Geldes, das ich dem Sozialstaat vorenthalte, baue ich mir ein Denkmal als guter Mensch.
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In Adornos »Minima Moralia« lautet der vielzitierte Schlusssatz: »Es gibt kein richtiges Leben im falschen.« Zusatz für Uli H.: Es gibt auch kein gutes Geld im schlechten.
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Hoeneß’ Glaubwürdigkeits-Desaster ist nicht die Steueraffäre, sondern seine generalmoralische Verurteilung all derer, die ähnliches getan haben. Man fühlt sich an manchen fundamentalchristlichen US-Evangelisten erinnert, der reine Liebe predigt und schmutzigen Sex praktiziert. Fehlen nur noch dessen Krokodilsreuetränen, live im TV.
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Sie verdrängen, was sie tun. Hoeneß verdrängt sogar immer noch, wenn es wahr ist, was er seinem »Freund« Jörges vom Stern erzählt haben soll: »Am 15. Januar saßen wir in Berlin bei einem Kaffee zusammen. Er war, wieder mal, mit der Kanzlerin zum Gespräch verabredet. In diesen Tagen, sagt er heute, habe er den Beschluss gefasst: Ich setze mich nicht mehr mit Angela Merkel an einen Tisch, wenn ich nicht Selbstanzeige erstattet habe.« – Weiß er nicht, dass er nie mehr an deren Tisch sitzen wird?
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Aber bitte keine falsche Moral! Was Bayern mit Dortmund (Götze/evtll. Lewandowski) macht, ist im Großen das, was Frankfurt (Rosenthal/Flum) im Kleinen mit Freiburg macht. Alles ganz normal. Das ist sogar so normal, dass es als unnormal gilt, dies nicht mehr normal zu finden. Aber dass die Ware Sport nicht der wahre Sport ist, wen interessiert schon meine alte Leier?
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Aber manchmal blitzt auch der wahre Sport auf. So merken die Nur-Ware-Sportspieler offenbar nicht, dass Dortmunds größtes Pfund nicht Götze oder Lewandowski heißt, sondern Klopp. Siehe Sahin und Kagawa. Viele fragen sich auch, mit wie viel Prozent Einsatz Götze in einem eventuellen CL-Finale noch gegen seinen neuen Klub antreten könne. Meine Antwort: Mit hundert Prozent, hundertprozentig! Denn Europas Fußball funktioniert wie früher auf dem Bolzplatz: Für die Mannschaft, in die ich reingewählt werde, gebe ich alles; und morgen für die andere auch, in die ich dann gewählt werde.
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Bleiben wir beim sportlich Positiven: Alle Welt bewunderte Ibrahimovic’ Fallrückziehertor. Ich meinte: Klassespieler, aber Glückssache. Kommt manchmal sogar in einem Sechstligaspiel vor. Nun las ich irgendwo, Lewandowski sei der Ball vor dem 3:1 vor die Füße gefallen, er habe nur noch einschieben müssen. Welch ein Unfug! Diese Aktion gehört zum Feinsten, was in den letzten Jahren im Fußball zu sehen war. Ganz ohne Glück, nur mit Können!
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Selbst in den »Drafts«, diesem gigantischen Football-Viehmarkt, taucht eine Ahnung vom wahren Sport auf: Björn Werner legt eine sportliche Tellerwäscher-Karriere hin, ackert sechs Jahre lang, lebte auf unterem Hartz-IV-Niveau für seinen Traum, der sich jetzt erfüllt. Was er mit seinen Millionen machen werde? Zunächst einmal, sich bei Familie und Freunden für die langjährige Unterstützung revanchieren. Man möchte es zu gerne glauben, auch, dass Björn Werner ein ähnlich feiner Charakter ist wie Dirk Nowitzki.
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Man möchte auch zu gerne glauben, dass ausgerechnet bei den Radprofis der wahre Sport einen Triumph feiert: Natnael Berhane aus Eritrea (!) gewann bei der Türkei-Rundfahrt die erste Bergetappe und brach danach in Tränen aus. Zum Mitweinen schön. Er führte bis gestern sogar die Gesamtwertung an. Am Rande: In Berhanes Außenseiter-Rennstall fährt auch Thurau-Sohn Björn.
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Derart sportlich froh gestimmt, nehme ich es den brasilianischen WM-Organisatoren auch nicht übel, dass sie mit der Caxirola ihren Reibach alleine machen wollen, den ihre südafrikanischen Kollegen 2010 mit der anarchischen Vuvuzela verpasst hatten. Die Caxirola, eine Rassel, wurde jetzt als »offizielles WM-Musikinstrument« vorgestellt. Sachen gibt’s.
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Wer mangels Masse keinen »Reichensport« treiben kann und auch keine Caxirola in petto hat, muss sich andere schnelle Verdienstmöglichkeiten suchen. In Sotschi wurde jetzt ein schöner Job ausgeschrieben: 42 500 Euro für das Töten von rund 2000 streunenden Hunden und Katzen in der Olympiastadt. Mittlerweile rudert die Stadt scheinbar zurück: In Tierheime sollen sie gebracht werden, die Hunde und Katzen. Tierschützer ahnen, was das in Sotschi bedeutet.
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Kaiser Vespasian rechtfertigte seine Steuer auf Bedürfnisanstalten mit dem Satz, der Flügel bekommen hat: Pecunia non olet. Geld stinkt nicht. Aber es jault und schreit. Und quiekt und wiehert und muht und mäht. Aber das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle