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Sonntag, 22. April, 8.45 Uhr

Wieder da. Eine Woche Kolumnenpause, die erste seit … ja, seit wann eigentlich? Seit mindestens einem Jahr. Darf man sich als Rentner ja wohl mal erlauben (zumal mehr als die Hälfte meiner Texte für Gotteslohn geschrieben werden). Als Vielschreiber aber hat man ein Problem: Während mindestens ebenso fleißige (und kompetente) Redakteure, die vor allem als Blattmacher, Seitengestalter, Recherchierer usw. tätig sind, oft auch nach Wochen der Absenz nicht von den Lesern vermisst werden (von den Kollegen schon!), weil sie ihrer Arbeit nicht das eigene Kürzel voranstellen (können), fällt bei einem, der hinter jede seiner Arbeiten ein »gw« setzt (setzen muss), schon eine Fehlwoche auf. »Ist doch hoffentlich nichts passiert?«, wird in Mails besorgt nachgefragt. Schön, wenn man vermisst wird. Aber auch ganz schön fordernd. Früher hatte ich Urlaubspausen meistens angekündigt, aber auch das hat seine Tücken: Fühlt der Kerl sich so wichtig, dass er seinen Urlaub ankündigen zu müssen glaubt? Daher hab ich’s dann gelassen. Lieber besorgt vermisst werden, als als eingebildeter Wichtigwichtigtuer zu gelten.
Heute also wieder da, aber später als sonntagsfrüh üblich. Weil: Heute schreibe ich den Blog-Text vor und stelle ihn erst online, wenn er fertig ist. Soll wieder einmal ein echter Stein(es)bruch für die Montagsthemen werden. Auf geht’s, ohne Netz und doppelten Boden drauflos geschrieben:
Eine Woche Blavand. Wie schon so oft. Fast immer passieren dort oder auf der Rückfahrt sehr merkwürdige Dinge. Klick ins eigene Archiv. Erster Fund: »Im Ferienhausgebiet rund um Blavand, das aparterweise direkt an einem Truppenübungsgelände liegt. Umgestürzter Panzer auf der Straße. Davor ein Soldat, auf dem Boden, bewegungslos, blutüberströmt. Schreckensbleich ausgestiegen, hingegangen. Da richtet sich der Tote auf, unwirsch: ›Übung, Übung, weg, weg.‹ Nach dem Erlebnis mit dem Ketchup-Soldaten ein paar Kilometer weiter darauf verzichtet, Überlebende aus einem mit Einschusslöchern gesprenkelten ausgebrannten Reisebus zu bergen.« Zweiter Fund: »Als ich jetzt, nach zehn oder mehr Urlauben in Blavand, hörte, dass die dänischen Behörden dort den schönsten Strand des Landes sperren, weil er voller Weltkriegs-Minen ist, wunderte ich mich, dass erst jetzt gesperrt wird, obwohl die Gefahr von Anfang an bekannt war. Doch das Militär ließ die Minen liegen, weil die Gegend früher dänenmenschenleer war. Und wenn doch jemand käme? Ein Ex-Rekrut bekannte: ›Der Lagerkommandeur sagte, es könne sich höchstens um deutsche Touristen handeln, daher war es egal.‹« – Jau, herrlich, das kommt noch mal in die Montagsthemen!
Gut erinnere ich mich auch, dass Christoph Daum zweimal eine »Das gibt’s doch nicht!«-Rolle gespielt hat. Beim erstenmal hörte ich auf der Heimfahrt, dass Daums Haarprobe positiv ausgefallen ist. Das zweite Mal war vor fast genau zwei Jahren, also auch im April: »Dänischer Nordseestrand. Schön kalt, schön windig. Draußen auf dem Horns Rev vor Blavand blinken die Rotoren des größten Offshore-Windparks der Welt. Auch die Gedanken kreisen. Um Windkraft, Kernenergie, die sehr deutschen Befindlichkeiten … beeb, beeb, eine SMS macht sich bemerkbar. Poch, poch, das Herz schlägt schneller, als der schnellste Rotor drehen kann. Diese Nummer kennen nur die engsten Familienangehörigen, und die simsen erst gar nicht, weil sie wissen, dass dieses Handy nur für Notfälle mitgeführt wird. Was ist bloß geschehen? ›Hi Papa, Daum ist neuer Eintracht-Trainer. Ansonsten geht’s mir gut. Reg dich nicht auf.‹« Der Bub hatte gut simsen! Gestern war er im Stadion, als mindestens so heißer Eintracht-Fan wie Henni N. Ich freue mich über seine Freude.
Auf der Fahrt hin und zurück komme ich immer an der Abfahrt zum Former-known-as-Volksparkstadion vorbei. Danach hieß es AOL-Arena, dann HSH-Nordbank-Arena, nun umbenannt in Imtech-Arena. Die nächste Namensänderung wirft schon ihre Skandale voraus: Ein Imtech-Boss wurde entlassen, »weil er in Polen rund 100 Millionen Euro versenkt hat« (Quelle: Welt). Hanseatisch sachlich gehen die Verkehrsbehörden mit der Namensspielerei um: Früher hieß die Autobahnabfahrt »Volksparkstadion«, als AOL dran war, hieß sie kurzfristig »AOL-Arena«, dann hatte man’s satt, und seitdem heißt die Abfahrt lakonisch nur noch »Arena«.
Blavand, Daums Haarprobe – jetzt dort gelesen: Klopp »gesteht« (Frankfurter Rundschau) »seine Haartransplantation. Er »gesteht«! Aber warum tut er sich das überhaupt an? Passt doch gar nicht zu ihm, jedenfalls nicht zu seinem Image (mehr als das Image kennen wir von ihm und anderen Promis sowieso nicht). Und dann auf der Heimfahrt ein fast Daum-mäßiger Hammer: Uli Hoeneß zeigt sich selbst an, geheimes Konto in der Schweiz. Steuerhinterziehung? (Das Fragezeichen nur, weil ein Ausrufezeichen der juristischen Verifizierung bedarf). Lassen wir mal die Schadenfreude der Hoeneß- und Bayern-Gegner außen vor, auch die aufgeplusterte Empörung aus der anderen politischen Ecke (deutsche Sozis, schaut nicht auf Hoeneß’ Bayernland, schaut auf eure Kumpel in Frankreich!). Was mich, trotz Hoeneß’ bekannter Chuzpe, verblüfft: Dass er, obwohl er sich schon im Januar selbst angezeigt hat, weiterhin öffentlich den Rechtschaffenen gab und auf alles und alle schimpfte, die nicht ehrlich und anständig ihren Beitrag für Recht und Ordnung, Anstand und Moral und für unser Vaterland leisten. Auch dass er jahrelang still vergnügt auf das prall gefüllte Festgeldkonto verwies, wird ihm noch einige Häme einbringen: »Ach wie gut, dass niemand weiß, meins in Schweizland, das ist heiß.«
Langsam quillt selbst der Steinesbruch über (falls Steine quellen können). Noch ein paar Brocken: In der schnellen Übersichts-Nachlese finde ich auf ein und derselben FAZ-Seite einen Prozess-Zwischenbericht zur causa Schumacher/Holczer und einen großen Artikel »Jenseits von Afrika« über das »Oregon-Project«. Beide Artikel zusammen ergeben ein apartes Bild der hoffnungslosen Doping-Lage in Deutschland und in der Welt. Zu Holczers Nichtwissen (siehe Hoeneß) nur soviel: Ich glaube ihm. Ich ziehe meine Hose mit der Kneifzange an. Zum Oregon-Project habe ich schon vor Jahren einiges geschrieben, als Mo Farah noch völlig unbekannt war. Jetzt in der FAZ, ohne kritische Untertöne: »Sogenannte Anti-Schwerkraft-Laufbänder, bei denen eine Luftkammer mit Überdruck den Stützapparat des Läufers entlastet, Unterwasser-Laufbänder, Rüttelplatte, Kältekammer, Höhenzelt und ganze Wohnungen, deren Atmosphäre durch den Entzug von Sauerstoff der in einigen tausend Metern Höhe entspricht« … usw. Mal nachklicken, was ich damals zum noch unbekannten Nike-Projekt geschrieben habe. Ah ja, vom August 2010: »Für die Langläufer des High-Tech-Leistungsförderprogramms ›Nike Oregon Project‹ (NOP) hat der US-Sportmulti Nike ein Höhenhaus gebaut, in dem ständig ein Luftdruck wie auf 3600 Metern über dem Meer herrscht. In dieser Saison verblüfft der beste NOP-Läufer, der weiße und vergleichsweise schwergewichtige Chris Solinsky, mit Zeiten, die nur ganz wenige der weltbesten Schwarzafrikaner laufen können. Doping? Ach was! Jedenfalls sind laut Welt-Anti-Doping-Agentur Wada die Höhenhäuser sportmoralisch nicht zu beanstanden. Alles nur eine Frage der Dialektik. Mit der kann man ja, Hegel sei Dank, fast alles logisch auf einen Nenner bringen.«
Aber Holczer und NOP kriege ich wohl kaum in den Montagsthemen unter. Das FAZ-Zitat soll dann aber wenigstens in »Ohne weitere Worte« auftauchen.
Zur letzten Schreibhandlung vor Blavand gehörte »Jumping the shark« (Stammtisch vom 13. April). Nachtrag: Ähnlich wie Nowitzki ergeht es Miro Klose, was auch bei ihm nicht böse, sondern in bewundernder Würdigung einer großen Karriere gemeint ist. Ach ja: Auch Hoeneß könnte über den Hai gesprungen sein, bei ihm passt die US-Redensart sogar noch besser, da seine Bayern auf dem Höhepunkt sind. Nein, kurz vor ihm. Fehlt der Champions-League-Triumph. Mit ohne wäre alles nichts.
Nur ein Blavand-Hämmerchen: Santana nach Schalke! Sachen gibt’s. Wie werden die Fans von beiden Seiten reagieren? Santana, der Brasilianer mit den maltesischen Füßen, den ein gnädiges Schicksal vom leicht belächelten BVB-Liebling zu einem der größten Fan-Helden der Borussen-Neuzeit gemacht hat, wechselt auf dem Höhepunkt seines BVB-Standings zum Erzfeind. Santana! Sein Namensgleicher, der mit der unverwechselbaren Gitarre, sang einst (»Oje como va«), was heute die BVB-Fans fassungslos rufen: Santana zu Schalke? »O je, komm, oh, watt!?«
Was nicht in die Montagsthemen kommt: Der neue Papst kann die Aufstellung seines Heimatvereins San Lorenzo de Almagro aus den fünfziger Jahren auswendig aufsagen. Mhhmm. Das konnte auch Walter Jens mit Eimsbüttel. Den Gag dazu … lass ich lieber, dann kann ich’s vielleicht doch in die Montagsthemen bringen. Mit dem Zusatz, dass nach der Jens-Runde von »Wer bin ich?« in den nächsten Tagen die neue folgt, eine – Achtung, zum mitschreiben: ABSOLUT UNGOOGELBARE!
Aus lokalpatriotischer Loyalität oder Solidarität verzichte ich wohl auch auf einen Schwenk zur großen »Spiegel«-Story über den 50jährigen Gießener Boxprofi Andreas Sidon. Der Mann hat eine Kalkablagerung in der Halsschlagader. Das erinnert mich an ein sehr frühes Kolumnen-Thema, das uns jahrelang begleitet hat. Auch hier mal nachklicken. Oje, komm, oh watt! Zum letzten Mal tauchte es 1996 auf! Greise, wie die Zeit vergeht! »Schnieders boxt wieder. Der lange Schwergewichtler hat eine Zyste im Hirn. Spötter behaupten, das sei doch wenigstens etwas. Aber im Ernst: Das Nichtaufhörenkönnen von Sportlern, die aus Vernunftgründen aufhören müssten, gehört zu den eher tragischen Seiten des Sports und betrifft auch Sportler, die viel Grips und keine Zysten im Hirn haben.«
Oder nehme ich auch das noch in die Montagsthemen? Mal sehen. Bis dann.

Nachtrag, 9.10 Uhr:
Habe bei Wikipedia nachgeschaut: Es gibt ihn noch, den Andreas Schnieders. Hat eine Frau und zwei Kinder, arbeitet im Werksschutz eines Kernkraftwerks (das bisschen Strahlung steckt er auch noch locker weg), und seine Karriere hat er nicht wegen der Zyste und vieler Knockouts beenden müssen, sondern, wie er selbst sagt, “aus orthopädischen Gründen”. Wahrscheinlich hatte er nur Senk-Spreiz-Knick-Füße. Wie ich.
Beim Nachtrag einige Fehlerchen der Drauflosschreiberei korrigiert und festgestellt: Der Stein(es)bruch ist schon montagsthemenreif, muss nur, wie Michelangelo mit seinen Riesenbrocken aus Carrara, das Unwesentliche weghauen.
Hab’s gerade gemacht. Oje, komm, oh watt! Ist ja nichts mehr da! Muss also Unwesentliches stehenlassen. Same procedure …

Baumhausbeichte - Novelle