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Montagsthemen (vom 22. April)

Dänemark. Blavand. Fast immer erlebe ich dort Merkwürdiges. Mitten im Ferienhausgebiet liegt ein Truppenübungsgelände. Unvergesslich: Ein umgestürzter Panzer. Davor liegt ein Soldat, blutüberströmt. Schreckensbleich hingegangen. Da richtet sich der Tote auf, unwirsch: »Übung, Übung, weg, weg.« Nach dem Ketchup-Soldaten verzichtete ich ein paar Kilometer weiter darauf, Überlebende aus einem mit Einschusslöchern gesprenkelten ausgebrannten Reisebus zu bergen.
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Nach vielen Urlauben in Blavand erfuhr ich, dass der schönste Strand gesperrt wird, weil er voller Weltkriegs-Minen sei. Warum erst jetzt, obwohl die Gefahr von Anfang an bekannt war? Das Militär ließ die Minen liegen, weil die Gegend früher dänenmenschenleer war. Und wenn doch jemand gekommen wäre? Ein Ex-Rekrut bekannte: »Der Lagerkommandeur sagte, es könne sich höchstens um deutsche Touristen handeln.«
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Gut erinnere ich mich auch, dass Christoph Daum zweimal eine Blavand-Rolle gespielt hat. Beim ersten Mal hörte ich auf der Heimfahrt, dass Daums Haarprobe positiv ausgefallen ist. Das zweite Mal: Draußen auf dem Horns Rev vor Blavand blinkten die Rotoren des größten Offshore-Windparks der Welt. Beeb, beeb, eine SMS machte sich bemerkbar. Poch, poch, das Herz schlug schneller, als der schnellste Rotor drehen kann. Die Nummer kennen nur engste Angehörige, und die simsen erst gar nicht, weil sie wissen, dass dieses Handy nur für Notfälle mitgeführt wird. Was ist bloß geschehen? »Hi Papa, Daum ist neuer Eintracht-Trainer. Reg dich nicht auf.‹« Der Bub hatte gut simsen!
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Jetzt in Blavand von dieser Nachricht erwischt: Uli Hoeneß zeigt sich selbst an. Geheimes Konto in der Schweiz. Lassen wir mal die Schadenfreude der Hoeneß- und Bayern-Gegner außen vor, auch die aufgeplusterte Empörung aus der Politik (deutsche Sozis, schaut lieber auf eure Kumpel in Frankreich!). Was mich, trotz Hoeneß’ Chuzpe, verblüfft: Dass er, obwohl er sich schon im Januar selbst angezeigt hat, weiterhin öffentlich den Rechtschaffenen gab und auf alles und alle schimpfte, die nicht ehrlich und anständig ihren Beitrag für Recht und Ordnung, Anstand und Moral und für unser Vaterland leisten. Auch dass er jahrelang vergnügt auf das prall gefüllte Festgeldkonto verwies, wird ihm weitere Häme einbringen: »Ach wie gut, dass niemand weiß, meins in der Schweiz, das ist ganz heiß!«
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Ein Thema meiner letzten Kolumne: »Jumping the shark.« Das US-Wort benennt den Moment, von dem an es in einer Karriere bergab geht, weil irgendetwas überdreht, übertrieben wurde. Auch Hoeneß könnte jetzt über den Hai gesprungen sein, ausgerechnet auf dem Bayern-Höhepunkt. Nein, kurz davor. Fehlt noch der Champions-League-Triumph. Ohne ihn, zumal mit einem besser abschneidenden BVB, wäre alles nichts, was bisher in dieser grandiosen FCB-Saison gewesen ist.
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Ach ja, Dortmund: Santana, der Brasilianer mit den maltesischen Füßen, den ein gnädiges Schicksal vom belächelten BVB-Maskottchen zu einem der größten Fan-Helden der Borussen-Neuzeit gemacht hat, wechselt zum Erzfeind. Santana! Sein Namensgleicher, der mit der unverwechselbaren Gitarre, sang einst (»Oje como va«) das, was heute die BVB-Fans fassungslos stoßseufzen: Santana zu Schalke? »O je, komm, oh watt!?«
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Zur großen »Spiegel«-Story über den 50-jährigen Gießener Boxprofi Andreas Sidon: Der Mann hat eine Kalkablagerung in der Halsschlagader. Das erinnert mich an ein sehr frühes ständiges Kolumnen-Thema. Blick ins eigene Archiv (Oje, komm, oh watt! Zuletzt 1996 erwähnt – Greise, wie die Zeit vergeht!): »Schnieders boxt wieder. Der Schwergewichtler hat eine Zyste im Hirn. Spötter behaupten, das sei doch wenigstens etwas. Aber im Ernst: Das Nichtaufhörenkönnen von Sportlern, die aus Vernunftgründen aufhören müssten, gehört zu den eher tragischen Seiten des Sports und betrifft auch Sportler, die viel Grips und keine Zyste im Hirn haben.«
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Bei Wikipedia nachgeschaut: Es gibt ihn noch, den Andreas Schnieders. Hat eine Frau und zwei Kinder, arbeitet im Werksschutz eines Kernkraftwerks (das bisschen Strahlung steckt er auch noch weg), und seine Karriere hat er nicht wegen der Zyste beenden müssen, sondern, wie er selbst sagt, »aus orthopädischen Gründen«. Wahrscheinlich hat er Senk-Spreiz-Knick-Füße. Wie ich. O je, komm, oh watt!? (gw)

Baumhausbeichte - Novelle