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Der Wahnsinn ist nur eine schmale Brücke (BVB-Anstoß vom 11. April)

Wahnsinn! Seit dem Fall der Mauer ein Synonym für fassungsloses Staunen – und seither nur noch selten so oft herausgebrüllt wie am Dienstag.
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Ein großer Dank gilt dem ZDF, das seine Sorgfaltspflicht vorbildlich erfüllte. Eine Liveübertragung aus Dortmund hätte dem oft unbedacht dahergesagten »Herzschlag-Finale« seine schlimmste Bedeutung gegeben, denn die angejahrte ZDF-Stammkundschaft wäre in den letzten Minuten in Scharen dahingesunken.
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Vor dem Spiel sangen die BVB-Fans das obligatorische»You’ll never walk alone«, den 1963-Hit von Gerry & the Pacemakers (kaum jemand weiß, dass Frank Sinatra das Original aus einem Musical von Rogers & Hammerstein bereits 1945 sang, aber das nur am Rande).
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Auch bei der UEFA-Hymne ging es noch besinnlich zu. Stammt aus Händels »Zadok The Priest«: »God save the King, long live the King, may the King live for ever! Amen! Alleluja!« Das sangen auch einige Fans bis spät in die Nacht, mit kleiner Textkorrektur (»BVB« statt »King«).
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Doch nach Händel drohte Verdi. Beziehungsweise das, was Richard Strauß 1886 in Florenz über eine Verdi-Oper notierte: ein Fiasko (»Gestern abend Aida, scheußlich, Indianermusik«). Fiasko kommt aus dem Italienischen, bedeutet (Korb-)Flasche, und als vor rund 200 Jahren bei einer misslungenen Opern-Aufführung solche Flaschen auf die Bühne flogen, war das Fiasko komplett und ein neuer Begriff geboren. Aber auch das nur am Rande. Des Wahnsinns.
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Neunzig Minuten lang spielte ein seltsam gelähmter und verzagter BVB so unglücklich und bubibrav wie vor einem Jahr in der Champions League. Malaga trat ähnlich limitiert, aber genauso selbstbewusst auf wie damals zum Beispiel Piräus. Ein Fiasko. Zwar flogen keine Flaschen, aber Köpfe sanken.
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Was dann kam, Abseits hin oder her, war abseitig. »Der Wahnsinn ist nur eine schmale Brücke, die Ufer sind Vernunft und Trieb«, heißt es bei Rammstein. In Dortmund war die Brücke messerschneidenschmal und überbrückte drei Minuten zwischen Vernunft und Trieb.
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Ludwig Harig muss am Dienstag zeitreisend dabei gewesen sein, denn in einem seiner alten Sonette huldigt er nicht nur allgemein dem Fußball (»O abgetropfter Ball! O eingeschlenztes Leder! / Der fußerzeugten Kunst begleicht und opfert jeder / Tribut und Obolus im hirnverzückten Schrei«), sondern bedichtet auch, Ergebnis inklusive, die Nacht von Dortmund: »Die Sieger tanzen auf, leicht wie die Adlerfeder, / im Arme liegt und küsst und tröstet sich jedweder / in diesem Augenblick: gewonnen drei zu zwei!«
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Armes Malaga. Der Scheich wütet über »Rassismus«, der Einspruch des Klubs ist zwecklos, die Spieler ertrugen die unfassbare Niederlage mannhaft (»mannhaft« –ist das frauendiskriminierend? Aber auch das, zum Dritten, nur am Rande). Jetzt geht’s ihnen, sorry, beschissen, Trost gibt es da keinen, es sei denn, den zweifelhaften Klobrillen-Trost unseres Hausphilosophen Heinz Erhardt: »Mal trumpft man auf, mal hält man stille, / mal muss man kalt sein wie ein Lurch, / des Menschen Leben gleicht der Brille: / man macht viel durch.«
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Und dass der BVB im Halbfinale der Champions League steht, das ist nicht nur der Wahnsinn, sondern des Wahnsinns ganz besonders fette Dortmunder Beute. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle