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Sport-Stammtisch (vom 6. April)

Nachdem im »Kicker« kürzlich »das launige Umfeld« kritisiert wurde, legt der »Sport-Informationsdienst« nach und stellt fest, dass die Eintracht das »Image der launigen Diva abgelegt« hat. Und das ausgerechnet vor dem Gastspiel dieser unfassbar starken Bayern! Macht uns die Eintracht heute etwa den HSV?
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Bloß nicht. Bitte launig bleiben, also gut drauf, mit prima Laune und rundum angenehme Stimmung verbreitend. Den Bayern aber möge das Launige vergehen, wetterwendisch sollen sie heute kicken, unstet, unberechenbar, viel schlechter als bisher, so richtig lausig, denn dann wären wir launig und sie launisch.
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Allzu viele Hoffnungen können wir uns nicht machen. Im Fußball soll zwar alles möglich sein, aber: wirklich ALLES? Gewänne die Eintracht, wäre das ungefähr so, als würde Bauerwartungsland, das gestern noch Feld und Wiese war, über Nacht zu teuerstem Metropolen-Bauland erklärt.
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Ein äußerst holpriger Vergleich. Er sollte mich auch nur zu dem schönen Wort von Armin Veh führen. Der sei, so Heribert Bruchhagen in der »Welt am Sonntag«, in Frankfurt ein König mit großem Reich und ganz viel Land und er, Bruchhagen, nur für den Zaun zuständig. Veh konterte, fein unterscheidend zwischen den (Bau-)Landarten, dass er bisher in Frankfurt nur Bauerwartungsland besitze. Als Frankfurts König Armin ohne Bauland ist er aber besser dran als Englands König Johann ohne Land (um 1200).
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So. Das andere, das übliche schenken wir uns. München kommt, Heynckes kommt – und jährlich grüßt das Murmeltier? Nein, der FC Bayern dieser Saison steht über allem, auch über traditionellen Animositäten, und selbst der frühere Elefant im Frankfurter Porzellanladen trampelt nicht mehr, sondern wird eher mit den Eigenschaften verbunden, die der Elefant in Asien symbolisiert: Weisheit, Frieden, Festigkeit und Souveränität.
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Ein bisschen viel auf einmal? Vielleicht ist’s ja nur Altersmilde. Aber immerhin. Viele Alte sind nicht mal das. Heynckes bereut sogar, was er uns angetan hat (Stichwort »Legatisierung der Okochas«), aber am meisten bereut er wohl, überhaupt als König ins einst unregierbare Eintracht-Land gekommen zu sein.
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Heute kommen die Bayern mit ihrem edlen Bus ins Hessenland, ein landsitzgroßes Riesengefährt, ähnlich dem, das jetzt auf der Sauerlandlinie vor mir her fuhr. »Ladies in Black« stand auf dem Heck. Eine Showtruppe? Mobiler Edelpu … sorry. Jedenfalls ein exklusives Transportmittel. Beim Überholen (ja, ich vettele Busse weg!) lese ich: Hier sind die Volleyballerinnen von Alemannia Aachen unterwegs. Alemannia Aachen! Die Fußballer haben Insolvenz angemeldet, die Volleyballerinnen sind sportlich abgestiegen – aber einen Bus fahren sie wie die Bayern.
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Ladies in Black. War das nicht ein Hit von Chris de Burgh? Nein, dessen Lady war ja in Red, obwohl mancher nur schwarz sieht, wenn er den Schmusesänger hört. Bei den echten »Ladies in Black« von Uriah Heep ging’s schon heftiger zu, bei den »Men in Black« (US-Film) witziger, und den »Man in Black« besang Johnny Cash, der Man in Black himself. Aber bevor ich vollends abschweife, komme ich über den Mann in Schwarz zu einem schwarzen Mann und zu aktuellen Sportschlagzeilen zurück: Mike Tyson hat eine Initiative gestartet, die Jack Johnson rehabilitieren soll. Eine rassistische Jury hatte den schwarzen Boxer vor gut hundert Jahren zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, ein Willkürurteil (wegen »Reisens mit einer Frau über Staatsgrenzen zu unmoralischen Zwecken«), um den verhassten Schwarzen endlich auszuknocken, was im Ring nie gelungen war.
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Dazu fällt mir ein: Der berühmte Schriftsteller Jack London saß am 22. Dezember 1908 am Ring, als Johnson in Sydney Titelverteidiger Tommy Burns (Kanada) besiegte und als erster Schwarzer Weltmeister aller Klassen wurde. London ärgerte sich schwarz, dass ein Neger gewonnen hatte und kreierte das später geflügelt werdende Wort von einer »weißen Hoffnung«, die dem schwarzen Weltmeister den Titel wieder abnehmen möge.
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Und »weiße Hoffnung« ist also ein rassistisch belastetes Wort. Und ich fange Sätze oft mit solch einem »und« an. Warum? Ich weiß es nicht. Hat sich so ergeben. Aber nun erfahre ich, dass die vielen »unds« einiges über mich verraten könnten, denn »und« ist zwar kein rassistisch, aber ein sexuell vorbelastetes Wort. In der »Shakespeare-Philologie«, sagt Theater-Guru Peter Stein in einem »Zeit«-Interview, ist »das Wort ›and‹, also ›und‹, das Obszönste, was es überhaupt gibt, weil es zwei Dinge miteinander verkuppelt”.
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Ach was!? Mal nachzählen: Sechzehn »und« in dieser Kolumne. Na … und? (gw)

Baumhausbeichte - Novelle