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Ostermontag, 1. April, 7.10 Uhr

Dieses Datum hat den unschätzbaren Vorteil, sich keine müden Aprilscherze für die Leser ausdenken zu müssen. Womit ich gleich mit zwei Fehlern in einem Satz begonnen habe, denn erstens muss ich mir sowieso keine Aprilscherze mehr ausdenken, zweitens habe ich, als ich es noch hätte tun müssen, gar nicht getan, sondern unseren überregionalen Sportteil zur aprilscherzfreien Zone erklärt, und drittens ist dieser Vorteil kein unschätzbarer, sondern durchaus schätzbar, nämlich sehr groß.
Sehr schätzbar auch, was der Papst, egal wie er heißt, osterns urbi et orbi sagt und in welche Schlagzeile es gepackt wird: “Papst fordert Friede im Nahen Osten.” Warum ist dies immer eine Schlagzeile? Eine Schlagzeile fasst doch Erstaunliches, Unerwartetes, Sensationelles, Tragisches usw. zusammen. “Mann beißt Hund” wäre eine. “Hund beißt Mann” ist keine.
“Friede in Korea” wäre auch eine. Doch der kleine Diktator setzt das Werk vom großen Diktatorpapa fort. Womöglich sehr zur Freude von philosophischen Ego- und Geostrategen nicht nur aus den USA und Südkorea. Der Konflikt dort ist ein kleiner Ersatz für das Gleichgewicht des Schreckens hüben und drüben des Eisernen Vorhangs, als die Welt noch berechenbar war mit ihren klaren, eindeutigen Feindbildern statt dieses unkalkulierbaren, ungewinnbaren Kriegs gegen den Terror. Nordkoreas großkotzige Töne dagegen nimmt doch niemand richtig ernst, bei uns in Deutschland schon gar nicht, sie geben uns aber die schöne Illusion, die Welt doch irgendwie in den Griff bekommen zu können.
Aber das hier, das ist wirklich die Schlagzeile der Nacht: “Eines der letzten Schallplatten-Presswerke Europas steht in Flammen.” In Diepholz. “In der Produktionshalle der Pallas Group (…) werden unter anderem CDs, DVDs sowie Schallplatten aus Vinyl mit zum Teil museumsreifen Maschinen gepresst. Die Löscharbeiten dauerten am Montagmorgen noch an.” Wird jetzt meine Plattensammlung noch wertvoller? Ich habe Originalsingles und LPs (und auch EPs, kennt das noch jemand? Jeweils zwei Lieder vorne und hinten drauf?) der frühen Beatles und Stones, auch von Yardbirds, Dylan, Animals, oder die im Zug durch die Ostzone angstbibbernd von der Schulpflichtwoche in Berlin nach Hause geschmuggelte “Folk Singer Story” und noch viel mehr.

So, genug rumgedödelt. Bin spät dran. Noch nicht auf Sommerzeit konditioniert. Obwohl ich die ja mag, im Gegensatz zur deutschen Mehrheit, wenn man den Umfragen trauen kann (tue ich aber grundsätzlich nicht). Schöne, lange, helle, warme Sommerabende bis in die Nacht sind doch ein Grund, das Leben zu mögen.
Hab mal ins Archiv geklickt. Den Montagsthemen-Anfang, dass Montagsthemen nach Ostern am Dienstag erscheinen und dass dies kein Widerspruch, sondern hessischer Trotz ist, habe ich genau 23 Mal angebracht. Das ist auch exakt die Zahl der richtigen Wer-bin-ich-Lösungen und eigentlich gar nicht so oft, denn ich hätte den Satz ja schon 41 Mal nach Ostern schreiben können.
Die WBI-Lösungen mit Lösungsfindungsbeschreibungen werde ich im Laufe des Tages in die “Mailbox” stellen und in den nächsten Tagen fürs Blatt zusammenfassen. Für die “Montagsthemen” habe ich noch keine Vorstellungen außer diesen Stichworten: “Bolt, Niedermeier (mit y?), Stuttgarter Publikum, typischer Veh-Satz, das Glanzvolle am glanzlosen Sieg”. Aber das wird noch. Bis dann. Jetzt erst mal zwei Tassen Kaffee, die beiden einzigen der Woche.

Baumhausbeichte - Novelle