Archiv für April 2013

Dienstag, 30. April, 17.40 Uhr

“Nun, ICH habe heute meine (denk-)sportliche Höchstleistung gebracht. Nun ist meine Borussia dran! (Habe mich sehr über Ihre Anstösse der letzten Tage gefreut!) Zittern Sie mit?”, fragt Dr. Joachim Bille. Na klar, und wie. Vorstartfieber. Noch drei Stunden.
Dr. Billes Mail kommt nicht in die Mailbox, weil sie primär sein Lösungsversuch zur Wer-bin-ich-Runde ist. Am Samstag Einsendeschluss für drei Punkte, nächste Woche (falls Anstoß-Platz frei ist; haben wir nicht wieder einen Feiertag?) kommt der Ein-Punkt-Nachschlag, mit sehr kurzfristiger Einsendefrist, und dann kann ich das Rätsel endlich auflösen. Wie mich das schon seit Tagen juckt!
Vor ein paar Tagen Abendessen, zu Hause, vor dem schönen Panorama, das von der Landstraße ins Hinterland durchschnitten wird. Tagüber hat der Frühling fleißig versucht, Versäumtes nachzuholen. Jetzt ist es schon dunkel. Hinten, an der Straße, kurz vor der Kurve in den Wald, leuchtet ein Blaulicht auf. Es blinkt während des Essens und auch noch danach. Ich vermute: kleine Baustelle, Absperrung. Aber warum mit Blaulicht? Gesperrt ist die Straße jedenfalls nicht, normaler Tröpfelverkehr für diese Uhrzeit. Wir sitzen gemütlich hier oben, essen, trinken, schauen in die Gegend, lassen es uns gutgehen.
Am nächsten Tag in der Zeitung: In der Kurve ist ein 23jähriger aus dem Ort mit dem Motorrad verunglückt. Beim Überholen. Tot.
Und wir ließen es uns gutgehen, während um sein Leben gekämpft wurde.
Der Gedanke lässt sich auch Tage danach nicht abschütteln.

Veröffentlicht von gw am 30. April 2013 .
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Ohne weitere Worte (vom 30. April)

Kluges, Originelles, Peinliches, Schräges, Dümmliches, Erhellendes oder sonstwie Interessantes, gesucht und gesammelt in der deutschen Medienlandschaft – und diesmal zwangsläufig ausgesprochen monothematisch.
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Hoeneß hat immer noch eine Chance, dass sich die Selbstanzeige als wirksam herausstellt und das Verfahren eingestellt wird. Diese ist vergleichbar mit den Chancen des FC Barcelona im Halbfinal-Rückspiel der Champions League am Mittwoch. (Süddeutsche Zeitung)
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Die Indiskretion über den Wechsel des Mittelfeldspielers am Tag vor dem Halbfinale gegen Madrid soll laut »Handelsblatt« über einen Kontaktmann von Hoeneß in die Welt gesetzt worden sein. (…) Karl-Heinz Rummenigge aber wies (…) jeden Vorwurf in Richtung des FC Bayern zurück und lobte den investigativen Journalismus so überschwänglich, als würde er gerade persönlich den Pulitzerpreis verleihen. In diesem Moment hätte man sich (…) einen Lügendetektor gewünscht. (Frankfurter Allgemeine Zeitung)
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Jürgen Klopp hatte (…) seine Enttäuschung (…) nicht verborgen. Aber er schützte und unterstützte dennoch seinen Spieler. Er (…) appellierte an die Fans (…). Es war vermutlich die schwierigste und wichtigste Ansprache, die Klopp bisher in Dortmund gehalten hat. Ein rhetorisches Glanzstück, geprägt von kluger Menschlichkeit. (FAZ)
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Bekanntermaßen plagiieren die Bayern ja neuerdings die Dortmunder Taktik, um eigene Defizite auszugleichen. Man sollte die Herren Sammer und Guardiola im Auge behalten. (Zeit-Magazin zu Klopps Haar-Transplantation)
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Die Tatsache, dass der Transfer (OWW-Anm.: von Mario Götze) just zur selben Zeit eingefädelt wurde, als Uli Hoeneß laut darüber nachdachte, der Fußball-Bundesliga eine Prise Sozialismus zu verabreichen, passt aber bedauerlicherweise in das Bild, das er auch in der Steuersache abgibt: Das, was einer sagt, muss noch lange nicht mit dem korrespondieren, was er tut. (Frankfurter Rundschau)
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Einen wie ihn, der im Fernsehen Steuermoral predigt und dann sein Schweizer Konto lüftet, den hätte ein Uli Hoeneß in Topform verbal nach allen Regeln der Kunst verwurstet. (Kicker)
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Die Roten bereichern sich nun mit dem Wundertrainer Pep Guardiola, die Blauen befreien sich gerade von Hep Monatzeder (OWW-Anm.: Noch-1860-Präsident und Grünen-Politiker). Hopp oder top, Pep oder Hep. Letzte Fragen, durchaus auch mit Blick auf Uli Hoeneß: kriegt jeder das, was er verdient? (Süddeutsche Zeitung unter dem Titel »Erster sein. Fußball ist Menschenkunde, Fußball ist Münchenkunde. Warum hier immer alle die Größten sein müssen und selbst Verlierer sich Löwen nennen«)
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Laut Gerüchten aus Spanien (…) soll Bayern-Coach Jupp Heynckes in der nächsten Saison gleich drei Klubs trainieren: den FC Barcelona, Real Madrid und Athletic Bilbao (Frankf. Allg. Sonntagszeitung)
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Immer hängt hinten das Unterhemd raus, ein weißes Unterhemd, das Cristiano Ronaldo weder raushängen lassen noch überhaupt jemals anziehen würde. (SZ über den »auffällig uneitlen« Thomas Müller, den »Animateur im Unterhemd)
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»Sicher, Bayern hat 150 Titel. Aber wer hat den ältesten Torwart der Liga, und wer hat den Rekordspieler?« (Rekordspieler Charly Körbel im Bild-Interview)
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Autofahrer können auch in Zukunft ihre Punkte in Flensburg durch Teilnahme an Erziehungsseminaren reduzieren. (…) Wer alkoholisiert am Steuer angetroffen wird, darf weiter hoffen. Das gilt auch für Uli Hoeneß, der Anfang des Jahres sogar ganz ohne Steuer erwischt wurde. (…) Er müsste einfach nur Kurse zum Thema »So bereue ich öffentlichkeitswirksam« belegen, dann darf er nicht nur den Führerschein behalten, sondern bekommt auch den Heiligenschein zurück. (»Zippert zappt« in der Welt)
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Groß und schlank sitzt er auf seinem schönen Pferd, das Kinn hoch, das blonde Haar modisch frisiert, wenn er selbst ein Pferd wäre, würde man sagen, ein schicker Typ. (FAS über den Dressurreiter Edward Gal) (gw)

Veröffentlicht von gw am 29. April 2013 .
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Montagsthemen (vom 29. April)

Die eine B-Elf gewinnt gegen einen Europacup-Bewerber mit 1:0, die andere gegen einen Abstiegs-Kandidaten mit 2:1 – zweimal knapp an Wettbewerbsverzerrung vorbeigeschrammt? Arrogante Unsportlichkeit? Zumindest schlechter Stil? Überhaupt nicht. Denn unrealistisch, ja unsinnig ist die Forderung, bis zum letzten Spieltag mit jeweils bester Elf und höchstem Einsatz anzutreten, auch auf die Gefahr hin, das eigene Ziel zugunsten der Ziele anderer zu gefährden.
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Sportsozialdarwinistischer Neoliberalismus kaltherzigster Ausprägung? Nein. Leistungssport. Beispiel: Olympia-Halbfinale im 800-m-Lauf. Der Erste, der Zweite und vier Zeitschnellste kommen ins Finale. Die beiden Topfavoriten sparen Kraft und spazieren ins Finale. Aus ihrem Lauf kommt keiner außer ihnen weiter. Wären sie an ihre Leistungsgrenze gegangen, hätten in dem dadurch viel schnelleren Rennen vier ihrer Mitläufer ebenfalls das Finale erreicht. Fehlen den beiden dann dort die »Körner« und sie laufen medaillenlos hinterher – wäre das fairness- oder dummheitspreisverdächtig? Eben.
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Wer dennoch Spannung bis zum Schluss garantiert haben will, muss den Modus ändern. Mit Playoffs wie in NBA, NHL oder NFL. Oder wie in Belgiens Fußball-Liga: Dort nehmen die ersten Sechs die Hälfte ihrer Punkte mit in eine Endrunde, in der sie noch zweimal aufeinandertreffen. Auf Deutschland übertragen: Verlören die Bayern und gewännen die Dortmunder ihre letzten drei Spiele, läge der FCB (84 Punkte = 42) nur fünf Punkte vor dem BVB (73 = aufgerundete 37), der sogar noch aus eigener Kraft Meister werden könnte, da er unter anderen auch noch sechs Punkte gegen München holen könnte. – Irre Regel, aber wahr. Real und Barca würden sich freuen, wenn wir sie schon hätten.
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So aber haben die beiden DFB-Klubs Kräfte gespart und Verletzungen vermieden, ein »deutsches« Finale am 25. Mai rückt näher. Aber Vorsicht! Während die Bayern das Finale nur durch eine unrealistisch hohe Niederlage verpassen könnten, käme ein 3:0-Heimsieg von Real schon fast der Normalität nahe. Zumindest jener vor der deutschen 8:1-Gala.
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Nüchtern betrachtet: Das BVB-Risiko, im Halbfinale auszuscheiden, ist ungefähr so groß wie die Chance, das Finale gegen München zu gewinnen. Was wiederum, so Paul Breitner, die kaum steigerbar imposante Bayern-Saison »konterkarieren« würde.
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Stimmt. Dass dann sogar »imposant« bayerisch gesteigert werden müsste, diesen bärtigen Kalauer (»im Po Sand, im …) schenken wir uns. Nicht gesteigert werden kann jedenfalls die Spannung vor den kommenden und hoffentlich historischen Fußball-Tagen. (gw)

Veröffentlicht von gw am 28. April 2013 .
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Sonntag, 28. April, 6.15 Uhr

Schon halb hell, daher kann ich auf der Straße das erste Opfer der Krötenwanderung sehen, das den Weg in den Teich nicht geschafft hat. Sehr platt, das arme Ding. Nie werde ich vergessen, wie ich eines Nachts nach langem Redaktionsspätdienst nach Hause fuhr und kurz vor der Einfahrt in die Parknische aufschreckte: Eine Kröte stand mitten auf der Straße vor mir, auf zwei Beinen, den Körper hoch aufgereckt, die beiden kurzen Ärmchen mir flehend entgegengestreckt: Überfahr mich bitte nicht! Ich umkurvte sie, stieg aus, wollte sie retten – sie stand immer noch in ihrer flehenden Haltung. Mit beiden Füßen fest auf dem Boden. Sehr fest, sehr flach, sehr groß. Überfahren und plattgewalzt, ein Teil der Gliedermasse in den Oberkörper gepresst, der daher aufrecht stand, mit seinen flehenden Stummelhändchen.
Von überall her hoppsen sie Richtung Teich. Allerdings sehr viel weniger Kröten als in früheren Jahren. Aber das wird wieder, denn die Nasen (Karpfenart), die vor Jahren zur Algenvernichtung eingesetzt wurden, jedoch vor allem Krötenlaich fraßen, habe ich im Herbst mit großem Aufwand (Wasser abgelassen, im Matsch rumgefischt) rausgeholt und im Bieberbach ausgewildert.
Na ja, wen interessiert’s? Mehr Interesse besteht an der neuen Wer-bin-ich-Runde. Ich würde so gerne etwas dazu schreiben, aber ich muss es mir unbedingt verkneifen, bis zum Einsendeschluss von Teil zwei, wenn es (für nur noch einen statt drei Punkte) ein paar weitere Hinweise gibt. Jedenfalls gibt es schon herrliche … nein, nein, nein. Mund zu, Finger weg von den Tasten.
Stattdessen der übliche Blick in die Meldungen der Nacht. Keine Katastrophen, keine Sensationen. Auch das ist ja wohl keine: “Millionen Menschen in Deutschland verfolgen gespannt Fußballspiele.
Für den Wahlkampf begeistern sich dagegen nur wenige. Was macht der Fußball besser als die Politik? Berlin (dpa) – Medien bejubeln die Leistung von Schwarz-Gelb und spekulieren über einen baldigen Machtwechsel – allerdings nicht im Kanzleramt, sondern auf dem Fußballfeld. «Politik erregt die Öffentlichkeit nicht», sagt der Professor für Philosophie und Sportsoziologie an der Freien Universität Berlin, Gunter Gebauer” … schon höre ich auf zu lesen. Der unvermeidliche “Professor für Philosophie und Sportsoziologie”. Omnipräsent wie der “Molekularbiologe aus Heidelberg”, wenn es um Doping geht. Oder der “Parteienforscher”, dem Gebauer ins Handwerk pfuscht. Franke, Falter, Gebauer & Co. – wenn sie zu Wort kommen, weiß man, dass dem Redakteur nichts einfällt und er es sich leicht machen will. Welch ein Gaga-Thema: Warum begeistern sich die meisten Menschen mehr für Fußball als für Wahlkampf? Na, darum eben.
Mal Meldungen der Nacht im Internet bei AOL angeklickt (statt im Redaktionssystem bei dpa & Co.). Die ersten vier: “Chris Martin will in England bleiben” / “Haben One Direction auf Tour Heimweh?” / “Britney: Frieden mit Kevin Federline?” / Vince Vaughn wird zum zweiten Mal Vater”. —Britney, na gut, das mag B. Spears sein. Aber Chris Martin, One Direction, Kevin Federline, Vince Vaugn???? Nie gehört. Wie weit weg bin ich schon von dem, was die Welt bewegt? Kennen Sie die Typen?
Genug warmgeschrieben, die Montagsthemen rufen. Und vorher die lange Fahrt zum Schwimmunterricht für eine Wasserscheue. Für wen, verrate ich nicht. Ist mir ein bisschen peinlich. Bis dann.

Veröffentlicht von gw am 28. April 2013 .
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Sport-Stammtisch (vom 27. April)

Profis eines Fußball-Bundesligisten stehen am Gepäckband des Flughafens und warten. Die Fußballer langweilen sich. Da sammelt ein Nationalspieler bei seinen Kollegen jeweils 500 Euro ein, und schon wird’s spannend: Im Topf sind über 5000 Euro, und die gewinnt, wessen Koffer zuerst auftaucht.
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Der Hut, in dem die Gepäckband-Wetteinsätze landeten, ist ein ganz alter. Erste urkundliche Erwähnung des Zockertums im Fußball: »Schlucksee« 1982. Sportler, die vor, nach und zwischen den Trainingseinheiten viel Zeit totschlagen müssen (bei Fußball-Profis also sehr, sehr viel Zeit), vertreiben sich die Langeweile gerne, indem sie miteinander zocken und sich gegenseitig Geld abnehmen.
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Ein Nationaltorhüter mischt ein Geldbündel großer Scheine. Ein Mannschaftskamerad hebt ab. Und nun wird gewettet, ob die Seriennummer des jeweils nächsten Scheines mit einer geraden oder ungeraden Zahl endet. Wahre Geschichte.

Dass ein »Freund« einem »Freund« mal kurz zehn oder mehr Millionen als Spielgeld zum Börsen-Zocken schenkt – ich glaube es. Ich ziehe mir ja auch die Hose mit der Kneifzange an. Dass der eine »Freund« Adidas-Boss war und der andere Chef des Klubs, mit dem Adidas einen großen Deal … wo ist meine Kneifzange?
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Steuerhinterziehung ist ein »Reichensport« (Stern). Wir Nichtreiche. sind fein raus. Was machen wir mit einer geschenkten Million? Ach … geschenkt!
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Frankreich toppt das alles noch. Hier der CSU-Freund, da die Sozialisten – beim (eigenen) Geld sind und handeln alle gleich.
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Der typische Absolutist hält sich nicht an die Spielregeln der anderen, sondern an seine eigenen. Devise: Ich bin sozial, wenn, wann, wie und wo ich will. Und mit einem Bruchteil des Geldes, das ich dem Sozialstaat vorenthalte, baue ich mir ein Denkmal als guter Mensch.
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In Adornos »Minima Moralia« lautet der vielzitierte Schlusssatz: »Es gibt kein richtiges Leben im falschen.« Zusatz für Uli H.: Es gibt auch kein gutes Geld im schlechten.
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Hoeneß’ Glaubwürdigkeits-Desaster ist nicht die Steueraffäre, sondern seine generalmoralische Verurteilung all derer, die ähnliches getan haben. Man fühlt sich an manchen fundamentalchristlichen US-Evangelisten erinnert, der reine Liebe predigt und schmutzigen Sex praktiziert. Fehlen nur noch dessen Krokodilsreuetränen, live im TV.
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Sie verdrängen, was sie tun. Hoeneß verdrängt sogar immer noch, wenn es wahr ist, was er seinem »Freund« Jörges vom Stern erzählt haben soll: »Am 15. Januar saßen wir in Berlin bei einem Kaffee zusammen. Er war, wieder mal, mit der Kanzlerin zum Gespräch verabredet. In diesen Tagen, sagt er heute, habe er den Beschluss gefasst: Ich setze mich nicht mehr mit Angela Merkel an einen Tisch, wenn ich nicht Selbstanzeige erstattet habe.« – Weiß er nicht, dass er nie mehr an deren Tisch sitzen wird?
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Aber bitte keine falsche Moral! Was Bayern mit Dortmund (Götze/evtll. Lewandowski) macht, ist im Großen das, was Frankfurt (Rosenthal/Flum) im Kleinen mit Freiburg macht. Alles ganz normal. Das ist sogar so normal, dass es als unnormal gilt, dies nicht mehr normal zu finden. Aber dass die Ware Sport nicht der wahre Sport ist, wen interessiert schon meine alte Leier?
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Aber manchmal blitzt auch der wahre Sport auf. So merken die Nur-Ware-Sportspieler offenbar nicht, dass Dortmunds größtes Pfund nicht Götze oder Lewandowski heißt, sondern Klopp. Siehe Sahin und Kagawa. Viele fragen sich auch, mit wie viel Prozent Einsatz Götze in einem eventuellen CL-Finale noch gegen seinen neuen Klub antreten könne. Meine Antwort: Mit hundert Prozent, hundertprozentig! Denn Europas Fußball funktioniert wie früher auf dem Bolzplatz: Für die Mannschaft, in die ich reingewählt werde, gebe ich alles; und morgen für die andere auch, in die ich dann gewählt werde.
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Bleiben wir beim sportlich Positiven: Alle Welt bewunderte Ibrahimovic’ Fallrückziehertor. Ich meinte: Klassespieler, aber Glückssache. Kommt manchmal sogar in einem Sechstligaspiel vor. Nun las ich irgendwo, Lewandowski sei der Ball vor dem 3:1 vor die Füße gefallen, er habe nur noch einschieben müssen. Welch ein Unfug! Diese Aktion gehört zum Feinsten, was in den letzten Jahren im Fußball zu sehen war. Ganz ohne Glück, nur mit Können!
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Selbst in den »Drafts«, diesem gigantischen Football-Viehmarkt, taucht eine Ahnung vom wahren Sport auf: Björn Werner legt eine sportliche Tellerwäscher-Karriere hin, ackert sechs Jahre lang, lebte auf unterem Hartz-IV-Niveau für seinen Traum, der sich jetzt erfüllt. Was er mit seinen Millionen machen werde? Zunächst einmal, sich bei Familie und Freunden für die langjährige Unterstützung revanchieren. Man möchte es zu gerne glauben, auch, dass Björn Werner ein ähnlich feiner Charakter ist wie Dirk Nowitzki.
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Man möchte auch zu gerne glauben, dass ausgerechnet bei den Radprofis der wahre Sport einen Triumph feiert: Natnael Berhane aus Eritrea (!) gewann bei der Türkei-Rundfahrt die erste Bergetappe und brach danach in Tränen aus. Zum Mitweinen schön. Er führte bis gestern sogar die Gesamtwertung an. Am Rande: In Berhanes Außenseiter-Rennstall fährt auch Thurau-Sohn Björn.
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Derart sportlich froh gestimmt, nehme ich es den brasilianischen WM-Organisatoren auch nicht übel, dass sie mit der Caxirola ihren Reibach alleine machen wollen, den ihre südafrikanischen Kollegen 2010 mit der anarchischen Vuvuzela verpasst hatten. Die Caxirola, eine Rassel, wurde jetzt als »offizielles WM-Musikinstrument« vorgestellt. Sachen gibt’s.
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Wer mangels Masse keinen »Reichensport« treiben kann und auch keine Caxirola in petto hat, muss sich andere schnelle Verdienstmöglichkeiten suchen. In Sotschi wurde jetzt ein schöner Job ausgeschrieben: 42 500 Euro für das Töten von rund 2000 streunenden Hunden und Katzen in der Olympiastadt. Mittlerweile rudert die Stadt scheinbar zurück: In Tierheime sollen sie gebracht werden, die Hunde und Katzen. Tierschützer ahnen, was das in Sotschi bedeutet.
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Kaiser Vespasian rechtfertigte seine Steuer auf Bedürfnisanstalten mit dem Satz, der Flügel bekommen hat: Pecunia non olet. Geld stinkt nicht. Aber es jault und schreit. Und quiekt und wiehert und muht und mäht. Aber das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)

Veröffentlicht von gw am 26. April 2013 .
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Baumhausbeichte - Novelle