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Sport-Stammtisch (vom 28. März)

Da mühen sich die Beckmänner und Schollis ab, ein Fußballspiel zu analysieren, zu interpretieren und aus ihm Schlüsse für die WM-Zukunft zu ziehen. Warum? Weil sie dafür bezahlt werden. Weil die Sendezeit gefüllt werden muss. Weil wir doch so gerne analysieren und interpretieren, wenn’s um Fußball geht.
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Dennoch wissen natürlich alle (hoffentlich!), dass aus den beiden Kasachstan-Spielen nur ein einziger Schluss für die WM-Zukunft gezogen werden kann: Sechs Punkte, Pflicht erfüllt. Denn wie man gegen einen Gegner der gehobenen Regionalligaklasse spielt, der sich vor und im eigenen Strafraum verbarrikadiert, ist eine völlig unerhebliche Frage, die sich in Brasilien 2014 ganz gewiss nicht stellen wird.
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Die deutsche Fußball-Stimmungslage: irrational. Tödlich beleidigt, wenn Selbstverständliches ausgesprochen wird (dass ein Titelgewinn in Südamerika nicht unmöglich, aber unwahrscheinlich ist), dann hellauf begeistert, als wären es nicht unterklassige Kasachen, sondern Spanier oder Argentinier, die in Halbzeit eins an die Wand gespielt werden, und schließlich Pfiffe der Überheblichen für Manuel Neuer, weil der sich von ihrer Überheblichkeit anstecken lässt und der An-die-Wand-Spielerei einen Knacks gibt.
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Ach ja, Manuel Neuer. Zwar haben ihm die Ratingagenturen der Experten schon vor längerer Zeit fast unbemerkt das »Triple A« entzogen und ihn vom »besten Torwart der Welt« zu »einem der Besten« heruntergestuft, doch das ist und bleibt er trotz seines Aussetzers. Womöglich das Problem: Man rühmt ihn oft, er könne in der Regionalliga sogar im Feld mitspielen. Eben. In der Regionalliga.
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Warum Neuer vermehrt zu merkwürdigen Verhaltensweisen neigt, die seinem IQ nicht gerecht werden, bleibt allerdings rätselhaft (zum Beispiel kam leichte Fremdscham auf, als er sich nach dem späten Arsenal-Anschlusstreffer in der Champions League auf den Ball warf und ihn kindisch trotzig nicht herausgeben wollte). »Normale« Unsicherheiten dagegen sind verständlich, denn er hat in der Bundesliga de facto in etwa so viel Spielpraxis wie Oka Nikolov (aber keine Angst, liebe Eintracht-Fans, zum Glück ist unser Oka mit einem »Triple-A«-Gemüt gesegnet, der schafft das!).
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Auf Schalke hätte Neuer wohl sein »Triple A« behalten, denn er ist nun mal ein Klassemann, und um das zu beweisen, wären ihm dort genügend Gelegenheiten geboten worden. – Ach ja, Schalke: Armin Veh bleibt in Frankfurt, was alle überrascht hat, mich natürlich auch. Für die Logelei- und Lügelei-Vermutungen sollten sich alle entschuldigen, ich natürlich auch. Sorry.
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Im Gespräch als neuer Schalke-Trainer: Roberto di Matteo. Roberto. Ein Name mit Vergangenheit, denn im Italien der frühen 40er Jahre wurden viele Kinder auf diesen Namen getauft, zu Ehren des 1940 geschlossenen Dreimächtepakts (Hauptstädte ROm, BERlin, TOkio).
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Roberto di Matteo, Jahrgang 1970, hat mit diesem Dreimächtepakt nichts zu tun, auf Schalke würde er einen anderen benötigen: Den mit Tönnies, den Fans – und mit des Fußballschicksals Mächten.
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Die Dreimächtepakt-Zeiten haben aber etwas mit dem deutschen Rekordtorschützen zu tun: Gottfried Fuchs schoss bei den Olympischen Spielen 1912 in Stockholm beim 16:0 gegen Russland zehn Tore, der DFB strich den Juden Fuchs jedoch 1933 aus der Liste. Nach dem Untergang der Nazis wurde das zwar revidiert, doch als Sepp Herberger, ein großer Fuchs-Fan, sich massiv dafür einsetzte, den Rekordspieler als Ehrengast zum Länderspiel gegen Russland zur Einweihung des Münchner Olympiastadions einzuladen, lehnte der DFB ungnädig ab. Gottfried Fuchs, der als Emigrant in Kanada lebte und sich Godfrey E. Fochs nannte, starb dort 1972, ohne zu Lebzeiten vom DFB geehrt worden zu sein. Aber das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle