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Sonntag, 24. März, 6.15 Uhr

Das Einzige, was nach Frühjahr aussieht: Um diese Zeit ist es nicht mehr stockdunkel, sondern schon hellgrau. Lohnt sich aber nicht, rauszugucken.

Habe schon mal im gw-Archiv gewühlt, wegen Jacko Gill. Kommt gleich. Nicht gleich, sondern erst am Nachmittag werden die Montagsthemen folgen. Weil: Gleich werde ich über die Sauerland-Linie brettern. In meinem Wahnsinnstempo. Schnitt ca. 99. Immerhin schneller als ich alt bin.
Immer wieder erstaunlich: eine Brücke über die Autobahn, irgendwo bei Herborn. So was von steil! Oder ist’s eine Skischanze?

Heute nur kurzer Blick in die Meldungen der Nacht: Zypern, natürlich. Wetten, dass sie in den nächsten Stunden eine Lösung finden!? / Tödlicher Unfall durch einen Geistesfahrer, der überlebt. / Sonst nichts, außer dem üblichen Nachhall zu jener Sendung, die früher Stoff für die Montagsthemen geliefert hat, die ich aber nicht mehr anschaue. Zu öde. / Und jetzt zum Jacko-Gill-Archiv:

Vor drei Jahren notiert: »Und jetzt gibt es einen 16-jährigen Neuseeländer namens Jacko Gill, weder besonders groß, stark oder frühreif, der bei der Junioren-WM die ältere Konkurrenz um vier Meter (!) distanzierte und mit blitzschneller und blitzsauberer Drehung unfassbare 24,35 m weit stieß (5-kg-Kugel). Merken Sie sich den Namen: Jacko Gill.«

Kurz danach: “Jacko Gill, der 16-jährige Neuseeländer, der im Sommer mit 24,35 m einen Jugendkugel-Weltrekord (5 kg) weit außerhalb meines immerhin nicht ganz engen Vorstellungsvermögens aufgestellt hat, ist mit aktuellen Trainingsaktivitäten bei Youtube zu finden. Der Junge, der mit der Männerkugel nun auch schon über 20 Meter gestoßen hat, zeigt dabei Übungen und Leistungen, die jeden verblüffen, der von der Materie ein wenig Ahnung hat. Jacko stößt zum Beispiel eine 165 kg schwere Hantel fünfmal hintereinander zur Hochstrecke, und im Sprungkraft-Test (»jump and reach«) schafft er die phänomenale Differenz zwischen Reich- und Sprunghöhe von 95 Zentimetern. “

Vor zwei Jahren: “An dieser Stelle haben wir früh auf das neuseeländische Wunderkind Jacko Gill aufmerksam gemacht, aber auch auf die verrinnende Zeit hingewiesen, in der Gill (knapp 17!) sein unglaubliches Talent ohne zu überpacen ausreifen lassen muss. Am Wochenende stieg er wieder in den Ring, stieß »nur« 22,30 Meter (6-kg-Kugel), stagniert also in einem Alter, in dem Stagnation Rückschritt bedeutet. Aber lassen wir ihm: Zeit.”

Vor etwa eineinhalb Jahren notiert: “Hoffentlich entwickelt sich der phänomenale junge Neuseeländer Jacko Gill, ein echter Hundefreund, bis 2016 weiter wie bisher, dann ist ihm der Kugelstoß-Olympiasieg nicht zu nehmen. Storl in London 2012 wegen der knapp verpassten Goldmedaille bedauert zu haben, das jedenfalls bereut jetzt aufrichtig: gw.” Grund: Storl hatte aus Jux (aus Jux!) mit einem Luftgewehr auf Hunde geschossen.

Aber ich hatte auch schon im Dezember 2011 Befürchtungen: “Bei Youtube mehrmals ein neues Trainings-Video von Jacko Gill angesehen. Der Junge ist 16 und springt buchstäblich über Tische und Bänke. Dunking mit der Kugel, seltsame Übungen mit der Hantel, schon beim Sehen tut die eigene Wirbelsäule weh. Den Jungen treibt was. Hoffentlich nicht der Wahnsinn. Schule schon geschmissen, ist Profi-Kugelstoßer, trainiert dreimal am Tag bzw. in der Nacht (steht erst um 12 auf, dritte Trainingseinheit nachts um zwei). Sensationell die Sprungkraft, scheint auch sehr sprintschnell zu sein. Hat mit der Männerkugel schon 20,38 gestoßen und gestern seinen abgefahrensten Weltrekord verbessert, den mit der 5-kg-Kugel seiner Altersklasse auf 24,45 m. Hoffentlich geht das alles gut.”

Vor wenigen Wochen der letzte Eintrag zum Wunderkind: “Mittlerweile ist er 18 und keinen Zentimeter weiter gekommen. Warum? Ich ahnte es vor ein paar Monaten, als ich sah, dass er keine Trainingsvideos mehr ins Internet stellte, sondern Fotos seiner Freundin. Er hat also schon den Karriere-Knackpunkt erreicht, den Weltmeister Viswanathan Anand dem dänischen Schachwunderkind Magnus Carlsen wünscht. Anand auf die Frage, was Carlsen – Elo 2872, in etwa mit Gills 24,35 vergleichbar – überhaupt noch stoppen könne: »Der Junge braucht eine Freundin.«”

Und jetzt, an diesem Wochenende, gerade im Internet in einer neuseeländischen Zeitung gelesen: Bei den neuseeländischen Meisterschaften stößt Jacko Gill 20,53 m. Mit der 6-kg-Kugel. So weit stieß er damit schon als 15-Jähriger. Bei den Männern trat er erst gar nicht an. Zwar hatte er eine Trainingspause einlegen müssen, weil er von seinem Hund gebissen wurde, aber dennoch eine rasante Abwärtsentwicklung.

Einerseits: Enttäuschung über die Entwicklung vom unfassbaren Phänomen zum fast schon nur “nomalen” Talent. Andererseits: Für die Persönlichkeitsentwicklung des Jungen vielleicht das Beste.

Baumhausbeichte - Novelle