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Sonntag, 24. März, 18.10 Uhr

Schnitt doch eher ähnlich wie mein Alter, wegen der vielen Baustellen auf der Sauerlandlinie. Zwischen Hin- und Rückfahrt einiges Zurechtgelegte gelesen, auf Trüffelsuche für “Ohne weitere Worte”. Zum Beispiel das neue Magazin der FAZ. Großformatig, ein Edelding von Artdirektoren für Artdirektoren. Die In-group der Werbebranche wird dem Magazin Preise verleihen, zielgerichtet am Leser vorbei. Liegen solche Style-Hefte nicht immer beim Friseur rum? Dennoch Trüffel gefunden. Ein großes Interview mit Harald Schmidt reißt alles raus. Das Meiste leider, weil zu lang und zu insiderlastig, nicht für eine knackkurze Zitatensammlung geeignet. Im Blog geht’s aber, da geht ja alles. Ein paar Beispiele:

Herr Schmidt, der Literaturkritiker Fritz J. Raddatz hat sich an dieser Stelle vor ein paar Monaten über die angebliche Unsitte meiner Generation aufgeregt, “die Jeans auf den nackten Arsch zu ziehen”. Ist Ihnen das auch schon unangenehm aufgefallen? – “Ich weiß nicht, welcher Lebensmensch das dem legitimen Erbe (Anm.: muss es nicht -n heißen?) Tucholskys erzählt hat. Ich habe das noch nicht beobachtet, aber ich bin ja auch heterosexuell, sozusagen einer der wenigen, die noch traditionell adoptieren. Oder es gleich selbst machen. Ich kann aber erahnen, wovon Fritz J. Raddatz spricht, weil ich ja im Showgeschäft bin. Mir sagen homosexuelle Mitarbeiter, man wird heutzutage gegen vier Uhr im Darkroom mit dem Satz begrüßt: ‘Ich bin unterhalb der Nachweisgrenze, lass uns feiern.” Wer da Jeans oder auch nur Unterhose trägt, der ist so was von Eighties, der liest auch noch Günter Grass.”
Mindestens sechs Ober-Gags in einer Antwort (sollten es mehr sein, hab ich den Rest nicht gerafft). Gesetzt den wahrscheinlichen Fall, das Interview war live, spontan, nicht nachgebessert, dann ist schon dieser Beginn eine unmenschlich blitzdenkerische Leistung.

Gesetzt den unwahrscheinlichen Fall, dass Schmidt diese Huldigung liest, karte ich beim nächsten Auszug böse nach, um nicht nur rumzuschleimen:
“Meine Erfahrung mit vielen Autoren: Das Werk wird mit der Zeit blasser, ihr Lebensstil tritt in den Vordergrund. Deswegen: Tagebücher. Thomas Mann zum Beispiel.” Es folgen ein paar schöne Aufzählungen. Nachgekartet: Bei Schmidt ist es ähnlich. Das Werk wird mit der Zeit blasser, der Lebensstil tritt in den Vordergrund. Deshalb: Interviews. Da ist er unschlagbar. Zugaben:

“Jeder, der mit Journalisten zu tun hat, weiß, dass uneingeschränkte, ich wiederhole: uneingeschränkte Solidarität mit Rainer Brüderle vonnöten ist. Ich würde jedenfalls meine Hand für ihn ins Dekollete legen. Warum geht eine Journalistin, und ich hoffe, man hört die Anführungszeichen, um zehn Uhr abends in die Bar? Jedenfalls nicht, um zu fragen: ‘Sind die Menschenrechte in Usbekistan weit genug im liberalen Sinn?’ Sondern in der Hoffnung, der Angesoffene sagt den Satz, den er besser nicht gesagt hätte. Das wissen wir Jungen, unser Weinfest-Oldie weiß es nicht, weil er noch in so ‘ner Charmewelt lebt, in der Thomas-Mannartige Begriffe wie ‘Tanzkarte’ zum Einsatz kommen.”

“Für manche Leute war es der absolute Ritterschlag, wenn sie sagen konnten: Ich wurde von Fassbinder mit der Fleischwurst verprügelt. Oder: Ich habe mir den Virus von Foucault geholt. Ich kenne eine Regieassistentin, deren Lebenskrönung war es, als ihr Hans Neuenfels nachgeschrien hat: ‘Du Faschistensau, geh aufs Klo und spül dich runter.’”

“Ich habe die Existenz des Foto-Handys sehr verinnerlicht. Auch wenn ich um halb drei Uhr nachts an einer Autobahnraststätte auf den Behindertenparkplatz kotze, weiß ich das.”

Zum Schluss streut er etwas Existenzielles ein, das nach Gag klingt, aber keiner ist: “Ich bin vor einiger Zeit spazieren gegangen. Da hab ich den Notarztwagen gesehen, in dem gerade der Chef der Uni Bayreuth, der Guttenberg den Doktortitel aberkannt hat, weggefahren wurde. Tot, von der Straßenbahn überfahren. Da ist es doch sinnlos, sich mit Europas neuer Erzählung zu beschäftigen. Da sage ich lieber: ‘Ich nehm noch nen Capuccino.’” – Dazu fällt mir ein ähnlicher Satz von Schmidt ein, vor Jahren in “Ohne weitere Worte” zitiert. Das heißt, er fällt mir nicht ein, sondern nur, dass es ihn gab. Ich klicke mal kurz ins Archiv, ob ich ihn finde. Irgendwas mit dem Matterhorn, glaube ich. …..

… Ha! Das Langzeitgedächtnis funktioniert noch. Ein bisschen. War nicht in “Ohne weitere Worte”, sondern der Schluss einer meiner “Anstoß”-Kolumnen aus dem Jahr 2001:

“Ganz ohne Übergang ein doppeltes Wort zum Sonntag. Das erste gesprochen von Erwin Chargaff, dem 96-jährigen Biochemiker, den wir im »Anstoß« schon lange verehren und oft zitiert haben. Vor einiger Zeit sagte Chargaff in einem »stern«-Interview: »Die Natur ist größer als der Mensch, sie braucht keine Kenntnis von ihm zu nehmen. Die Natur geht einfach weiter.« Erstaunlicher Zufall: 30 Seiten weiter ergänzt Harald Schmidt im selben Heft, ebenfalls im Interview, aber zu einem ganz anderen Thema und mit Sicherheit ohne Kenntnis des Chargaff-Satzes: »Das Großartige ist, dass Gott und das Universum weder Witz noch Ironie brauchen – sie sind einfach da. Ich habe mal mitbekommen, wie ein Hubschrauber mit vier Japanern ins Matterhorn gerast ist. Das hat dem Matterhorn überhaupt nichts ausgemacht.«

Was von Harald Schmidt bleibt, weiß er selbst, und das ist nicht wenig und daher weder Ironie noch Understatement: “Ich sehe mich selbst in Sachen Nachruhm auf einer Stufe mit Hans-Joachim Kulenkampff und Heinz Schenk.” – Noch mal böse nachgekartet: Kuli glaubte auch, er sei ein Schauspieler.

Und ich glaube, dies war eine Hommage an – oder für? – Harald Schmidt. Für “Ohne weitere Worte”, die ich morgen zusammenstelle, eignet sich leider nur dieser gegen die obigen etwas abfallende Satz, der keine Vorkenntnisse und Insiderwissen voraussetzt oder den Kontext gelesen zu haben und zudem kurz genug ist: “Aus meiner Sicht soll man Gesetze machen, damit die Schwächsten nicht umfallen können. Ansonsten hat man mit der Beachtung der Straßenverkehrsordnung schon genug zu tun.”

Noch ein kurzer Hinweis auf die “Mailbox”, in der ein Stammleser, der vor vielen Jahren mein Italienisch verbessert hat (erinnern Sie sich? Leider habe ich das Meiste von meinem wenigen Italienisch schon vergessen, mein Gehirn hat’s rausgekippt, um Platz zu machen für meine Neugriechisch-Versuche, so dass ich seither statt kaum Italienisch kaum Griechisch sprechen kann). Wer am Samstag im “Sport-Stammtisch” meine Pneumothorax-Heldengeschichte gelesen hat: Hans Gutmann toppt sie. Aber wie! Lesen Sie selbst, und ich bin jetzt weg.

Baumhausbeichte - Novelle