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Sport-Stammtisch (vom 23. März)

Bei der Sportschützen-WM wurde vor einigen Jahren für einen kasachischen Sieger die Hymne gespielt: »Kasachstan größtes Land der Welt, alle anderen Länder von kleinen Mädchen regiert.« Das ist noch echtes nationales Selbstbewusstsein! Dennoch protestierten die Kasachen, denn die Organisatoren hatten die falsche Hymne aufgelegt – die aus dem ethnodokumentarischen Juxfilm »Borat«. Die echte Hymne geht so: »Mening elim, mening elim, / Güling bolyn egilemin«. Wikipedia-Übersetzung: »Oh du mein Land, oh du mein Land / Ich bin die von dir gezogene Blume.«
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So, damit ist Kasachstan abgehakt. Nächstes Thema: Michael Frontzeck. Das Weichei. Der Trainer des FC St. Pauli brach sich beim Zusammenprall mit seinem Torwart drei Rippen, klagte über Atemnot, kam in die Klinik. Intensivstation, Not-OP. Eine Rippe hatte die Lunge eingerissen. Pneumothorax also. Na und? Als ich mit dem Rad stürzte und keine Luft mehr bekam, fuhr ich dennoch weiter, in die Klinik, mit dem »Platten« in der Lunge, und dort wurde mir in der Notaufnahme bei vollem Bewusstsein die Brust aufgebohrt und ein Schlauch in die kollabierende Lunge gelegt. Habe ich geklagt? Ha, ich Kasache, du Mädchen! (Etwas ernsthafter gehe ich ein rippenbrechendes Thema heute in der »Nach-Lese« unseres Feuilletons an; bitte zurückblättern, aber bitte erst später!)
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Noch ernsthafter: die Vorwürfe von Babak Rafati. Sein Selbstmordversuch hat alle berührt, aber es berührt unangenehm, wenn er jetzt auf allen Kanälen und aus allen Rohren gegen Schiedsrichter-Chef Fandel schießt. »Menschenunwürdig, sehr kalt und persönlich verletzend« sei er behandelt und »systematisch gemobbt« worden. Schwere Vorwürfe, bei denen sich ein empfindsamer Adressat ebenfalls persönlich tief verletzt fühlen muss. Zudem hinterlassen sie das ungute Gefühl, dass Rafatis Medienkampagne von »Stern« bis »Beckmann« vor allem der PR seines jetzt erschienenen Buches »Ich pfeife auf den Tod« helfen soll. Auch der reißerische Titel dient nicht unbedingt der Sache.
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Sache ist: Nicht Fandel hat Rafati dreimal innerhalb von vier Jahren zum schlechtesten Schiedsrichter der Bundesliga gewählt, sondern die Fußballprofis taten dies. Und warum gibt es diese Rübe-ab-Rankings überhaupt? Böse Mächte, die sie uns gegen unseren Willen aufzwängen? Tja.
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Kein ganz anderes Thema: Lindsey Vonn und Tiger Woods. Kaum machen sie ihre Liebesbeziehung öffentlich (natürlich per Facebook), schon gibt es Wettquoten auf das schnelle Ende der Liebe. Aber ich hebe nicht den moralischen Zeigefinger, sondern zeige ihn mir selbst: Nach diversen von ihr selbst angestoßenen Schlagzeilen der letzten Monate hatte ich vor einigen Wochen still feixend, weil »Ohne weitere Worte«, diesen Auszug aus einem »SZ«-Interview mit US-Schauspieler Bradley Cooper (»Sexiest Man Alive«) in unsere dienstägliche Zitaten-Kolumne gestellt: »Fanden Sie es mutig, als Lindsey Vonn unlängst öffentlich über ihre Depressionen sprach?« – »Lindsey? Wer?« – »Na, die amerikanische Olympia-Skirennläuferin, über die gerade dauernd berichtet wurde.« – »Oh. Von der habe ich ehrlich gesagt noch nie etwas gehört.«
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Da dachte ich vor mich hin: Was muss sie bloß noch anstellen, um auch in den USA allgemein bekannt zu werden? Obama anbaggern? – Na ja, Woods geht auch.
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Ich weiß, ganz schön böse. Aber längst nicht so böse wie die »taz«. Deren Schlagzeile zur Papstwahl war selbst mir zu hämisch, um sie in »Ohne weitere Worte« aufzunehmen: »Junta-Kumpel löst Hitlerjunge ab.« Liebe linksliberale Kollegen: Zeigt euren Mut doch mal, indem ihr ähnliche Schlagzeilen zum Islam erdichtet!
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Wer hat hier einen Knall? Vielleicht ich. Aber einen Urknall hab ich nicht. Denn dass der europäische Forschungssatellit »Planck« bei der Vermessung des Urknalls Zweifel an demselben aufkeimen und als »mathematischen Zaubertrick« (»Spiegel«) erscheinen lässt, bestätigt meine alte Vermutung: Wer an den Urknall glaubt, hat selbst einen Knall. Und vom Papst über die Ayatollahs und den Dalai Lama bis zum intelligentesten Naturwissenschaftler und hartnäckigsten Atheisten werden sich am Jüngsten Tag sowieso alle wundern, wenn »Bild« mit der letzten Schlagzeile herauskommt: »Alles ganz anders!« – Aber das ist auch ein »ganz anders« Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle