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“Ich komme ja schon!” (Nach-Lese vom 23. März 2013)

Äußerste, wohligste Zufriedenheit. Wie auf Rosen gebettet. Glück ist kein kurzer Moment, Glück kann Dauerzustand sein. Keine Sehnsucht nach gar nichts. Das Paradies? Nirwana? Dieses Leben ist einfach nur schön. Eins sein mit allem, ohne Bedürfnisse, mit tiefem inneren Frieden.
Doch in diese Idylle dringen störende Nebengeräusche. Aus einer fremden Welt. Was wollt ihr von mir? Ich soll kommen? Muss ich das? Ja, ich muss. Die Stimmen werden drängender, lassen keine Ruhe, nehmen die Ruhe. Widerwillig gebe ich nach.
»Ich komme ja schon. Bin ja schon da.«
Und dann bin ich wieder da.
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In der »HörZu« lese ich, dass »5 Prozent der Deutschen schon eine Nahtod-Erfahrung hatten«. Die Fernsehzeitschrift stellt ein Buch des Neurochirurgen Eben Alexander vor: »Blick in die Ewigkeit.« Alexander lag mit einer seltenen Form der Hirnhautentzündung sieben Tage im Koma und hatte eine Nahtod-Erfahrung, »etwas, das er seinen Patienten früher als Fantasieprodukt chemischer Reaktionen im Hirn erklärte – und das ihn jetzt an seinem Weltbild zweifeln lässt«. Alexander »berichtet von einer beklemmenden, stinkenden Unterwelt, aus der ihn ein leuchtendes, engelsgleiches Geschöpf herausführt. Gemeinsam reisen sie auf einem Schmetterlingsflügel an einen paradiesischen Ort voll Freude und Wärme.« Alexander betont, das könne keine Vorspiegelung des Gehirns gewesen sein, denn E.-coli-Bakterien hätten seine Großhirnrinde ausgeschaltet, »in diesem Zustand ist die Verarbeitung von Emotionen und Gedanken unmöglich«.
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In der »Welt« lese ich ein Interview mit Oliver Sacks. Auch ein Neurologe, wahrscheinlich der bekannteste überhaupt. Er schrieb »Zeit des Erwachens«, das Buch wurde die Vorlage zum anrührenden Film mit Robert de Niro und Robin Williams. Auch seine Fallgeschichten »Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte« wurden ein Bestseller, den Titel kennt fast jeder. Im Interview sagt Sacks: »Ich sah riesige Eierköpfe mit glitzernden Augen.« Bei Sacks ist es aber nur das Gehirn, das solche Halluzinationen verursacht, meist durch Drogen oder Drogenentzug angestoßen. Und dann kommt Sacks auf ein Buch zu sprechen. Ich nehme an, es ist das von Alexander, obwohl er den Autor nicht namentlich nennt: »Vor ein paar Monaten erschien ein Buch mit dem Untertitel: ›Die Reise eines Neurologen in das Leben nach dem Tod.‹ Ich muss gestehen, dass mich das erzürnt hat. Nicht der Erlebnisse wegen, die er hatte und die ganz offenkundig halluziniert waren: ein Tunnel voller Licht, eine schöne Welt dahinter. Erzürnt hat mich seine Behauptung, er habe das erlebt, als er im Koma lag, so dass seine Großhirnrinde nicht aktiv gewesen sein könne. Deswegen habe nicht die Cortex seine Visionen hervorgerufen. In seinem Buch schreibt er, er habe verschiedene Erklärungen versucht, aber er kommt nie auf die offenkundige: dass er im Begriff war, aus dem Koma aufzuwachen, als seine Visionen entstanden. Mir ging auf die Nerven, dass er seine Stellung als Neurologe missbrauchte, um seine Behauptungen zu stützen.«
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Vielleicht geht Sacks aber vor allem auf die Nerven, dass ihm der Neurologen-Kollege die Bestseller-Show stehlen könnte, denn Sacks’ neues Buch »Theater im Kopf«, soeben in Deutschland erschienen, wendet sich an die gleiche Zielgruppe und hinkt des vorgepreschten Alexanders »Blick in die Ewigkeit« noch hinterher.
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Hirn oder nicht Hirn, das ist hier die Frage. Aus diesem Neurologen-Zwist halte ich mich aber heraus. Stattdessen Rückblende: Griechenland. Chalkidiki. Vorsaison. Der deutsch sprechende Wirt, der Zeit hat, mein Behelfs-Griechisch zu verbessern, erzählt von Christos. Der arme Mann habe seine Frau verloren, verdiene sich seinen Lebensunterhalt mit Muli-Touren zum Picknicken in die waldreiche Umgebung. Ob ich nicht vielleicht auch …? Es sind ja sonst keine Touristen da, nur ein paar Russen und Bulgaren, die geben dafür kein Geld aus. Ich habe keine Lust zu diesem touristischen Quatsch – Eselreiten! – lasse mich aber breitschlagen. Ist für einen guten Zweck, und mich sieht ja keiner. Außer der Liebsten und Christos. Vor denen schäme ich mich nicht.
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Am nächsten Tag geht’s los. Christos reitet voraus, vier weitere Mulis trotten hinterher, ich auf dem ersten, die Liebste auf dem zweiten. Die Mulis sind mit Ketten aneinander gebunden, es geht im Gänsemulimarsch voran. Stundenlang. Irgendwann Picknick. Ich sitze auf dem Waldboden. Unbequem. Alles tut weh. Christos holt zerdrückte Wurst aus der Hosentasche, schneidet mit dem Taschenmesser Stücke ab und gibt sie uns. Getrunken wird Wein aus einer alten Plastikwasserflasche. Heilfroh bin ich, als zurück ins Dorf getrottet wird. Was tut man nicht alles, um den armen Kerl, der keine Frau mehr und noch keine Touristen hat, ein paar Euro verdienen zu lassen. Endlich, an der Staubstraße vor dem Dorf, steigt er ab. Ich hurtig ebenfalls. Zu hurtig. Steige ab wie vom Fahrrad, denke nicht an die Kette, mit der mein Muli mit dem der Liebsten verbunden ist, bleibe mit dem rechten Fuß hängen, rudere hilflos mit den Armen, dann platsche ich mit dem Rücken auf die Straße. Ein Schmerz durchdröhnt mich, ich denke noch, scheisse, schon wieder die Rippen, diesmal aber volle Kanne, und das hier in der griechischen Wallachei, ziehe mich mühsam am Muli hoch … und dann denke ich gar nichts mehr, weiß nichts mehr.
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Später berichtet die Liebste: Ich bin mit einem grauenvollen Knirschgeräusch auf den Rücken gekracht, habe mich aufgerappelt, bin dann aber wieder am Muli runtergerutscht und lag wie tot am Boden. Habe auf nichts reagiert. Sie und Christos schrien vor Aufregung, gaben mir kleine Ohrfeigen – keine Reaktion. Ein Auto hielt an, zwei sächsisch klanggefärbte Touristen fragten, ob sie helfen könnten. Ja. Ob sie Wasser hätten? Sie holten eine Flasche Wasser aus dem Auto, Christos spritzte sie mir ins Gesicht. Nichts. Sie schrien weiter, schlugen mir heftiger auf die Wangen. Dann endlich eine Reaktion: »Ich komme ja schon. Bin ja schon da.«
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Nahtod-Erfahrung? Würde ich nie behaupten. Aber schön war’s. Soo schön! Und dann leider wieder zurück in die schmerzensreiche Welt meiner gebrochenen Rippen.
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Der eine Neurologe sagt dies, der andere das. Ich sage nichts. Ich weiß nichts. Ich ahne nur: Zwischen Himmel und Erde gibt es mehr, als sich Neurologen, Gottsucher, Schulweisheit und Esoterik träumen lassen.
(gw)

Baumhausbeichte - Novelle