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Wer bin ich? (März-Runde)

Wir echten Sportfreunde erkennen uns ja unter anderem daran, dass wir noch die Aufstellung des Lieblingsklubs unserer Kindheit auswendig wissen. Soll ich die Namen einmal aufzählen? Also … nein, der Herr Redakteur legt sein Veto ein, weil ich damit zu leicht zu identifizieren wäre. Aber ich kenne sogar die Aufstellungen früherer großer Gegner meines Vereins. Zum Beispiel der … wie bitte? Wieder ein Veto? Nicht den Vereinsnamen nennen, allenfalls ein paar Vornamen? Einverstanden: Wilhelm B. im Tor, davor Albert B., Walter R. … das sollte genügen.
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Sie sind alle schon lange tot. Aber nicht nur das Leben ist endlich, sondern auch das eigene Selbst kann im noch gelebten Leben endlich sein. Doch wer denkt schon daran, wenn er noch selbst gegen den Ball tritt? Auch das habe ich natürlich getan. Ich war Fußballtorwart. Leider musste ich schon früh die Sportkarriere beenden, wegen einer Krankheit, obwohl an der heutzutage sehr viele Spitzensportler leiden sollen. Jedenfalls legen sie Atteste vor, so dass sie Medikamente einnehmen dürfen, die auf der Dopingliste stehen.
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Auch der Leichtathletik war ich sehr zugetan. Deren Protagonisten habe ich als Brüder und Schwestern der Künstler betrachtet, ich nannte sie »Menschen, deren Tun …«, aber den Satz führe ich jetzt lieber nicht fort – zu leicht für die Suchmaschinen.
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In meinem späteren Leben war ich am ehesten vergleichbar mit einem Zehnkämpfer, denn in meinem zwar sehr unathletischen Metier zeigte ich mich doch sehr vielseitig interessiert und engagiert. Das geben selbst meine nicht wenigen Kritiker früherer Jahre zu. Es sei nicht sehr originell, mich penetrant zu finden und über meine Allgegenwart zu mokieren, las ich einmal in einer großen Zeitung. Zu allem und jedem hätte ich eine Meinung, vom Lausitzer Tagebau bis zum Holocaust-Denkmal und der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.
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Deutscher Fußball. Da habe ich mir einige Feinde gemacht – ja, auch Sie, werter Herr Redakteur, waren darunter, als ich während einer Weltmeisterschaft meinte, für unser Prestige in der Welt sei es hilfreicher, gegen ein afrikanisches Land zu verlieren, als den Titel zu gewinnen. Einen nationalgeschamigen Fußball-Sozialromantiker schimpften sie mich. Nun ja, vergeben und … vergessen. Wer bin ich?
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Das ist hier wieder die Frage, diesmal eine, die auch eine Spur zu dem Gesuchten legt (Einsendeschluss: 29. März). (gw)

Baumhausbeichte - Novelle