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Mittwoch, 20. März, 8.45 Uhr

Es nervt zwar, wenn immer über das Wetter gemosert wird, aber jetzt nervt das Wetter langsam auch mich. Es reicht! Wenigstens hat es gereicht, schon jetzt alle schreiberischen Aufgaben erfüllt zu haben. Die „Auszeit“ für die Pfarrer, die „Nach-Lese“ fürs Feuilleton sind ebenso geschrieben wie die neue „Wer bin ich?“-Runde. Die steht schon online, der eine Tag Bedenkzeit mehr ist ja wohl kein unfairer Vorteil. Jetzt muss ich erst am Freitag wieder mit dem „Sport-Stammtisch“ ran.
In der „Mailbox“ endlich mal wieder eine heftige, böse Kritik. Gefällt mir. Gehört schließlich auch dazu, und dass lange Zeit niemand richtig böse auf mich war, hat mich fast verunsichert. Aber ich und die NPD … na ja.
Eine der selbstgesetzten Aufgaben habe ich verschoben, vielleicht sogar aufgegeben: „So wahr das“, da zucke ich vor der vielen Arbeit zurück. Wenn ich jetzt weitermache, müsste ich auch dran bleiben, daher schiebe ich es vor mir her. Tendenz: Aufgeben. Weil: Wen interessiert so etwas überhaupt? Wenn ich aufgebe, stelle ich das bisher Fertiggestellte wenigstens in den Blog. Ach, den ersten Teil könnte ich ja schon mal vorlegen, zwar nur im optisch unbearbeiteten Rohtext, aber hier ist er:

So wahr das

Collage mit Zeitzeugnissen, Presseartikeln, Briefen
und Tagebuchaufzeichnungen

Robert

Unser kleiner Junge und Bruder ist angekommen

Anna Radiger, geb. Müller und Wolfhard Radinger mit Karin und Ella
Gießen, den 22. August 1947, zur Zeit Kath. Schwesternhaus
(MNZ*/23. August 1947)

* MNZ: Mittelhessische Neue Zeitung (Tageszeitung)

weitere verwendete Abkürzungen:

dpa: Deutsche Presse-Agentur (überregionale Nachrichtenagentur)
UP: United Press (internationale Nachrichtenagentur)
GFP: Gießener Freie Presse (Tageszeitung)
AZ: Gießener Allgemeine Zeitung (vorher: GFP)
WN: Wetterauer Nachrichten (Tageszeitung)
WZ: Wetterauer Zeitung (vorher: WN)
WN: Wetterauer Nachrichten

Ohne Quellenangabe: Kleinanzeigen und Werbe-Inserate, die meist in mehreren Publikationsorganen abgedruckt wurden

Teil 1: 1. Januar bis 31. März 1950

Westdeutschland feierte den Beginn der 2. Jahrhunderthälfte. In feucht-fröhlicher Ausgelassenheit begrüßte die Bevölkerung des Bundesgebiets den Beginn der 2. Jahrhunderthälfte. Silvester 1949 hatte zum erstenmal nach 11 Jahren wieder fast friedensmäßigen Charakter. Die Hoffnung, daß es wieder aufwärts geht, stimmte auch diejenigen froh, die noch auf die Erlösung von seelischer und materieller Not warten. (dpa/1. Januar 1950)

Der Landes-Nachforschungsdienst des Roten Kreuzes gab bekannt, daß im Lager Waldschänke in Hersfeld 413 Heimkehrer aus Rußland eingetroffen sind, die am 3. 1. 1950 zur Entlassung kommen. Unter ihnen befinden sich folgende Personen aus unserer näheren Heimat: Hermann Hagen, Grünberg, Schulstraße 7, Lg.-Nr. 7399 Kuibischef; Erwin Schäfer, Burkhardsfelden, Lg.-Nr. 7424/22 Sewastopol; Ferdinand Brunner, Gießen-Wieseck, Grabenstraße 35, Lg.-Nr. 7100/1 Saporoje; Willy Müller, Dorf-Güll, Lg.-Nr. 7435/14 Moskau; Hans Krug, Treis, Lg.-Nr. 7874 Moskau; Jakob Serth, Steinbach, Lg.-Nr. 7173 Sysran; Hans Ruppel, Gießen, Karl-Vogt-Straße 1, Lg.-Nr. 7178 Minsk; Eduard Hainer, Heuchelheim, Lg.-Nr. 7168 Minsk; Albert Schlapp, Lollar, Lg.-Nr. 7178/2 Minsk.
(GFP/2. Januar 1950)

Tödlicher Unfall, Fahrer flieht. In der Silvesternacht wurde der Student Ludwig L. In der Frankfurter Straße von einem stadtauswärts fahrenden Automobil erfaßt und tödlich verletzt. Der Fahrer des Wagens hielt an, fuhr dann aber weiter, wie ein Zeuge berichtete, der nach einem Knall aus dem Fenster seines Hauses geschaut hatte. Der Fahrer ist flüchtig. Die Polizei teilt mit, daß Ludwig L. vermutlich unter Einfluß von Alkohol stand.
(MNZ/2. Januar 1950)

Haska, neuwertiges 4-Röhren-Radiogerät, Allstr. 110/220, Baujahr 1948, Umst. halber geg. bar billig zu verkauf. od. geg. Motorrad (Kofferschreibmaschine) zu vertausch.
(GFP/4. Januar 1950/Kleinanzeige)

So denken Ihre Mitmenschen über die wirtschaftliche Entwicklung 1949. Hugo Dürr, 24 Jahre, zur Zeit Hilfsarbeiter, Gießen. – „Wenn das Geld auch knapp ist, so konnte man doch wieder das Nötigste anschaffen. Hauptsache ist: Man kann sich wieder sattessen. Wenn auch das Geld für den Winterbrand und die Einkellerungskartoffeln nicht ganz gereicht hat, so will ich doch schon ganz zufrieden sein.“
(GFP/5. Januar 1950/)

Wochenküchenzettel von Frau Lissi Lüdeking, Gießen, Ludwigstraße 24. 10. Preis unseres großen Herbst-Preisausschreibens. Sonntag: Grünkernsuppe mit gerösteten Brötchen, Kalbsbraten, Blumenkohl, Kartoffeln, Vanillepudding. Zutaten: Knochen für Suppe, 50 g Grünkernmehl, 1 Brötchen, 30 g Fett, 750 g Kalbfleisch, Fett zum Braten, Mehl, Salz, Gewürz; 1000 g Kartoffeln; 1 großer Blumenkohl, Mehl und Fett zur Soße; ½ l Milch, 1 Vanille-P.P., 2 Esslöffel Zucker. DM 4,83.
(GFP/5. Januar 1950)

Hitlerdouble in Nöten. „Allmählich wird es mir zu bunt“, erklärte uns Heinrich Noll, der stadtbekannte Doppelgänger Adolf des Verführers. „Wo ich auch erscheine, überall laufen die Leute mir nach. Davon kann ich als Erwerbsloser aber leider nicht leben.“ Noll ist zwar um zwei Zentimeter kleiner als sein „großes“ Vorbild, aber sonst unverkennbar „ihm“ täuschend ähnlich. „Ließe doch die DEFA endlich etwas von sich hören“, meinte er, als wir ihn über seine Zukunftsabsichten befragten. „Dieser Filmgesellschaft habe ich neulich ein paar Aufnahmen von mir geschickt, weil sie immer noch einen Hauptdarsteller für ihren Film über den Untergang des Dritten Reiches sucht.“ Daß sich außer ihm bereits 300 andere Bewerber um die gleiche Rolle bemüht haben, weiß er.
(GFP/7. Januar 1950/)

Wölfersheim. Am 19. Januar 1950 findet im Saale Hübner ein bunter Abend statt. Die ehemalige Spielgruppe des Stalingrad-Kriegsgefangenenlagers 7108/15 bietet in „100 bunten Minuten“ ein auserlesenes Programm aus der Zeit der Kriegsgefangenenschaft 1945 – 1949. Es ist dies eine bislang noch nicht gebotene Veranstaltung, die besonderes Interesse finden wird.
(WN/aus der Rubrik „Blick in die Wetterau“/14. Januar 1950)

Frei von Bruchbeschwerden durch das seit Jahrzehnten bekannte und bewährte Spranzband. Hunderttausende sind zufrieden! Ihr Vertrauen dem Stranzband – und auch Ihnen kann geholfen werden. Sprechstunden: Dienstag, den 17. Januar 1950: Bad Nauheim, 9.30 – 10.30, Hotel Pfälzer Hof. Butzbach, 11 – 12, Gasth. Gambrinus.
(WN/Kleinanzeige/14. Januar 1950)

Kostenlose Ausgabe von Lebertran. Am Montag, dem 16. Januar 1950 von 14.30 bis 16 Uhr, erfolgt nochmals eine kostenlose Ausgabe von vitaminangereichertem Lebertran aus der Spende des Weltkinderhilfswerkes in der Berufsschule Bad Nauheim für Kinder von 1 – 6 Jahren und für werdenden und stillende Mütter. Kinder von 1 und 2 Jahren erhalten je 600 g, ältere Kinder und werdende und stillende Mütter erhalten je 300 g. Leere, saubere, trockene Flaschen sind mitzubringen.
(Amtliche Bekanntmachung/14. Januar 1950/)

Liebste Martha, seit zwei Wochen habe ich keinen Brief von Dir bekommen. Ich hoffe Dir geht es gut. Ich vermisse Dich, meine große Schwester. Leider warst Du nicht dabei, als ich das kleine Robertchen zum ersten mal in den Kindergarten gebracht habe. Du weißt doch, der Kindergarten am Bahndamm gegenüber vom Oßwaldsgarten. Leider hat das Kerlchen sofort geheult, als die anderen Kinder wild spielten und mit Sachen warfen. Er ist wohl doch noch zu jung dafür. Ich habe ihn wieder mitgenommen und warte jetzt bis der neue Kindergarten hier bei uns aufmacht.
Wolfhard ist immer unterwegs und will Geld verdienen. Stell Dir vor er will jetzt das deutsche Patent für diesen Tripol-Vergaser kriegen. Du hast gewiss schon in der Zeitung davon gelesen. In Schweden fahren die Autos schon damit. Wolfhard hat es mir aufgeschrieben. Wasser-Photogen. Frag mich nicht was das bedeutet. Ich weiß nur daß dadurch Benzin mit Wasser vermischt wird und die Autos trotzdem fahren. Das wird ein Bombengeschäft sagt er. Hoffentlich hat sein merkwürdiger Freund Hermann nichts damit zu tun. Den bewundert Wolfhard, und immer treibt er sich mit ihm herum. Hermann hat in Tanger nach dem Krieg viele Dollars gemacht, sagt Wolfhard, und jetzt wollen sie zusammen in Heuchelheim ein Geschäft eröffnen. Hermann ist mir unheimlich, Tripol wäre mir viel lieber.
Schade daß wir nicht mehr zusammen tratschen können wie früher. Musst Du wirklich in Bad Nauheim bleiben? Nur wegen dem blöden Geld? Da hat es die Rita Hayworth besser. Hast Du das Bild in der Zeitung gesehen? Kriegt ein Kind von dem Ali Kahn und der Opa Aga Khan will das Baby jetzt mit Diamanten aufwiegen. Fünfeinhalb Pfund wiegt der Bengel. Unser Robertchen wog über sieben Pfund. Was wären wir reich.
Ich drücke und küsse Dich. Vielleicht organisiert sich Wolfhard ein Motorrad mit Seitenwagen dann kommen wir Dich besuchen. Küsschen auch von Karin und Ella. Sie sind lieb und richtig gut in der Schule. Deine Dich liebende Schwester Anna.
(Anna Radiger an Martha Müller/1. Februar 1950)

Opel Olympia 1950: Ein Wagen von internationalem Format!
Moderne Karosserieform / 1,5 Ltr. Hochleistungsmotor 37 PS / Fernschaltung / Öldruckbremsen
Limousine DM 6785 a. W. / Cabrio-Limousine DM 6950 a. W.
Der Vorführungswagen steht zu Ihrer Verfügung
(2. Februar 1950/Opel-Werbung in Tageszeitungen)

Geburten: 25.1.1950: Gisela, Tochter des Studenten der Pädagogik Ludwig Leinweber (verstorben) und Magda, geb. Willscheid, wohnhaft in Gießen, Schottstraße 38.
(3. Februar 1950/Familienchronik in der MNZ)

Montag: Geröstete Grießsuppe (Knochenbrühe), Kalbsbraten (Rest vom Sonntag), Kartoffeln, Endiviensalat. Zutaten: 100 g Grieß, 20 g Fett, Salz; 1250 g Kartoffeln; 1 Kopf Endivien, Essig, Oel, Salz, Pfeffer, Zwiebel, Zucker. DM 0,68.
(Wochenküchenzettel von Lissi Lüdeking, Gießen, 10. Preis / GFP)

HEIL Nudeln HEIL Maccaroni HEIL Konserven
(Textanzeige, 1950 oft geschaltet, hier vom 4. Februar)

Watzenborn-Steinberg. Der Vorsitzende des Elternbeirats, W. Damasky, hatte die Eltern aller schulpflichtigen Kinder zu einer Versammlung in die Volkshalle eingeladen. Nach Begrüßung der leider nicht allzu zahlreich Erschienenen ergriff die Schulleiterin Frau Günsche das Wort. Nach Verlesung eines Erlasses des Kultusministers vom 13. 5. 1946 über das Züchtigungsrecht, entwickelte sich eine lebhafte Diskussion. Da dieser Erlass nach Meinung der Anwesenden nicht nur im Widerspruch zum Grundgesetz, sondern auch im Widerspruch mit dem z. Z. noch geltenden Schulgesetz stehe, wurde einstimmig beschlossen, dem Kultusminister Dr. Stein eine in diesem Sinne verfaßte Entschließung zur Kenntnisnahme vorzulegen. Im letzten Punkt der Tagesordnung wurden Wünsche der Erzieherschaft an die Gemeindevertretung vorgetragen und von dieser Seite u.a. die Anlage einer Klingelanlage in den Schulgebäuden als notwendig anerkannt. Das überhandnehmende Herumtreiben von Jugendlichen auf den Straßen nach anbrechender Dunkelheit und das Antreffen von jugendlichen Schulentlassenen in Gasthäusern und auf dem Tanzboden wurde seitens der Erzieher scharf gegeißelt.
(GFP/4. Februar 1950)

Meine geliebte kleine Tochter Gisela, Du bist alles, was mir geblieben ist. Nun bin ich wieder mit Dir in unserer kleinen Wohnung in der Schottstraße. Wenn es Dich nicht gäbe, würde ich nicht mehr leben wollen. Aber für Dich will ich leben, Dir eine gute Mutter sein und auch versuchen, Dir den Vater zu ersetzen. Sobald ich an Ludwig denke, muß ich weinen. Aber das will ich nicht, denn ich glaube, auch so ein kleines Wesen wie Du spürt schon, wenn seine Mama traurig ist und weint und wird dann vielleicht auch ein kleines trauriges Mädchen. Man liest ja jetzt so viel über Einflüße in frühester Kindzeit, die Unbewußtheit, die viel anrichten kann, sagt ein Dr. Freud. Ich will von nun an immer in diese Kladde schreiben, was mir durch den Kopf geht und was in der Zeitung steht, für Dich, damit Du in späteren Zeiten lesen kannst, wie es damals war. Ich will Dir auch von Deinem Vater berichten, der ein wunderbarer Mann war, auf den Du stolz gewesen wärst. Er war meine erste große Liebe, und auch die letzte. Ich hatte zuletzt Schwangerschaftsprobleme und musste für drei Tage ins Krankenhaus, ausgerechnet zu Silvester, an dem Tag wollten wir heiraten, das Aufgebot war bestellt. Ludwig war fast in jeder Stunde da, am Silvestertag stießen wir mit Selterswasser auf unsere Zukunft an. Dann ging er nach Hause, um ein paar Stunden zu schlafen und dann für sein Studium zu lernen. Er war nüchtern, und irgendein betrunkener Kraftwagenfahrer hat ihn angefahren und liegen lassen. Wie soll es bloß weitergehen ohne ihn? Oma und Opa hast Du nicht mehr, ich habe nichts gelernt, wir sind bettelarm. Ach, liebster Ludwig … für heute höre ich auf, kleine Gisela. Du bist so hübsch und schläfst wie ein Engelchen.
(Magda Willscheid/4. Februar 1950)

Dienstag: Kartoffelsuppe mit Gelbe Rüben, Sellerie und Lauch, Weckauflauf mit gekochten Birnen. Zutaten: 500 g Kartoffeln, Gelbe Rüben, Sellerie und Lauch, 50 g Fett, Salz, 12 Brötchen, 50 g Zucker, 1 Ei und etwas Eipulver, 1 l Vollmilch, Zitronenschale, 30 g Margarine. DM 2,-
(Wochenküchenzettel von Lissi Lüdeking, Gießen, 10. Preis / GFP)

Überlegenheit zeigt sich im Tragen. Thalysia-Leib- und Büstenhalter bieten selbst in schmerzhaft schwersten Fällen Formvollendung. Lebensfrohes Wohlbefinden, bessere Leistung im Beruf. Reformhaus Schlumberger, Gießen, Seltersweg 52.
(4. Februar 1950/Kleinanzeige)

Heute abend, 20 Uhr, Ende …? Maskenball in der Karlsruh. Stimmung und Humor bringen die Marburger Rhythmiker. Kein überhöhter Eintrittspreis.

Sonntag, den 5. 2. Treffen der Schlesier und Sudetenländer zu einem Faschingsball in der Karlsruh. Heimatliche Klänge. Es ladet ein der Wirt: Eduard Mrasek aus dem Hultschiner Ländchen. Eintritt DM 0,50.

Theater der Stadt Gießen. Intendant: Anton Ludwig. Großer bunter Faschingsabend. „Unser Theater einmal ganz anders und auf den Kopf gestellt“ – Kostümfreiheit!

Wovon spricht Gießen? Von der großen, karnevalistischen Elferratssitzung mit Kostümball des Gesangvereins „Heiterkeit“, 20.11 Uhr, in der Hochschul-Aula der Universität, mit der Kapelle „Egerland“.
(Veranstaltungsanzeigen am 5. Februar 1950)

Liebe Anna, für Deinen Brief danke ich Dir. Daß ich Dir nicht geschrieben hatte, lag an der vielen Arbeit im Frisiersalon. Auch am Abend und an den Wochenenden mache ich einigen privaten Kunden die Haare. Sie bezahlen mich in Naturalien (Wurst von der Metzgersfrau, Kuchen von der Bäckerin usw.). Jetzt ist es schon stockdunkel, ich bin müde, aber ich will Dir unbedingt noch ein paar Zeilen schreiben, denn Dein Brief beunruhigt mich. Du weißt, daß ich Wolfhard, Deinen „Wolfi“, anders sehe als Du. Er ist ein Hallodri, treibt sich herum, ist mit allen gut Freund und hat nicht einmal Probleme bei der Entnazifizierung, obwohl er ein Hundertfünfzigprozentiger war. Gewiß, er war jung, aber mein Frieder war auch jung und kein Nazi. Mein armer Frieder, der jetzt irgendwo in einem russischen Lager hungert oder vielleicht sogar schon längst … nein, das schreibe ich nicht, da will ich gar nicht daran denken, sondern immer weiter hoffen. Aber ich halte es einfach für ungerecht vom „lieben“ Gott, dass Dein Wolfhard putzmunter aus dem Krieg zurück kam und immer fröhlich auf die Füße fällt, während mein Frieder, der herzensgute, friedfertige Mann .. aber jetzt Schluß damit.
Typisch, daß Wolfhard von einem „Bombengeschäft“ spricht, so wenige Jahre nach den vielen Bomben, die gefallen sind. Aber von ihm Einfühlsamkeit zu erwarten, das wäre, wie einem Ochsen ins Horn zu petzen. Tripol-Vergaser! Daß ich nicht lache! Das wird doch wieder nichts, ist für ihn nur ein weiterer Grund, um sich herumzutreiben, statt sich um Frau um Kinder zu kümmern. Sein Kumpan Hermann scheint ja ein ähnlicher Typ zu sein, nur erfolgreicher.
Und jetzt zu Dir, liebe Anna. Spiele bitte nicht die Rolle des Heimchens am Herd, Du bist eine gescheite junge Frau. Wer weiß, was mit Wolfhard wird, wer weiß, ob Du nicht eines baldigen Tages auf Dich allein gestellt sein wirst, mit drei Kindern. Tue was für Deine Bildung, lies nicht immer nur Klatsch und Tratsch in der Zeitung wie dieses blöde Zeug vom Aga Khan, der Hollywood-Dame und den Diamanten. Weißt Du überhaupt, was in Indochina los ist? Die Sowjetunion und China haben den kommunistischen Rebellen Ho Chi Minh anerkannt, das riecht nach einem langen Krieg. Die Amerikaner haben verkündet, daß sie eine Wasserstoffbombe bauen werden. Das ist kein Tripol-Vergaser, sondern eine Bombe, tausendmal schlimmer als die Atombombe. In London steht ein Atomforscher vor Gericht, er heißt Dr. Klaus Fuchs, ist also wahrscheinlich ein Deutscher, der den Russen alle Atomgeheimnisse verraten haben soll, so daß die nun auch Atom- und Wasserstoffbomben bauen können. In der Welt geschehen wieder solch schlimmen Dinge, und Du interessierst Dich nur für Klatsch! Gehe lieber mal ins Theater, im März wird es eine Welturaufführung geben. In Gießen! Am Stadttheater wird die Operette „Insel des Glücks“ gespielt. Stell Dir vor, eine Weltpremiere in Gießen! Vielleicht schaffe ich es ja, mit Dir hinzugehen.
So, und jetzt bin ich wirklich todmüde, meine liebe kleine Schwester. Ich bete noch für Frieder und für Euch, dann gehe ich schlafen. Ich küße Dich. Deine Martha.
(Martha Müller an Anna Radiger / Bad Nauheim, 7. Februar 1950)

Mittwoch: Kartoffelbrei mit Zwiebeln und fett, Rotkraut. Zutaten: 1500 g Kartoffeln, ½ l Milch, 1000 g Rotkraut, Essig, Salz, Zucker, 1 Apfel, Fett und Zwiebeln. DM 1,06.
(Wochenküchenzettel von Lissi Lüdeking, Gießen, 10. Preis / GFP)

Einer sagt’s dem andern weiter, gute Kleider kauft man stets bei Schneider. Gießen, Plockstr. 6
(Zeitungswerbung am 7. Februar 1950)

Lichtspielhaus: Das in Cannes preisgekrönte Meisterwerk: DER DRITTE MANN, mit Josef Cotten, Alida Valli, Orson Welles, Trevar Howard, Paul Hörbiger, Erich Ponto, Siegfried Breuer, Ernst Deutsch, Hedwig Bleibtreu. Der Film, der die Welt begeistert und den Sie sehen müssen.
(Kino-Anzeige am 7. Februar 1950)

Donnerstag: Haferflockensuppe, Gelbe Rüben, Frikadellen, Kartoffeln. Zutaten: 150 g Haferflocken, Suppengrün, Salz; 1000 g Gelbe Rüben, 30 g Mehl, Salz; 150 g Hackfleisch, 2 Brötchen, Eipulver, Weckmehl, Zwiebeln, Pfeffer, Salz, 50 g Fett zum Braten, 1000 g Kartoffeln. DM 2,05.
(Wochenküchenzettel von Lissi Lüdeking, Gießen, 10. Preis / GFP)

Merkwürdige Arbeitsbeschaffung. Die Strafkammer Limburg verurteilte den 29-jährigen Filmtechniker Wuelfing in Wetzlar wegen Kuppelei zu acht Monaten Gefängnis. Der Angeklagte hatte im vergangenen Jahr aus der Ostzone illegal geflüchtete Mädchen im Lager Gießen aufgefordert, mit ihm nach Wetzlar zu fahren, um ihnen Arbeit zu verschaffen. Die Mädchen brachte er in ein abgelegenes Jagdhaus in Wetzlar, wo er sie aufforderte, sich nach Freunden umzusehen. Insgesamt haben sieben mittellose Mädchen seiner Aufforderung Folge geleistet.
(GFP/9. Februar 1950/)

Immer noch fragen sich täglich Tausende deutscher Frauen und Mütter: Wann kommt er zurück, wird er jemals heimkehren? Und die letzte Frage ist um vieles schwerwiegender, da hinter dem Verbleib zahlloser Kriegsgefangener immer noch das bange Fragezeichen der Ungewißheit steht. (…) Klärung ist um so dringlicher, als bisher immer noch nicht bekannt ist, wie viele der noch als „vermißt“ Geltenden sich überhaupt nicht in sowjetischer oder anderer Gefangenschaft befinden, weil sie ein Opfer der letzten Kriegsphase geworden sind. (…) Welcher Unteroffizier der stets in Eile wieder neu ergänzten „Heldenklau“-Kompanien, welcher „Volkssturm“-Führer kannte in den chaotischen Wirren des April 1945 noch all seine Leute beim Namen? So wurden allein im Kampf um Berlin gewiß Tausende eingescharrt, bei denen nicht mehr nach Papieren oder einer Erkennungsmarke geforscht worden war. (…) Wenn die Sowjets also behaupten, daß die von deutscher wie auch westalliierter Seite errechneten Vermißtenzahlen eine „maßlose Übertreibung“ ihrer wirklichen Gefangenenzahlen darstellen, so wäre der Beweis hierfür doch gerade durch die Bekanntgabe der mehrfach geforderten Listen am leichtesten zu erbringen. (…) Jetzt, fünf Jahre nach Abschluß der Kampfhandlungen, sollte es auch den Organisationsgenies der Sowjets möglich sein, Zahl und Namen derer bekanntzugeben, die sich noch als Kriegsgefangene oder Internierte sowie als Strafgefangene in ihren Lagern befinden. Selbst traurige Gewißheit ist weit tröstlicher als völlige Ungewißheit.
(GFP/Leitartikel von Dr. Heinz Walbrück am 11. Februar 1950)

Freitag: Würfelsuppe, Nudeln und Tomatensoße. Zutaten: 2 Suppenwürfel; 500 g Nudeln, 500 g Tomaten, Fett, Mehl, Salz. DM 1,32.
(Wochenküchenzettel von Lissi Lüdeking, Gießen, 10. Preis / GFP)

Hutmode am Wendepunkt. Die Frau will wieder be“hütet“ sein. Kopftuch und Turban sind in die hintersten Ecken des Kleiderschrankes verbannt. (…) Wie die strumpflose Mode, war auch die Dame ohne Hut eine Zeiterscheinung, die auf Materialmangel, teilweise aber auch auf den Einfluß der amerikanischen Mode zurückzuführen war. (…) Der kleine Hut herrscht vor. Er hat sich den Mänteln und Kleidern mit den hochgestellten Kragen angepaßt. Besonders beliebt sind die „Holländerhauben“, deren Ecken zu beiden Seiten des Gesichtes weit abstehen. Hüte mit rundem Kopf und sehr schmalem Rand, die den „Collegehüten“ ähneln, Modelle mit höherem, leichtgezogenen Kopf und asymmetrischem Rand, aber auch kleine, strenge Zylinder sind viel zu sehen. (…) Eine ganz andere Tendenz kündigt sich in der für den Sommer propagierten Hutmode an. Kleiner, flacher Kopf und sehr breiter Rand, das „Wagenrad“, ist die Parole.
(GFP/Die Seite der Frau, 11. Februar 1950/)

Samstag: Linsensuppe mit Würstchen. Zutaten: 250 g Linsen, 500 g Kartoffeln, Fett, Mehl, Zwiebeln, Salz, 200 g Fleischwurst. DM 1,29. Gesamtausgaben: DM 13,23.
(Wochenküchenzettel von Lissi Lüdeking, Gießen, 10. Preis / GFP)

Redaktionelles. Unser erster Politiker und Nachrichtenredakteur, Dr. Heinz Walbrück, tritt am 1. März d. J. aus unserem Stabe aus, um einem Angebot als Chef vom Dienst bei einer in Duisburg erscheinenden Tageszeitung Folge zu leisten.
(11. Februar 1950/GFP)

Solang die Wieseck noch durch Gieße fließt
solang uns noch der alte Gleiberg grüßt,
solang noch babbelt e‘ Schlammbeiser Zung,
bleibt Gieße jung – bleibt Gieße jung!
Solang’s Theater in de Anlach steht,
solang de Bretzelheinerich noch geht,
solang die Lahn noch fließt un’s Gießner Bier,
solang wirst du bestehn, mei Gieße, des glaab mir!

(Refrain im „Gießener Karnevalsschlager 1950“ von Rudi Rübsamen, am 11. Februar zum Vortrag gebracht in einer Elferratssitzung des Gesangvereins „Heiterkeit“ in der Hochschulaula)

Man hat dem falschen „Adolf“ übel mitgespielt. Der Bart ist ab, und die malerische Stirn“locke“ ebenfalls. Gießens „Adolf“, der stadtbekannte Heinrich Noll, hat jetzt nichts mehr von der Ähnlichkeit mit seinem „berühmten“ Vorbild. Seine Chancen, zum Film zu kommen, wurden das Opfer eines schmählichen Bubenstreiches. „Heulen hätte ich können, als ich in den Spiegel sah“, sagte Heinrich Noll. Nach durchzechter Nacht wurde Gießens Hitler-Double „vergewaltigt“, mit Schere und Rasiermesser. Die von uns in der Ausgabe vom 7./8. Januar aufgeworfene Frage, „Ob die DEFA ihn holen wird?“, dürfte damit „null und nichtig“ geworden sein.
(14. Februar 1950/GFP)

Von der „Hefrag“: Nach der nunmehr erfolgten Stillegung des Tagebaues Trais-Horloff der „Hefrag“ verlieren 40 Arbeitskameraden ihren bisherigen Arbeitsplatz. Da es sich um ältere Männer handelt, die für den Grubenbetrieb nicht mehr geeignet sind, soll versucht werden, diese 40 im Schwelkraftwerk Wölfersheim unterzubringen. Alle Arbeitskollegen des SKW-Betriebes, die das 35. Lebensjahr noch nicht überschritten haben, wurden aufgefordert, sich freiwillig für die Grube als Gedingearbeiter zu melden, um die in Trais-Horloff freiwerdenden Männer vor der drohenden Entlassung zu schützen. Da im Bergbau ca. 40 Gedingearbeiter benötigt werden, wäre die Hefrag gezwungen, falls sich auf diese Aufforderung des Betriebsrats niemand melden sollte, 40 fremde Leute einzustellen und die in Trais-Horloff überfällig werdenden Arbeiter zu entlassen.
(aus der Rubrik „Blick in die Wetterau“/20. Februar 1950/WN)

Mein liebes Gisli, nun bist Du schon einen ganzen Monat alt, herzlichen Glückwunsch! Du bist das liebste Baby, das es gibt auf der Welt. Ich muss Dir etwas sehr Merkwürdiges, sehr Schönes berichten. Gestern abend wurde der Himmel im Nordwesten, hinter der Sudetenlandstraße, plötzlich strahlend rot, dunkelrot, es sah wunderbar aus, auch ein bisschen gespenstisch, da immer wieder helle, senkrechte Strahlen aufleuchteten und die Wolken vor dem roten Hintergrund sichtbar wurden. Alle Leute aus unserer Straße standen draußen und bewunderten dieses seltsame Bild, das eine halbe Stunde zu sehen war. Einige hatten Angst, fühlten sich an den Krieg erinnert und riefen, es sehe fast genauso aus wie in der Bombennacht, als Gießen zerstört wurde. Ich hatte keine Angst, sondern ein ganz tiefes, beglückendes Gefühl. Als der Himmel wieder dunkel wurde, gingen alle zurück ins Haus. Ich kam an unserem Briefkasten vorbei, in den ich fast nie hineinsehe, denn es gibt niemanden, der mir schreiben würde. Ich weiß nicht, warum, aber diesmal machte ich ihn auf und sah einen Umschlag, ohne Adresse und Absender. Ich riss ihn auf, aber da war kein Brief, sondern: 2 Zwanzigmarkscheine. 40 Mark! Ich weiß genau, das rote Licht am Himmel, das war ein Zeichen von Ludwig, daß er immer bei uns ist, und die 40 Mark hat er uns geschickt, weil er will, daß wir nicht hungern müßen. Ich werde es keinem Menschen erzählen, sonst stecken sie mich in die Hoppla, die Irrenanstalt in der Licher Straße, und Du kommst ins Waisenhaus. Für das Geld werde ich Kleider für Dich kaufen und für mich Nahrhaftes zu essen, damit meine Milch Dich groß und stark macht. Heute früh stand in der Zeitung, es wäre ein Nordlicht gewesen. Was wissen schon die. Es war Ludwigs Licht.
(Magda Willscheid, 25. Februar 1950)

Der Vorschlag McCloys, in ganz Deutschland freie Wahlen abzuhalten, wird von der SED abgelehnt. Der SED-Pressedienst nennt die Anregung McCloys ein „leeres Scheinmanöver“, das lediglich „agitatorische Bedeutung“ besitze. Wenn McCloy von der Gleichberechtigung aller Parteien bei den vorgeschlagenen Wahlen spreche, so wolle er damit nur einen politischen Wirrwarr schaffen. – In den Pressenachrichten des westdeutschen KP-Vorstandes wird laut UP erklärt, daß unter den Bedingungen des Ruhrstatuts und des Besatzungsstatuts keine freien Wahlen stattfinden könnten.
(dpa/1. März 1950)

Am Freitag, dem 3. März 1950, 13.30 Uhr, findet eine Versammlung über den neuzugründenden Verband der Sterilisierten im Saalbau Köhler, Gießen, Liebigstraße, statt. Alle Interessenten werden gebeten, zu erscheinen.
(Veranstaltungshinweis/2. März 1950)

Weltrekord. Gestern stellte der Oberstdorfer Sepp Weiler mit einem Sprung von 127 m auf der Oberstdorfer Sprungschanze einen neuen Weltrekord auf und überbot den bisherigen Weltrekord des Österreichers Willi Gantschnigg vom Dienstag um 3 m.
(dpa/3. März 1950)

Lindenstruth. Hier fand eine gut besuchte Bürgerversammlung statt. Auf der Tagesordnung stand als einziger Punkt wiederum die Frage über das Besitzrecht der seither dem Freiherrn von Rabenau gehörenden 12 Morgen Äcker und Wiesen, die in der Gemeinde Lindenstruth liegen. Nachdem die Gemeinde einen Ortsbauplan nicht besitzt, kann sie das Land nicht erwerben. Es wird nur an landarme Bauern und Neubürger abgegeben.
(GFP/3. März 1950)

Saar von Deutschland getrennt. Die französische Regierung hat in einem der fünf Abkommen, die am Freitagmorgen mit den Vertretern des Saargebiets in Paris unterzeichnet wurden, ihren Anspruch auf den Besitz der Saargruben aufgegeben. Die Saarregierung hat der französischen Regierung das Recht eingeräumt, die Kohlengruben auszubeuten. Als Gegenleistung erklärt sich die französische Regierung einverstanden, bei einem späteren Friedensvertrag mit Deutschland die Ansprüche der Saarregierung auf Besitzrechte an den Bergwerken zu unterstützen.
Zur Unterzeichnung der Saar-Konventionen sagte der Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, Jakob Kaiser, er hoffe im Interesse Frankreichs, Deutschlands und Europas, daß die Meldungen über das Abkommen nicht wahr seien. Sie hörten sich unglaublich an.
(dpa/4. März 1950)

Wieder Weltrekord. Mit 135 m stellte der Schwede Dan Netzell am Freitag, dem vierten Tage der Oberstdorfer Skiflugwoche, einen neuen Weltrekord auf und übertraf die am Donnerstag von dem deutschen Meister Sepp Weiler erreichte Bestleistung um acht Meter.
(dpa/4. März 1950)

An die Bevölkerung des Kreises Gießen! Vergeßt nicht, Eure Kriegsgefangenen und Vermißten bis spätestens 11. 3. 1950 registrieren zu lassen! Näheres ist aus den Plakaten und bei den örtlichen Meldestellen (Bürgermeistereien) zu erfahren. Von Schwerin, Landrat.
(Aufruf am 7. März 1950)

Stadt und Land, Gott & die Welt. Für unsere kleine Kolumne sind die Pariser Verträge eine Nummer zu groß. Daß der christsoziale saarländische Ministerpräsident Hoffmann sein Land an die Franzosen verkauft hat und auf die Kritik, er gebe Souveränität auf, antwortet, „alle europäischen Staaten müssen auf Teile ihrer Souveränität verzichten, damit endlich das größere Europa zustande kommt“, mögen Berufenere beurteilen. Auch daß sein Parteifreund Adenauer im Gegenzug (?) „eine Union zwischen Frankreich und Deutschland“ vorschlägt, die „dem schwerkranken Europa neues Leben einflößen“ soll, hinterlässt uns ratlos. Wie schön, daß wir wenigstens Dr. Schumacher von der SPD verstehen, der den Beitritt zum Europarat ablehnt, wenn das Saargebiet gleichzeitig zugelassen wird. Das ist einfache, echte, gute nationale Gesinnung, die wir unterstützen. Noch besser verstehen wir die SPD-Männer im Bundestag, die unter handgreiflicher Führung des Abgeordneten Herbert Wehner dem Altnazi Wolfgang Hedler den gebührenden Abgang verschafft haben. Bekanntlich wurde Hedler gestern unter tosenden „Raus“-Rufen aus dem Bundestag ausgeschlossen. Danach wurde es im Ruheraum des Parlaments unruhig, denn Wehner knöpfte sich Hedler persönlich vor, verprügelte ihn, schleppte ihn durch die Vorhalle des Bundestages und warf ihn auf die Straße. Wir sind zwar gegen die Prügelstrafe, doch in diesem Fall rechtfertigt sie alleine schon dieser perfide Satz des Hedler: „Ob das Mittel, die Juden zu vergasen, das gegebene gewesen ist, darüber kann man geteilter Meinung sein. Vielleicht hätte es andere Wege gegeben, sich ihrer zu entledigen.“ Eines solchen Mannes sollten wir uns entledigen!
Nicht entledigen können wir uns leider der allgegenwärtigen Kriegsgefahr. Fünf Jahre nach der Katastrophe rumort es wieder an allen Ecken und Enden. Längst noch nicht alle unserer überlebenden Soldaten sind zu Hause, und schon droht der nächste Weltenbrand: Indien und Pakistan stehen sich gegenüber, in Indochina proben die Kommunisten die Weltrevolution, und bei uns hetzen die Sowjets unsere Landsleute in der Ostzone gegen uns auf.
Aber auch in unseren hessischen Gefilden geht es nicht immer friedlich zu. Einem Pressebericht – nicht in unserer Zeitung! – entnehme ich, dass eine junge Frau morgens um fünf Uhr nur mit Schuhen und Strümpfen durch die Stadt gelaufen sei, verfolgt von zwei Männern. Erst als frühe Passanten dazukamen, ließen die Männer von der Frau ab. Und was lese ich in besagtem Pressebericht? „Warum die Frau auf die seltsame Idee kam, in diesem Aufzug durch die Stadt zu laufen, ist nicht bekannt.“ Kein Wort über die verschwundenen Männer! Seltsame Welt.
Für die Zukunft lege ich diese heute erstmals erscheinende Kolumne in die Hände eines noch jungen Kollegen, der mit dem Kürzel „gg“ zeichnen wird. Er hat die Aufgabe, mit Humor und Verstand nachzuzeichnen, was in Stadt und Land geschieht, über Gott und die Welt zu schreiben und immer am Puls der neuen Zeit zu bleiben, für die ich zu alt geworden bin.
(Auftakt der regelmäßigen Kolumne „Stadt und Land, Gott & die Welt“ in der MNZ, geschrieben von Verleger Dr. Wilfried Mauritz/11. März 1950)

Die Polizei warnt: Die seit geraumer Zeit herrschende Invasion von Apfelsinen und Bananen ist von der Bevölkerung freudig begrüßt worden. Weniger erfreulich ist aber die Tatsache, daß die alte Unsitte wieder um sich greift, die Schalen dieser Früchte auf die Bürgersteige zu werfen. Die Polizei warnt eindringlich vor diesem sträflichen Leichtsinn, der schon manchem Passanten Schaden gebracht hat.
(WN/11. März 1950)

Trümmer müssen beseitigt werden. Am 1. Februar ist ein Gesetz der hessischen Landesregierung rechtskräftig geworden, das für den Wiederaufbau unserer Städte von großer Wichtigkeit ist. Es betrifft die Beseitigung der durch die Kriegsereignisse verursachten Trümmermassen. Es ist also nach dem Gesetz jeder Grundstücksbesitzer gehalten, die durch die Kriegsereignisse verursachten Trümmer baldigst zu beseitigen. Dies wird für ein einzelnes Grundstück manchmal unwirtschaftlich sein. Es empfiehlt sich deshalb, daß sich die Besitzer von Trümmergrundstücken an einer Straße oder in einem Wohnblock zusammenschließen, um dadurch den Abtransport für den Unternehmer wertvoller und wirtschaftlicher zu gestalten. Er kann selbstverständlich die Trümmer auch selbst beseitigen und sich damit das Verfügungsrecht über das Material wieder sichern, wenn er sich von der betreffenden Dienststelle (Tiefbauamt, Asterweg 9) die schriftliche Freigabe der auf seinem Grundstück liegenden Trümmer geben läßt. Er kann dann das nutzbare Material selbst verwerten oder anderweitig darüber verfügen.
(GFP/15. März 1950/)

Unter der Leitung des bekannten deutschen Conferenciers Werner Finck fand in Westberlin die Gründungsversammlung der „Radikalen Mitte“ statt. Diese überparteiliche, außerkirchliche und nicht nationalistische Gesellschaft habe es sich zum Ziel gesetzt, die Humorlosigkeit und den Bazillus der Dummheit in Deutschland zu bekämpfen, sagte Finck. Seine Gesellschaft wolle keine Parteilizenz beantragen, sondern die Einzelgänger ansprechen und eine Gewerkschaft der Eigenbrötler werden. Als Symbol wollten ihre Anhänger eine Sicherheitsnadel unter dem Rockaufschlag tragen und als „Führerbild“ einen Spiegel ansehen. Das vollbesetzte Haus zollte Finck starken Beifall.
(dpa/16. März 1950)

Die städtische Berufsfeuerwehr reißt seit einiger Zeit im Auftrage des Hochbauamtes schadhafte Gebäudeteile an stadteigenen Ruinen ein. Am Donnerstag wurde ein Teil der Fassade der alten Pestalozzischule in der Nordanlage eingerissen, da sie sich bedenklich zur Straßenseite neigte und den Straßenverkehr gefährdete. Mit fünf Mann wurde nach der Befestigung eines Drahtseiles „gewippt“ und auf diese höchst einfache Art und Weise die gefährliche Fassade zum Einsturz gebracht. Ruinen fallen, und Häuser schießen wie Pilze aus dem Boden. Das ist Gießen im Jahre 1950.
(GFP/18. März 1950)

Liebe Martha, eigentlich wollte ich Dir erst einmal gar nicht mehr schreiben und Dich auch nicht besuchen weil Du so eklig böse zu mir warst. Aber jetzt denke ich, daß Du wegen Frieder so verbittert bist und ich Dir daher nicht mehr böse sein soll. Wenn es umgekehrt gekommen wäre, wäre ich vielleicht auch so geworden wie Du. Ich glaube ja, daß Du es gut meinst. Ich will auch versuchen mich mehr für die Politik zu interessieren. Ich habe gelesen, daß der Spion Fuchs zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, daß geschieht ihm doch recht oder? Die Sache mit dem Saarland verstehe ich noch nicht so richtig. Wollen die Franzosen uns das Land ganz wegnehmen? Da leben doch nur Deutsche! Auch über die Kommunisten habe ich nachgedacht. Ich glaube ich mag sie nicht. Die armen Deutschen in der Ostzone! Auch die Nazis mag ich schon lange nicht mehr. Ich wusste ja auch nicht, daß sie alle Juden umgebracht haben. Mir hat es beim BDM immer so gut gefallen und da habe ich ja auch Wolfhard kennengelernt, den feschen Jungen von der HJ. Und dann kamen ja auch schon bald die Zwillinge und ich hatte gar keine Zeit mehr. Ich weiß, daß Du mich für ein bißchen dumm hälst. Vielleicht hast du recht. Ich bin jedenfalls dümmer als Du. Aber nicht so dumm nicht zu merken, daß Du ein bißchen in Wolfi verliebt bist. Deswegen schimpfst Du so auf ihn. Mußt Dich nicht schämen. Ich finde es gut, daß Du ihn in Wirklichkeit auch lieb hast. Mit dem Tripohlvergaser hat er schon Schluß gemacht. Das wird nichts sagt er. Zum Glück hat er sich jetzt auch mit Hermann verkracht, er sagt mir aber nicht warum. Aber nun hat er eine gute Stellung in Aussicht. Vor ein paar Tagen hat er diesem komischen Hitler-Mann eine Glatze rasiert und nun hat er viele neue Freunde in der Gewerkschaft. Die suchen einen Sekretär und wollen ihn. Wenn er die Stelle kriegt will er Dich mit Robertchen im Seitenwagen besuchen. Denn er will Dir beweisen, daß er kein Hallodri ist. Viele liebe Küßchen von Deiner kleinen dummen Schwester.
(Anna Radiger an Martha Müller / Gießen, 18. März 1950)

Resolution. Das Forum Wieseck unterstützt die Forderungen der Besatzungsgeschädigten, die in einer Aussprache am 17. März 1950 ausführlich behandelt wurden:
1. Häuser und Wohnungen, die schon seit nahezu fünf Jahren beschlagnahmt sind, werden freigegeben, da eine Beschlagnahme privaten Wohnraums nach dem Grundgesetz nicht möglich ist.
2. Die Freigabe der Häuser muß durch Neubau von ausreichendem Wohnraum für die Besatzungsmacht ermöglicht werden. Eine Erleichterung würde geschaffen, wenn inzwischen durch Wegzug freiwerdende Wohnungen nicht mehr durch amerikanische Familien besetzt würden.
3. Der deutsche Eigentümer muß ab sofort seinen Garten unbehindert und dauernd betreten, bestellen und abernten können.
(20. März 1950/GFP)

Schwarzmarkt ohne Umsatz. Tagtäglich flutet vom und zum Gießener Bahnhof ein starker Verkehr. Daß hier der illegale Handel, frei von Steuern und sonstigen Abgabesorgen, fast mühelos beträchtliche Umsätze erzielen konnte, war schon lange ein offenes Geheimnis. Durch gelegentliche Razzien, bei denen aber im wesentlichen die Käufer die Benachteiligten waren, konnte dieser Handel wohl hin und wieder unterbrochen, aber nie zum Erliegen gebracht werden. Das lag nicht zuletzt mit daran, daß es sich bei den Verkäufern durchweg um solche Personen handelt, denen durch die deutsche Polizei allein nicht ohne weiteres beizukommen ist.
Seit einigen Tagen jedoch werden in der Bahnhofsgegend kaum noch, höchstens ganz versteckt, Geschäfte abgeschlossen. Zwei Polizeibeamte bewachen das Viertel, während sich die „Geschäftswelt“, Hände in den Hosentaschen, zunächst noch abwartend verhält, zum Teil aber auch schon konkursartigen Rückzug antritt. Wie uns von der Polizeidirektion Gießen dazu mitgeteilt wird, sind nunmehr im Zusammenwirken mit maßgebenden amerikanischen Stellen Maßnahmen eingeleitet worden, die auch in Zukunft eine Versorgung des Schwarzmarktes verhindern sollen. Bei Einkalkulierung von Strafe, nachzuzahlender Steuer und Warenentzug sollten sich die Interessenten für Schwarzmarktware doch billigerweise dazu entschließen, Kaffee, Kakao oder Schokolade in den offenen Läden der Stadt zu kaufen.
(20. März 1950/GFP)

Aus Saulus wurde Paulus. Churchill hat am 16. d. M. zwei Feststellungen gemacht: Die europäischen Grenzen könnten ohne einen deutschen Beitrag nicht wirksam verteidigt werden und die Versöhnung Deutschlands mit Frankreich und Großbritannien werde durch „Plackereien“, Demontage einiger weniger Fabriken und verspätete Prozesse gegen greise deutsche Generale verhindert. In einer Zeit, in der Einstein die Mächte davor warnt, den Erdball vermittels der Wasserstoffbombe in eine Sonne zu verwandeln und in der katholische Kirchenfürsten die Gläubigen beschwören, sich auf einen plötzlichen Tod vorzubereiten, greift die von Entsetzen erfaßte Welt wie ein Ertrinkender nach jedem Strohhalm. Daß die bedingungslose Kapitulation ein verhängnisvoller Fehler war, ist von Churchill zugegeben worden. Wenn es heute zwei Deutschlands gibt, wenn der ganze Osten, Nordosten, und Südosten Europas, mit Ausnahme Griechenlands, das von den Amerikanern gerettet wurde, Moskau hörig ist, wenn viele Millionen abendländischer Menschen heute heimatvertrieben sind und im Elend verkommen, so ist das die direkte Folge des Churchillschen Versagens in schicksalsschwerster Stunde. Die heutige Vormachtstellung Rußlands, die Churchill als schwere Bedrohung des Friedens ansieht, ist sein eigenes Werk.
Nun ist aus dem Saulus ein Paulus geworden. Die Geschichte der Menschheit kennt kein Beispiel dafür, daß es einem Staatsmann vergönnt gewesen ist, sein systematisch durchgeführtes Zerstörungswerk wieder gutzumachen und einen katastrophalen Irrtum seiner letzten verhängnisvollen Konsequenz zu entkleiden. Sollte es Churchill gelingen, ohne die Welt in einen neuen Krieg zu stürzen, dann wäre das eine ganz große, unverdiente Gnade, weil dann der böse Fluch, Böses müsse fortgesetzt Böses gebären, aufgehoben wäre.
(Leitartikel von „A.A.“, 21. März 1950/GFP)

Ober-Bessingen. Der Gesangverein „Neue Eintracht“ veranstaltete einen wohlgelungenen Theater- und Gesangsabend. Die vorgetragenen Lieder, dirigiert von Lehrer Wiedmann, ließen erkennen, daß sich der junge Verein auf dem besten Wege befindet. Im Mittelpunkt des Abends stand das Schauspiel „Um die Heimatscholle“. Der größte Teil der Laienspieler verstand es in bester Weise, dieses ergreifende Stück darzustellen. Es folgte der humoristische Einakter „Oh, Ehestand, wie schön bist du“. Beide Stücke waren von Lehrer Finke in vorbildlicher Weise eingeübt worden.
(GFP/22. März 1950)

Bekenntnis zur Einheit Deutschlands. Die Bundesregierung hat zu dem amerikanischen Vorschlag zur Abhaltung gesamtdeutscher Wahlen in einer Erklärung Stellung genommen. Die Regierung bekennt sich voll zur Wiederherstellung der deutschen Einheit und erklärt, den Vorschlag von Hochkommissar McCloy über gesamtdeutsche Wahlen mit Genugtuung zur Kenntnis genommen zu haben. Als Weg zu diesem Ziel schlägt die Bundesregierung drei Punkte vor: 1. Ausschreibung gesamtdeutscher Wahlen zu einer verfassunggebenden Nationalversammlung nach Erlaß eines Wahlgesetzes durch die Besatzungsmächte; 2. Kontrolle dieser Wahlen in allen Teilen Deutschlands durch Kommissionen aus Vertretern der vier Besatzungsmächte oder Vertretern der Vereinten Nationen; 3. Ausarbeitung einer deutschen Verfassung durch die Nationalversammlung.
(dpa/23. März 1950)

Im Scheinwerfer. In der Sporthalle am Berliner Funkturm endete am Samstag die Laufbahn eines großen Boxers, Walter Neusel. Der Abgang des „blonden Tigers“ war wenig ruhmvoll und gerne hätte Neusel ihn vermieden. Als der 24jährige deutsche Halbschwergewichtsmeister Conny Rux in den ersten vier Runden den „Oldteamer“ zermürbte und zertrommelte, da schüttelte der Tiger, dessen Krallen stumpf geworden waren, hilflos den Kopf. Sein Betreuer Englert bat den Ringrichter Seewald, den Kampf zu stoppen. Die Drohung, „no fight, no money“ (kein Kampf, kein Geld) und die drohenden Pfiffe des Publikums ließen aber den „alten Herren“ nochmals in die Ringmitte wanken, wo ihn schließlich eine Schlagserie des jungen Berliners niederstreckte. Der Name Neusel ist aber aus der deutschen Box-Sportgeschichte ebensowenig wegzudenken wie jener Max Schmelings. Zwei Generationen von Boxern wurden groß und sanken wieder ab, seit Walter Neusel 1930 seinen ersten Kampf als Profi lieferte. Als er als Schwergezeichneter den Ring verließ, sagte er: „Nun ist es auch bei mir so weit; ich habe eingesehen, es geht nicht mehr. Darum trete ich ab.“
(aus der Sportkolumne „Im Scheinwerfer“ von William Reinert, GFP/23. März 1950)

Tadellose, unbeschädigte, loch- u. flickfreie, weiße amerikanische Mehlsäcke aus strapazierfähigem Leinen-Baumwollgewebe zur Herstell. v. Handtüchern, Kinder- u. Arbeitskleidung, Schürzen, Kindertüchern usw. noch vorrätig. Der Sack ergibt aufgetrennt knapp 1 qm. Stück DM 1,48. Die Beschriftung der Säcke ist abwaschbar.
(Kleinanzeige/27. März)

Stadt und Land, Gott und die Welt. Aufregende Zeiten, von Churchill bis Conny Rux, vom Ultraschall, der den Alkohol altern lässt, bis zum keimtötenden Nebel. Aber viel aufregender ist für viele Kinder, dass in diesen Tagen ein neuer Lebensabschnitt für sie beginnt: die Schule. Ich wünsche allen Abc-Schützen, dass sie mehr und ungestörter lernen können als ich, der erst vor drei Jahren das Abitur gemacht hat und der in seiner Bildung schmerzlich die vielen Schulstunden vermisst, die wegen der allbekannten geschichtlichen Ereignisse ausfallen mussten. Um so mehr versuche ich, das Versäumte nachzuholen und alles in mich aufzusaugen, was mir hilft, dieses merkwürdige Leben zu verstehen. Dazu dient auch diese Kolumne, die mir mein verehrter Chef, Herr Dr. Wilfried Mauritz, schon in jungen Jahren zu schreiben erlaubt. „Aber lassen Sie den Humor nicht zu kurz kommen, den benötigen wir in diesen Zeiten“, legte er mir ans Herz. Ich will den guten Ratschlag befolgen.
Ein guter Ratschlag daher auch an unsere Metzger in Mittelhessen: Nehmen Sie sich ein Beispiel an einem Ihrer Kollegen in Bonn, der im Rahmen einer Kundenführung durch sein Geschäft die Hausfrauen wieder mit den lange entbehrten Wurst- und Fleischwaren vertraut machte – mit kostenlosen Proben, versteht sich. Spätestens anlässlich der Grünen Woche, die im Mai in den Gießener Mittelmarkthallen stattfindet, möchten auch wir auf diese schöne Weise mit dem lange Entbehrten vertraut gemacht werden.
Eher für die Freunde geistiger Getränke gedacht ist das neue Gerät, mit dem mittels Ultraschall Alkohol künstlich gealtert werden kann, so daß die langen Lagerzeiten zur Verfeinerung des Geschmacks entfallen. Da kann ich nur sagen: Wackere neue Welt! So heißt auch der Titel des jetzt in den deutschen Buchläden liegenden Romans von Aldous Huxley (im Original: „Brave New World), und wirklich wacker ist auch, was der bis vor wenigen Jahren in Gießen tätige Professor Dr. Heinrich Kliewe erfunden hat: ein Vernebelungsgerät, mit dem die Luftentkeimung verbessert wird. Mit dem Aeroliseur „Gulliver“ werden unsichtbare, trockene Nebel in die von Bakterien geschwängerten Räume geblasen und alle auf dem Luftweg übertragbaren Krankheitserreger wie Grippe-, Diphterie- oder Scharlachbazillen abgetötet.
Wir können der Zukunft also, trotz allem, zuversichtlich entgegenblicken. Auch wenn uns heute die Vergangenheit einholt. Auf den Tag genau vor fünf Jahren rückten die Amerikaner in Gießen ein. Ich kann mich noch gut an jenen Vormittag des 28. März 1945 erinnern. Die wildesten Gerüchte jagten durch die Stadt, ich war gespannt und aufgeregt und hoffte, daß es stimmt: Die Amerikaner kommen! Ich flitzte hierhin und dorthin, wollte alles sehen und dachte gar nicht daran, in Gefahr zu sein. Erst lief ich zur Bergkaserne, wo Soldaten erschoßen werden sollten, die sich den Amerikanern ergeben wollten. Dort oben herrschte ein heilloses Durcheinander, doch erschoßen wurde niemand. Aber am Schlachthof sollten Polizisten mit Handgranaten den Vormarsch stoppen, hieß es. Nichts wie hin! Ich kam gerade rechtzeitig, aber nicht zum Handgranatenwerfen am Schlachthof, sondern zur Sprengung der Brücke am Oßwaldsgarten. Diese gelang nur zum Teil, es gab zwar einen mächtigen Knall, aber der Großteil der Brücke blieb stehen, und schon im nächsten Augenblick sah ich die ersten Amerikaner meines Lebens dort auftauchen. Es war genau 12.30 Uhr, Pioniere bauten eine Notbrücke, und schon eine halbe Stunde später rollten die ersten Panzer über sie hinweg. Gießen wurde schließlich ohne Kampfhandlung eingenommen, was mich, den dummen, abenteuerlustigen 15-Jährigen, ein bisschen enttäuschte. Das war heute vor fünf Jahren. Morgen beginnt die Zukunft!
(erste von „gg“ geschriebene Kolumne in der MNZ/28. März 1950)

Professor Agricola, Prorektor der Universität Halle (Saale) spricht heute abend um 20 Uhr in der Aula der Hochschule über das Thema:
„Die deutsche Einheit und in einem halben Jahr keine Arbeitslosen“
Hessischer Landesausschuss für die deutsche Einheit.
(Veranstaltungshinweis am 30. März 1950)

Baumhausbeichte - Novelle