Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Montagsthemen (vom 18. März)

Neben unserem schönen Geld, das wieder die anderen kriegen (jetzt also auch die russische Waschanstalt Zypern!), bewegt uns, nachdem wir nicht mal mehr Papst sind, vor allem ein Problem. Das trägt den allerdings vielfälig einsetzbaren Namen Sexinazirassismus. Und schon wieder ist mitten unter uns ein Skandal aufzudecken, von dem wir nichts ahnten: »Schwarze Fußballtrainer haben es schwer« (FAS). Wer suchet, der findet seinen Sexinazirassismus.
*
Auch anderswo: In Griechenland zeigt ein junger Athener AEK-Spieler des (natürlich deutschen!) Trainers Ewald Lienen den Hitlergruß, und schon speichelt die deutschpawlowsche Weltpresse. Ein Neonazi? Der Junge wusste gar nicht, was er tat, denn er weiß allenfalls noch, was die Hand Gottes, nicht aber, was der Arm Hitlers bedeutet.
*
Seinen Anteil am Triptychon des Sexinazirassismus, den Opasexismus, hat ein Brüderle souverän schweigend ausgesessen, womit er mir erstmals imponiert, aber das ist ein anderes Thema. Auch dass die Washington Redskins in den sexinazirassistisch noch deutschpuritanischeren USA ihren traditionellen Namen ändern sollen, weil »Rothaut« eine Diskriminierung sei – geschenkt. Wie doppelt diskriminiert war denn dann ich, der rothaarige Junge, der im Kinderfasching als Rothaut ging!
*
Nein, total unsexinazirassistisches Montagsthema heute: die Hand. Gottes, des Papstes und, um bei uns Sterblichen anzufangen: die Hand Feulners. Das Tor des Nürnbergers kippt die Partie, Schalke verliert, dessen wackerer Trainer Keller bald den Job, und das alles wegen eines irregulären Treffers, was allerdings erst nach mehrfacher Zeitlupenbetrachtung erkennbar war.
*
Hand. Eindeutige Regel: Absichtliches Handspiel ist verboten. Was aber ist Absicht? Sie liegt im Ermessen des Schiedsrichters, dem nur Anhaltspunkte vorgegeben werden, die ebenfalls in seinem Ermessen liegen (Hand- und Körperhaltung, Entfernung). Beim Straßenkick herrschte noch das ermessenslos eherne Gesetz: Hand ist Hand. Aber diese Absolutheit wurde längst vom Zeitgeist des Relativen abgelöst, fragen Sie nur Herrn Ratzinger.
*
Was hülfe? Ebenfalls nur ein Relikt aus vergangenen Zeiten: Gentleman-Sport. Fairness. Man könnte auch sagen: Ehrbarkeit. Obwohl dass Wort nach Vorgestrigkeit müffelt.
*
Wer weiß am besten, ob er absichtlich Hand gespielt hat? Genau! Warum gibt es ein Spieler nicht sofort zu? Handspiel kommt vor, meist in unwillkürlicher Absicht, reflex- und nicht kopfgesteuert. Ehrenrührig ist nicht die Tat, sondern stummklammheimlich von ihr zu profitieren.
*
Aus dem Ehrenkodex des klassischen Fechtens: »Jeder Fechter/in ist eine Ehrenperson und sagt Treffer sofort nach Erhalt mit dem Wort ›Treffer‹ oder ›Touché‹ an. Zusätzlich ist die unbewaffnete Hand zu heben.« Warum hebt im Fußball niemand die unbewaffnete Hand, und warum tun dies die ganz, ganz seltenen Ausnahmen erst nach dringlicher Aufforderung (wofür Miroslav Klose einmal fast mit dem Friedensnobelpreis geehrt worden wäre)?
*
Weil Fairness uncool ist? Weil Maradonas »Hand Gottes« als der Fußballweisheit letzter Schluss gilt, wenn sie für die jeweils eigene Mannschaft eingegriffen hat?
*
Ach ja, Maradona: Wird er nun der Gänswein von Franziskus? Und wie steil verläuft der Aufstieg des CA San Lorenzo, dessen Ehrenmitglied und gleichzeitig spiritueller Sponsor der Papst ist? San Lorenzo gewann am Samstag gegen Santa Fe mit 1:0, obwohl der Papstklub nach einer roten Karte nur mit zehn Mann spielte. Aber mit einem Franziskus-Porträt auf dem Trikot.
*
Der unaufhaltsame Aufstieg des CA San Lorenzo hat begonnen. Zumal die Argentinier keinen »Stan« Libuda haben. »An Jesus kommt keiner vorbei«, warnte einst ein Plakat im Ruhrgebiet. Fans ergänzten: »… außer Stan Libuda.«
*
Ja, ich weiß. Arg alte Kiste. Aber halten wir fest: »Touché«, das wäre die einfachste Lösung. Man muss die Fairness ja nicht unbedingt so weit treiben wie auf dem Cartoon des großen James Thurber, denn da fliegt der abgeschlagene Kopf eines Fechters durchs Bild, der auch mit seinem letzten Wort noch die Contenance des Gentleman-Sportlers bewahrt: »Touché!« (gw)

Baumhausbeichte - Novelle