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Zu Gast bei Freunden

Liebes Eintracht Tagebuch,
manchmal gibt es Spieltage, da ist es schwer, irgendwas Interessantes zu berichten. Das 0:0 in Hannover war in Ordnung, auch wenn eigentlich mehr drin gewesen wäre. Ansonsten hoffen wir alle auf das baldige Beenden der Torflaute – womit wir auch schon durch wären mit der aktuellen Lage. Und weil das so ist, nutze ich das heute mal schändlich aus, um an dieser Stelle ordentlich anzugeben.
Ich hatte nämlich vergangenen Dienstag die große Ehre und Freude, mit einem Auszug aus meinem Soloprogramm bei der Eintracht direkt aufzutreten. Vor der Mannschaft, dem Trainerstab, dem Vorstand und geladenen Gästen aus dem Umfeld des Vereins. Ich gebe zu, dass ich nervöser war als vor anderen Auftritten, aber insgesamt war es ein sehr schöner Abend, und ich hatte das Gefühl, dass alles gepasst hatte. Während ich vor dem Auftritt in der Umkleidegarderobe saß, fiel mir plötzlich ein, dass ich schon mal vor einer mehr oder weniger kompletten Eintracht-Mannschaft gespielt hatte. Das war 1990, und wir gastierten mit Badesalz mehrere Tage hintereinander in Dreieich-Sprendlingen, in unserem Lieblings-Bürgerhaus! Alle Auftritte waren ruckzuck ausverkauft, was uns natürlich enorm freute. Dann rief Andy Möller an und erzählte mir, dass die Mannschaft beschlossen hatte, zu uns zu kommen, es aber keine Karten mehr gebe. Und ob ich noch eine Idee hätte, was man da machen kann?
Nun war ich als glühender Fan natürlich megascharf drauf, die Jungs da noch reinzuholen, also bat ich den Bürgerhaus-Chef, ausnahmsweise eine extra Sitzreihe vorne dranzustellen, was er dann auch tat. Es war ein irrer Abend, denn direkt vor mir saßen all meine Helden – Uli Stein, Charly Körbel, Uwe Bein, Ralf Weber, Lothar Sippel, Stefan Studer und all die anderen Spieler.
Nach dem Auftritt fragte mich Gerd, wie das für mich gewesen sei, und ich antwortete: »Ich könnt platzen vor Glück!« Als wir dann ins Restaurant kamen, saß dort an einer langen Tafel die komplette Mannschaft noch beim Essen. Es war ein großes Hallo, immer wieder kamen Spieler zu uns, um uns zu sagen, dass es ihnen gefallen hätte. Und erneute strahlte ich in Richtung Gerd: »Ich könnt platzen vor Glück!«
Gegen halb zwölf waren alle Eintrachtler nach Hause gefahren, und nur wir beide saßen am Ende des langen Tisches. Wir riefen den Kellner und baten um die Rechnung. »Was zahle Sie denn?«, fragte er. »Naja, das was noch offen ist!«, antwortete ich gut gelaunt. »Gut, dann bekomme ich 920 Mark!« Nachdem ich kreidebleich mit Karte bezahlt hatte, grinste Gerd mich an. »Und? Könntest Du immer noch platzen vor Glück?« »Platzen ja. Aber mit Glück hat das gerade nichts zu tun!«, stammelte ich fassungslos.
Als ich am nächsten Tag Andy Möller anrief, um ihn zu fragen, warum niemand der Spieler mal auf die Idee gekommen sei, wenigstens sein Essen zu zahlen, nachdem wir sie doch schon allesamt zum Auftritt eingeladen hatten, antwortete er mir: »Das nennt man mannschaftliche Geschlossenheit, Henni! Und genau deswegen sind wir auch so gut dieses Jahr!« Wenn ich überlege, wie gut sie diese Saison spielen, bin ich froh, dass ich am Dienstag selbst nur Gast war…!
Hendrik Nachtsheim

Baumhausbeichte - Novelle