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Montagsthemen (vom 11. März)

Dass die gewaltigen Bayern beinahe gegen Düsseldorf – Düsseldorf! – verloren hätten und der BVB im Derby entzaubert wurde, öffnet in der Champions-League-Frage ein Hintertürchen: Wer kommt am weitesten, München oder Dortmund? Etwa Schalke?
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Gut, dass ich mich schon vor zwei Wochen bei Jens Keller für das blöde Vorurteil »smart, eloquent – und sonst?« entschuldigt habe. Möglicherweise schließt sich schon morgen nach dem Piräus-Spiel die Hintertürchen-Antwort Schalke, aber mein Respekt für den Trainer bleibt.
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Auch der für Jupp Heynckes. Die Wunden, die ein rüsselrot durch das Frankfurter Porzellanlädchen trampelnder Elefant geschlagen hat, sind längst vernarbt. Altersmilde, souverän und abgeklärt lässt er nun einen rummelfliegenden Klubboss wunderbar auflaufen. Rummenigge posaunte dickbackig hinaus, er könne sich Heynckes nach der Saison gut im Bayern-Beirat vorstellen. In dem sitzen unter anderen die Herren Stoiber, Markwort und von Pierer oder die Dame Schörghuber.
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Rummenigge hat schon des öfteren bewiesen, was er an sozialer Kompetenz, Menschenkenntnis und Einfühlungsvermögen zu bieten hat. Als Sebastian Deisler in früher Depressionsphase zu schwächeln begann, blies er ihm den Marsch: »Er meint, es reicht, wenn er trainiert und am Samstag spielt. Beim FC Bayern ist das nicht genug. Hier muss er auch außerhalb des Platzes seine Rolle spielen, ein Führungsspieler muss extrovertiert sein.« Unvergessen auch die Rummenigge-Methode, Menschen an ihren Schuhen (italienische Maßarbeit? Blank geputzt?) zu erkennen.
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Ich weiß nicht, welche Schuhe Heynckes trägt, aber zumindest kann er mit ihnen passgenau und elegant verbal zurücktreten: Eine derartige Funktion interessiere ihn nicht, »vor allem nicht, wenn ich es aus den Medien erfahre. Dann sowieso nicht.«
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Anderes Thema, nur kurz angetippt: Dass der Hammerwerfer Markus Esser 2004 in Athen Silber gewann, wäre eine Sensation gewesen und für ihn ein grandioses Lebensereignis. Aber da er erst neun Jahre später wegen positiver Nachtests von Platz vier aufrückt, sind ihm alle diese inneren und äußeren Erlebnisse geraubt worden. Das bekräftigt meine (ich weiß, illusionäre) Forderung, Dopingkontrollen nach dem Wettkampf zu unterlassen, sie aber vor dem Wettkampf wasser-, blut- und urindicht zu machen. Warum und wie das geht, habe ich in einer früheren Kolumne ausgeführt. Vielleicht demnächst noch einmal mehr dazu.
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Auch auf das neuseeländische Kugelstoß-Wunderkind Jacko Gill (mit 16 stieß er unfassbare 24,35 Meter mit der 5-kg-Kugel) wartet eine weitere zukünftige Kolumne. Mittlerweile ist er 18 und keinen Zentimeter weiter gekommen. Warum? Ich ahnte es vor ein paar Monaten, als ich sah, dass er keine Trainingsvideos mehr ins Internet stellte, sondern Fotos seiner Freundin. Er hat also schon den Karriere-Knackpunkt erreicht, den Weltmeister Viswanathan Anand dem dänischen Schachwunderkind Magnus Carlsen wünscht. Anand auf die Frage, was Carlsen – Elo 2872, in etwa mit Gills 24,35 vergleichbar – überhaupt noch stoppen könne: »Der Junge braucht eine Freundin.«
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Filmtipp: Die Guttenberg-Satire morgen bei SAT.1. Aber nicht nur der Baron hat abgekupfert, sondern auch die Filmemacher. Bei mir. Denn in der Satire lassen sie die Doktorarbeit von einem anderen schreiben, der schlampig arbeitet. Das können sie nur von mir haben, denn schon in den allerersten Anfängen der Affäre wusste ich als Adelsexperte: »Burgherren lassen seit Jahrhunderten alle niederen Arbeiten unterhalb von Regieren, Kriegführen und Repräsentieren von Bediensteten erledigen.« Und die können dann eben »aus Faulheit oder Rachsucht vom Ghostwriter zum Ghostrider werden, zum Reinreiter des Burgherren«.
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Der arme Baron (im Ernst, er hat doch genug gelitten) lebt nicht mehr in der Realsatire, sondern hat nach der griechischen Drama-Lehre die Hybris abgelegt und hoffentlich die Katharsis angenommen, die reinigende Läuterung.
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Hybris, was ist das? Nun ja, Hybris wäre es zum Beispiel, wenn ein nachrangiger Bundesminister sein affiges Bundeswehrkäppchen dem deutschen »Haus der Geschichte« spenden würde. Wie? Hat er wirklich? Sachen gibt’s. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle