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Freitag, 8. März, 11 Uhr

Erste Radrunde des Jahres. Alles wie gehabt. Unten am Parkplatz das ältere Ehepaar (mhhm, wahrscheinlich jünger als ich), das von derselben Stelle aus den Hund Gassi bzw. Waldwegi führt, von der aus ich starte. Beim ersten Bauernhof die Ziegen, und sogar die Gänse haben Weihnachten bei dem grauzöpfigen Bauern überlebt. Nur die Pferde sind noch nicht auf den Koppeln. Oben im Wald in einer Kurve noch Resteis, gefährlich. Bitte kein Rippenbruch mehr! Oder gar Oberschenkelhals. Auch die Bähbähbähsolaranlage steht noch. Hat seit Herbst mindestens eine Glühbirne zehn Sekunden leuchten lassen. Glühbirne: Irgendwo gelesen, dass eine seit dem 19. Jahrhundert in den USA brennt. Erst als mit unkaputtbaren Glühbirnen kein Geschäft mehr zu machen war, wurde eine Sollbruchstelle eingebaut. So was ähnliches hat mal mein Ostkunde-Lehrer erzählt, da ging’s um Nylonstrümpfe. Könnten auch unkaputtbar hergestellt werden. Sagte er. Der Ostkunde-Lehrer. War eine AG. Hatte mir die ausgesucht, weil man nichts für lernen musste, sondern nur das altnazihafte Gerede des Lehrers (zuvor Rektor, dann runtergeschasst) anhören musste. Hat niemand ernst genommen, nur er selbst. Wo war ich? Bähbähbähsolaranlage. Ein paar Meter weiter die Skipiste von Hohensolms. Obwohl sie fleißig mit Schneekanonen beschossen wurde, ist sie schon grün. Liegt halt ab Vormittag in der Sonne. Ein paar dutzend Meter weiter die sechs Windkraftanlagen, das neue Wahrzeichen der Region. Keine dreht sich. Demnächst auf der Skipiste: Windanlagen mit Solarzellen in den Flügeln, zwei Erneuerbare auf einen Streich? Wenn’s geht, bitte: Das ist dann mein Patent. Beim Leiterhof geht ein älterer Herr (also etwa so alt wie ich) mit zwei Hunden spazieren. Den einen kenn ich doch? Mein Freund vom Leiterhof? Ich halte, frage den Mann. Es ist der Altbauer. Der Hund, er ist’s, aber eine Sie. Heißt Nina. Nina frisst mir jetzt aus der Hand. Nina? Beim Weiterfahren schweifen die Gedanken ab: Parallelwelten. Vor dem BVB-Spiel (beim Wani geguckt) hatte die mir Nahestehendste auch nach der etwa tausendsten Aufklärung nicht gewusst, wer da warum und um was gegen wen spielt. Für sie sind wir Fußballfreunde Exoten aus einer Parallelwelt. Jeder und jede hat so seine und ihre eigene Parallelwelt als kleine Flucht aus der All-Welt. In ihrer Parallelwelt geht es nicht um Klopp oder Heynckes, sondern um Nina Ruge und Michael Grewe. Nina Ruge, das ist doch die Neue vom beinahe geschassten Daimler-Boss (der mit dem Namen, der momentan zu Obstwitzen einläd, aber Namenswitze sind tabu)? Nee, der geht ja jetzt mit Frau Nosbusch. Frau Ruge gehört zu Herrn Reitze. Intendant des HR? Ach was, ebenfalls ein Großmanager. Heißt Reitzle. Also, Nina Ruge schreibt in der Hundezeitschrift über Berner Sennenhunde (sie hat selbst welche) und die neue Genom-Aktion, mit der die Lebensdauer (niedrig, wg. Nieren, Krebs) erhöht werden soll. Herr Grewe, ein Hunde-Guru (gegen den Herr Rütter ein Boulevardstreuner sein soll), steht mitten in einem Shitstorm, nachdem bei YouTube ein Video aufgetaucht war, in dem er einem Problemhund den Fressnapf auf den Kopf gehauen hat. Für mich eine Parallelwelt. In der auch Vegetarierinnen ihre Hunde mit Schweineohren und Rindernasenknorpeln verwöhnen. Andere Parallelwelten: Wrestling. Auf den Tourneen durch Deutschland volle Hallen ohne jede Reklame und ohne jede Pressebegleitung. Früher mal, in Berlin, beim Training auf dem Reichssportgelände (ja!) über einen mächtigen Auftrieb gewundert: Olympiastadion ausverkauft! Britische Militärmusiker marschierten vollbackenblasend über die Laufbahn, die Menge war begeistert („British Tattoo“). In einer anderen Parallelwelt sind Amigos die Helden. Nur zwei, wir kannten Amigos in größerer Zahl rund um Franz Josef Strauß. Hah, Schluss mit Gedankenabschwiff, sie sind da, schon auf der Koppel, meine beiden Schwarzen: „Na ihr Kerle!“ Wie gehabt, ignorieren sie meinen freundlichen Willkommensgruß. Auf die scheppe Zielgerade einbiegend, sehe ich gerade noch meine Haufrauen in Frankenbach verschwinden. Sie sind pünktlich. Aber ich? Die letzten Meter. Blick auf die Uhr: 61 Minuten. Also nicht alles wie gehabt. Persönliche Bestleistung: 37:38. In diesem Leben nicht mehr zu unterbieten. Na ja, nicht von mir.
Alles das war nur Warmschreiben für den Sport-Stammtisch, nichts davon kommt hinein, auch die Parallelwelten nicht, obwohl ich sie mir fest vorgenommen hatte, mit hübschen weiteren Verzierungen. Würde aber viel zu weit führen, passt in kein Layout. Aber was schreib ich bloß? Los geht’s mit dem schweren und ungerechten Los der Bayern, enden soll’s mit Epiktet, und dazwischen …?

Baumhausbeichte - Novelle