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Sonntag, 3. März, 6.45 Uhr

Verschlafen? Nein, viel zu früh schon auf, weil: Gestern am späten Abend machte es endlich “Klick”. Schon seit Tagen hatte sich eine Erinnerung in die hintersten Hirnwinkel verzogen, von der ich aber noch wusste: Wär’ ein hübscher Ansatzpunkt für die Abkupfer-Diskussion. Da plötzlich klickte es: Benchmarking! Ran an den Computer und losgelegt. Schon eine gute Stunde später standen die Montagsthemen, die ein Montagsthema geworden sind. Muss heute nur noch einmal nachlesen, was ich da geschrieben habe. Bisschen korrigieren, im unwahrscheinlichen Fall der Fälle den letzten Satz ändern, so etwa in “Neue Benchmark Hoppenheim?”
Heute also keine mühsame Suche nach Montagsthemen, hätte schön ausschlafen können. Mach ich werktags ja auch. Aber am Sonntag wirkt die Macht der Gewohnheit. Nach den Fingerübungen im Blog werde ich das Montagsthema in früher Rekordzeit schon online stellen. Manche fragen ja: Warum immer und ohne Not so viel früher online als im Blatt? Die Konkurrenz liest doch mit und könnte noch abkupfern? Ach, so eingebildet bin ja nicht mal ich, dass ich gläubte … glübe … glauben täten würde, dass die Konkurrenz am Sonntag nichts Besseres zu tun hat, als “Sport, Gott & die Welt” zu lesen und meine epochalen Erkenntnisse abzukupfern. Welche denn auch? Meinen Konjunktiv von “glauben”? Albernheiten kupfert man nicht ab.
Albernheit ist auch das Stichwort für die obligatorische Spurensuche in den Meldungen der Nacht: “Jahrestagung der Virologen in Kiel” – na ja, gut. Gibt’s nichts Spektakuläreres? Doch, hier: “EON-Chef warnt vor Kohl-Wende” – steht etwa ein spektakuläres Comeback bevor? Ach nee, ein “e” übersehen, er warnt vor Kohle-Wende. Aber jetzt: “F. W. Bernstein wird am Montag 75″ – großer Geburtstagsartikel bei dpa. Vielleicht morgen bei den Kollegen im Feuilleton nachzulesen. Weiß ich was eigenes dazu, etwas, das nicht bei dpa steht? Klar doch. Zu Bernsteins 65. Geburtstag merkte ich 2003 an: “Wer ihn nicht kennt, hat zumindest schon einmal seine erkenntnistheoretische Sentenz gehört: Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche. Zu Unrecht wird dieser Satz als Nonsens verunglimpft. Mehr Sinn war selten! Bitte wahlweise statt Elche einsetzen: Raucher, Fremdgeher, Linke, Pazifisten . . . ”

Als Hommage noch mein “Klappentext” einer Bücherseite von 2010:

Bei allem satirischem Respekt: Trotz vieler irrwitziger »Titanic«-Einfälle bleibt die Vorgängerin »Pardon« das Maß aller Dinge. Beide aber sind geprägt von der Neuen Frankfurter Schule (NFS), und die muss man, weil nicht jeder ein Liebhaber des höheren Schwachsinns ist, ausnahmsweise mal unsatirisch nüchtern vorstellen: Gründungsmitglieder der NFS waren F. W. Bernstein, Robert Gernhardt, Eckhard Henscheid und noch einige andere Größen des Genres, zur »zweiten Generation« gehörten u. a. Gerhard Henschel und Simon Borowiak, die in jüngster Zeit auf dieser Bücherseite gebührend zu Wort und Buch gekommen sind. Der Name der NFS spielt ironisierend auf die berühmt-berüchtigte soziologisch-philosophische Frankfurter Schule der Horkheimers und Adornos an.
Das grundlegende historische Werk zur NFS stammt von Ex-»Titanic«-Chefredakteur Oliver Maria Schmitt: »Die schärfsten Kritiker der Elche. Die Neue Frankfurter Schule«. Hier lernen wir auch die unterlegene Alternative für den wohl bekanntesten Zweizeiler der Neuen Frankfurter Schule (Bernstein: »Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche«) kennen: Robert Gernhardt verlor in der erbittert geführten und dem Vernehmen nach erst durch brutale Waffengewalt entschiedenen Diskussion mit seiner Version: »Die größten Kritiker der Molche waren früher ebensolche«.
Vielleicht wurden die Elche den Molchen vorgezogen, weil man sonst tierisch nahe am Lurch von Heinz Erhardt geblieben wäre, dessen unsterblicher Vierzeiler im Lauf der Jahre bereits zwölf Mal (sagt unser Archiv) zum »Anstoß«-Motto in unserem Sportteil wurde: »Mal trumpft man auf, mal hält man stille, / mal muss man kalt sein wie ein Lurch, / des Menschen Leben gleicht der Brille: / man macht viel durch.«

Das. Muss. Für. Heute. Genügen. Von wem habe ich das abgekupfert? Bernstein? Nöö.

Baumhausbeichte - Novelle