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Montagsthema (vom 4. März)

Extrem sauer sind sie, die Bayern. Ihre beeindruckende Dominanz nur Ergebnis eines Klopp-Plagiats? Chinesisch abgekupfert? Da verfärbt sich der Teint von Uli und Jupp ins bedenklichste Blaurot, und wir sollten schnell erste Hilfe leisten: Ja, sie haben abgekupfert. Nein, nicht deswegen sind sie derart übermächtig.
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Nicht nur im Fußball wird alles abgekupfert, was Erfolg hat. Man denke nur an die Formel 1. Oder: Erst verlachten sie Jan Bokloev als springenden Frosch, dann übernahmen alle seinen V-Stil. Am epochalsten: Da überspringt ein verrückter Ami die Latte rückwärts – aus einer scheinbaren Marotte wird die spektakulärste Stil-Wende überhaupt, schon lange springen alle in Dick Fosburys Flop. Einer geht voran, hat Erfolg, die anderen folgen: Ein Grundprinzip des sportlichen Erfolgs.
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Es gibt kein geistiges Eigentum für sportliche Erfindungen, ernten kann man damit nur Ruhm. Oder hätte man Flop oder V-Stil patentrechtlich schützen sollen, Nachahmung verboten?
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Eine neue Spiel-Philosophie, ein neuer Sportstil, das sind keine Doktorarbeiten, mit denen man – vor WikiPlag – durch heimliches Abkupfern fremde Erfolge in eigene umwandeln konnte (man stelle sich bloß vor, alle Doktorarbeiten seit der von Schavan würden nachgeprüft wie die von Schavan, aber das ist ein ganz anderes Thema).
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Also, die Bayern haben abgekupfert. Ja. Von Klopp, von seinem BVB? Oder hat Klopp von Frank abgekupfert, der von den Italienern und die … irgendwann landen wir dann beim WM-System, das Deutschland auch nicht erfunden hat, mit dem aber die Helden von Bern Weltmeister wurden.
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Frank? Ja, Wolfgang Frank. Jürgen Klopp hat nie verschwiegen, dass sein viel bewundertes BVB-System auf Frank zurückgeht, seinen ehemaligen Mainzer Trainer und Mentor (das Gleiche gilt übrigens für Torsten Lieberknecht, der mit Braunschweig die Bundesliga anpeilt und dem Frank ebenfalls ein Mentor war). Frank selbst hatte als Trainer weniger Erfolg, zum Beispiel in Offenbach oder Wehen. Beim Drittligisten Jena wurde er wegen anhaltender Erfolglosigkeit entlassen, zuletzt wirkte er im belgischen Eupen, seit 2012 ist er ohne Klub. Bizarr? Nein: Fußball.
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Der FCB hat sich am BVB orientiert, Klopp an Frank – und der, sagt er selbst, am italienischen Fußball in seiner technisch-taktischen Glanzzeit – und von da ist es wirklich nicht mehr weit bis zu Fritz Walter und dem WM-System mit Fünfer-Sturm, der Dreier-Läuferreihe mit »Stopper«, den beiden Verteidigern und natürlich Toni-Du-bist-ein-Fußball-Gott im Tor.
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Selbst Pierre de Coubertin, der edle Olympier, hat schamlos abgekupfert. Noch gilt die Legende als offizielle Wahrheit, er höchstpersönlich habe die Olympischen Ringe erfunden. Doch Sporthistoriker haben die Ringe schon viel früher (1896) in einer Dunlop-Werbung entdeckt – fünf miteinander verbundene Ringe, die Fahrradreifen symbolisieren sollten. Fahrradreifen! Da ist man platt.
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Hätte Klopp den Bayern statt billigen Abkupferns das irgendwie bedeutender klingende Benchmarking unterstellt, wäre der beleidigte Aufschrei ausgeblieben. Benchmarking, das ist der neudeutsche Ausdruck für den ökonomischen Vergleich von Leistungsmerkmalen. Ursprung des Wortes: An seiner Werkbank (bench) brachte der Schreiner früher eine Markierung (mark) an und konnte so auf einfache Art identisch lange Stuhlbeine absägen. In der Wirtschaft wurde das Benchmarking durch die Firma Xerox eingeführt, die ein billigeres und besseres Modell von Canon in alle Einzelteile zerlegte, mit dem eigenen Kopierer verglich, die besseren Teile des Konkurrenten abkupferte und danach wieder Marktführer wurde.
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Und sind die Bayern wieder Marktführer oder etwa nicht? Außerdem: Der Vorwurf des Abkupferns relativiert sich noch schneller, wenn man die Uhr ein paar Jährchen zurück dreht. Damals kam das Benchmark-Wort nach Deutschland, der FC Bayern München galt als stilbildend, was alle nachahmen wollten (und keiner konnte), und das packte »Sport-Bild« im Jahr 2007 in die Schlagzeile: »Bayern Benchmark für Deutschland.« Könnte auch Schlagzeile des Jahres 2013 werden. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle