Archiv für März 2013

Karfreitag, 29. März, 6,20 Uhr

Schon gestern Abend die Rohfassung der Kolumne für Samstag geschrieben. Nachts aufgewacht und mir eingehämmert: Ja nicht vergessen, den harten Burschen Mario Götze einzubauen! Der Junge ist nicht nur ein begnadeter Techniker, sondern auch ein echter Haudegen: Lässt sich die klaffende Wunde an der Unterlippe ohne Betäubung und ohne jede Gemütsregung mitten auf dem Platz nähen! Aus lauter Angst, es zu vergessen, lange nicht mehr einschlafen können. Danach noch ähnlichen Quatsch geträumt.
Was bisher noch nicht im „Sport-Stammtisch“ steht: Im „Spiegel“ gelesen, dass bei der Lufthansa ein „Topjob neu vergeben“ wird. „Wer im obersten Führungsgremium künftig Personalfragen vertritt, entscheidet sich zwischen dem Tarifexperten Peter Gerber und der ehemaligen Bahnmanagerin Bettina Volkens.“ Peter Gerber! Unser Schachmitarbeiter früherer Jahrzehnte, mit dem ich in der Redaktion oft Blitzschach gespielt habe. Vorgabe: Er musste mich in weniger als 20 Zügen echt Matt setzen (also mich nicht nur so weit haben, dass jeder andere Schachspieler aufgeben würde). Immer schaffte er es schon nach 17, 18 Zügen. Im Lufthansa-Duell hat er ein Gender-Handicap, als müsste er ohne Dame spielen. Weil seine Kontrahentin eine ist.
Außerdem wieder interessante Informationen in meiner „Griechenland-Zeitung“: „Die anfängliche Abmachung mit der Eurogruppe, die eine relativ milde Zwangsabgabe auf die Einlagen vorsah, warfen sie mit Pauken und Trompeten aus dem Fenster. Wohlgemerkt: Die ursprünglich vorgesehene Steuer auf die Konten von 6,75 Prozent bzw. zehn Prozent entspricht auf Zypern Zinserträgen von lediglich zwei Jahren – ganz davon zu schweigen, dass diese bislang praktisch steuerfrei waren.“ Passt gut zur Nachricht, die merkwürdigerweise nur kleine Schlagzeilen gemacht hat (gesteuert? Um die Verärgerung in Deutschland nicht zu steigern?), dass die privaten Vermögen in den quasibankrotten Südländern deutlich höher sind als in Deutschland.
Ebenfalls in der „Griechenland-Zeitung“ erfahren, dass der einzige Arzt von Patmos gekündigt hat. Schöne Insel, hab ja fast auf jeder schon mindestens einmal geschlafen. Schlimmes Alarmzeichen. Nein, nicht dass ich schon mal dort geschlafen habe, sondern dass dies immer weniger Touristen tun werden, wenn sie wissen, dass sie mitten in der Ägäis ohne Arzt sind.
Diese alte Schote harrt ebenfalls der Wiederbelebung: Vor einigen Jahren habe ich mal den indischen Fakir erwähnt, der seit 1978 seinen rechten Arm nicht mehr bewegt hat. Der Arm verharrt in einer in Deutschland streng verbotenen Position. Unglaublich! Im Sinne von: muskelphysiologisch unmöglich. Versuchen Sie’s mal. Sie schaffen nicht mal eine Stunde. Schon gar nicht, wenn Sie Ihren Rekordversuch in der Öffentlichkeit starten.
Ach, einfach zu hübsch. Muss ich unbedingt einbauen. Mit dem Satz, dass der alte Junge auch seit 1978 seine Nägel nicht mehr geschnitten hat. Wie denn auch?
Zu guter Letzt die Meldung der Nacht von dpa: „An Ostermärschen nehmen die Menschen nach Ansicht des Konfliktforschers Johannes M. Becker vor allem zur Beruhigung des eigenen Gewissens teil. Sie seien vor allem für sich selbst dabei und nicht, um wirklich etwas zu bewegen.“ Sagt ein Marburger Wissenschaftler. So ändern sich die Zeiten. Früher kamen aus der Uni Marburg ganz andere Töne.
Na ja, heutzutage sollten wieder viel mehr Menschen aus diesem Grund an den schwindsüchtigen Ostermärschen teilnehmen, statt aus dem gleichen Grund andere Aktivitäten vorzuziehen. Aber jede Zeit hat nun mal ihre eigenen Gewissensberuhigungsrituale.

Veröffentlicht von gw am 29. März 2013 .
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Sonntag, 24. März, 18.10 Uhr

Schnitt doch eher ähnlich wie mein Alter, wegen der vielen Baustellen auf der Sauerlandlinie. Zwischen Hin- und Rückfahrt einiges Zurechtgelegte gelesen, auf Trüffelsuche für „Ohne weitere Worte“. Zum Beispiel das neue Magazin der FAZ. Großformatig, ein Edelding von Artdirektoren für Artdirektoren. Die In-group der Werbebranche wird dem Magazin Preise verleihen, zielgerichtet am Leser vorbei. Liegen solche Style-Hefte nicht immer beim Friseur rum? Dennoch Trüffel gefunden. Ein großes Interview mit Harald Schmidt reißt alles raus. Das Meiste leider, weil zu lang und zu insiderlastig, nicht für eine knackkurze Zitatensammlung geeignet. Im Blog geht’s aber, da geht ja alles. Ein paar Beispiele:

Herr Schmidt, der Literaturkritiker Fritz J. Raddatz hat sich an dieser Stelle vor ein paar Monaten über die angebliche Unsitte meiner Generation aufgeregt, „die Jeans auf den nackten Arsch zu ziehen“. Ist Ihnen das auch schon unangenehm aufgefallen? – „Ich weiß nicht, welcher Lebensmensch das dem legitimen Erbe (Anm.: muss es nicht -n heißen?) Tucholskys erzählt hat. Ich habe das noch nicht beobachtet, aber ich bin ja auch heterosexuell, sozusagen einer der wenigen, die noch traditionell adoptieren. Oder es gleich selbst machen. Ich kann aber erahnen, wovon Fritz J. Raddatz spricht, weil ich ja im Showgeschäft bin. Mir sagen homosexuelle Mitarbeiter, man wird heutzutage gegen vier Uhr im Darkroom mit dem Satz begrüßt: ‚Ich bin unterhalb der Nachweisgrenze, lass uns feiern.“ Wer da Jeans oder auch nur Unterhose trägt, der ist so was von Eighties, der liest auch noch Günter Grass.“
Mindestens sechs Ober-Gags in einer Antwort (sollten es mehr sein, hab ich den Rest nicht gerafft). Gesetzt den wahrscheinlichen Fall, das Interview war live, spontan, nicht nachgebessert, dann ist schon dieser Beginn eine unmenschlich blitzdenkerische Leistung.

Gesetzt den unwahrscheinlichen Fall, dass Schmidt diese Huldigung liest, karte ich beim nächsten Auszug böse nach, um nicht nur rumzuschleimen:
„Meine Erfahrung mit vielen Autoren: Das Werk wird mit der Zeit blasser, ihr Lebensstil tritt in den Vordergrund. Deswegen: Tagebücher. Thomas Mann zum Beispiel.“ Es folgen ein paar schöne Aufzählungen. Nachgekartet: Bei Schmidt ist es ähnlich. Das Werk wird mit der Zeit blasser, der Lebensstil tritt in den Vordergrund. Deshalb: Interviews. Da ist er unschlagbar. Zugaben:

„Jeder, der mit Journalisten zu tun hat, weiß, dass uneingeschränkte, ich wiederhole: uneingeschränkte Solidarität mit Rainer Brüderle vonnöten ist. Ich würde jedenfalls meine Hand für ihn ins Dekollete legen. Warum geht eine Journalistin, und ich hoffe, man hört die Anführungszeichen, um zehn Uhr abends in die Bar? Jedenfalls nicht, um zu fragen: ‚Sind die Menschenrechte in Usbekistan weit genug im liberalen Sinn?‘ Sondern in der Hoffnung, der Angesoffene sagt den Satz, den er besser nicht gesagt hätte. Das wissen wir Jungen, unser Weinfest-Oldie weiß es nicht, weil er noch in so ’ner Charmewelt lebt, in der Thomas-Mannartige Begriffe wie ‚Tanzkarte‘ zum Einsatz kommen.“

„Für manche Leute war es der absolute Ritterschlag, wenn sie sagen konnten: Ich wurde von Fassbinder mit der Fleischwurst verprügelt. Oder: Ich habe mir den Virus von Foucault geholt. Ich kenne eine Regieassistentin, deren Lebenskrönung war es, als ihr Hans Neuenfels nachgeschrien hat: ‚Du Faschistensau, geh aufs Klo und spül dich runter.'“

„Ich habe die Existenz des Foto-Handys sehr verinnerlicht. Auch wenn ich um halb drei Uhr nachts an einer Autobahnraststätte auf den Behindertenparkplatz kotze, weiß ich das.“

Zum Schluss streut er etwas Existenzielles ein, das nach Gag klingt, aber keiner ist: „Ich bin vor einiger Zeit spazieren gegangen. Da hab ich den Notarztwagen gesehen, in dem gerade der Chef der Uni Bayreuth, der Guttenberg den Doktortitel aberkannt hat, weggefahren wurde. Tot, von der Straßenbahn überfahren. Da ist es doch sinnlos, sich mit Europas neuer Erzählung zu beschäftigen. Da sage ich lieber: ‚Ich nehm noch nen Capuccino.'“ – Dazu fällt mir ein ähnlicher Satz von Schmidt ein, vor Jahren in „Ohne weitere Worte“ zitiert. Das heißt, er fällt mir nicht ein, sondern nur, dass es ihn gab. Ich klicke mal kurz ins Archiv, ob ich ihn finde. Irgendwas mit dem Matterhorn, glaube ich. …..

… Ha! Das Langzeitgedächtnis funktioniert noch. Ein bisschen. War nicht in „Ohne weitere Worte“, sondern der Schluss einer meiner „Anstoß“-Kolumnen aus dem Jahr 2001:

„Ganz ohne Übergang ein doppeltes Wort zum Sonntag. Das erste gesprochen von Erwin Chargaff, dem 96-jährigen Biochemiker, den wir im »Anstoß« schon lange verehren und oft zitiert haben. Vor einiger Zeit sagte Chargaff in einem »stern«-Interview: »Die Natur ist größer als der Mensch, sie braucht keine Kenntnis von ihm zu nehmen. Die Natur geht einfach weiter.« Erstaunlicher Zufall: 30 Seiten weiter ergänzt Harald Schmidt im selben Heft, ebenfalls im Interview, aber zu einem ganz anderen Thema und mit Sicherheit ohne Kenntnis des Chargaff-Satzes: »Das Großartige ist, dass Gott und das Universum weder Witz noch Ironie brauchen – sie sind einfach da. Ich habe mal mitbekommen, wie ein Hubschrauber mit vier Japanern ins Matterhorn gerast ist. Das hat dem Matterhorn überhaupt nichts ausgemacht.«

Was von Harald Schmidt bleibt, weiß er selbst, und das ist nicht wenig und daher weder Ironie noch Understatement: „Ich sehe mich selbst in Sachen Nachruhm auf einer Stufe mit Hans-Joachim Kulenkampff und Heinz Schenk.“ – Noch mal böse nachgekartet: Kuli glaubte auch, er sei ein Schauspieler.

Und ich glaube, dies war eine Hommage an – oder für? – Harald Schmidt. Für „Ohne weitere Worte“, die ich morgen zusammenstelle, eignet sich leider nur dieser gegen die obigen etwas abfallende Satz, der keine Vorkenntnisse und Insiderwissen voraussetzt oder den Kontext gelesen zu haben und zudem kurz genug ist: „Aus meiner Sicht soll man Gesetze machen, damit die Schwächsten nicht umfallen können. Ansonsten hat man mit der Beachtung der Straßenverkehrsordnung schon genug zu tun.“

Noch ein kurzer Hinweis auf die „Mailbox“, in der ein Stammleser, der vor vielen Jahren mein Italienisch verbessert hat (erinnern Sie sich? Leider habe ich das Meiste von meinem wenigen Italienisch schon vergessen, mein Gehirn hat’s rausgekippt, um Platz zu machen für meine Neugriechisch-Versuche, so dass ich seither statt kaum Italienisch kaum Griechisch sprechen kann). Wer am Samstag im „Sport-Stammtisch“ meine Pneumothorax-Heldengeschichte gelesen hat: Hans Gutmann toppt sie. Aber wie! Lesen Sie selbst, und ich bin jetzt weg.

Veröffentlicht von gw am 24. März 2013 .
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Sonntag, 24. März, 6.15 Uhr

Das Einzige, was nach Frühjahr aussieht: Um diese Zeit ist es nicht mehr stockdunkel, sondern schon hellgrau. Lohnt sich aber nicht, rauszugucken.

Habe schon mal im gw-Archiv gewühlt, wegen Jacko Gill. Kommt gleich. Nicht gleich, sondern erst am Nachmittag werden die Montagsthemen folgen. Weil: Gleich werde ich über die Sauerland-Linie brettern. In meinem Wahnsinnstempo. Schnitt ca. 99. Immerhin schneller als ich alt bin.
Immer wieder erstaunlich: eine Brücke über die Autobahn, irgendwo bei Herborn. So was von steil! Oder ist’s eine Skischanze?

Heute nur kurzer Blick in die Meldungen der Nacht: Zypern, natürlich. Wetten, dass sie in den nächsten Stunden eine Lösung finden!? / Tödlicher Unfall durch einen Geistesfahrer, der überlebt. / Sonst nichts, außer dem üblichen Nachhall zu jener Sendung, die früher Stoff für die Montagsthemen geliefert hat, die ich aber nicht mehr anschaue. Zu öde. / Und jetzt zum Jacko-Gill-Archiv:

Vor drei Jahren notiert: »Und jetzt gibt es einen 16-jährigen Neuseeländer namens Jacko Gill, weder besonders groß, stark oder frühreif, der bei der Junioren-WM die ältere Konkurrenz um vier Meter (!) distanzierte und mit blitzschneller und blitzsauberer Drehung unfassbare 24,35 m weit stieß (5-kg-Kugel). Merken Sie sich den Namen: Jacko Gill.«

Kurz danach: „Jacko Gill, der 16-jährige Neuseeländer, der im Sommer mit 24,35 m einen Jugendkugel-Weltrekord (5 kg) weit außerhalb meines immerhin nicht ganz engen Vorstellungsvermögens aufgestellt hat, ist mit aktuellen Trainingsaktivitäten bei Youtube zu finden. Der Junge, der mit der Männerkugel nun auch schon über 20 Meter gestoßen hat, zeigt dabei Übungen und Leistungen, die jeden verblüffen, der von der Materie ein wenig Ahnung hat. Jacko stößt zum Beispiel eine 165 kg schwere Hantel fünfmal hintereinander zur Hochstrecke, und im Sprungkraft-Test (»jump and reach«) schafft er die phänomenale Differenz zwischen Reich- und Sprunghöhe von 95 Zentimetern. „

Vor zwei Jahren: „An dieser Stelle haben wir früh auf das neuseeländische Wunderkind Jacko Gill aufmerksam gemacht, aber auch auf die verrinnende Zeit hingewiesen, in der Gill (knapp 17!) sein unglaubliches Talent ohne zu überpacen ausreifen lassen muss. Am Wochenende stieg er wieder in den Ring, stieß »nur« 22,30 Meter (6-kg-Kugel), stagniert also in einem Alter, in dem Stagnation Rückschritt bedeutet. Aber lassen wir ihm: Zeit.“

Vor etwa eineinhalb Jahren notiert: „Hoffentlich entwickelt sich der phänomenale junge Neuseeländer Jacko Gill, ein echter Hundefreund, bis 2016 weiter wie bisher, dann ist ihm der Kugelstoß-Olympiasieg nicht zu nehmen. Storl in London 2012 wegen der knapp verpassten Goldmedaille bedauert zu haben, das jedenfalls bereut jetzt aufrichtig: gw.“ Grund: Storl hatte aus Jux (aus Jux!) mit einem Luftgewehr auf Hunde geschossen.

Aber ich hatte auch schon im Dezember 2011 Befürchtungen: „Bei Youtube mehrmals ein neues Trainings-Video von Jacko Gill angesehen. Der Junge ist 16 und springt buchstäblich über Tische und Bänke. Dunking mit der Kugel, seltsame Übungen mit der Hantel, schon beim Sehen tut die eigene Wirbelsäule weh. Den Jungen treibt was. Hoffentlich nicht der Wahnsinn. Schule schon geschmissen, ist Profi-Kugelstoßer, trainiert dreimal am Tag bzw. in der Nacht (steht erst um 12 auf, dritte Trainingseinheit nachts um zwei). Sensationell die Sprungkraft, scheint auch sehr sprintschnell zu sein. Hat mit der Männerkugel schon 20,38 gestoßen und gestern seinen abgefahrensten Weltrekord verbessert, den mit der 5-kg-Kugel seiner Altersklasse auf 24,45 m. Hoffentlich geht das alles gut.“

Vor wenigen Wochen der letzte Eintrag zum Wunderkind: „Mittlerweile ist er 18 und keinen Zentimeter weiter gekommen. Warum? Ich ahnte es vor ein paar Monaten, als ich sah, dass er keine Trainingsvideos mehr ins Internet stellte, sondern Fotos seiner Freundin. Er hat also schon den Karriere-Knackpunkt erreicht, den Weltmeister Viswanathan Anand dem dänischen Schachwunderkind Magnus Carlsen wünscht. Anand auf die Frage, was Carlsen – Elo 2872, in etwa mit Gills 24,35 vergleichbar – überhaupt noch stoppen könne: »Der Junge braucht eine Freundin.«“

Und jetzt, an diesem Wochenende, gerade im Internet in einer neuseeländischen Zeitung gelesen: Bei den neuseeländischen Meisterschaften stößt Jacko Gill 20,53 m. Mit der 6-kg-Kugel. So weit stieß er damit schon als 15-Jähriger. Bei den Männern trat er erst gar nicht an. Zwar hatte er eine Trainingspause einlegen müssen, weil er von seinem Hund gebissen wurde, aber dennoch eine rasante Abwärtsentwicklung.

Einerseits: Enttäuschung über die Entwicklung vom unfassbaren Phänomen zum fast schon nur „nomalen“ Talent. Andererseits: Für die Persönlichkeitsentwicklung des Jungen vielleicht das Beste.

Veröffentlicht von gw am 24. März 2013 .
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Freitag, 22. März, 18.30 Uhr

Schon erstaunlich viele Lösungen zur „Wer bin ich?“-Runde eingetroffen. Mit u.a. einem netten Kompliment von Waltraud Griep zum letzten Satz … (als Hinweis „genial“).
Wolfgang Egerer ist beim Fischen nach der Lösung im Internet auf einen interessanten Beifang gestoßen (siehe Mailbox).
„Nach-Lese“ und „Sport-Stammtisch“ sind abgehakt und stehen online.
Abgehakt auch: „So wahr das“. Ich komme einfach nicht dazu, die viele Arbeit ernsthaft anzugehen. Die Kolumnen werden auch interessierter aufgenommen, oder? Dabei sollte ich bleiben.
Das, was ich bisher zusammengestellt und geschrieben habe, stelle ich jetzt in den Blog (Teil 1 war schon vor ein paar Tagen hier zu lesen). Also jetzt noch den Rest – und dann ab zum Kasachstan-Gucken.

Teil 2: 1. April bis 30. Juni 1952

„Organisation der jüdischen Partisanen“ will Attentatsversuch unternommen haben. Eine Gruppe, die sich „Organisation der jüdischen Partisanen“ nennt, erklärte sich am Montag für den
Attentatsversuch auf Bundeskanzler Dr. Adenauer verantwortlich. In einem Brief, der am Samstag in Genf aufgegeben worden war und am Montagmorgen im Pariser Büro der United Press eintraf, schreibt die Organisation: „Unsere Kameraden haben ihre erste Aktion auf deutschem Boden durchgeführt. Ein mit Explosivstoffen gefülltes Buch wurde an die Adresse des Kanzlers des Mördervolkes, Dr. Konrad Adenauer, gesandt. Durch Zufall explodierte die Bombe in den Händen eines Polizeibeamten des Herrn Adenauer, der das Buch öffnete.“ In dem Schreiben hieß es dann weiter, die Organisation habe diesen Anschlag unternommen, weil das deutsche Volk immer noch versuche, „die Welt zu versklaven“. In dem Schreiben stellt die Gruppe fest, sie befände sich mit Deutschland „im Krieg“. Ihr Ziel sei Vergeltung für die „sechs Millionen kaltblütig ermordeten Juden“, die unter dem Hitler-Regime umkamen. Der „Krieg“ werde für „Generationen“ dauern und „deutsche Väter und Söhne werden ihn an ihrem Fleische spüren“.
(1. April 1952/UP)

Polizei-Notrufwagen entführt. Der Notrufwagen der Polizeidirektion Gießen wurde in der Nacht zum 31. März, gegen 3 Uhr morgens, während eines Einsatzes in der Walltorstraße von einem Täter weggenommen und im Heyerweg abgestellt. Als Täter wurde der 30jährige Kaufmann R. S. aus Gießen ermittelt und festgenommen. Nach Abschluß der Ermittlungen wurde er dem Schnellrichter vorgeführt, der ihn zu 30 Tagen Gefängnis bzw. 100 DM Geldstrafe verurteilte.
(1. April 1952/GFP)

Marx: Antisemitisches Tarnungsmanöver. Als ein „antisemitisches Tarnungsmanöver“ bezeichnete der Herausgeber der „Allgemeinen Wochenzeitung der Juden in Deutschland“, Karl Marx, Meldungen über Attentatsabsichten gegen den Bundeskanzler, die eine angebliche „Organisation jüdischer Partisanen“ verkündet habe. Marx gab bekannt, daß in letzter Zeit eine antisemitische Organisation des Schweden Einar Aberg die Bundesrepublik, Westberlin, die Schweiz und andere Länder mit Propagandamaterial überschwemmt habe. Darin war auch die Rede von einer „Organisation jüdischer Partisanen“.
(1. April 1952/dpa)

Überfallwagen zugelaufen. Gegen Erstattung der Futterkosten abzuholen bei K.K.K.
(Kleinanzeige/1. April 1952)

Flüchtling sucht 2 Zimmer u. Küche, evtl werden Verputz- u. Weißbinderarbeiten übernommen.

Tausche: 2 Zimmer, Küche, Korridor im I. Stock, u. 1 Mansarden-Zimmer, gegen 1 großes Zimmer, Küche (mögl. Bad)

Amerikaner (weiß) sucht für seine Braut u. Kind gut. möbl. separ. Zimmer (für 3 – 4 Monate), mögl. besseres Viertel. Heirat in 3 bis vier Wochen.
(Wohnungsmarkt-Anzeigen/2. April 1952)

Zur Wiedereröffnung des Hotel-Restaurants „Malepartus“: Eine Rückschau auf die Nachkriegsjahre läßt die erfreuliche Tatsache erkennen, daß der Wiederaufbau Bad Nauheims seit dem Zusammenbruch ganz bedeutende Fortschritte gemacht hat. Die Frequenz des Kurbetriebes stieg von Jahr zu Jahr und damit auch die Zahl der Übernachtungen. Es muß unterstrichen werden, daß die Dienststellen der Besatzungsmacht dieser Entwicklung durch die Freigabe vieler Beherbergungsbetriebe Rechnung getragen haben und somit das Wiederaufleben des Bade- und Kulturbetriebes wesentlich fördern halfen. Die Aufhebung der Beschlagnahme des bekannten Hotel-Restaurants „Malepartus“ war ein weiterer Schritt auf diesem Wege. Nach völliger Umgestaltung und gründlicher Renovierung kann das beliebte Etablissement, das jahrzehntelang zu den ersten Häusern der Badestadt zählte, heute wieder seiner früheren Bestimmung zugeführt werden. Mit der Wiedereröffnung des Hotel-Restaurants „Malepartus“, dessen Bewirtschaftung der frühere Inhaber des Stadtcafes Otto Frohne mit seiner Frau übernimmt, verfügt Bad Nauheim im Stadtkern über einen weiteren repräsentativen Gaststätten- und Hotelbetrieb, der dem Ruf des Weltbades entspricht.
(3. April 1952/WZ)

VfB Gießen lädt für Samstag, 5. April, Hörsaal d. Kunstw. Instituts, zum Lichtbildervortrag „Aus dem Tagebuch eines Sportredakteurs“ ein. W. Reinert berichtet über seine Erlebnisse bei Länderkämpfen, Europameisterschaften, über seine Begegnung mit dem Tiefseetaucher Hass und anderes.
(Veranstaltungshinweis/4. April 1952)

Meine geliebte Schwester Anna, endlich komme ich wieder einmal dazu, Dir schreiben zu können. Ich habe so viel um die Ohren, das kannst Du Dir gar nicht vorstellen. In unserem Geschäft bin ich nun die erste Friseuse, und da meine Chefin bei der Jahreshauptversammlung der Friseurinnung Friedberg als erste Frau in den Vorstand gewählt worden ist und jetzt, stolz wie Oskar, nur noch „repräsentieren“ will, hat sie mich befördert und läßt mich sogar die Tagesabrechnungen machen. Die paar Mark mehr lasse ich mir zwar gerne gefallen, aber ich wollte mir doch ein zweites Standbein aufbauen. Ich habe Ende März hier an den Einführungskursen in die Naturheilkunde und Homöopathie teilgenommen, das sind neue medizinische Methoden, die in einer Kurstadt wie Bad Nauheim gut ankommen dürften. Vielleicht mache ich mich bald selbstständig, den Namen für „meinen“ naturheilkundlich-homöopathischen Salon habe ich schon: „Kursalon Haut & Haar“ – was hältst Du davon? Wolfhard glaubt jedenfalls, das wird ein Bombengeschäft. Aber zunächst einmal muß ich im alten Salon der Chefin noch etwas Geld verdienen, es läuft gerade recht gut, denn die Damen geben schon wieder viel mehr Trinkgeld als vor einem Jahr.
Ich gebe zu, daß ich mich in Wolfhard ein wenig getäuscht habe. Seit er die feste Anstellung bei der Gewerkschaft hat, ist er seriöser geworden und hat nicht mehr so viele Flausen im Kopf. Ich bin froh, daß Du nicht mehr eifersüchtig bist, das war damals wirklich ziemlich dumm von Dir, auch, daß Du geglaubt hast, ich sei in ihn verliebt. Das bin ich ganz bestimmt nicht, meine Liebe gehört nur Frieder, von dem ich immer noch nichts gehört habe. Wolfhard kommt mir manchmal vor wie ein etwas schwieriger Bruder, auf den man aufpassen muß, der sich aber langsam dem Ernst des Lebens stellt. Es war sehr schön, als er gestern wieder mit dem Seitenwagen zu Besuch war und den kleinen Robert als „Schmiermaxe“ mitbrachte. In den bin ich wirklich verliebt! Er durfte in meinem Bett schlafen und hat das richtig genoßen (Wolfhard übernachtete ganz feudal im neuen „Malepartus“. Verdient er bei der Gewerkschaft so gut?). Robertchen erzählte richtig begeistert vom neuen Kindergarten. Wie schön, daß er praktisch direkt neben Eurer Wohnung liegt. Seine Tante Dora, die er heiß und innig liebt (da werde sogar ich ein wenig eifersüchtig), ist das diese Dora, die in Deiner Klasse war? Wenn am 11. April der Zirkus Barum nach Friedberg kommt, will Wolfhard das Robertchen wieder zu mir bringen, dann gehen wir gemeinsam in den Zirkus.
Ich bin auch stolz auf Dich, meine kleine Schwester, denn Du hast meinen Rat befolgt und Dich weitergebildet. Auch daß Du wieder schneiderst, für Dich und die Familie, und sogar als Änderungsschneiderin etwas hinzuverdienst, finde ich richtig knorke, wie der Berliner sagt.
Du hast mich im letzten Brief gefragt, was es mit den jüdischen Partisanen auf sich hat. Ich weiß es auch nicht. Es stehen ja sehr widersprüchliche Sachen in der Zeitung. Ich könnte zwar verstehen, wenn sie unser Land hassen, aber genauso gut halte ich es für möglich, daß alte Nazis die Hand im Spiel haben. Was wissen schon wir kleinen Leute davon? Daß die Juden bei den Wiedergutmachungsverhandlungen in Den Haag von uns 13 Milliarden Mark fordern, finde ich eigentlich richtig, bei dem vielen Leid, das wir über sie gebracht haben. Unter 13 Milliarden kann ich mir allerdings kaum noch etwas vorstellen, ich weiß sogar nicht einmal mehr, wie viele Nullen eine Milliarde hat. Und das, obwohl ich jetzt so viel mit Geld zu tun habe!
Nun muß ich aber Schluß machen, es ist schon zehn Uhr, ich muß morgen wieder früh raus und will jetzt noch ein bisschen im Naturheilkunde-Lehrbuch lesen. Gute Nacht, meine liebste Anna, Deine Dich liebende Schwester Martha.
(Martha Müller an Anna Radiger/5. April 1952)

Verschiedenes: Wer gibt Hausruine in Gießen zum Abbruch, suche auch 2 gebrauchte Schubkarren zu kaufen.
(Kleinanzeige/5. April 1952)

Krofdorf-Gleiberg: Als vor wenigen Monaten ein heftiger Sturm die mehrere hundert Jahre alte und unter Naturschutz stehende Gleiberger Linde arg zerzauste und 2 weit austragende Äste abbrachen, so daß die Gemeinde durch ein Warnungsschild den Aufenthalt unter der Linde untersagen mußte, da wußten alle, daß die mehrere hundert Jahre lange Lindenbaumromantik zu Ende geht. In rechtzeitiger Erkenntnis der Lage hatte Bürgermeister Mandler eine junge Linde beschafft, die die Aufgabe der alten übernehmen soll. In einer schlichten Feierstunde, zu der sich der Bürgermeister, Vertreter des Gemeinde- und Elternbeirats, die Lehrerschaft mit 450 Schulkindern und jung und alt aus dem Dorf eingefunden hatten, wurde die junge Linde gepflanzt. Lehrer Praß würdigte die Bedeutung der alten Linde im Dorfgeschehen von alters her. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß sich ihre große Tradition auf den jungen Baum übertragen möge.
(5. April 1952/GFP)

Wehrmachtskupplungen sind ab 1. April verboten, weil sie den Anforderungen an die Verkehrssicherheit nicht mehr entsprechen. Rockinger-vollautomatische Kupplungen für alle Fahrzeugtypen ab meinem Fabrik-Verkaufslager lieferbar. Otto Neils, Autobedarf, Fernsprecher 3352, Alicenstraße 34.
(Zeitungswerbung/5. April 1952)

3 Milliarden an Israel vorgeschlagen: Die deutsche Delegation bei den deutsch-israelischen Wiedergutmachungsverhandlungen hat am Montag eine Erklärung abgegeben, in der die Ansprüche Israels an Deutschland auf 4,5 Milliarden DM beziffert werden. Von diesem Betrage entfallen nach der Erklärung, die im Anschluß an eine dreistündige Sitzung veröffentlicht wurde, auf die Bundesrepublik drei Milliarden DM.
(8. April 1952/UP)
96 Verschollene heimgekehrt. Im Lager Friedland bei Göttingen trafen am Montag 96 bei ihren Angehörigen als verschollen geltende Heimkehrer aus Rumänien ein. Fast die Hälfte dieser Heimkehrer war schon 1950 aus sowjetrussischer Gefangenschaft entlassen worden. Ihr Transport wurde aber in Rumänien festgehalten und die Heimkehrer für weitere zwei Jahre in ein Lager gebracht und zur Zwangsarbeit gezwungen.
(8. April 1952/UP)

Suche für sofort bescheidenes, braves und kräftiges Mädel, am liebsten Halbwaise, berufsschulfrei, die gemeinsam mit der Hausfrau Arbeiten verrichtet. Familienanschluß. 80 DM Anfangsgehalt. Es kommen nur Mädels in Frage, die fleißig und solide sind. Hausfrau war Hauswirtschaftslehrerin.
(Kleinanzeige/8. April 1952)

Mit jedem einzelnen dieser Angebote, die Sie hier schwarz auf weiß gedruckt sehen und die durch unsere Zeitung in vielen tausend Haushaltungen in ganz Oberhessen verbreitet werden, wendet sich eine angesehene Firma speziell an Sie, lieber Leser. Mehr noch als sie aus dem knappen Raum einer solchen Anzeige zu erfahren vermögen – die nicht mehr sein will als eine Empfehlung und eine höfliche Aufforderung zu unverbindlichem Besuch – würden Sie selbstverständlich sehen, wenn Sie Ihr Weg einmal persönlich in die einzelnen Häuser führen würde.
(Text auf Oster-Anzeigenseiten mit Werbung von lokalen Fachgeschäften/10. April 1952/GFP)

Mein liebes Gisli, ich bin so stolz auf Dich. Du gehst gerne in den Kindergarten, hast Deine Tante Dora lieb, freust Dich aber auch sehr, wenn ich Dich am Mittag abhole. Auch den Herrn Götze von der Zeitung magst Du jetzt, das ist eine große Erleichterung für mich, denn man hört heute ja oft, daß Kinder, die ihren Papa im Krieg verloren haben (oder wie wir durch einen Verkehrsunfall), den neuen Mann im Haus nicht leiden können. Nicht, daß Gustav der neue Mann im Haus wäre! Das denn nun doch nicht. Obwohl er sich rührend um uns kümmert. Ich schreibe es Dir heute zum ersten Mal, weil ich lange überlegt habe, denn Du liest mein Tagebuch für Dich ja später, und da will ich nichts falsch machen. Als Gustav vor einem Jahr vor der Tür stand, sagte er, er will einen Artikel über mich schreiben, wie ich zurecht komme, nachdem mein Verlobter schon vor Deiner Geburt betrunken überfahren worden ist. Da habe ich ihm gleich eine geknallt und ihn angeschrien, Schreiberlinge wie er hätten meinen Ludwig schlecht gemacht, und ein Artikel kommt überhaupt nicht in Frage. Er stand dann aber so jämmerlich da, dass ich Mitleid bekam. Ich erzählte ihm alles über Deinen Papa, und da sah er immer jämmerlicher aus. Ob er sich ein bisschen um uns kümmern darf, hat er gefragt. Seitdem tut er das auch, und weißt Du, ich glaube, er ist es auch, der immer noch die Zwanzigmarkscheine in den Briefkasten steckt. Im Kindergarten hast Du gleich einen neuen Freund bekommen, den Robert, der viel älter ist als Du. Auf den bist Du schon am ersten Tag zugegangen und hast ihn gefragt, ob er Dein Freund sein will. Er hat ja gesagt und Dich an der Hand genommen. Ich fand das richtig süß. Auch Dora hat gesagt, das ist ungewöhnlich, daß sich ein großer Junge so nett um ein kleines neues Mädchen im Kindergarten kümmert. Schade, Robert kommt sicher bald in die Schule, dann ist es vorbei mit der schönen Freundschaft. So, jetzt muss ich aufhören, denn ich will mich bei einer Dame vorstellen, die eine Haushaltshilfe sucht. Jetzt, wo Du im Kindergarten bist, kann ich ja morgens arbeiten gehen.
(Magda Willscheid/11. April 1952)

„Lieschens“ letzte Fahrten in den Frühling. In den Abendstunden des Ostermontags versinkt mit dem letzten Zug der Biebertalbahn ein Überbleibsel der „guten, alten Zeit“ endgültig ins Reich der Vergangenheit. Das harmlose Fauchen der Lokomotive und ihr Warngeläute wird die Abschiedsmelodie sein, mit der das „Lieschen“ das erlebnisreiche Gelände an der Unterführung zum Oswaldsgarten für immer hinter sich läßt. Vielleicht werden die Bewohner der jahrzehnteumwitterten Häuschen in der Hammstraße mit einer gewissen Wehmut den Wägelchen mit ihrem flackernden Licht und wackeligen Brikettöfchen nachschauen, wie man einen lieben Freund dahinziehen lassen muß.
Mit Trauer im Herzen werden vielleicht die Älteren den letzten Zug der Biebertalbahn über die Lahnbrücke entschwinden sehen, denn für sie bedeutet das „Lieschen“ ein Stück ihres Lebens, eine schöne Erinnerung an die Jahre der Jugend, deren Verschwinden aus dem Stadtbild sie an die Vergänglichkeit erinnert. Dann ist aber auch der Ärger der Hausfrauen über das Verrußen ihrer Gardinen, die das starke Qualmen der Lokomotive verursachte, vergessen.
Mag auch für viele Menschen die letzte Fahrt der endgültige Abschied von einer schönen Zeit sein, vergessen wird die Biebertalbahn nicht. Auch die heranwachsende Generation wird noch lange vom „Bieberlieschen“ sprechen, das mehrmals täglich seinen recht gefahrvoll gewordenen Weg wackelte. Aber so wie der „Vatermörder“ sich zum stärkelosen, bequemen Sportkragen und der lange Rock mit der „Besenspitze“ sich zum dreiviertellangen Rock wandelte, so wie die damaligen langen, spitzenverzierten Badeanzüge der Frauen einer gewagten Kürze wichen, so mußte sich auch die Form der Verkehrsmittel ändern. „Das Bieberlieschen fährt nicht mehr. Es lebe der schnellere, elektrisch beleuchtete Omnibus!“
(12. April 1952/GFP)

Achtung Kureier! Auch Sie sollen gesund und lebensfroh werden durch 9 Tage angebrütete Eier mit einwandfrei entwickeltem Embryo. Darum sichern auch Sie sich eine Kur von 30 Tagen bei der Geflügelfarm und Brüterei W. Blöser, Bad Nauheim-Nord, Steinfurther Straße. Anmeldungen zur Kur täglich.
(Inserat/12. April 1952/WZ)

Gastspiel des Groß-Zirkus Barum. Die Kreisstadt Friedberg und ihre bäuerliche Umgebung waren von jeher zirkusfreundlich eingestellt. Diesmal hatte der Viermasten-Groß-Zirkus Barum, der sich auf Tournee durch 101 Städte Westdeutschlands befindet, auf der vorderen Seewiese seine Zelte aufgeschlagen. War schon die Eröffnungsvorstellung am Ostersamstag gut besucht, so steigerte sich während der Feiertage der Zustrom der Zirkusbegeisterten ständig – Zirkus Barum, dem ein ausgezeichneter Ruf vorausging, hatte auch die gute Kost gewohnten Wetterauer mit seinen hervorragenden Leistungen überzeugt. Im Mittelpunkt der Darbietungen standen gewagte Tierdressuren, die ob ihrer Vielseitigkeit und Reichhaltigkeit überraschten. Der Leser gestatte, daß die wohl schwierigste Programmnummer, die Vorführung einer gemischten Raubtiergruppe von Löwen und Tigern, die den Abschluß bildete, an den Beginn der Besprechung gestellt wird. Sie hat es verdient. Es ist erstaunlich, wie der junge, erst 21jährige Dompteur Gerd Siemoneit diese gefährlichen Raubtiere in einem gewagten Dressurakt souverän beherrscht. Einen auf dem Seil laufenden Tiger sieht man nicht alle Tage.
(16. April 1952/WZ)

Brandstiftung von Ettingshausen gesühnt. Daß eine Versammlung recht unerfreuliche Folgen haben kann, besonders wenn zünftige Feuerwehrleute ihren inneren Brand allzu energisch löschen, mußten drei Burschen aus Ettingshausen erfahren, die gestern das Urteil des Landgerichtes Gießen entgegennehmen mußten. Wie bekannt, hatten sie am 16. Dezember 1951 dem Freibier kräftig zugesprochen; im Laufe der Versammlung kam es zu Tätlichkeiten zwischen K. Sch. und dem Ortsbrandmeister von Ettinghausen. In seinem Ärger äußerte der Angeklagte W. B. zu seinen Mitangeklagten, er würde an der Stelle von Sch. einen Strohschober in Brand stecken, um dem Ortsbrandmeister zu zeigen, was Feuerwehr heißt. Auf dem Heimweg zündeten sie auf dem Weg nach Harbach sechs Strohschober an, von denen drei völlig ausbrannten. Das Urteil der Strafkammer lautete gegen H. G. und K. Sch. wegen gemeinschaftlicher Brandstiftung bei verminderter Zurechnungsfähigkeit auf je vier Monate Gefängnis, während W. B. wegen Anstiftung zu einfacher Brandstiftung zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt wurde.
(18. April 1952/GFP)

Frankreich verhindert schnelle Saar-Regelung. Bundeskanzler Dr. Adenauer setzte den Bundestag am Mittwoch in seiner mit Spannung erwarteten Regierungserklärung davon in Kenntnis, daß eine Lösung der Saarfrage vorerst nicht möglich sei. Als Grund für die notwendige Vertagung der Lösung des Saarproblems führte der Kanzler unter anderem die Haltung des französischen Senats zu dieser Frage an, die nach Auffassung Dr. Adenauers keine Aussicht auf Erfolg bieten würde. Der Senat hatte die Ansicht vertreten, daß die Saar politisch von Deutschland losgelöst und wirtschaftlich an Frankreich gebunden bleiben müsse. Der Bundestag billigte in der Endabstimmung mit 191 gegen 135 Stimmen bei acht Enthaltungen in namentlicher Abstimmung eine Entschließung der Koalitionsparteien, in der erneut die völkerrechtliche Zugehörigkeit des Saarlandes zu Deutschland betont wird.
(24. April 1952/UP und GFP-Eigenbericht)

Ich beglückwünsche mich selber! Ohne mir ein Bein auszureißen, ist meine Wäsche immer blendend sauber, ich arbeite mit dem Köpfchen … Abends weiche ich mit Burnus ein, am anderen Morgen schütte ich mit der dunklen Brühe den gelösten Schmutz weg, und ich sage zu mir selber: „Siehst du, Frieda, da hat mal wieder ein anderer für uns geschafft. Was Burnus herausweicht, muss Frieda nicht mehr herauswaschen!“ Probieren Sie’s selbst einmal.
(Zeitungswerbung im April 1952)

Stadt und Land, Gott und die Welt. Die Zeiten werden einfach nicht ruhiger. Churchill ernstlich erkrankt, zwar nur eine „Erkältung“, aber sein Alter und die bemüht beschwichtigenden Erklärungen seiner Ärzte lassen das Schlimmste befürchten. Daß der englische Premierminister sogar die Fahrt zum Pferderennen nach Newmarket absagen musste, wo sein Pferd „Nonstop“ lief, verstärkt die Befürchtungen, denn den Renntag hätte sich der turfbegeisterte Churchill von einer einfachen Erkältung nicht verderben lassen. Was wird aus England ohne ihn? Was aus Frankreich, das in Indochina Krieg führt?
Wir in Deutschland machen uns Sorgen wegen der Saar. Die Franzosen wollen sie einfach nicht hergeben. Wir sind im Recht, aber was hilft uns das? Deutschland hat den Krieg verloren und muß dafür zahlen, zahlen, zahlen. Wir sollten die Ungerechtigkeit aber in Demut hinnehmen, denn Deutschland hat der Welt unvergleichlich mehr an Ungerechtigkeit zugefügt. Eine Schuld, die mit Geld nicht zu bezahlen ist.
Schuld. Wie geht jeder einzelne von uns damit um? Welche Schuld haben Sie, liebe Leser, welche habe ich auf mich geladen? Meine Schuld kenne ich, sie hat nichts mit dem Dritten Reich zu tun, ich war zu jung, um damals schuldig zu werden, und als ich in den letzten Kriegsmonaten als Jüngling die Heimatfront verstärken sollte, rettete mich ein bei einem Fahrradunfall gebrochenes Bein vor dem Totschießen von Menschen. Aber auch ich bin schuldig geworden, ohne böse Absicht. Die Schuld wird mich mein Leben lang verfolgen, es ist eine ganz persönliche Schuld, und ich will und werde dafür zahlen.
Auch Philipp Auerbach hat Schuld auf sich geladen. Aber wenn ich über andere Schuld, unser aller und meine eigene, weine, so muß ich über die Vorwürfe schmunzeln, die dem früheren Präsidenten des bayerischen Landesentschädigungsamtes gemacht werden. Auerbach steht in München wegen Einstellungsbetrugs vor Gericht, nachdem er zugeben hatte, keinen akademischen Grad zu besitzen und sogar nicht einmal Abitur gemacht zu haben. Auerbach behauptet, von KZ-Insassen sei er stets als Doktor angeredet worden, weil er als Laborant einen weißen Kittel zu tragen pflegte. Er bat den Richter um Verständnis: „Ich klage mich selbst an, daß ich nach fünfjähriger KZ-Haft nicht mehr die moralische Widerstandskraft hatte, dieser Versuchung zu widerstehen.“ Alles weitere sei Folge dieser ersten Lüge gewesen.
Wirklich? Auch, daß Auerbach die ihm anvertrauten 38500 DM zur Friedhofspflege im Bereich der Dachauer KZ-Anlage bereits komplett für Festessen anlässlich der Friedhofseinweihung ausgegeben hatte? Seltsam auch Auerbachs Begründung, daß er die in Belgien gegen ihn verhängten Vorstrafen nicht anerkenne, weil er die Urteile gar nicht kenne. Eine interessante Logik! Überhaupt wirkt der Angeklagte auf mich wie ein Bruder im Geiste des Felix Krull (übrigens soll Thomas Mann an einer Fortsetzung des 1937 erschienenen Romanes arbeiten, ich freue mich darauf!). Ich wette, daß spätere deutsche Zeiten über diese Posse lachen werden. Erschwindelte Doktorwürden, so etwas war wohl nur in den Nachkriegswirren möglich.
Auch peinliche Fotos wie jene beiden, die wir vor drei Tagen wie fast alle deutschen Zeitungen abdruckten, dürfte es in späteren Jahren nicht mehr geben. Bundespräsident Theodor Heuß ließ sich beim Empfang des Deutschen Journalistenverbandes von einem Kellner bedienen, der ihm in beruflich vorbildlicher Haltung Wein nachschenkte. Findige Kollegen gruben dazu im Archiv ein nahezu identisches Foto aus, mit dem selben Kellner, der auf diesem Bild aber Adolf Hitler Wein einschenkt. Heuß konnte nicht ahnen, dass der Kellner Karl-Wilhelm Krause heißt und langjähriger Kammerdiener Hitlers war. Krause wurde nach Kriegsende drei Jahre interniert, war zwei Jahre lang arbeitslos, wurde dann Tischler und ist nun wieder Kellner – und das sogar beim größten gesellschaftlichen Ereignis der deutschen Presse!
Aber sowohl die Auerbach- als auch die Krause-Geschichte sind nur absurde Fußnoten einer vergangenen Zeit. In die Zukunft weist dagegen die Erfindung eines sturmsicheren Regenschirms: Ein fixer Berliner dürfte mit seinen querlaufenden Stabilitäts-Stangen eine Umwälzung in der Schirmindustrie hervorrufen. Ebenso zukunftsweisend: Nachdem die Atombombe unermeßlichen Schaden angerichtet hat, soll nun die friedliche Atomforschung ebenso unübersehbaren Nutzen bringen, und zwar im wörtlichen Sinne, denn schon im nächsten Jahrzehnt sollen ganze Städte atombeleuchtet werden. Gordon Dean, der Vorsitzende der US-Atomenergiekommission, sagt voraus, daß wir dann „einen Reaktor haben, der fähig ist, Energie zu produzieren, zumindest an Stellen, wo die Kosten anderer Brennstoffe sehr hoch liegen“. Klingt wie im Märchen!
Weniger märchenhaft, was derzeit in den britischen Kohlengruben geschieht. Wegen der kritischen Brennstofflage waren die Behörden auf die seltsame Idee gekommen, Bergleute aus Italien zu verpflichten. Aber es kam, wie es kommen mußte: Die einheimischen Bergleute protestierten schon nach kurzer Zeit, die Italiener sollen daher wieder in ihre Heimat zurückkehren. Nicht, weil sie schlecht gearbeitet hätten. Der konservative Unterhausabgeordnete Victor Raikes behauptet, „die Italiener üben mit ihrem angeborenen Sex-Appeal einen Einfluß auf die Frauenwelt aus, dem ihre britischen Arbeitskollegen nichts Ähnliches entgegenzusetzen wissen“. So gab auch Sante Melandi, einer von den 2200 Italienern im britischen Kohlengebiet, zu, daß ihre Unterkünfte des öfteren von abenteuerlustigen jungen Mädchen umlagert seien. Er versicherte jedoch, daß keiner seiner Landsleute daran interessiert sei, sich in Liebesabenteuer einzulassen. Einige seiner Kameraden hätten allerdings schon englische Mädchen geheiratet, auch er trage sich mit ähnlichen Plänen. Auch sonst könne man ihnen eigentlich nichts Nachteiliges vorwerfen. „Vielleicht versteht man uns nicht ganz“, meinte Melandi. „Wir sind so, wie die Sonne uns gemacht hat. Wir laufen lieber mit leerem Magen umher, als daß wir unser Äußeres vernachlässigen. Aber kann man uns das übelnehmen?“
Nein, natürlich nicht. Aber zum Glück für unsere jungen Männer werden wir in Deutschland nie solche „britischen“ Probleme mit südlichen Fremdarbeitern bekommen. Wer käme schon freiwillig in unser zerstörtes und geächtetes Land ?
(„gg“-Kolumne in der MNZ/24. April 1952)

Möbeleigentümer gesucht! Einige von der Besatzungsmacht zurückgegebene Möbelstücke aus deutschem Privatbesitz können bis einschließlich 28. April 1952 bei dem Besatzungskostenamt Gießen, Gutenbergstraße 23 besichtigt werden. Möbel, deren Eigentümer bis zum 28. April 1952 nicht zu ermitteln sind, werden am 29. April 1952 am gleichen Ort öffentlich versteigert.
(Amtliche Mitteilung des Besatzungskostenamtes Gießen)

Gebildete Dame sucht Wirkungskreis in frauenlosem Haushalt.
(Stellengesuch in der GFP/25. April 1952)

Frauen! Wißt Ihr noch, wie Ihr das Brot eingeteilt, Sirup gekocht und die Kartoffeln statt mit Fett mit Kaffee gebräunt habt? Und denkt Ihr dann, wenn Ihr den Salat mit Oel anmacht, Pudding kocht mit Vollmilch, zum Abendbrot Fischkonserven und Käse auf den Tisch setzt, Euren Kindern Kakao mit Zucker gebt und Euch auch mal eine Tafel Schokolade oder eine Tüte Bonbons leistet, denkt Ihr daran, daß Ihr das nur deswegen könnt, weil Ihr zufällig im Westen lebt? In Mitteldeutschland und im Osten, bei 18 Millionen Deutschen herrscht noch immer der Mangel. Wißt Ihr noch, wie es war, in der knappen Zeit, wenn ein Paket ankam? Bereitet diese Freude Euren Schwestern im östlichen Deutschland!
(25. April 1952/Aufruf zur „Ostspende der Gießener Frauen“ in der GFP)

Meine geliebte Schwester Anna, schon wieder muß ich Dir schreiben, wem sonst soll ich all das anvertrauen, was mich bewegt? Für meinen Kursalon habe ich eine neue wundervolle Idee, auf die mich Wolfhard gebracht hat. Ein Bad Nauheimer Bauer, der eine Geflügelfarm besitzt, hat in unserer Zeitung (die jetzt übrigens nicht mehr Wetterauer Nachrichten heißt, sondern Wetterauer Zeitung) für eine Eierkur geworben. Das wird Dir zunächst einmal ziemlich unappetitlich vorkommen, denn dabei nimmt man Eier zu sich, die neun Tage lang angebrütet werden und bei denen man den Embryo mitessen muß. Das soll aber unheimlich gesund sein, und jetzt stell Dir vor, als ich Wolfhard davon erzählte, wurde er auf einmal ganz aufgeregt, denn er hatte in Eurer Zeitung, der Gießener Freien Presse, gerade einen Artikel über eine ähnliche Eierkur gelesen. Er ist sofort zurück nach Gießen gefahren und hat mir den Artikel mitgebracht. Darin geht es um einen Stoff namens Trephon, der sich nach genau neun Tage Anbrüten in den Eiern entwickelt und nur ganz kurz wirksam ist. Stell Dir vor: Trephon heilt Krebsgeschwüre und macht jung! Ein französischer Arzt, er heißt Roger des Allees, hat das entdeckt. Zwar warnt der Artikel davor, weil Trephon nach den neun Tagen sogar die gegenteilige Wirkung haben soll, aber wenn Kunden bei mir die Kur machen und ich genau aufpasse, kann gar nichts passieren und ich werde reich! Ich schreibe Dir mal den wichtigsten Satz aus dem Artikel ab: „Voraussetzung zum einwandfreien Verlauf der Kur mit den Wundereiern ist, daß die neun Tage lang angebrüteten Eier innerhalb von 24 Stunden nach der Entnahme aus dem Brutofen verzehrt werden müssen, da nur innerhalb dieser Zeit die stärkenden Wirkstoffe aktiv sind.“ Da kommen die Kunden in Bad Nauheim doch viel lieber zu mir in meinen vornehmen Kursalon als zu einem Bauern auf die Geflügelfarm! Wolfhard meint, wenn ich das Geld für den Kursalon beisammen habe, könntet Ihr hierher ziehen und Du kannst mir helfen, was meinst Du dazu?
Überhaupt, unser Wolfhard hat viele gute Ideen. Bei der Arbeit für die Gewerkschaft bleibt ihm viel Zeit, sich mit den neuesten Erfindungen zu beschäftigen. Dabei stieß er auch auf ein angeblich neues amerikanisches Patent: eine federlose Briefwaage. Die will eine Firma in Boston erfunden habe, dabei gibt es die bei uns schon seit Jahrzehnten in jedem Büro. Wolfhard will denen schreiben, sie könnten uns nicht einfach das alte Patent wegnehmen, aber wenn sie ihn zu ihrem Deutschlandvertreter machen, würde er sie nicht verklagen. Schlau, gelle? In Deutschland haben wir etwas wirklich Neues erfunden, eine Uhr ohne Zeiger, auf der die Zeit in Zahlen steht. Also jetzt im Moment wäre es „14:27“, eine Minute später springt die Zahl auf „14:28“. Genial! Auch hier will sich Wolfhard die Deutschlandvertretung sichern, aber das weißt Du natürlich alles viel besser als ich.
Hat er Dir auch erzählt, wie schön es im Zirkus war? Schade, daß Du nicht dabei warst, wegen der kranken Zwillinge. Der kleine Robert war total begeistert. Am besten haben ihm die dressierten Löwen und Tiger gefallen, aber auch die Clowns und der Fakir, der barfuß eine aus Messern bestehende Treppe hinaufläuft. Paß gut auf, daß Robertchen das mal nicht nachmacht!
Liebste Anna, schreib mir doch auch bitte bald, ich freue mich immer so sehr, wenn ich einen Brief von Dir bekomme, wo wir uns doch so selten sehen können. Dein Dich liebende Schwester Martha.
(Martha Müller an Anna Radiger/26. April 1952)

Schwäne, Wildenten und Karpfen. Auf Initiative von Oberforstmeister Dr. Barth und mit Unterstützung durch Oberbürgermeister Dr. Engler wurden im Schwanenteich und auf dem angrenzenden Gelände vor zwei Jahren die Spuren des Krieges beseitigt. Seit dieser Zeit ist die Anlage wieder zu einem beliebten Ziel der Spaziergänger geworden. Viel Freude bereitet das Schwanenpaar, das im vergangenen Jahr sieben Junge zur Welt brachte. Die ersten Schwanenteich-Karpfen haben inzwischen den Weg in die Kochtöpfe der Gießener Hausfrauen gefunden. Nun beginnt nach der Füllung des Teiches wieder neues Leben. Gestern wurden 800 zweisömmerige Karpfen ausgesetzt. Die 200 Gramm schweren Jungkarpfen werden bis zum Herbst ein Gewicht von zwei bis zweieinhalb Pfund erreichen. Im Spätherbst sollen sie wieder gefischt werden. Das Schwanenpaar ist gegenwärtig beim Brüten, so daß bald junge Schwäne das Bild beleben werden. Auf einer neu gebauten Insel nistet ein Wildentenpaar, das ebenfalls in absehbarer Zeit Nachwuchs haben wird. So wird allmählich die Schwanenteichanlage vervollkommnet, zur Freude der Bürger, die hier schon schöne Stunden der Erholung gefunden haben.
(26. April 1952/GFP)

Sowjets beschießen französisches Flugzeug. Zwei sowjetische Jäger vom Typ MIG-15 haben am Dienstagmorgen im Luftkorridor nach Berlin in der Nähe von Dessau eine Verkehrsmaschine der französischen Luftverkehrsgesellschaft „Air France“ beschossen, die sich mit elf Passagieren und sechs Besatzungsmitgliedern an Bord auf dem Wege von Frankfurt nach Berlin befand. Zwei deutsche Fluggäste – Frau Irmgard Nebel aus Frankfurt und Walther Kurth aus Bad Homburg – wurden von einigen der Schüsse aus 2-cm-Bordkanonen und Maschinengewehren verletzt. Außerdem wurden drei andere Passagiere getroffen. Eine Katastrophe konnte vermieden werden, da der Flugzeugführer, Glibert Schwallinger, seine Maschine sofort nach dem ersten Angriff der sowjetischen Jäger in die Wolken hineinmanöverierte. Ein amerikanischer Sachverständiger zählte nach der Landung des Flugzeuges in Berlin-Tempelhof 22 Einschüsse. Alliierte Flugoffiziere erklärten, nur ein „Wunder“ habe die Maschine vor einer Explosion gerettet.
(30. April 1952/UP)

Heuß: Deutschlandlied mit allen Strophen wieder Nationalhymne. Bundespräsident Heuß hat in einem Schreiben an Bundeskanzler Dr. Adenauer einem Wunsch der Bundesregierung entsprochen und das Deutschlandlied wieder als Nationalhymne anerkannt. Dr. Adenauer hatte dem Bundespräsidenten in einem Brief vom 29. April erneut den Wunsch der Regierung vorgetragen, das Deutschlandlied als Nationalhymne anzuerkennen. Bei staatlichen Veranstaltungen solle, so schlug der Bundeskanzler vor, die dritte Strophe gesungen werden. Der Präsident hat demgegenüber das ganze Lied zur Nationalhymne erklärt. Fast auf den Tag genau sieben Jahre nach der Kapitulation und drei Jahre nach der Verabschiedung des Grundgesetzes durch den Parlamentarischen Rat hat damit der Bundespräsident den 48 Millionen Deutschen im Bundesgebiet eine Nationalhymne wiedergegeben. Vor einem Jahr hatte sich Professor Heuß vergeblich bemüht, dem Volk eine von ihm ausgewählte „Hymne an Deutschland“ als neues Nationallied nahezubringen.
Der amerikanische Hochkommissar McCloy war der erste, der zu der Nationalhymne Stellung nahm. McCloy sagte rundheraus: „Ich schätze das Lied nicht. Es ist aber nicht am wichtigsten, was die Leute singen, sondern wie sie handeln.“
(6. Mai 1952/UP)

Die Brennstoffversorgung in Gießen. Wie aus einer Besprechung mit Friedrich Hirsch, dem Obmann der Gießener Kohlenhändler-Vereinigung, zu erfahren war, muß die voraussichtliche Kohlenzuteilung für den kommenden Winter als bei weitem nicht ausreichend angesehen werden. Für das Kohlenwirtschaftsjahr 1952/53, das vom 1. April 1952 bis 31. März 1953 läuft, ist nach Anordnung des hessischen Wirtschaftsministeriums eine durchschnittliche Belieferung mit 17 Zentnern Brennstoffen für die Haushalte im Stadtkreis Gießen vorgesehen. Von der Kohlenhändlervereinigung wird ausdrücklich darauf hingewiesen, daß trotz erhöhter Steinkohlenförderung im Ruhrgebiet eine Mehrbelieferung gegenüber dem Vorjahr nicht möglich ist. Es ist sogar mit einer gewissen Verschlechterung zu rechnen, da die Mehrförderung an Steinkohlen zur Deckung des Industriebedarfs und zur Ablösung der Kohlenimporte aus Amerika Verwendung finden soll. Um die Versorgung der Bevölkerung in den Herbst- und Wintermonaten nicht zu gefährden, wird deshalb dringend empfohlen, die zugeteilten Kohlenmengen bereits in den Sommermonaten zu beziehen. Darüber hinaus halten die Gießener Kohlenhändler auch in diesem Jahre wieder große Mengen von Braunkohle bereit, deren Lieferung außerhalb der Zuteilungsmenge erfolgt.
(7. Mai 1952/GFP)

250 000 Mann. Als gestern abend, um 18 Uhr, die Verhandlungsleiter der an der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) beteiligten Staaten ihr Signum unter den Vertrag über die Europaarmee setzten, wurde auf der Ebene der hohen Politik ein bedeutender Schritt auf das Ziel der Integration Westeuropas hin getan. Der Vertrag sieht den Aufbau einer Verteidigungsstreitmacht von insgesamt 43 Divisionen vor, von denen die Bundesrepublik 12 in Stärke von 250 000 Mann stellen soll. Westeuropa soll also eine militärische Einheit werden, ohne eine politische Einheit zu sein. Wir haben schon mehrfach betont, daß wir einen europäischen Zusammenschluß lieber ausgehend von einer politischen Einigung und in einem wahrhaft organischen Aufbau gewünscht hätten. Die Gründe, die ein solches Verfahren verhindern, sind jedoch angesichts der nationalen Ressentiments und der schwierigen weltpolitischen Lage nicht aus dem Weg zu räumen. Damit läuft das militärische Einigungswerk zumindest in Deutschland Gefahr, ohne echtes Fundament im politischen Bewußtsein des Volkes zu bleiben.
Die Einbeziehung Westdeutschlands in die Europaarmee wird vielfach als ein unüberwindliches Hindernis für die Wiedervereinigung West- und Ostdeutschlands angesehen. Insbesondere die russische Propaganda versucht die sogenannten nationalgesinnten Kreise des deutschen Volkes davon zu überzeugen, daß der jetzt paraphierte Vertrag die ewige Teilung Deutschlands bedeute. Wir teilen diese Ansicht nicht, weil wir nicht glauben, daß die beiden großen, den Globus beherrschenden Machtblöcke auf die Dauer im toten Rennen nebeneinander Weltgeschichte machen werden.
(Leitartikel von Dr. Hans Rempel/GFP/10. Mai 1952)

Braves einfaches Mädchen auch berufsschulpfl., für leichte Hausarbeiten in Arzthaushalt sofort gesucht. Am liebsten Waise of. Halbwaise. 40 DM Anfangsgehalt. Zweites Mädchen vorhanden. Wohnung im Hause.
(Stellenangebot in der WZ/5. Mai 1952)

Liebe Martha, jetzt will ich Dir doch auch einmal wieder schreiben. Sei mir bitte nicht böse, aber ich wundere mich, auf welche komischen Ideen meine kluge große Schwester kommt. Früher hast Du immer geschimpft, Wolfhard wäre ein Hallodri und würde mir Flausen in den Kopf setzen. Du hast auch gesagt, ich soll nicht so naiv sein, mehr Zeitung lesen und mich um meine Bildung kümmern. Das habe ich auch alles getan und will es weiter tun. Aber jetzt bist Du auf einmal naiv! Angebrütete Eier im Kursalon, Wolfhard Deutschlandvertreter für federlose Briefwaagen und für Uhren mit Zahlen, das kommt mir alles kindisch vor, typisch Wolfhard und nicht typisch Martha. Aber Du mußt ja wissen was Du tust.
Ich lese jetzt jeden Tag die Zeitung, deshalb habe ich auch gewußt, was mit den Wundereiern los ist. Daß ausgerechnet Du darauf reinfällst! Ich dagegen verstehe immer noch nicht so richtig, was in der großen Politik vorgeht. Was bedeuten die deutsch-alliierten Verträge genau, von denen so viel geschrieben wird? Richtig gerührt war ich von dem königlichen Liebespaar aus Thailand. Ich habe gelesen, König Phumiphon ist erst 23 Jahre alt und hat für seine Frau Sirikit schon 300 Gedichte geschrieben. Wolfhard hat mir nur einmal ein Gedicht geschrieben und gesagt, das ist ganz alleine von ihm. Ich habe nichts dazu gesagt, denn das Gedicht stand schon in meinem Poesiealbum. Du hast es mir reingeschrieben, du erinnerst Dich sicher: Ich bin Dein, Du bist mein und so weiter.
Phumiphon und Sirikit waren zwei Jahre lang auf Hochzeitsreise durch Europa, und als sie jetzt zurück nach Thailand kamen, oder Siam, wie das Land auch heißt, sind sie spurlos verschwunden. Es geht um irgendwelche Machtkämpfe in der königlichen Familie, und die ist ziemlich groß, da schon Phumiphons Opa Chukalongkorn 84 Frauen und 362 Kinder hatte. Insgesamt besteht die Königsfamilie aus mehr als zehntausend Menschen. Ob die jetzt alle König werden wollen?
Richtig gerührt war ich auch von der Tochter, die mit dem Flugzeug aus England zu ihrer sterbenden Mutter nach Hungen gekommen ist. Als die alte Frau spürte, daß es mit ihr zu Ende ging, wurde die in England verheiratete Tochter telefonisch benachrichtigt, Sie flog sofort nach Frankfurt, wurde dort von einem Auto abgeholt und nach Hungen gefahren. Die Mutter lebte noch, sie erkannte ihre Tochter noch und starb friedlich und zufrieden in ihren Armen. Ich mußte weinen, als ich das las. So möchte ich auch einmal sterben.
Lachen mußte ich, als ich las, daß die Industrie- und Handelskammer 5000 Lehrlinge in Hessen ein Probediktat schreiben ließ. Der Text war aus dem Bonner Grundgesetz, die Hälfte der Lehrlinge bekam eine Sechs, weil sie mehr als zehn Fehler gemacht haben. Manche hatten sogar mehr als hundert Fehler, stell Dir das mal vor. Aber ich darf mich nicht groß aufspielen, bevor ich anfing, mehr zu lesen und zu lernen, hätte ich auch so viele Fehler gemacht. In dem Bericht stand ja auch, dass die Lehrlinge im Krieg und in den Nachkriegsjahren in die Schule gegangen sind und daher viel Lernstoff verpasst haben.
Mein Robertchen schreibt sicher mal null Fehler in jedem Diktat. Er kann schon manche Wörter schreiben wie POST und TEIPEL, das Geschäft in Gießen, und ein bisschen kennt er sogar schon die Uhr. Aber die mit Zeigern, nicht Deine mit den Zahlen.
Seit er im Zirkus war, will er Artist werden. Er will zusammen mit seiner kleinen Freundin auftreten, die beiden üben schon ganz ernsthaft. Rührend sieht das aus.
Gestern hat Robertchen was ganz Trauriges gesagt, aber ich hätte trotzdem beinahe laut gelacht. Zum Glück hab ich es mir verkniffen. Er hat am Schwanenteich zugesehen, wie dort junge Karpfen ausgesetzt wurden. Als ich ihm sagte, daß die kleinen Fische im Teich wachsen sollen, damit sie im Herbst schön dick sind und gegessen werden können, hat er losgeheult und geschluchzt: „Wenn ich einmal groß bin, möchte ich kein Karpfen sein.“ Heute abend will ich ihm Hänsel und Gretel vorlesen, das ist ja so ähnlich, nur geht es gut aus, vielleicht beruhigt ihn das. Ich werde ihm ganz gewiß nicht erzählen, dass seine liebe Tante den Leuten winzig kleine Hühnchen zu essen geben will. Trotzdem habe ich Dich lieb. Deine kleine Schwester Anna.
(Anna Radiger an Martha Müller/10. Mai 1952)

Tausende rufen nach den Kriegsgefangenen. Rund dreitausend Männer und Frauen nahmen am Donnerstagabend an der vom Verband der Heimkehrer einberufenen Kundgebung auf dem Landgraf-Philipp-Platz teil, um erneut die Freigabe der Kriegsgefangenen und der anderen widerrechtlich zurückgehaltenen Deutschen zu fordern. Bundestagsabgeordneter Pfarrer Merten erklärte, daß das Mahnen und Drängen solange kein Ende nähme, bis der letzte Kamerad wieder mit der Heimat und seiner Familie vereinigt sei. Auf die Frage der sogenannten Kriegsverbrecher eingehend, erklärte Pfarrer Merten, daß sie das Opfer der Rache geworden seien. Unmöglich könne verlangt werden, daß vielleicht künftig deutsche Soldaten einer Europaarmee an Gefängnissen vorübermarschieren, in denen ehemalige deutsche Soldaten schmachten. Es dürfe keinen Generalvertrag ohne eine Generalamnestie geben.
Unter den Klängen des Liedes vom guten Kameraden legte Vorsitzender Rafoth einen Kranz am angestrahlten Ehrenmal der 116er nieder. Mit dem hoffnungsvollen Lied „Die Sonne erwacht!“ klang die erhebende Kundgebung aus.
(GFP/10. Mai 1952)

Rohbauten im Nordviertel fertig. Im Zusammenspiel aller Kräfte geht trotz der finanziellen Schwierigkeiten der Wiederaufbau in Gießen weiter. In der Sonnenstraße wächst der Neubau Fuhr, am Marktplatz ist mit der Errichtung des Geschäftshauses Bette begonnen worden. In den nächsten Tagen wird auch das Lebensmittelgeschäft Georg Wallenfels mit dem Bau seines Hauses am Marktplatz anfangen. Erfreulicherweise pulsiert auch im Nordviertel die Bautätigkeit. Die Wiederaufbau-AG hat ihre ersten Erfolge zu verzeichnen, denn die Wohnblocks in der Steinstraße, in der Ederstraße und im Asterweg sind im Rohbau fertig. Bei dem hohen Grad der Zerstörung dieses Viertels tritt der Wiederaufbau nicht so augenfällig in Erscheinung, aber man sieht doch, wie Schritt um Schritt sich das trostlose Bild der Trümmer verändert.
(GFP/10. Mai 1952)

Ärztin sucht privaten Mittagstisch in gutem Hause; Kliniksnähe bevorzugt.

1200 DM dringend aus privat. Hand zu leihen gesucht. Gute Sicherh. u. hohe Zinsen.

Alleinstehende ältere Frau mit kleiner Rente findet freie Unterkunft u. Verköstigung bei zwei älteren Evakuierten gegen Mithilfe im Haushalt.

Trümmergrundstück abzuräumen geg. Überlassung des Materials

(Kleinanzeigen aus der Rubrik „Verschiedenes“ in der GFP/10. Mai 1952)

3 1/2 Jahre Gefängnis für Einbrecher und Betrüger. Der 35 Jahre alte Bautechniker Hermann Krutschau, zuletzt in Gießen wohnhaft, wurde wegen fortgesetzten Betrugs und Einbeziehung einer gegen ihn am 18. Dezember 1951 erkannten Gefängnisstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten zu einer Gesamtgefängnisstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt. Krutschau, ein erheblich vorbestrafter Einbruchsdieb, wurde im Jahre 1940 von einem Feldkriegsgericht wegen Fahnenflucht zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Auf einem Sammeltransport von Oslo nach Deutschland gelang es ihm, nach Schweden zu flüchten. Hier brach er aus der Internierungshaft aus und bestritt, im Lande umherziehend, aus Einbruchsdiebstählen seinen Lebensunterhalt. Er beschaffte sich einen falschen Paß und begab sich 1946 nach Tanger in Spanisch-Marokko. Dort betrieb er einen schwunghaften Handel, der ihm 50 000 Dollar einbrachte. Im Jahre 1948 kehrte er nach Europa zurück und brachte das leicht verdiente Geld in zahlreichen Vergnügungsreisen nach der Schweiz, Schweden, Dänemark und Frankreich durch. 1948 kam er wieder nach Deutschland und wurde hier erneut wiederholt straffällig. Im Juni und Juli 1951 beging er in Gießen, Heuchelheim und anderen Orten eine Reihe von Betrügereien. Mit der Absicht, sich an Textilfirmen zu wenden und Waren zu bestellen, die er nicht bezahlen wollte, machte er schließlich eine Schwindelfirma in Heuchelheim auf. Nur durch seine rechtzeitige Verhaftung konnte ein Schaden in größerem Umfange vermieden werden.
(GFP/13. Mai 1952)

Mein liebes Gisli, Gustav hat mit mir geschimpft, weil ich Dich zu früh in den Kindergarten geschickt habe. Aber was sollte ich denn machen? Immer darauf hoffen, daß wieder ein Zwanzigmarkschein im Briefkasten liegt? Ich wollte doch unbedingt arbeiten, habe jetzt ja auch die Stelle als Haushaltshilfe und komme mit der Frau Meta gut zurecht. Aber ich weiß ja auch, daß Du erst knapp zweieinhalb Jahre alt bist. Ich habe mit Deinem Geburtsdatum geschummelt, Dora hat sich auch ein wenig gewundert, daß Du noch so klein bist, hat aber nichts gesagt, weil sie wußte, welch ein schweres Schicksal wir beide haben. Und nun stell Dir vor, was Gustav sagt: Er will mich heiraten. Er weiß, sagt er, daß ich Ludwig nie vergesse, auch er wird das nicht (dabei guckte er mich ganz traurig an), aber nun soll ich in die Zukunft schauen und an Dich denken. Gustav ist jetzt Redakteur und verdient genug, um eine Familie zu ernähren. Ich mag ihn ja auch, er hat uns so sehr geholfen. Aber was würde mein Ludwig dazu sagen? Und Du, später einmal? Ich bin immer noch ganz durcheinander. Ich will Dich auch nicht wieder aus dem Kindergarten holen, Dir gefällt es dort so gut und Du würdest Deinen lieben großen Freund Robert sehr vermissen. Also was mache ich bloß?
Als ich anfing, in die Kladde zu schreiben, hatte ich Dir versprochen, Dir von Deinem Papa zu erzählen und Dir von dieser Zeit zu berichten, in der Du aufwächst. Jetzt merke ich, daß ich immer nur von mir und meinen Sorgen schreibe. Das will ich ändern. Das verspreche ich Dir.
Gleich kommt Gustav. Es ist schon fast Nacht, er hat Spätdienst und kommt danach immer noch einmal kurz vorbei, ob alles in Ordnung ist. Dann geht er heim, nicht daß Du was anderes denkst!
(Magda Willscheid/13. Mai 1952)

Mörder im Gießener Lager. Der 55jährige Melkermeister Ernst Adam aus Holzen bei Schwerte in Westfalen, der steckbrieflich von der Mordkommission Düsseldorf gesucht wird, wurde gestern Nachmittag im Gießener Notaufnahmelager entdeckt und durch die Lagergendarmerie verhaftet. Adam, der sich im Lager unter dem falschen Namen Arnold Wisskowski seit dem 10. Mai aufhielt und Asyl als politischer Flüchtling beantragte, hatte am 2. Mai in Holzen die 40jährige Witwe Marta Grabowski durch fünf Messerstiche in ihrem Bett ermordet und war seitdem flüchtig. Am Schwarzen Brett des Lagers war eine polizeiliche Fahndungsmeldung mit dem Bild des Mörders ausgehängt und 500 DM Belohnung für seine Ergreifung ausgeschrieben worden. Es vergingen keine 15 Minuten nach Aushang der Fahndungsmeldung, als Lagerinsassen den gesuchten Mörder erkannten und eine Welle der Erregung durch das Lager ging: „Der Mörder ist unter uns!” Nach seiner Festnahme gestand Adam die Tat ein.

(GFP/14. Mai 1952)

Zwischenrunde der Quizmeisterschaft. In Launsbach fand die erste Zwischenrundenbegegnung um die Quizmeisterschaft im Gleiberger Land statt, die von der Volkshochschule veranstaltet wird. Die Fragen aus den Gebieten der Politik, Geschichte, Geographie, Mathematik und aus dem Zeitgeschehen waren diesmal etwas schwerer gewählt, so dass die Punktzahlen der Vorrunden nicht erreicht wurden. Überlegener Sieger wurde der Radsportverein Krofdorf-Gleiberg mit 130 Punkten, während die beiden Launsbacher Publikumsmannschaften 110 Punkte erreichten. Als Quizmeister fungierte mit bewährter Sicherheit Ref. Zitelmann.

(GFP/14. Mai 1952)

“Alle meine Freunde beneiden mich!” So berichtet ein begeisterter Hörer über den SABA-Baden-Baden UKW-Konzertsuper mit MHG. Sie müssen selbst einmal gehört haben, wie ausdrucksvoll dieser 15-Kreis-Empfänger die feinsten Nuancen einer UKW-Musikdarbietung zur Geltung bringt: kristallklar und völlig naturwahr – wirklich wie im Konzertsaal! Unverbindliche Vorführung im Fachgeschäft. Preis DM 349. / Bequeme Teilzahlung.
(Zeitungswerbung im Mai 1952)

Fräulein Feußner Direktorin. Wie wir erfahren, hat Kultusminister Metzger in der Frage der Besetzung der Direktorenstelle bei der Ricarda-Huch-Schule nunmehr seine Entscheidung getroffen. Danach wird die Leitung dieser Anstalt die Studienrätin Frl. Feußner übernehmen.
(GFP/16. Mai 1952)

Ruhe der Kurgäste nicht stören! Es ist in letzter Zeit wiederholt festgestellt worden, daß Teppiche, Matratzen usw. außerhalb der vorgeschriebenen Zeiten geklopft werden. Da dadurch die Ruhe der Kurgäste empfindlich gestört wird, erinnert die Polizei an die vorgeschriebenen Klopfzeiten. Die genauen Sondervorschriften sind auf dem Bad Nauheimer Polizeiamt zu erfahren.
(WZ/16. Mai 1952)

Ein Negermissionar spricht. In der Pankratiuskapelle spricht am Sonntag Missionar Koorndijk aus Surinam von seiner Missionsarbeit. Missionar Korndijk ist ein Nachkomme von in der Sklavenzeit in Surinam eingeführten Afrikanern. Seine Missionsstation Koffikamp finden wir mitten im unendlichen Urwald des Landes, an einem herrlichen Urwaldstrom gelegen. Hier arbeitet er unter Buschnegern, stolzen freiheitsliebenden Menschen. Missionar Koorndijk erlebt hier ein hartes Ringen zwischen Mächten der Finsternis und des Lichtes.
(GFP/16. Mai 1952)

Negern liegt der Kommunismus nicht. Viel ist in letzter Zeit von der kommunistischen Agitation in Afrika die Rede, deren Bedeutung gewiß nicht unterschätzt werden darf. Ebenso darf man aber nicht vergessen, dass diese Agitation dem afrikanischen Eingeborenen eigentlich gegen die Natur geht, denn im Grunde ist er ein geborener Kapitalist. Das Streben jedes Eingeborenen, ob er nun Zulu, Massai oder Aschanti ist, geht nach der Ansammlung von Reichtum und nach Besitz, dessen Höhe sich je nach der Landessitte an der Zahl der Frauen, Rinder oder Kupferbarren ablesen läßt.
Der durchschnittliche Eingeborene ist den Freuden des Lebens und des Besitzes hingebungsvoll zugeneigt. Jede Art von Jux und Scherz versetzt ihn in Ekstase. Die Humorlosigkeit des Kommunismus und seine Verständnislosigkeit für irdische Genüsse sind dem Wesen des Negers völlig fremd.
Nicht nur psychologisch, sondern auch wirtschaftlich fehlen dem Kommunismus in Afrika viele Voraussetzungen. Selten verfügen die Neger über wirklichen Reichtum, viele aber sind relativ wohlhabend und fast alle haben ihr gutes Auskommen. Das ergibt sich logisch aus der wirtschaftlichen Struktur des Landes.
Eine gefährliche Situation wie zum Beispiel in vielen asiatischen Gebieten, wo dichtbesiedelte Länder vielfach ausschließlich auf Reis angewiesen sind und eine Mißernte katastrophale Folgen mit Hunger und Elend haben kann, ist in Afrika nicht gegeben und vorläufig auch nicht denkbar.
(UP/17. Mai 1952)

Vertreter von maßgeblichem Blindenunternehmen für den Verkauf von Qualitätswaren in Stadt und Land bei gutem Verdienst und sicherer Existenz für den Kreis Gießen gesucht.

Führende Leuchtstoffröhrenfabrik sucht für das Gebiet Gießen und Wetzlar eifrigen Provisionsvertreter. Es wollen sich nur Herren bewerben, die in der Lage sind, unsere Interessenten technisch und werbegraphisch zu beraten.

Reisender per sofort oder bis zum 1.10. 52 von führender Brennerei der Markenspirituosen-Branche für den Besuch der Gastronomie in Oberhessen gegen Festgehalt und Spesenvergütung gesucht.

Geld verdienen Sie durch den Verkauf meiner Seifen und Waschmittel an Private. Ich richte Ihnen ab Fabrik kostenlos ein kleines Lager ein. Sie erhalten erstklassige Ware von mir auch ohne Sicherheit.

Nebenverdienst bis 300 DM monatlich. Kaffee usw. an Priv. Genaue Anleitung.

Zum Besuch des Lebensmitteleinzelhandels bestens eingeführter Reisender, guter Verkäufer, sofort gesucht.

Süßwaren-Großhandlung sucht per sofort je einen tüchtigen und gut eingeführten Vertreter für Gießen und den Vogelsberg.

Zuverlässiger Privatvertreter für einen von jeder Hausfrau ersehnten, patentierten Artikel gesucht. Freie Fahrt mit Pkw. Vorstellung Montag, den 19. 5. 52, Bahnhofsgaststätte II. Klasse, Gießen.

(Stellenangebote am 17. Mai 1952/GFP)

Schwere Bluttat aus Rache. Zu einer schweren Bluttat kam es am Samstagvormittag im Arbeitsamt Wetzlar. Der suspendierte Leiter des Arbeitsamtes in Kassel, der 56 Jahre alte Oberregierungsrat August Kegel, erschoß die 32jährige Berufsberaterin Margarete Weiß, den Leiter des Wetzlarer Arbeitsamtes, Regierungsrat Ernst Schwickert, richtete dann die Pistole auf sich selbst und brach nach einem Schuß in den Kopf tot zusammen.
Kegel war am Mittwoch in Wetzlar wegen Unzucht mit einer 25 Jahre alten Angestellten des Arbeitsamtes Wetzlar und der Beihilfe zum Meineid zu eineinhalb Jahren Gefängnis und zwei Jahren Ehrverlust verurteilt und aus diesem Grunde suspendiert worden. Von 1945 bis 1948 war Kegel Leiter des Arbeitsamtes Wetzlar.
Das Motiv der Mordtat ist wahrscheinlich in dem Ausgang des Verfahrens zu suchen. Schwickert habe die 25 Jahre alte Angestellte beeinflusst, ihre in einem früheren Prozeß unter Eid abgegebene entlastende Aussage zu widerrufen und ihn zu belasten.
Wie inzwischen festgestellt wurde, hat Kegel seit der Urteilsverkündung mit seiner Frau im Gießener Bahnhofshotel gewohnt. In der Nacht zum Samstag hat er dann seiner Frau in Gießen erklärt, er wolle niemandem die Genugtuung geben, ihn in Sträflingskleidern zu sehen.
(dpa/19. Mai 1952)

Kartoffelbestand in der Wetterau in Gefahr. Vor einem Jahr erklärten Experten der Landwirtschaft, daß der Kartoffelkäfer wahrscheinlich im Jahre 1952 ungemein vermehrt angetroffen werde. Diese wenig erfreuliche Prognose scheint Wahrheit zu werden. In den letzten Tagen sind aus der Wetterau alarmierende Nachrichten bei der Landwirtschaftsschule eingetroffen, die alle maßgeblichen Stellen veranlaßten, schärfste Bekämpfungsmaßnahmen anzuordnen. Die überwinterten Kartoffelkäfer treten in unvorstellbaren Massen auf. Es ist notwendig, daß jeder Kartoffelbauer intensive Bekämpfungsmaßnahmen einleitet. Entweder müssen die Frühkartoffelbestände bestäubt oder gespritzt werden. Eine wirksame Bekämpfung ist nur gewährleistet, wenn alle Kartoffelanbauer gemeinsam dem Feind zu Leibe rücken. Nachlässigkeit kann den Bestand vernichten und Schäden verursachen, die überhaupt nicht wieder ausgeglichen werden können.
(WZ/19. Mai 1952)

Stadt und Land, Gott und die Welt. Der Mörder im Gießener Notaufnahmelager, der Mehrfachmord im Wetzlarer Arbeitsamt – nicht nur draußen in der Welt geht es grausam zu, auch in unserer nächsten Umgebung lauern tödliche Gefahren und vor allem jene, von denen diese Gefahren ausgehen. Es müssen auch nicht immer die großen Schreckenstaten sein, die uns verstören. Ich denke da nur an jenen Gießener, der jetzt vor dem Schöffengericht stand. Der schon erheblich vorbestrafte Mann hatte wegen eines Unfalls eine Geldsumme von 7500 DM erhalten. Obwohl er sich verpflichtet hatte, für seine geschiedene Frau und sechs Kinder aufzukommen, brachte er fast das gesamte Geld binnen vier Wochen mit einer anderen Frau durch. Bei Reisen und Zechgelagen hielt er Freunde und Bekannte frei und machte sich um die Not seiner ersten Frau und der sechs ehelichen Kinder keine Gedanken. Das Schöffengericht verurteilte ihn wegen Verletzung der Unterhaltspflicht zu vier Monaten Gefängnis – mit Verlaub, eine viel zu milde Strafe! Ich hätte ihn ins Zuchthaus geschickt, wegen Mordes an sechs kleinen Seelen.
Wer wohl dem jungen Polizeianwärter, dessen Selbstmord uns alle erschüttert, die Seele gemordet hat? Der 19jährige Polizeianwärter Werner W. aus Marburg (ich weiß, andere Zeitungen schreiben den vollen Nachnamen, aber soviel Pietät sollte sein!) wurde an einem Bahnübergang bei Mühlheim am Main tot aufgefunden. Er befand sich erst seit einer Woche in der Polizeischule Mühlheim zur Ausbildung. Wurde ihm alles zu viel? Litt er unter Hänseleien der “Kameraden“? Wurde er von Ausbildern drangsaliert? Hatte ihm sein Mädchen den Laufpaß gegeben? Hatte er schon als Kind keine Liebe erfahren, hatte er einen ähnlichen Vater wie jene sechs Kinder?
Wie leicht wird man aus der Bahn geworfen! Und wie leicht machen es sich manche, mit dem Finger auf jene zu zeigen, die nicht mehr auf den Pfad der Tugend zurückfinden. Wie die 26jährige, aus Ostpreußen stammende und berufslose Hanne K., die durch den Krieg aus ihrem bis dahin geordneten Leben herausgeworfen wurde. Sie kam über ein Internierungslager in Dänemark nach Westdeutschland, wo sie im Jahre 1948 erstmals mit dem Strafgesetz in Konflikt kam und wegen begangener Diebstähle zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Es folgten mehrere weitere Gefängnisstrafen wegen schweren Diebstahls im Rückfall. Als sie zur Bewährung entlassen wurde, besuchte sie eine Bekannte in Gießen. Diese war gerade im Begriff, ihren auswärts wohnenden Sohn zu besuchen. Hanne K. blieb in der Wohnung zurück und packte Wäsche, Kleidungsstücke, zwei Ringe und eine Armbanduhr zusammen. Doch sie hatte Pech: Bevor sie das Haus verlassen konnte, war die Bestohlene zurück. Hanne K. gestand ihre Tat und wurde wegen schweren Diebstahls im Rückfall zu einer Zuchthausstrafe von zwei Jahren verurteilt. Lediglich von der beantragten Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte wurde noch einmal Abstand genommen.
Warum ich auf diese beiden Gerichtsurteile zurückkomme? Weil ich genau umgekehrt geurteilt hätte!
Sogar zwei stadtbekannte Autodiebe wurden von der Großen Strafkammer in Gießen milder abgeurteilt als die irregeleitete Hanne K.. Nach dem Genuss einiger Flaschen „Doppel-Export“ hatten der Autoschlosserlehrling A. L., der Schuhmacher H. Sch. und der Arbeiter E. C. auf dem US-Parkplatz an der Johanneskirche einen amerikanischen Personenkraftwagen aufgebrochen und mehrere Gegenstände entwendet. Durch den Lärm aufmerksam gemacht, öffnete ein amerikanischer Soldat das Wohnungsfenster und schoß mehrmals auf die flüchtenden Diebe, ohne jedoch zu treffen. Anschließend trafen sich die drei wiederholt vorbestraften Autodiebe in der Mühlstraße, brachen ein weiteres Auto auf, ebenso später noch einmal an der Johanneskirche.
An diesem Fall ist dreierlei bemerkenswert: Das milde Urteil von einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis, die Dreistigkeit des Trios, das sich nicht einmal von ihr Leben gefährdenden Schüssen von sogleich folgenden Straftaten abhalten ließ, und nicht zuletzt die Wild-West-Manier des amerikanischen Soldaten. Gewiß, wir sind ein besetztes Land, aber einfach auf Verdacht aus dem Fenster heraus auf Menschen zu schießen, sollte in einem zivilisierten Land auch für dessen Besetzer verboten werden!
Auch nicht die feine Art ist es, den hessischen Kirchenpräsidenten Niemöller in Bonn mit Stinkbomben zu bewerfen, nur weil er ein Grußtelegramm an demonstrierende kommunistische Jugendliche in Essen geschickt hat. Gewiss ist der Kommunismus eine ebenso schlimme Gefahr für die Welt, wie sie der Nationalsozialismus gewesen ist. Aber was ist auszusetzen an dem, was Niemöller geschrieben hat? Urteilen Sie selbst: „Mein herzlichstes Gedenken der deutschen Jugend, die unbeirrt durch alle Anfeindungen von draußen und drinnen nach Wegen sucht, wie unser Volk ohne Gewaltanwendungen seiner Friedensaufgabe dienen kann. Möge Gottes Segen ihr Bemühen mit Erfolg krönen.“
Dem kann ich mich nur anschließen. Dennoch heißt es wachsam sein, um kommunistische Unterwanderung zu verhindern. Wenn der Deutsche Gewerkschaftsbund nun einen Sternmarsch nach Bonn und Streiks plant, um gegen das geplante Mitbestimmungsrecht zu protestieren, kann man die Besorgnis in Kreisen der Regierungsparteien verstehen, daß unter Umständen solche Aktionen Wasser auf die Mühlen der kommunistischen Unruheagitation werden könnten.
Meine Kolumne habe ich heute in gebührender Ernsthaftigkeit geschrieben, denn ihre Themen vertragen keinen Spaß. Ich selbst bin ebenfalls ernsthaft gestimmt, aber mit großer Hoffnung im Herzen. Ob SIE ja sagt?
Damit der Humor nicht zu kurz kommt, möchte ich mit einem in den USA bewährten Rezept enden, mit dem wir die immer teurer werdenden Wohnungen und Mieten deutlich verbilligen könnten: Seit sich in den USA die Luftschutzübungen häufen, sind rund um den Zoo von Philadelphia die Wohnungen billiger geworden. Denn jedesmal, wenn die Sirene ertönt, ahmen die 300 Affen des Zoos das Geräusch noch stundenlang nach. Vielleicht heißt es auch bald bei uns: Nachäffer gesucht!
(„gg“-Kolumne in der MNZ/20. Mai 1952)

Neue Erfinder im Gebiet von Friedberg. Während in der sowjetischen Besatzungszone alle wichtigen Erfindungen zu sogenannten „Wirtschaftspatenten“ erklärt werden und damit zu Volkseigentum übergehen, genießen in der Bundesrepublik nach Neueröffnung des Deutschen Patentamtes Erfindungen wieder ihren gesetzlichen Schutz. Über 38000 neue Patente sind bis Ende März 1952 erteilt worden. An Erfinder und Firmen im Gebiet von Friedberg wurden von Januar bis Ende März wieder 15 Patentverleihungen ausgesprochen. Eine Auswahl:
Nr. 831290. Erfinder, zugleich Inhaber: Dr. Egon Meier, Friedberg. Erfindung: Verfahren zur Herstellung von Grundiermitteln für rostfähiges Metall, welche gegen das Lösungsmittel des nachfolgenden Anstrichmittels beständig sind.
Nr. 832355. Erfinder: Otto Weitz, Butzbach. Inhaber: Fa. A.J. Tröster, Butzbach. Erfindung: Feinsteuerung für von einem Schlepper gezogene Drillmaschine.
Nr. 834216. Erfinder, zugleich Inhaber: Hermann Berger, Hundstadt (Taunus). Erfindung: Schlagwaffe.
Nr. 823417. Erfinder, zugleich Inhaber: Johann Hirschmann, Burgholzhausen (Kreis Friedberg). Erfindung: Gefäß mit Deckel für aufstreichbare, leicht sich verflüchtigende Stoffe enthaltende Präparate.
Nr. 837062. Erfinder, zugleich Inhaber: Hans-Gerhard Wende, Friedberg. Erfindung: Gummisohle.
(WZ/20. Mai 1952)

Schumacher: „Ganz plumpe Siegesfeier“. Der erste Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Dr. Kurt Schumacher, warnte den Bundeskanzler und seine Regierung in ernsten Worten vor der Unterzeichnung der deutsch-alliierten Verträge. Er sagte, die Sozialdemokraten würden ihren Kampf gegen das Vertragssystem auf den Tenor abstimmen: „Wer diesem Generalvertrag zustimmt, hört auf, ein Deutscher zu sein.“ Die für Montag vorgesehene Unterzeichnung der Verträge durch die Außenminister der Signatarstaaten nannte der SPD-Vorsitzende „eine ganz plumpe Siegesfeier der alliierten-klerikalen Koalition über das deutsche Volk“.
(UP/23. Mai 1952)

Die Kriegslist. In dem Bückeburger Prozeß des politischen Generals Remer gegen den ehemaligen Generalleutnant v. Treskow ist das Urteil gesprochen worden. Von Treskow hatte behauptet, Remer habe sich in den letzten Wochen des Krieges von seiner Truppe entfernt und sich in Zivilkleidung nach dem Westen in Sicherheit gebracht. Diese Behauptung ist in ihrem sachlichen Inhalt durch den Prozeß bestätigt worden. Das Gericht war jedoch in der schwierigen Lage, diesen Tatbestand aus den Verhältnissen der letzten Kriegswochen heraus beurteilen zu müssen. Es ist auf Grund von Zeugenaussagen zu der Auffassung gelangt, daß das Tragen von Zivil für einen Offizier der kämpfenden Truppe unter bestimmten Umständen als erlaubte Kriegslist angesehen werden könnte.
Was es mit dieser Kriegslist auf sich hat, wissen viele Mütter und Väter von jungen Soldaten, die man ohne langes Federlesen am nächsten Baum aufgehängt hat, weil sie ihre Uniform ausgezogen hatten.
Generalleutnant a. D. von Treskow wurde wegen formaler Beleidigung zu 70 DM Geldstrafe verurteilt. Der NS-General der Sozialistischen Reichspartei musste sich dafür von seinem ehemaligen Adjutanten Beckel sagen lassen, daß ihm die Qualifikation für den Posten eines Divisionskommandeurs gefehlt habe. Und ein Rechtsanwalt zitierte Friedrich den Großen: „Man kann wohl Generale ernennen, man kann sie aber nicht dazu machen.“
(aus einem Leitartikel von Dr. Hans Rempel/GFP/23. Mai 1952)

Aus einem tatenreichen Leben. Ein Londoner Verleger kündigte am Freitag „die erste vollständige und aufschlußreiche Tatsachen enthüllende Biographie seiner Königlichen Hoheit Prinz Charles“ an. Prinz Charles, der älteste Sohn von Königin Elisabeth II., ist drei Jahre alt.
(UP/24. Mai 1952)

Adenauer: Für Frieden, Freiheit und Einheit. Mit der feierlichen Unterzeichnung des Deutschlandvertrages beendeten die vier Außenminister am Montagvormittag ihre Arbeit an dem Vertragswerk. Bundeskanzler Dr. Adenauer betonte in seiner Ansprache, das Ziel des Deutschlandvertrages und des Vertrages über die europäische Verteidigungsgemeinschaft sei es, den Frieden und die Freiheit in der ganzen Welt zu sichern. Den Deutschen in der Sowjetzone rief Adenauer zu: Ich versichere, daß wir überzeugt sind, daß wir mit diesem Vertrag den ersten Schritt zur Wiedervereinigung getan haben.
(dpa/27. Mai 1952)

Zwei Tage keine Zeitung! Die Industriegewerkschaft Druck und Papier hat für den 27. und 28. Mai einen Streik in den Zeitungsdruckereien ausgerufen. Die Gewerkschaften setzen damit ihre Protestaktion gegen den Entwurf des Betriebsverfassungsgesetzes fort. Der erste Vorsitzende der Gewerkschaft, Heinrich Hansen, betonte am Montag in Stuttgart, daß der angekündigte Streik mit dem Deutschlandvertrag nicht das geringste zu tun habe. Die Industriegewerkschaft Druck und Papier würde jeden Versuch der Kommunisten, die Aktion für ihre Zwecke zu mißbrauchen, zurückweisen.
(dpa/27. Mai 1952)

Pankow isoliert Sowjetzone vom Westen. Die Sowjetzonen-Regierung hat als erste Antwort auf die Unterzeichnung der Bonner Deutschland-Konvention in den letzten zwei Tagen ihre Selbstisolierung gegenüber dem Westen mit der Umwandlung der Zonengrenze in eine „Staatsgrenze“ und der Errichtung eines 650 Kilometer langen und fünf Kilometer tiefen Sperrgürtels von der Ostsee bis nach Bayern entscheidend verstärkt. Gleichzeitig gab das Ostzonenministerium Verordnungen bekannt, die auf die vollständige Unterbindung des Reiseverkehrs zwischen der Sowjetzone und dem Bundesgebiet hinauslaufen. In offiziellen Bekanntmachungen betonte das Informationsamt der Pankower Regierung, diese Maßnahmen dienten dem Schutz der Sowjetzone gegen das „Eindringen westlicher Agenten“. Sie würden im Falle der Wiedervereinigung Deutschlands wieder aufgehoben.
(UP/30. Mai 1952)

Vielweiberei und Traktor. Der Erzbischof von Lebombo in Zentralafrika erklärte kürzlich, daß der Traktor mehr für die Abschaffung der Vielweiberei getan hat als es gute Lehre und Mahnungen je getan hätten. Ein Traktor leistet an einem Tag mehr Feldarbeit als 10 Negerfrauen in einer Woche. Selbst die reichsten Häuptlinge sehen darum keinen Grund, mehr als eine Frau zu haben.
(aus „Kuriositäten aus aller Welt“/GFP/31. Mai 1952)

Neue Drohungen Ulbrichts. Der stellvertretende Sowjetzonenministerpräsident und SED-Generalsekretär Walter Ulbricht drohte in Leipzig erneut den Sturz der Bundesregierung durch kommunistisch gelenkte „Friedenskämpfer“ an. Er sagte vor dem FDJ-Parlament, die Beseitigung der Adenauer-Regierung sei eine ausgesprochen innere Angelegenheit des deutschen Volkes. Wenn amerikanische Politiker erklärten, daß der Kampf gegen die Bundesregierung als ein Angriff auf die Bundesrepublik angesehen werde, „so machen diese Erklärungen auf uns sehr wenig Eindruck“. Den Bundestagsabgeordneten drohte Ulbricht, sie würden „vom Volke zur Verantwortung gezogen“, wenn sie den Generalvertrag ratifizieren. „Niemand von diesen Elementen soll denken, er komme noch einmal so davon, wie das in Westdeutschland nach dem Hitlerkrieg der Fall war.“
(dpa/31. Mai 1952)

Pfarrer stirbt während der Trauung. Ein ungewöhnlicher und trauriger Vorfall ereignete sich am ersten Pfingstfeiertag in Appenrod bei Homberg (Krs. Alsfeld). Der katholische Geistliche aus Kirtorf, der in Appenrod, um 15 Uhr, eine Trauung vornehmen wollte, brach, nachdem er mit den Worten „Liebes Brautpaar, liebe Eltern“ seine Traurede begonnen hatte, vor dem Altar zusammen und verstarb fünf Minuten später in der Kirche. Die Trauung wurde einige Stunden später durch einen katholischen Geistlichen aus Homberg vollzogen.
(GFP/3. Juni 1952)

Explosion in der Sandkaute. Gestern nachmittag, gegen 17.45 Uhr, spielten mehrere Kinder im Alter von 12 und 13 Jahren in der Sandkaute von Wieseck und zündeten dabei ein Feuer unter einem Brombeerstrauch an. Nach kurzer Zeit erfolgte eine Explosion, die vermutlich durch das Krepieren einer Handgranate hervorgerufen wurde. Der 13jährige Günter Weber, wohnhaft Wiesecker Weg 43, wurde schwer und der 13jährige Günter Haller, Marburger Straße 74, leichter verletzt. Der Unfall gibt Veranlassung, die Eltern dringend zu warnen. Die Kinder müssen von dieser gefährlichen Sandkaute ferngehalten werden, da dort schon Todesfälle und schwere Verletzungen in wiederholten Malen durch herumliegende Munition verursacht worden sind.
(GFP/4. Juni 1952)

Vortrag der Berliner biologischen Beratungsstelle. Donnerstag den 5.6., Freitag, den 6,6, nachmittags 4 Uhr, abends 8 Uhr, spricht im Restaurant „Zur Post“, Friedberg, Kaiserstraße , der Biologe R. Rünzi über:
Heilung von selbst
ohne Behandlung, ohne Medikamente, ohne Kuren, ohne Bestrahlung und ohne Änderung der Ernährung und Lebensweise! Die Heilung von selbst stützt sich auf die tägliche Beseitigung der Blähungen und der Stuhlverstopfung. Erfolgsberichte mit genauen Anschriften sprechen von der Beseitigung von über 140 Krankheiten auf Grund einer durchgeführten Selbstentgiftung. Eintritt frei!
(Veranstaltungsanzeige/WZ/4. Juni 1952)

Werner Boller Fünfter auf der Avus. Am Sonntag gelang es Werner Boller (Lang-Göns) zum erstenmal als Lizenzfahrer, sich in der Spitze eines Rennens zu behaupten. Nachdem er bereits eine Woche vorher beim Eifelrennen in der 500er-Klasse trotz Ausfall eines Zylinders noch einen achtbaren 8. Platz belegen konnte, ging er diesmal auf der Avus als Fünfter durchs Ziel, eine Radlänge hinter dem Vierten, Hermann (Stuttgart), und nur 100 Meter hinter dem Dritten, Schulze (Berlin). Wenn man berücksichtigt, daß Hermann eine neue Federbett-Norton fuhr, ist die Leistung Werner Bollers auf seiner 13 Jahre alten BMW besonders hoch zu bewerten.
(GFP/4.Juni 1952)

„Bimbo“ auf Abwegen. Panischer Schrecken überfiel eine junge Frau, die im Garten ihres Hauses in der Ostanlage einen kleinen Abendrundgang unternahm, als sie zwischen Rosen kauernd einen farbigen Soldaten erkannte. Gellend hallten ihre Hilferufe durch den Abend, denn der Farbige stürzte sich plötzlich auf sie und versuchte, sie zu würgen. Da eilten aus dem Hause aber schon die Retter herbei, die die halb Ohnmächtige in ihre Obhut nahmen. Von dem Soldaten aber war nichts mehr zu sehen; er hatte in Blitzesschnelle eine hohe Umfassungsmauer überklettert und sich davongemacht.
(GFP/5. Juni 1952)

Beispielloser Boxskandal in Köln. Mit einem im deutschen Boxsport bisher kaum erlebten Skandal endete am Samstag im Kölner Eis- und Schwimmstadion die 50. deutsche Mittelgewichtsmeisterschaft zwischen dem Titelverteidiger Hans Stretz (Berlin) und Peter Müller (Köln). Der Kölner ließ sich in der 8. Runde dazu hinreißen, Ringrichter Pippow mit einem wohlgezielten Kinnhaken zu Boden zu strecken, als dieser ihn wegen Sprechens ermahnte. Wie gestern in Köln bekanntgegeben wurde, ist Müller wegen dieses Vorfalls für Lebenszeit aus dem deutschen Boxsport ausgeschlossen worden.
(GFP/9. Juni 1952)

Liebe Martha, warum meldest Du Dich nicht? Du schreibst nicht, und ich habe schon dreimal von der Post aus mit dem Salon in Bad Nauheim telefoniert, aber jedesmal hieß es: „Die Chefin frisiert gerade, sie kann nicht ans Telefon kommen.“ Wenn Du Dir zuhause ein Telefon zulegst, könnte ich Dich am Abend anrufen. Vielleicht kann ich dann auch Wolfhard überreden, uns ein Telefon zu kaufen. Wegen Wolfhard schreibe ich Dir auch. Aber erst einmal muss Ich Dir schreiben, was ich am Telefon sagen wollte: Du weißt doch noch, was wir für eine fürchterliche Angst hatten, als wir vor zwei Jahren mit dem Gesangverein im Bus unterwegs waren und der Bus in der Kurve zwischen Rodheim-Bieber und Abendstern auf einmal von der Straße abkam und in die Böschung kippte. Zum Glück ist uns nichts passiert, nur ein paar Sänger haben sich leicht verletzt. Doch noch bevor die Polizei kam, war plötzlich der Fahrer verschwunden. Wie Du weißt, blieb er verschollen. Jetzt stell Dir vor, was ich gestern in der Zeitung gelesen habe: Sie haben ihn gefunden! In der Scheune der Mühle bei Kinzenbach. Er hat sich aufgehängt, bestimmt schon am Tag des Unfalls. Nur noch Knochen waren da, aber an seinen Zähnen hat ihn sein Zahnarzt doch noch erkannt. Er hing seit zwei Jahren an einem Balken im Strohschuppen, jetzt erst kam einer da rein, weil er das Stroh wenden wollte, und fand dann das Skelett. Gruselig. Der arme Kerl. Es ist doch fast gar nichts passiert, und trotzdem macht er Selbstmord.
Unser Robertchen macht mir weiter viel Freude. Er ist ja auch Dein Robertchen, so oft, wie er bei Dir übernachtet. Hat er Dir erzählt, daß wir in der Liliputanerstadt am Oswaldsgarten waren? Wie das Kerlchen gestaunt hat! Lauter erwachsene Menschen, die nur so groß sind wie er, das konnte er kaum fassen. Die haben ihre Stadt wie eine echte Stadt aufgebaut, rund um den Liliputaner-Zirkus. Da waren wir auch drin, denn Robertchen liebt ja Zirkus, seit er zum erstenmal in einem war. Sah komisch aus, wie die kleinen Leutchen Vorführungen machten wie in einem echten Zirkus. Zwei Tage später waren wir beim Bundespräsidenten. Also nicht direkt bei ihm, wir standen an der Straße, als der Herr Heuß kam und in der Moltkestraße das Jugendwohnheim vom CVJM einweihte. Sein Auto, aus dem er stieg, hatte die Nummer 0/001, ich hab das genau gesehen.
Aber jetzt zu Wolfhard. Ich mache mir Sorgen. Nicht, weil ich wieder eifersüchtig bin. Das habe ich mir längst abgewöhnt. Ich glaube Dir ja auch, daß er nicht bei Dir übernachtet, wenn er wieder einmal in Bad Nauheim ist. Robertchen hätte mir das bestimmt erzählt, er nimmt ihn ja immer mit, weil es dem Jungen so großen Spaß macht, im Seitenwagen zu sitzen. Aber jetzt ist Wolfhard seit ein paar Tagen zuhause, geht nicht vor die Tür, nicht einmal am Abend in die Kneipe, und wenn es klingelt, versteckt er sich unter dem Bett und sagt, ich soll sagen, ich weiß nicht, wo er ist. Und am Tag, als er heimkam und sich versteckt hat, muß er eine Uniform verbrannt haben, ich habe die Reste im Ofen gefunden, ich glaube, es war eine amerikanische. Was hat er bloß wieder angestellt, weißt Du es vielleicht? Melde Dich doch bitte ganz bald. Deine Anna.
(Anna Radiger an Martha Müller/17. Juni 1952)

Modetanz 1952: Baiao. Auf einer Tagung des Bundes deutscher Tanzlehrer wurde der „Baiao“ einstimmig zum Modetanz 1952 erklärt. Der „Baiao“, der im Frühjahr von Brasilien nach Paris importiert wurde, wird im Tango-Rhythmus getanzt und hat ähnliche Figuren wie Samba und Rumba.
(UP/18. Juni 1952)

„Mein Sohn Albert, der in einem sehr traurigen Zustand aus Kriegsgefangenschaft kam, klagte u.a. über heftige Schmerzen im Kopf. Er hatte alle Lust am Leben verloren. In meiner Verzweiflung gab ich ihm Klosterfrau Melissengeist: bald ließen seine Schmerzen nach – heute ist er wieder ein gesunder, froher Mensch!“ So schreibt Frau M. Pung , K.-Kalk, Taunusstraße 17. Ja – der echte Klosterfrau Melissengeist! Tag für Tag erweist er sich als das ideale Hausmittel für Kopf, Herz, Magen, Nerven! Heute mehr denn je!
(Werbung in Tageszeitungen/18. Juni 1952)

Araber protestieren in Bonn gegen Wiedergutmachung an den Juden. Das „Arab Higher Committee for Palestine“ hat in Schreiben an die Bundesregierung und den Generalsekretär der Vereinten Nationen Verwahrung gegen die beabsichtigte Wiedergutmachung Deutschlands an den Juden eingelegt und statt dessen Zahlungen an die arabischen Flüchtlinge aus Palästina gefordert. Die Araber betonten, daß eine Wiedergutmachungsleistung an Israel eine Stärkung des jüdischen Staates in Palästina bedeuten würde. „Darüber hinaus würde die Zahlung von Kompensationen an die Juden diese mit Mitteln für eine neue Aggression gegen die verbliebenen Gebiete Palästinas und die arabischen Staaten ausstatten.“ Das aber werde den Frieden und die Ordnung im Nahen Osten ernstlich gefährden.
(UP/20. Juni 1952)

Schmuggler in Bad Nauheim gefaßt. Die Fahndungsstelle des Hauptzollamtes in Köln ist jetzt einem weitverzweigten internationalen Schmuggler-Ring auf die Spur gekommen, der sich in der Hauptsache mit dem Schmuggel und dem illegalen Handel von Zigarettenpapier französischer Herkunft befaßte. Die umfangreichen Fahndungen führten auch nach Bad Nauheim, wo zwei Mitglieder der Schmugglerorganisation wohnten. Es handelt sich um einen Franzosen und einen Polen, die hier polizeilich gemeldet sind. Den Fahndungsbeamten gelang es mit Hilfe der Bad Nauheimer Polizei den Franzosen festzunehmen; der Pole war dagegen noch nicht auffindbar. Die Schmuggler hatten sich bei der illegalen Einfuhr großer Mengen Zigarettenpapier aus Frankreich amerikanischer Uniformen bedient.
(WZ/20. Juni 1952)

Demonstration für die verlorene Heimat – 80000 Heimatvertriebene in Gießen. Ein für Gießen in Umfang und Bedeutung einmaliges Ereignis war der Verbandstag des Landesverbandes Hessen der Heimatvertriebenen. Höhepunkt war der Sonntag, an dem 80000 Heimatvertriebene in Gießen weilten, um an der Großkundgebung teilzunehmen. So stand die Stadt besonders gestern im Zeichen dieser Veranstaltung, die Straßen waren ein einziges Gewoge von Menschen.
Den Heimatvertriebenen hatte die Bevölkerung einen herzlichen Empfang bereitet. Das zeigte sich auch bei der Sonderdekoration von Schaufenstern, in denen in geschmackvoller Aufmachung die verloren gegangenen Landschaften im Bild oder durch Projektion gezeigt wurden.
Der Tag der Sommersonnwende wurde für Gießen zu einem besonderen Erlebnis. Tausende von Heimatvertriebenen marschierten durch ein zahlenmäßig unübersehbares Spalier von Einheimischen, die zu beiden Seiten der Straßen standen und mit Begeisterung den Zug empfingen. Marsch und Sonnwendfeier wurden damit zu einem spontane Bekenntnis der gegenseitigen Verbundenheit.
(GFP/23. Juni 1952)

Das Dirnenunwesen in Friedberg. Im Zuge der Dirnenbekämpfung in Friedberg wurde von der Kriminalpolizei bei einer Familie in der Schulstraße die aus Sechshelden (Kr. Dillkreis) stammende 20 Jahre alte M. Spieß festgenommen, die sich mehrere Tage unangemeldet in Friedberg aufhielt und mit Besatzungsangehörigen nächtigte. Bei den Ermittlungen stellte sich heraus, daß die Spieß vor einiger Zeit aus einer Heilanstalt entwichen ist und sich in verschiedenen Orten herumtrieb. Obwohl die Kriminalpolizei mehrfach auf die unhaltbaren Zustände hingewiesen hat, ereignen sich immer wieder Übertretungen durch Familien, die aus reiner Gewinnsucht Dirnen übernachten lassen. Die betreffenden Familien machen sich in jedem Falle eines Vergehens schuldig und werden unnachsichtlich zur Anzeige gebracht. Die Kriminalpolizei beabsichtigt, sofern dieses Unwesen nicht eingedämmt werden kann, die Namen aller Wohnungsinhaber zu veröffentlichen, bei denen Verfehlungen festgestellt wurden.
(WZ/25. Juni 1952)

Neuer Sowjetterror gegen Westberlin. Die Sowjetzonenregierung verfügte am Mittwochabend in einschneidenden neuen Maßnahmen, daß Westberliner in sowjetisch kontrolliertes Gebiet ziehen müssen, wenn sie weiterhin einer Beschäftigung in der Sowjetzone nachgehen oder ihre in der Sowjetzone gelegenen Grundstücke besuchen wollen. Nach den neuen Bestimmungen erhalten Westberliner, die nicht nach Ostberlin oder in die Sowjetzone ziehen, in Zukunft keine Aufenthaltsgenehmigungen für die Sowjetzone.
(UP/26. Juni 1952)

„Lex Veronika“ – Siedler gegen Dirnen-Unwesen. Durch die in der Nähe Karlsruhes stationierten schwarzen Truppen hat das Dirnenunwesen in Badens alter Hauptstadt überhandgenommen. Wie Landrat Josef Gross erklärte, ist es wiederholt zu Auseinandersetzungen zwischen Soldaten um die „Veronikas“ gekommen. In der Flüchtlingssiedlung Neurut würden an die „Fräuleins“ Zimmer für 100 DM als Absteigequartiere vermietet. Auf einem öffentlichen Forum wurde in Anwesenheit von Vertretern der amerikanischen Behörden beschlossen, alle Neusiedler, die dem „Veronikarummel“ durch Übernachtungsmöglichkeiten Vorschub leisten, mit Entzug ihrer Siedlerstelle zu bestrafen. Die Siedler forderten eine Art „Lex Veronika“ und machten unter Hinweis auf die gefährdete Jugend den Vorschlag, die „willigen Mädchen“ in Arbeitshäusern unterzubringen.
(UP/26. Juni 1952)

Ich liebe Dich, seit ich Dich kenne, und ich kenne Dich schon länger, als ich mich erinnern kann. Deine Mutter hat uns ja oft erzählt, und war immer ganz gerührt dabei, Du seist an Deinem ersten Kindergartentag auf mich zugelaufen, hättest meine Hand genommen und mich gefragt, ob ich Dein Freund sein will. Ich hätte Ja gesagt, aber ich kann mich gar nicht daran erinnern. Heute sagen wir beide Ja, und wir werden uns das ganze Leben daran erinnern. Ich schreibe schon seit vielen Jahren Tagebuch und werde es bis zu unserer Silberhochzeit weiter schreiben und Dir dann schenken, am 9. September 2000. Es wird eine Geschichte unserer Liebe und unserer Ehe. Kaum zu glauben, daß wir dann schon in einem neuen Jahrhundert, einem neuen Jahrtausend sogar leben werden. Vorher kommt ja noch das Jahr, das für mich die ferne Zukunft symbolisiert, seit ich Orwells Buch gelesen habe: 1984. Noch neun Jahre bis dahin.
Mit neun Jahren habe ich angefangen, ab und zu Tagebuch zu schreiben, weil mir Tante Martha 50 Pfennig versprochen hatte, wenn ich mindestens einmal in der Woche aufschreibe, was ich so mache und denke. Ob sie Angst hatte, ich könnte Verdacht geschöpft haben?
Meine allerersten Erinnerungen sind, wie ich in Papas Seitenwagen sitze und wir nach Bad Nauheim zu Tante Martha fahren. Ich habe dann oft bei ihr geschlafen, Papa manchmal auch, glaube ich. Ich weiß noch, wie ich einmal früh aufwachte und Tante Martha am Waschbecken stand und sich wusch, mit nacktem Oberkörper. Ich hatte mir nie Gedanken darüber gemacht, wie Frauen nackt aussehen, und es war ein Schock für mich. Ich war richtig entsetzt, warf mich herum und vergrub den Kopf im Kissen. Ich hörte noch, wie Tante Martha sagte: „Pssst, der Junge, sei doch leise.“ Zu wem sagte sie es? Tief in mir wusste ich es, aber ich wollte es nicht wissen.
Ich muss ungefähr vier Jahre alt gewesen sein.
Bei den nächsten Erinnerungen bist schon Du dabei: Als Mama und ich und Du und Deine Mutter in der Liliputaner-Stadt waren. Mama glaubte, mir hätte es so gut gefallen wie beim erstenmal im Zirkus, aber daran konnte ich mich gar nicht erinnern, und so richtig gefallen hat es mir auch nicht, denn mir war komisch zumute, als die Liliputaner wie kleine Äffchen herumhampelten, obwohl sie alte, traurige Gesichter hatten. Ein paar Tage später standen wir an der Straße, als der Bundespräsident kam. Du warst auf den Armen Deiner Mutter und hast ihn gesehen, ich versuchte mich zwischen den Beinen der Erwachsenen nach vorne zu drängen, aber ich wurde getreten, es tat weh, aber ich weinte nicht, weil ich vor Dir nicht weinen wollte. Du kannst Dich an beides nicht erinnern, weder an die Liliputaner noch an Bundespräsident Heuß, aber Du warst ja auch noch sehr klein. Heute heiraten wir. Ich liebe Dich.
(aus undatierten Vorbemerkungen in Robert Radigers Tagebuch)

Veröffentlicht von gw am 22. März 2013 .
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Mittwoch, 20. März, 8.45 Uhr

Es nervt zwar, wenn immer über das Wetter gemosert wird, aber jetzt nervt das Wetter langsam auch mich. Es reicht! Wenigstens hat es gereicht, schon jetzt alle schreiberischen Aufgaben erfüllt zu haben. Die „Auszeit“ für die Pfarrer, die „Nach-Lese“ fürs Feuilleton sind ebenso geschrieben wie die neue „Wer bin ich?“-Runde. Die steht schon online, der eine Tag Bedenkzeit mehr ist ja wohl kein unfairer Vorteil. Jetzt muss ich erst am Freitag wieder mit dem „Sport-Stammtisch“ ran.
In der „Mailbox“ endlich mal wieder eine heftige, böse Kritik. Gefällt mir. Gehört schließlich auch dazu, und dass lange Zeit niemand richtig böse auf mich war, hat mich fast verunsichert. Aber ich und die NPD … na ja.
Eine der selbstgesetzten Aufgaben habe ich verschoben, vielleicht sogar aufgegeben: „So wahr das“, da zucke ich vor der vielen Arbeit zurück. Wenn ich jetzt weitermache, müsste ich auch dran bleiben, daher schiebe ich es vor mir her. Tendenz: Aufgeben. Weil: Wen interessiert so etwas überhaupt? Wenn ich aufgebe, stelle ich das bisher Fertiggestellte wenigstens in den Blog. Ach, den ersten Teil könnte ich ja schon mal vorlegen, zwar nur im optisch unbearbeiteten Rohtext, aber hier ist er:

So wahr das

Collage mit Zeitzeugnissen, Presseartikeln, Briefen
und Tagebuchaufzeichnungen

Robert

Unser kleiner Junge und Bruder ist angekommen

Anna Radiger, geb. Müller und Wolfhard Radinger mit Karin und Ella
Gießen, den 22. August 1947, zur Zeit Kath. Schwesternhaus
(MNZ*/23. August 1947)

* MNZ: Mittelhessische Neue Zeitung (Tageszeitung)

weitere verwendete Abkürzungen:

dpa: Deutsche Presse-Agentur (überregionale Nachrichtenagentur)
UP: United Press (internationale Nachrichtenagentur)
GFP: Gießener Freie Presse (Tageszeitung)
AZ: Gießener Allgemeine Zeitung (vorher: GFP)
WN: Wetterauer Nachrichten (Tageszeitung)
WZ: Wetterauer Zeitung (vorher: WN)
WN: Wetterauer Nachrichten

Ohne Quellenangabe: Kleinanzeigen und Werbe-Inserate, die meist in mehreren Publikationsorganen abgedruckt wurden

Teil 1: 1. Januar bis 31. März 1950

Westdeutschland feierte den Beginn der 2. Jahrhunderthälfte. In feucht-fröhlicher Ausgelassenheit begrüßte die Bevölkerung des Bundesgebiets den Beginn der 2. Jahrhunderthälfte. Silvester 1949 hatte zum erstenmal nach 11 Jahren wieder fast friedensmäßigen Charakter. Die Hoffnung, daß es wieder aufwärts geht, stimmte auch diejenigen froh, die noch auf die Erlösung von seelischer und materieller Not warten. (dpa/1. Januar 1950)

Der Landes-Nachforschungsdienst des Roten Kreuzes gab bekannt, daß im Lager Waldschänke in Hersfeld 413 Heimkehrer aus Rußland eingetroffen sind, die am 3. 1. 1950 zur Entlassung kommen. Unter ihnen befinden sich folgende Personen aus unserer näheren Heimat: Hermann Hagen, Grünberg, Schulstraße 7, Lg.-Nr. 7399 Kuibischef; Erwin Schäfer, Burkhardsfelden, Lg.-Nr. 7424/22 Sewastopol; Ferdinand Brunner, Gießen-Wieseck, Grabenstraße 35, Lg.-Nr. 7100/1 Saporoje; Willy Müller, Dorf-Güll, Lg.-Nr. 7435/14 Moskau; Hans Krug, Treis, Lg.-Nr. 7874 Moskau; Jakob Serth, Steinbach, Lg.-Nr. 7173 Sysran; Hans Ruppel, Gießen, Karl-Vogt-Straße 1, Lg.-Nr. 7178 Minsk; Eduard Hainer, Heuchelheim, Lg.-Nr. 7168 Minsk; Albert Schlapp, Lollar, Lg.-Nr. 7178/2 Minsk.
(GFP/2. Januar 1950)

Tödlicher Unfall, Fahrer flieht. In der Silvesternacht wurde der Student Ludwig L. In der Frankfurter Straße von einem stadtauswärts fahrenden Automobil erfaßt und tödlich verletzt. Der Fahrer des Wagens hielt an, fuhr dann aber weiter, wie ein Zeuge berichtete, der nach einem Knall aus dem Fenster seines Hauses geschaut hatte. Der Fahrer ist flüchtig. Die Polizei teilt mit, daß Ludwig L. vermutlich unter Einfluß von Alkohol stand.
(MNZ/2. Januar 1950)

Haska, neuwertiges 4-Röhren-Radiogerät, Allstr. 110/220, Baujahr 1948, Umst. halber geg. bar billig zu verkauf. od. geg. Motorrad (Kofferschreibmaschine) zu vertausch.
(GFP/4. Januar 1950/Kleinanzeige)

So denken Ihre Mitmenschen über die wirtschaftliche Entwicklung 1949. Hugo Dürr, 24 Jahre, zur Zeit Hilfsarbeiter, Gießen. – „Wenn das Geld auch knapp ist, so konnte man doch wieder das Nötigste anschaffen. Hauptsache ist: Man kann sich wieder sattessen. Wenn auch das Geld für den Winterbrand und die Einkellerungskartoffeln nicht ganz gereicht hat, so will ich doch schon ganz zufrieden sein.“
(GFP/5. Januar 1950/)

Wochenküchenzettel von Frau Lissi Lüdeking, Gießen, Ludwigstraße 24. 10. Preis unseres großen Herbst-Preisausschreibens. Sonntag: Grünkernsuppe mit gerösteten Brötchen, Kalbsbraten, Blumenkohl, Kartoffeln, Vanillepudding. Zutaten: Knochen für Suppe, 50 g Grünkernmehl, 1 Brötchen, 30 g Fett, 750 g Kalbfleisch, Fett zum Braten, Mehl, Salz, Gewürz; 1000 g Kartoffeln; 1 großer Blumenkohl, Mehl und Fett zur Soße; ½ l Milch, 1 Vanille-P.P., 2 Esslöffel Zucker. DM 4,83.
(GFP/5. Januar 1950)

Hitlerdouble in Nöten. „Allmählich wird es mir zu bunt“, erklärte uns Heinrich Noll, der stadtbekannte Doppelgänger Adolf des Verführers. „Wo ich auch erscheine, überall laufen die Leute mir nach. Davon kann ich als Erwerbsloser aber leider nicht leben.“ Noll ist zwar um zwei Zentimeter kleiner als sein „großes“ Vorbild, aber sonst unverkennbar „ihm“ täuschend ähnlich. „Ließe doch die DEFA endlich etwas von sich hören“, meinte er, als wir ihn über seine Zukunftsabsichten befragten. „Dieser Filmgesellschaft habe ich neulich ein paar Aufnahmen von mir geschickt, weil sie immer noch einen Hauptdarsteller für ihren Film über den Untergang des Dritten Reiches sucht.“ Daß sich außer ihm bereits 300 andere Bewerber um die gleiche Rolle bemüht haben, weiß er.
(GFP/7. Januar 1950/)

Wölfersheim. Am 19. Januar 1950 findet im Saale Hübner ein bunter Abend statt. Die ehemalige Spielgruppe des Stalingrad-Kriegsgefangenenlagers 7108/15 bietet in „100 bunten Minuten“ ein auserlesenes Programm aus der Zeit der Kriegsgefangenenschaft 1945 – 1949. Es ist dies eine bislang noch nicht gebotene Veranstaltung, die besonderes Interesse finden wird.
(WN/aus der Rubrik „Blick in die Wetterau“/14. Januar 1950)

Frei von Bruchbeschwerden durch das seit Jahrzehnten bekannte und bewährte Spranzband. Hunderttausende sind zufrieden! Ihr Vertrauen dem Stranzband – und auch Ihnen kann geholfen werden. Sprechstunden: Dienstag, den 17. Januar 1950: Bad Nauheim, 9.30 – 10.30, Hotel Pfälzer Hof. Butzbach, 11 – 12, Gasth. Gambrinus.
(WN/Kleinanzeige/14. Januar 1950)

Kostenlose Ausgabe von Lebertran. Am Montag, dem 16. Januar 1950 von 14.30 bis 16 Uhr, erfolgt nochmals eine kostenlose Ausgabe von vitaminangereichertem Lebertran aus der Spende des Weltkinderhilfswerkes in der Berufsschule Bad Nauheim für Kinder von 1 – 6 Jahren und für werdenden und stillende Mütter. Kinder von 1 und 2 Jahren erhalten je 600 g, ältere Kinder und werdende und stillende Mütter erhalten je 300 g. Leere, saubere, trockene Flaschen sind mitzubringen.
(Amtliche Bekanntmachung/14. Januar 1950/)

Liebste Martha, seit zwei Wochen habe ich keinen Brief von Dir bekommen. Ich hoffe Dir geht es gut. Ich vermisse Dich, meine große Schwester. Leider warst Du nicht dabei, als ich das kleine Robertchen zum ersten mal in den Kindergarten gebracht habe. Du weißt doch, der Kindergarten am Bahndamm gegenüber vom Oßwaldsgarten. Leider hat das Kerlchen sofort geheult, als die anderen Kinder wild spielten und mit Sachen warfen. Er ist wohl doch noch zu jung dafür. Ich habe ihn wieder mitgenommen und warte jetzt bis der neue Kindergarten hier bei uns aufmacht.
Wolfhard ist immer unterwegs und will Geld verdienen. Stell Dir vor er will jetzt das deutsche Patent für diesen Tripol-Vergaser kriegen. Du hast gewiss schon in der Zeitung davon gelesen. In Schweden fahren die Autos schon damit. Wolfhard hat es mir aufgeschrieben. Wasser-Photogen. Frag mich nicht was das bedeutet. Ich weiß nur daß dadurch Benzin mit Wasser vermischt wird und die Autos trotzdem fahren. Das wird ein Bombengeschäft sagt er. Hoffentlich hat sein merkwürdiger Freund Hermann nichts damit zu tun. Den bewundert Wolfhard, und immer treibt er sich mit ihm herum. Hermann hat in Tanger nach dem Krieg viele Dollars gemacht, sagt Wolfhard, und jetzt wollen sie zusammen in Heuchelheim ein Geschäft eröffnen. Hermann ist mir unheimlich, Tripol wäre mir viel lieber.
Schade daß wir nicht mehr zusammen tratschen können wie früher. Musst Du wirklich in Bad Nauheim bleiben? Nur wegen dem blöden Geld? Da hat es die Rita Hayworth besser. Hast Du das Bild in der Zeitung gesehen? Kriegt ein Kind von dem Ali Kahn und der Opa Aga Khan will das Baby jetzt mit Diamanten aufwiegen. Fünfeinhalb Pfund wiegt der Bengel. Unser Robertchen wog über sieben Pfund. Was wären wir reich.
Ich drücke und küsse Dich. Vielleicht organisiert sich Wolfhard ein Motorrad mit Seitenwagen dann kommen wir Dich besuchen. Küsschen auch von Karin und Ella. Sie sind lieb und richtig gut in der Schule. Deine Dich liebende Schwester Anna.
(Anna Radiger an Martha Müller/1. Februar 1950)

Opel Olympia 1950: Ein Wagen von internationalem Format!
Moderne Karosserieform / 1,5 Ltr. Hochleistungsmotor 37 PS / Fernschaltung / Öldruckbremsen
Limousine DM 6785 a. W. / Cabrio-Limousine DM 6950 a. W.
Der Vorführungswagen steht zu Ihrer Verfügung
(2. Februar 1950/Opel-Werbung in Tageszeitungen)

Geburten: 25.1.1950: Gisela, Tochter des Studenten der Pädagogik Ludwig Leinweber (verstorben) und Magda, geb. Willscheid, wohnhaft in Gießen, Schottstraße 38.
(3. Februar 1950/Familienchronik in der MNZ)

Montag: Geröstete Grießsuppe (Knochenbrühe), Kalbsbraten (Rest vom Sonntag), Kartoffeln, Endiviensalat. Zutaten: 100 g Grieß, 20 g Fett, Salz; 1250 g Kartoffeln; 1 Kopf Endivien, Essig, Oel, Salz, Pfeffer, Zwiebel, Zucker. DM 0,68.
(Wochenküchenzettel von Lissi Lüdeking, Gießen, 10. Preis / GFP)

HEIL Nudeln HEIL Maccaroni HEIL Konserven
(Textanzeige, 1950 oft geschaltet, hier vom 4. Februar)

Watzenborn-Steinberg. Der Vorsitzende des Elternbeirats, W. Damasky, hatte die Eltern aller schulpflichtigen Kinder zu einer Versammlung in die Volkshalle eingeladen. Nach Begrüßung der leider nicht allzu zahlreich Erschienenen ergriff die Schulleiterin Frau Günsche das Wort. Nach Verlesung eines Erlasses des Kultusministers vom 13. 5. 1946 über das Züchtigungsrecht, entwickelte sich eine lebhafte Diskussion. Da dieser Erlass nach Meinung der Anwesenden nicht nur im Widerspruch zum Grundgesetz, sondern auch im Widerspruch mit dem z. Z. noch geltenden Schulgesetz stehe, wurde einstimmig beschlossen, dem Kultusminister Dr. Stein eine in diesem Sinne verfaßte Entschließung zur Kenntnisnahme vorzulegen. Im letzten Punkt der Tagesordnung wurden Wünsche der Erzieherschaft an die Gemeindevertretung vorgetragen und von dieser Seite u.a. die Anlage einer Klingelanlage in den Schulgebäuden als notwendig anerkannt. Das überhandnehmende Herumtreiben von Jugendlichen auf den Straßen nach anbrechender Dunkelheit und das Antreffen von jugendlichen Schulentlassenen in Gasthäusern und auf dem Tanzboden wurde seitens der Erzieher scharf gegeißelt.
(GFP/4. Februar 1950)

Meine geliebte kleine Tochter Gisela, Du bist alles, was mir geblieben ist. Nun bin ich wieder mit Dir in unserer kleinen Wohnung in der Schottstraße. Wenn es Dich nicht gäbe, würde ich nicht mehr leben wollen. Aber für Dich will ich leben, Dir eine gute Mutter sein und auch versuchen, Dir den Vater zu ersetzen. Sobald ich an Ludwig denke, muß ich weinen. Aber das will ich nicht, denn ich glaube, auch so ein kleines Wesen wie Du spürt schon, wenn seine Mama traurig ist und weint und wird dann vielleicht auch ein kleines trauriges Mädchen. Man liest ja jetzt so viel über Einflüße in frühester Kindzeit, die Unbewußtheit, die viel anrichten kann, sagt ein Dr. Freud. Ich will von nun an immer in diese Kladde schreiben, was mir durch den Kopf geht und was in der Zeitung steht, für Dich, damit Du in späteren Zeiten lesen kannst, wie es damals war. Ich will Dir auch von Deinem Vater berichten, der ein wunderbarer Mann war, auf den Du stolz gewesen wärst. Er war meine erste große Liebe, und auch die letzte. Ich hatte zuletzt Schwangerschaftsprobleme und musste für drei Tage ins Krankenhaus, ausgerechnet zu Silvester, an dem Tag wollten wir heiraten, das Aufgebot war bestellt. Ludwig war fast in jeder Stunde da, am Silvestertag stießen wir mit Selterswasser auf unsere Zukunft an. Dann ging er nach Hause, um ein paar Stunden zu schlafen und dann für sein Studium zu lernen. Er war nüchtern, und irgendein betrunkener Kraftwagenfahrer hat ihn angefahren und liegen lassen. Wie soll es bloß weitergehen ohne ihn? Oma und Opa hast Du nicht mehr, ich habe nichts gelernt, wir sind bettelarm. Ach, liebster Ludwig … für heute höre ich auf, kleine Gisela. Du bist so hübsch und schläfst wie ein Engelchen.
(Magda Willscheid/4. Februar 1950)

Dienstag: Kartoffelsuppe mit Gelbe Rüben, Sellerie und Lauch, Weckauflauf mit gekochten Birnen. Zutaten: 500 g Kartoffeln, Gelbe Rüben, Sellerie und Lauch, 50 g Fett, Salz, 12 Brötchen, 50 g Zucker, 1 Ei und etwas Eipulver, 1 l Vollmilch, Zitronenschale, 30 g Margarine. DM 2,-
(Wochenküchenzettel von Lissi Lüdeking, Gießen, 10. Preis / GFP)

Überlegenheit zeigt sich im Tragen. Thalysia-Leib- und Büstenhalter bieten selbst in schmerzhaft schwersten Fällen Formvollendung. Lebensfrohes Wohlbefinden, bessere Leistung im Beruf. Reformhaus Schlumberger, Gießen, Seltersweg 52.
(4. Februar 1950/Kleinanzeige)

Heute abend, 20 Uhr, Ende …? Maskenball in der Karlsruh. Stimmung und Humor bringen die Marburger Rhythmiker. Kein überhöhter Eintrittspreis.

Sonntag, den 5. 2. Treffen der Schlesier und Sudetenländer zu einem Faschingsball in der Karlsruh. Heimatliche Klänge. Es ladet ein der Wirt: Eduard Mrasek aus dem Hultschiner Ländchen. Eintritt DM 0,50.

Theater der Stadt Gießen. Intendant: Anton Ludwig. Großer bunter Faschingsabend. „Unser Theater einmal ganz anders und auf den Kopf gestellt“ – Kostümfreiheit!

Wovon spricht Gießen? Von der großen, karnevalistischen Elferratssitzung mit Kostümball des Gesangvereins „Heiterkeit“, 20.11 Uhr, in der Hochschul-Aula der Universität, mit der Kapelle „Egerland“.
(Veranstaltungsanzeigen am 5. Februar 1950)

Liebe Anna, für Deinen Brief danke ich Dir. Daß ich Dir nicht geschrieben hatte, lag an der vielen Arbeit im Frisiersalon. Auch am Abend und an den Wochenenden mache ich einigen privaten Kunden die Haare. Sie bezahlen mich in Naturalien (Wurst von der Metzgersfrau, Kuchen von der Bäckerin usw.). Jetzt ist es schon stockdunkel, ich bin müde, aber ich will Dir unbedingt noch ein paar Zeilen schreiben, denn Dein Brief beunruhigt mich. Du weißt, daß ich Wolfhard, Deinen „Wolfi“, anders sehe als Du. Er ist ein Hallodri, treibt sich herum, ist mit allen gut Freund und hat nicht einmal Probleme bei der Entnazifizierung, obwohl er ein Hundertfünfzigprozentiger war. Gewiß, er war jung, aber mein Frieder war auch jung und kein Nazi. Mein armer Frieder, der jetzt irgendwo in einem russischen Lager hungert oder vielleicht sogar schon längst … nein, das schreibe ich nicht, da will ich gar nicht daran denken, sondern immer weiter hoffen. Aber ich halte es einfach für ungerecht vom „lieben“ Gott, dass Dein Wolfhard putzmunter aus dem Krieg zurück kam und immer fröhlich auf die Füße fällt, während mein Frieder, der herzensgute, friedfertige Mann .. aber jetzt Schluß damit.
Typisch, daß Wolfhard von einem „Bombengeschäft“ spricht, so wenige Jahre nach den vielen Bomben, die gefallen sind. Aber von ihm Einfühlsamkeit zu erwarten, das wäre, wie einem Ochsen ins Horn zu petzen. Tripol-Vergaser! Daß ich nicht lache! Das wird doch wieder nichts, ist für ihn nur ein weiterer Grund, um sich herumzutreiben, statt sich um Frau um Kinder zu kümmern. Sein Kumpan Hermann scheint ja ein ähnlicher Typ zu sein, nur erfolgreicher.
Und jetzt zu Dir, liebe Anna. Spiele bitte nicht die Rolle des Heimchens am Herd, Du bist eine gescheite junge Frau. Wer weiß, was mit Wolfhard wird, wer weiß, ob Du nicht eines baldigen Tages auf Dich allein gestellt sein wirst, mit drei Kindern. Tue was für Deine Bildung, lies nicht immer nur Klatsch und Tratsch in der Zeitung wie dieses blöde Zeug vom Aga Khan, der Hollywood-Dame und den Diamanten. Weißt Du überhaupt, was in Indochina los ist? Die Sowjetunion und China haben den kommunistischen Rebellen Ho Chi Minh anerkannt, das riecht nach einem langen Krieg. Die Amerikaner haben verkündet, daß sie eine Wasserstoffbombe bauen werden. Das ist kein Tripol-Vergaser, sondern eine Bombe, tausendmal schlimmer als die Atombombe. In London steht ein Atomforscher vor Gericht, er heißt Dr. Klaus Fuchs, ist also wahrscheinlich ein Deutscher, der den Russen alle Atomgeheimnisse verraten haben soll, so daß die nun auch Atom- und Wasserstoffbomben bauen können. In der Welt geschehen wieder solch schlimmen Dinge, und Du interessierst Dich nur für Klatsch! Gehe lieber mal ins Theater, im März wird es eine Welturaufführung geben. In Gießen! Am Stadttheater wird die Operette „Insel des Glücks“ gespielt. Stell Dir vor, eine Weltpremiere in Gießen! Vielleicht schaffe ich es ja, mit Dir hinzugehen.
So, und jetzt bin ich wirklich todmüde, meine liebe kleine Schwester. Ich bete noch für Frieder und für Euch, dann gehe ich schlafen. Ich küße Dich. Deine Martha.
(Martha Müller an Anna Radiger / Bad Nauheim, 7. Februar 1950)

Mittwoch: Kartoffelbrei mit Zwiebeln und fett, Rotkraut. Zutaten: 1500 g Kartoffeln, ½ l Milch, 1000 g Rotkraut, Essig, Salz, Zucker, 1 Apfel, Fett und Zwiebeln. DM 1,06.
(Wochenküchenzettel von Lissi Lüdeking, Gießen, 10. Preis / GFP)

Einer sagt’s dem andern weiter, gute Kleider kauft man stets bei Schneider. Gießen, Plockstr. 6
(Zeitungswerbung am 7. Februar 1950)

Lichtspielhaus: Das in Cannes preisgekrönte Meisterwerk: DER DRITTE MANN, mit Josef Cotten, Alida Valli, Orson Welles, Trevar Howard, Paul Hörbiger, Erich Ponto, Siegfried Breuer, Ernst Deutsch, Hedwig Bleibtreu. Der Film, der die Welt begeistert und den Sie sehen müssen.
(Kino-Anzeige am 7. Februar 1950)

Donnerstag: Haferflockensuppe, Gelbe Rüben, Frikadellen, Kartoffeln. Zutaten: 150 g Haferflocken, Suppengrün, Salz; 1000 g Gelbe Rüben, 30 g Mehl, Salz; 150 g Hackfleisch, 2 Brötchen, Eipulver, Weckmehl, Zwiebeln, Pfeffer, Salz, 50 g Fett zum Braten, 1000 g Kartoffeln. DM 2,05.
(Wochenküchenzettel von Lissi Lüdeking, Gießen, 10. Preis / GFP)

Merkwürdige Arbeitsbeschaffung. Die Strafkammer Limburg verurteilte den 29-jährigen Filmtechniker Wuelfing in Wetzlar wegen Kuppelei zu acht Monaten Gefängnis. Der Angeklagte hatte im vergangenen Jahr aus der Ostzone illegal geflüchtete Mädchen im Lager Gießen aufgefordert, mit ihm nach Wetzlar zu fahren, um ihnen Arbeit zu verschaffen. Die Mädchen brachte er in ein abgelegenes Jagdhaus in Wetzlar, wo er sie aufforderte, sich nach Freunden umzusehen. Insgesamt haben sieben mittellose Mädchen seiner Aufforderung Folge geleistet.
(GFP/9. Februar 1950/)

Immer noch fragen sich täglich Tausende deutscher Frauen und Mütter: Wann kommt er zurück, wird er jemals heimkehren? Und die letzte Frage ist um vieles schwerwiegender, da hinter dem Verbleib zahlloser Kriegsgefangener immer noch das bange Fragezeichen der Ungewißheit steht. (…) Klärung ist um so dringlicher, als bisher immer noch nicht bekannt ist, wie viele der noch als „vermißt“ Geltenden sich überhaupt nicht in sowjetischer oder anderer Gefangenschaft befinden, weil sie ein Opfer der letzten Kriegsphase geworden sind. (…) Welcher Unteroffizier der stets in Eile wieder neu ergänzten „Heldenklau“-Kompanien, welcher „Volkssturm“-Führer kannte in den chaotischen Wirren des April 1945 noch all seine Leute beim Namen? So wurden allein im Kampf um Berlin gewiß Tausende eingescharrt, bei denen nicht mehr nach Papieren oder einer Erkennungsmarke geforscht worden war. (…) Wenn die Sowjets also behaupten, daß die von deutscher wie auch westalliierter Seite errechneten Vermißtenzahlen eine „maßlose Übertreibung“ ihrer wirklichen Gefangenenzahlen darstellen, so wäre der Beweis hierfür doch gerade durch die Bekanntgabe der mehrfach geforderten Listen am leichtesten zu erbringen. (…) Jetzt, fünf Jahre nach Abschluß der Kampfhandlungen, sollte es auch den Organisationsgenies der Sowjets möglich sein, Zahl und Namen derer bekanntzugeben, die sich noch als Kriegsgefangene oder Internierte sowie als Strafgefangene in ihren Lagern befinden. Selbst traurige Gewißheit ist weit tröstlicher als völlige Ungewißheit.
(GFP/Leitartikel von Dr. Heinz Walbrück am 11. Februar 1950)

Freitag: Würfelsuppe, Nudeln und Tomatensoße. Zutaten: 2 Suppenwürfel; 500 g Nudeln, 500 g Tomaten, Fett, Mehl, Salz. DM 1,32.
(Wochenküchenzettel von Lissi Lüdeking, Gießen, 10. Preis / GFP)

Hutmode am Wendepunkt. Die Frau will wieder be“hütet“ sein. Kopftuch und Turban sind in die hintersten Ecken des Kleiderschrankes verbannt. (…) Wie die strumpflose Mode, war auch die Dame ohne Hut eine Zeiterscheinung, die auf Materialmangel, teilweise aber auch auf den Einfluß der amerikanischen Mode zurückzuführen war. (…) Der kleine Hut herrscht vor. Er hat sich den Mänteln und Kleidern mit den hochgestellten Kragen angepaßt. Besonders beliebt sind die „Holländerhauben“, deren Ecken zu beiden Seiten des Gesichtes weit abstehen. Hüte mit rundem Kopf und sehr schmalem Rand, die den „Collegehüten“ ähneln, Modelle mit höherem, leichtgezogenen Kopf und asymmetrischem Rand, aber auch kleine, strenge Zylinder sind viel zu sehen. (…) Eine ganz andere Tendenz kündigt sich in der für den Sommer propagierten Hutmode an. Kleiner, flacher Kopf und sehr breiter Rand, das „Wagenrad“, ist die Parole.
(GFP/Die Seite der Frau, 11. Februar 1950/)

Samstag: Linsensuppe mit Würstchen. Zutaten: 250 g Linsen, 500 g Kartoffeln, Fett, Mehl, Zwiebeln, Salz, 200 g Fleischwurst. DM 1,29. Gesamtausgaben: DM 13,23.
(Wochenküchenzettel von Lissi Lüdeking, Gießen, 10. Preis / GFP)

Redaktionelles. Unser erster Politiker und Nachrichtenredakteur, Dr. Heinz Walbrück, tritt am 1. März d. J. aus unserem Stabe aus, um einem Angebot als Chef vom Dienst bei einer in Duisburg erscheinenden Tageszeitung Folge zu leisten.
(11. Februar 1950/GFP)

Solang die Wieseck noch durch Gieße fließt
solang uns noch der alte Gleiberg grüßt,
solang noch babbelt e‘ Schlammbeiser Zung,
bleibt Gieße jung – bleibt Gieße jung!
Solang’s Theater in de Anlach steht,
solang de Bretzelheinerich noch geht,
solang die Lahn noch fließt un’s Gießner Bier,
solang wirst du bestehn, mei Gieße, des glaab mir!

(Refrain im „Gießener Karnevalsschlager 1950“ von Rudi Rübsamen, am 11. Februar zum Vortrag gebracht in einer Elferratssitzung des Gesangvereins „Heiterkeit“ in der Hochschulaula)

Man hat dem falschen „Adolf“ übel mitgespielt. Der Bart ist ab, und die malerische Stirn“locke“ ebenfalls. Gießens „Adolf“, der stadtbekannte Heinrich Noll, hat jetzt nichts mehr von der Ähnlichkeit mit seinem „berühmten“ Vorbild. Seine Chancen, zum Film zu kommen, wurden das Opfer eines schmählichen Bubenstreiches. „Heulen hätte ich können, als ich in den Spiegel sah“, sagte Heinrich Noll. Nach durchzechter Nacht wurde Gießens Hitler-Double „vergewaltigt“, mit Schere und Rasiermesser. Die von uns in der Ausgabe vom 7./8. Januar aufgeworfene Frage, „Ob die DEFA ihn holen wird?“, dürfte damit „null und nichtig“ geworden sein.
(14. Februar 1950/GFP)

Von der „Hefrag“: Nach der nunmehr erfolgten Stillegung des Tagebaues Trais-Horloff der „Hefrag“ verlieren 40 Arbeitskameraden ihren bisherigen Arbeitsplatz. Da es sich um ältere Männer handelt, die für den Grubenbetrieb nicht mehr geeignet sind, soll versucht werden, diese 40 im Schwelkraftwerk Wölfersheim unterzubringen. Alle Arbeitskollegen des SKW-Betriebes, die das 35. Lebensjahr noch nicht überschritten haben, wurden aufgefordert, sich freiwillig für die Grube als Gedingearbeiter zu melden, um die in Trais-Horloff freiwerdenden Männer vor der drohenden Entlassung zu schützen. Da im Bergbau ca. 40 Gedingearbeiter benötigt werden, wäre die Hefrag gezwungen, falls sich auf diese Aufforderung des Betriebsrats niemand melden sollte, 40 fremde Leute einzustellen und die in Trais-Horloff überfällig werdenden Arbeiter zu entlassen.
(aus der Rubrik „Blick in die Wetterau“/20. Februar 1950/WN)

Mein liebes Gisli, nun bist Du schon einen ganzen Monat alt, herzlichen Glückwunsch! Du bist das liebste Baby, das es gibt auf der Welt. Ich muss Dir etwas sehr Merkwürdiges, sehr Schönes berichten. Gestern abend wurde der Himmel im Nordwesten, hinter der Sudetenlandstraße, plötzlich strahlend rot, dunkelrot, es sah wunderbar aus, auch ein bisschen gespenstisch, da immer wieder helle, senkrechte Strahlen aufleuchteten und die Wolken vor dem roten Hintergrund sichtbar wurden. Alle Leute aus unserer Straße standen draußen und bewunderten dieses seltsame Bild, das eine halbe Stunde zu sehen war. Einige hatten Angst, fühlten sich an den Krieg erinnert und riefen, es sehe fast genauso aus wie in der Bombennacht, als Gießen zerstört wurde. Ich hatte keine Angst, sondern ein ganz tiefes, beglückendes Gefühl. Als der Himmel wieder dunkel wurde, gingen alle zurück ins Haus. Ich kam an unserem Briefkasten vorbei, in den ich fast nie hineinsehe, denn es gibt niemanden, der mir schreiben würde. Ich weiß nicht, warum, aber diesmal machte ich ihn auf und sah einen Umschlag, ohne Adresse und Absender. Ich riss ihn auf, aber da war kein Brief, sondern: 2 Zwanzigmarkscheine. 40 Mark! Ich weiß genau, das rote Licht am Himmel, das war ein Zeichen von Ludwig, daß er immer bei uns ist, und die 40 Mark hat er uns geschickt, weil er will, daß wir nicht hungern müßen. Ich werde es keinem Menschen erzählen, sonst stecken sie mich in die Hoppla, die Irrenanstalt in der Licher Straße, und Du kommst ins Waisenhaus. Für das Geld werde ich Kleider für Dich kaufen und für mich Nahrhaftes zu essen, damit meine Milch Dich groß und stark macht. Heute früh stand in der Zeitung, es wäre ein Nordlicht gewesen. Was wissen schon die. Es war Ludwigs Licht.
(Magda Willscheid, 25. Februar 1950)

Der Vorschlag McCloys, in ganz Deutschland freie Wahlen abzuhalten, wird von der SED abgelehnt. Der SED-Pressedienst nennt die Anregung McCloys ein „leeres Scheinmanöver“, das lediglich „agitatorische Bedeutung“ besitze. Wenn McCloy von der Gleichberechtigung aller Parteien bei den vorgeschlagenen Wahlen spreche, so wolle er damit nur einen politischen Wirrwarr schaffen. – In den Pressenachrichten des westdeutschen KP-Vorstandes wird laut UP erklärt, daß unter den Bedingungen des Ruhrstatuts und des Besatzungsstatuts keine freien Wahlen stattfinden könnten.
(dpa/1. März 1950)

Am Freitag, dem 3. März 1950, 13.30 Uhr, findet eine Versammlung über den neuzugründenden Verband der Sterilisierten im Saalbau Köhler, Gießen, Liebigstraße, statt. Alle Interessenten werden gebeten, zu erscheinen.
(Veranstaltungshinweis/2. März 1950)

Weltrekord. Gestern stellte der Oberstdorfer Sepp Weiler mit einem Sprung von 127 m auf der Oberstdorfer Sprungschanze einen neuen Weltrekord auf und überbot den bisherigen Weltrekord des Österreichers Willi Gantschnigg vom Dienstag um 3 m.
(dpa/3. März 1950)

Lindenstruth. Hier fand eine gut besuchte Bürgerversammlung statt. Auf der Tagesordnung stand als einziger Punkt wiederum die Frage über das Besitzrecht der seither dem Freiherrn von Rabenau gehörenden 12 Morgen Äcker und Wiesen, die in der Gemeinde Lindenstruth liegen. Nachdem die Gemeinde einen Ortsbauplan nicht besitzt, kann sie das Land nicht erwerben. Es wird nur an landarme Bauern und Neubürger abgegeben.
(GFP/3. März 1950)

Saar von Deutschland getrennt. Die französische Regierung hat in einem der fünf Abkommen, die am Freitagmorgen mit den Vertretern des Saargebiets in Paris unterzeichnet wurden, ihren Anspruch auf den Besitz der Saargruben aufgegeben. Die Saarregierung hat der französischen Regierung das Recht eingeräumt, die Kohlengruben auszubeuten. Als Gegenleistung erklärt sich die französische Regierung einverstanden, bei einem späteren Friedensvertrag mit Deutschland die Ansprüche der Saarregierung auf Besitzrechte an den Bergwerken zu unterstützen.
Zur Unterzeichnung der Saar-Konventionen sagte der Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, Jakob Kaiser, er hoffe im Interesse Frankreichs, Deutschlands und Europas, daß die Meldungen über das Abkommen nicht wahr seien. Sie hörten sich unglaublich an.
(dpa/4. März 1950)

Wieder Weltrekord. Mit 135 m stellte der Schwede Dan Netzell am Freitag, dem vierten Tage der Oberstdorfer Skiflugwoche, einen neuen Weltrekord auf und übertraf die am Donnerstag von dem deutschen Meister Sepp Weiler erreichte Bestleistung um acht Meter.
(dpa/4. März 1950)

An die Bevölkerung des Kreises Gießen! Vergeßt nicht, Eure Kriegsgefangenen und Vermißten bis spätestens 11. 3. 1950 registrieren zu lassen! Näheres ist aus den Plakaten und bei den örtlichen Meldestellen (Bürgermeistereien) zu erfahren. Von Schwerin, Landrat.
(Aufruf am 7. März 1950)

Stadt und Land, Gott & die Welt. Für unsere kleine Kolumne sind die Pariser Verträge eine Nummer zu groß. Daß der christsoziale saarländische Ministerpräsident Hoffmann sein Land an die Franzosen verkauft hat und auf die Kritik, er gebe Souveränität auf, antwortet, „alle europäischen Staaten müssen auf Teile ihrer Souveränität verzichten, damit endlich das größere Europa zustande kommt“, mögen Berufenere beurteilen. Auch daß sein Parteifreund Adenauer im Gegenzug (?) „eine Union zwischen Frankreich und Deutschland“ vorschlägt, die „dem schwerkranken Europa neues Leben einflößen“ soll, hinterlässt uns ratlos. Wie schön, daß wir wenigstens Dr. Schumacher von der SPD verstehen, der den Beitritt zum Europarat ablehnt, wenn das Saargebiet gleichzeitig zugelassen wird. Das ist einfache, echte, gute nationale Gesinnung, die wir unterstützen. Noch besser verstehen wir die SPD-Männer im Bundestag, die unter handgreiflicher Führung des Abgeordneten Herbert Wehner dem Altnazi Wolfgang Hedler den gebührenden Abgang verschafft haben. Bekanntlich wurde Hedler gestern unter tosenden „Raus“-Rufen aus dem Bundestag ausgeschlossen. Danach wurde es im Ruheraum des Parlaments unruhig, denn Wehner knöpfte sich Hedler persönlich vor, verprügelte ihn, schleppte ihn durch die Vorhalle des Bundestages und warf ihn auf die Straße. Wir sind zwar gegen die Prügelstrafe, doch in diesem Fall rechtfertigt sie alleine schon dieser perfide Satz des Hedler: „Ob das Mittel, die Juden zu vergasen, das gegebene gewesen ist, darüber kann man geteilter Meinung sein. Vielleicht hätte es andere Wege gegeben, sich ihrer zu entledigen.“ Eines solchen Mannes sollten wir uns entledigen!
Nicht entledigen können wir uns leider der allgegenwärtigen Kriegsgefahr. Fünf Jahre nach der Katastrophe rumort es wieder an allen Ecken und Enden. Längst noch nicht alle unserer überlebenden Soldaten sind zu Hause, und schon droht der nächste Weltenbrand: Indien und Pakistan stehen sich gegenüber, in Indochina proben die Kommunisten die Weltrevolution, und bei uns hetzen die Sowjets unsere Landsleute in der Ostzone gegen uns auf.
Aber auch in unseren hessischen Gefilden geht es nicht immer friedlich zu. Einem Pressebericht – nicht in unserer Zeitung! – entnehme ich, dass eine junge Frau morgens um fünf Uhr nur mit Schuhen und Strümpfen durch die Stadt gelaufen sei, verfolgt von zwei Männern. Erst als frühe Passanten dazukamen, ließen die Männer von der Frau ab. Und was lese ich in besagtem Pressebericht? „Warum die Frau auf die seltsame Idee kam, in diesem Aufzug durch die Stadt zu laufen, ist nicht bekannt.“ Kein Wort über die verschwundenen Männer! Seltsame Welt.
Für die Zukunft lege ich diese heute erstmals erscheinende Kolumne in die Hände eines noch jungen Kollegen, der mit dem Kürzel „gg“ zeichnen wird. Er hat die Aufgabe, mit Humor und Verstand nachzuzeichnen, was in Stadt und Land geschieht, über Gott und die Welt zu schreiben und immer am Puls der neuen Zeit zu bleiben, für die ich zu alt geworden bin.
(Auftakt der regelmäßigen Kolumne „Stadt und Land, Gott & die Welt“ in der MNZ, geschrieben von Verleger Dr. Wilfried Mauritz/11. März 1950)

Die Polizei warnt: Die seit geraumer Zeit herrschende Invasion von Apfelsinen und Bananen ist von der Bevölkerung freudig begrüßt worden. Weniger erfreulich ist aber die Tatsache, daß die alte Unsitte wieder um sich greift, die Schalen dieser Früchte auf die Bürgersteige zu werfen. Die Polizei warnt eindringlich vor diesem sträflichen Leichtsinn, der schon manchem Passanten Schaden gebracht hat.
(WN/11. März 1950)

Trümmer müssen beseitigt werden. Am 1. Februar ist ein Gesetz der hessischen Landesregierung rechtskräftig geworden, das für den Wiederaufbau unserer Städte von großer Wichtigkeit ist. Es betrifft die Beseitigung der durch die Kriegsereignisse verursachten Trümmermassen. Es ist also nach dem Gesetz jeder Grundstücksbesitzer gehalten, die durch die Kriegsereignisse verursachten Trümmer baldigst zu beseitigen. Dies wird für ein einzelnes Grundstück manchmal unwirtschaftlich sein. Es empfiehlt sich deshalb, daß sich die Besitzer von Trümmergrundstücken an einer Straße oder in einem Wohnblock zusammenschließen, um dadurch den Abtransport für den Unternehmer wertvoller und wirtschaftlicher zu gestalten. Er kann selbstverständlich die Trümmer auch selbst beseitigen und sich damit das Verfügungsrecht über das Material wieder sichern, wenn er sich von der betreffenden Dienststelle (Tiefbauamt, Asterweg 9) die schriftliche Freigabe der auf seinem Grundstück liegenden Trümmer geben läßt. Er kann dann das nutzbare Material selbst verwerten oder anderweitig darüber verfügen.
(GFP/15. März 1950/)

Unter der Leitung des bekannten deutschen Conferenciers Werner Finck fand in Westberlin die Gründungsversammlung der „Radikalen Mitte“ statt. Diese überparteiliche, außerkirchliche und nicht nationalistische Gesellschaft habe es sich zum Ziel gesetzt, die Humorlosigkeit und den Bazillus der Dummheit in Deutschland zu bekämpfen, sagte Finck. Seine Gesellschaft wolle keine Parteilizenz beantragen, sondern die Einzelgänger ansprechen und eine Gewerkschaft der Eigenbrötler werden. Als Symbol wollten ihre Anhänger eine Sicherheitsnadel unter dem Rockaufschlag tragen und als „Führerbild“ einen Spiegel ansehen. Das vollbesetzte Haus zollte Finck starken Beifall.
(dpa/16. März 1950)

Die städtische Berufsfeuerwehr reißt seit einiger Zeit im Auftrage des Hochbauamtes schadhafte Gebäudeteile an stadteigenen Ruinen ein. Am Donnerstag wurde ein Teil der Fassade der alten Pestalozzischule in der Nordanlage eingerissen, da sie sich bedenklich zur Straßenseite neigte und den Straßenverkehr gefährdete. Mit fünf Mann wurde nach der Befestigung eines Drahtseiles „gewippt“ und auf diese höchst einfache Art und Weise die gefährliche Fassade zum Einsturz gebracht. Ruinen fallen, und Häuser schießen wie Pilze aus dem Boden. Das ist Gießen im Jahre 1950.
(GFP/18. März 1950)

Liebe Martha, eigentlich wollte ich Dir erst einmal gar nicht mehr schreiben und Dich auch nicht besuchen weil Du so eklig böse zu mir warst. Aber jetzt denke ich, daß Du wegen Frieder so verbittert bist und ich Dir daher nicht mehr böse sein soll. Wenn es umgekehrt gekommen wäre, wäre ich vielleicht auch so geworden wie Du. Ich glaube ja, daß Du es gut meinst. Ich will auch versuchen mich mehr für die Politik zu interessieren. Ich habe gelesen, daß der Spion Fuchs zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, daß geschieht ihm doch recht oder? Die Sache mit dem Saarland verstehe ich noch nicht so richtig. Wollen die Franzosen uns das Land ganz wegnehmen? Da leben doch nur Deutsche! Auch über die Kommunisten habe ich nachgedacht. Ich glaube ich mag sie nicht. Die armen Deutschen in der Ostzone! Auch die Nazis mag ich schon lange nicht mehr. Ich wusste ja auch nicht, daß sie alle Juden umgebracht haben. Mir hat es beim BDM immer so gut gefallen und da habe ich ja auch Wolfhard kennengelernt, den feschen Jungen von der HJ. Und dann kamen ja auch schon bald die Zwillinge und ich hatte gar keine Zeit mehr. Ich weiß, daß Du mich für ein bißchen dumm hälst. Vielleicht hast du recht. Ich bin jedenfalls dümmer als Du. Aber nicht so dumm nicht zu merken, daß Du ein bißchen in Wolfi verliebt bist. Deswegen schimpfst Du so auf ihn. Mußt Dich nicht schämen. Ich finde es gut, daß Du ihn in Wirklichkeit auch lieb hast. Mit dem Tripohlvergaser hat er schon Schluß gemacht. Das wird nichts sagt er. Zum Glück hat er sich jetzt auch mit Hermann verkracht, er sagt mir aber nicht warum. Aber nun hat er eine gute Stellung in Aussicht. Vor ein paar Tagen hat er diesem komischen Hitler-Mann eine Glatze rasiert und nun hat er viele neue Freunde in der Gewerkschaft. Die suchen einen Sekretär und wollen ihn. Wenn er die Stelle kriegt will er Dich mit Robertchen im Seitenwagen besuchen. Denn er will Dir beweisen, daß er kein Hallodri ist. Viele liebe Küßchen von Deiner kleinen dummen Schwester.
(Anna Radiger an Martha Müller / Gießen, 18. März 1950)

Resolution. Das Forum Wieseck unterstützt die Forderungen der Besatzungsgeschädigten, die in einer Aussprache am 17. März 1950 ausführlich behandelt wurden:
1. Häuser und Wohnungen, die schon seit nahezu fünf Jahren beschlagnahmt sind, werden freigegeben, da eine Beschlagnahme privaten Wohnraums nach dem Grundgesetz nicht möglich ist.
2. Die Freigabe der Häuser muß durch Neubau von ausreichendem Wohnraum für die Besatzungsmacht ermöglicht werden. Eine Erleichterung würde geschaffen, wenn inzwischen durch Wegzug freiwerdende Wohnungen nicht mehr durch amerikanische Familien besetzt würden.
3. Der deutsche Eigentümer muß ab sofort seinen Garten unbehindert und dauernd betreten, bestellen und abernten können.
(20. März 1950/GFP)

Schwarzmarkt ohne Umsatz. Tagtäglich flutet vom und zum Gießener Bahnhof ein starker Verkehr. Daß hier der illegale Handel, frei von Steuern und sonstigen Abgabesorgen, fast mühelos beträchtliche Umsätze erzielen konnte, war schon lange ein offenes Geheimnis. Durch gelegentliche Razzien, bei denen aber im wesentlichen die Käufer die Benachteiligten waren, konnte dieser Handel wohl hin und wieder unterbrochen, aber nie zum Erliegen gebracht werden. Das lag nicht zuletzt mit daran, daß es sich bei den Verkäufern durchweg um solche Personen handelt, denen durch die deutsche Polizei allein nicht ohne weiteres beizukommen ist.
Seit einigen Tagen jedoch werden in der Bahnhofsgegend kaum noch, höchstens ganz versteckt, Geschäfte abgeschlossen. Zwei Polizeibeamte bewachen das Viertel, während sich die „Geschäftswelt“, Hände in den Hosentaschen, zunächst noch abwartend verhält, zum Teil aber auch schon konkursartigen Rückzug antritt. Wie uns von der Polizeidirektion Gießen dazu mitgeteilt wird, sind nunmehr im Zusammenwirken mit maßgebenden amerikanischen Stellen Maßnahmen eingeleitet worden, die auch in Zukunft eine Versorgung des Schwarzmarktes verhindern sollen. Bei Einkalkulierung von Strafe, nachzuzahlender Steuer und Warenentzug sollten sich die Interessenten für Schwarzmarktware doch billigerweise dazu entschließen, Kaffee, Kakao oder Schokolade in den offenen Läden der Stadt zu kaufen.
(20. März 1950/GFP)

Aus Saulus wurde Paulus. Churchill hat am 16. d. M. zwei Feststellungen gemacht: Die europäischen Grenzen könnten ohne einen deutschen Beitrag nicht wirksam verteidigt werden und die Versöhnung Deutschlands mit Frankreich und Großbritannien werde durch „Plackereien“, Demontage einiger weniger Fabriken und verspätete Prozesse gegen greise deutsche Generale verhindert. In einer Zeit, in der Einstein die Mächte davor warnt, den Erdball vermittels der Wasserstoffbombe in eine Sonne zu verwandeln und in der katholische Kirchenfürsten die Gläubigen beschwören, sich auf einen plötzlichen Tod vorzubereiten, greift die von Entsetzen erfaßte Welt wie ein Ertrinkender nach jedem Strohhalm. Daß die bedingungslose Kapitulation ein verhängnisvoller Fehler war, ist von Churchill zugegeben worden. Wenn es heute zwei Deutschlands gibt, wenn der ganze Osten, Nordosten, und Südosten Europas, mit Ausnahme Griechenlands, das von den Amerikanern gerettet wurde, Moskau hörig ist, wenn viele Millionen abendländischer Menschen heute heimatvertrieben sind und im Elend verkommen, so ist das die direkte Folge des Churchillschen Versagens in schicksalsschwerster Stunde. Die heutige Vormachtstellung Rußlands, die Churchill als schwere Bedrohung des Friedens ansieht, ist sein eigenes Werk.
Nun ist aus dem Saulus ein Paulus geworden. Die Geschichte der Menschheit kennt kein Beispiel dafür, daß es einem Staatsmann vergönnt gewesen ist, sein systematisch durchgeführtes Zerstörungswerk wieder gutzumachen und einen katastrophalen Irrtum seiner letzten verhängnisvollen Konsequenz zu entkleiden. Sollte es Churchill gelingen, ohne die Welt in einen neuen Krieg zu stürzen, dann wäre das eine ganz große, unverdiente Gnade, weil dann der böse Fluch, Böses müsse fortgesetzt Böses gebären, aufgehoben wäre.
(Leitartikel von „A.A.“, 21. März 1950/GFP)

Ober-Bessingen. Der Gesangverein „Neue Eintracht“ veranstaltete einen wohlgelungenen Theater- und Gesangsabend. Die vorgetragenen Lieder, dirigiert von Lehrer Wiedmann, ließen erkennen, daß sich der junge Verein auf dem besten Wege befindet. Im Mittelpunkt des Abends stand das Schauspiel „Um die Heimatscholle“. Der größte Teil der Laienspieler verstand es in bester Weise, dieses ergreifende Stück darzustellen. Es folgte der humoristische Einakter „Oh, Ehestand, wie schön bist du“. Beide Stücke waren von Lehrer Finke in vorbildlicher Weise eingeübt worden.
(GFP/22. März 1950)

Bekenntnis zur Einheit Deutschlands. Die Bundesregierung hat zu dem amerikanischen Vorschlag zur Abhaltung gesamtdeutscher Wahlen in einer Erklärung Stellung genommen. Die Regierung bekennt sich voll zur Wiederherstellung der deutschen Einheit und erklärt, den Vorschlag von Hochkommissar McCloy über gesamtdeutsche Wahlen mit Genugtuung zur Kenntnis genommen zu haben. Als Weg zu diesem Ziel schlägt die Bundesregierung drei Punkte vor: 1. Ausschreibung gesamtdeutscher Wahlen zu einer verfassunggebenden Nationalversammlung nach Erlaß eines Wahlgesetzes durch die Besatzungsmächte; 2. Kontrolle dieser Wahlen in allen Teilen Deutschlands durch Kommissionen aus Vertretern der vier Besatzungsmächte oder Vertretern der Vereinten Nationen; 3. Ausarbeitung einer deutschen Verfassung durch die Nationalversammlung.
(dpa/23. März 1950)

Im Scheinwerfer. In der Sporthalle am Berliner Funkturm endete am Samstag die Laufbahn eines großen Boxers, Walter Neusel. Der Abgang des „blonden Tigers“ war wenig ruhmvoll und gerne hätte Neusel ihn vermieden. Als der 24jährige deutsche Halbschwergewichtsmeister Conny Rux in den ersten vier Runden den „Oldteamer“ zermürbte und zertrommelte, da schüttelte der Tiger, dessen Krallen stumpf geworden waren, hilflos den Kopf. Sein Betreuer Englert bat den Ringrichter Seewald, den Kampf zu stoppen. Die Drohung, „no fight, no money“ (kein Kampf, kein Geld) und die drohenden Pfiffe des Publikums ließen aber den „alten Herren“ nochmals in die Ringmitte wanken, wo ihn schließlich eine Schlagserie des jungen Berliners niederstreckte. Der Name Neusel ist aber aus der deutschen Box-Sportgeschichte ebensowenig wegzudenken wie jener Max Schmelings. Zwei Generationen von Boxern wurden groß und sanken wieder ab, seit Walter Neusel 1930 seinen ersten Kampf als Profi lieferte. Als er als Schwergezeichneter den Ring verließ, sagte er: „Nun ist es auch bei mir so weit; ich habe eingesehen, es geht nicht mehr. Darum trete ich ab.“
(aus der Sportkolumne „Im Scheinwerfer“ von William Reinert, GFP/23. März 1950)

Tadellose, unbeschädigte, loch- u. flickfreie, weiße amerikanische Mehlsäcke aus strapazierfähigem Leinen-Baumwollgewebe zur Herstell. v. Handtüchern, Kinder- u. Arbeitskleidung, Schürzen, Kindertüchern usw. noch vorrätig. Der Sack ergibt aufgetrennt knapp 1 qm. Stück DM 1,48. Die Beschriftung der Säcke ist abwaschbar.
(Kleinanzeige/27. März)

Stadt und Land, Gott und die Welt. Aufregende Zeiten, von Churchill bis Conny Rux, vom Ultraschall, der den Alkohol altern lässt, bis zum keimtötenden Nebel. Aber viel aufregender ist für viele Kinder, dass in diesen Tagen ein neuer Lebensabschnitt für sie beginnt: die Schule. Ich wünsche allen Abc-Schützen, dass sie mehr und ungestörter lernen können als ich, der erst vor drei Jahren das Abitur gemacht hat und der in seiner Bildung schmerzlich die vielen Schulstunden vermisst, die wegen der allbekannten geschichtlichen Ereignisse ausfallen mussten. Um so mehr versuche ich, das Versäumte nachzuholen und alles in mich aufzusaugen, was mir hilft, dieses merkwürdige Leben zu verstehen. Dazu dient auch diese Kolumne, die mir mein verehrter Chef, Herr Dr. Wilfried Mauritz, schon in jungen Jahren zu schreiben erlaubt. „Aber lassen Sie den Humor nicht zu kurz kommen, den benötigen wir in diesen Zeiten“, legte er mir ans Herz. Ich will den guten Ratschlag befolgen.
Ein guter Ratschlag daher auch an unsere Metzger in Mittelhessen: Nehmen Sie sich ein Beispiel an einem Ihrer Kollegen in Bonn, der im Rahmen einer Kundenführung durch sein Geschäft die Hausfrauen wieder mit den lange entbehrten Wurst- und Fleischwaren vertraut machte – mit kostenlosen Proben, versteht sich. Spätestens anlässlich der Grünen Woche, die im Mai in den Gießener Mittelmarkthallen stattfindet, möchten auch wir auf diese schöne Weise mit dem lange Entbehrten vertraut gemacht werden.
Eher für die Freunde geistiger Getränke gedacht ist das neue Gerät, mit dem mittels Ultraschall Alkohol künstlich gealtert werden kann, so daß die langen Lagerzeiten zur Verfeinerung des Geschmacks entfallen. Da kann ich nur sagen: Wackere neue Welt! So heißt auch der Titel des jetzt in den deutschen Buchläden liegenden Romans von Aldous Huxley (im Original: „Brave New World), und wirklich wacker ist auch, was der bis vor wenigen Jahren in Gießen tätige Professor Dr. Heinrich Kliewe erfunden hat: ein Vernebelungsgerät, mit dem die Luftentkeimung verbessert wird. Mit dem Aeroliseur „Gulliver“ werden unsichtbare, trockene Nebel in die von Bakterien geschwängerten Räume geblasen und alle auf dem Luftweg übertragbaren Krankheitserreger wie Grippe-, Diphterie- oder Scharlachbazillen abgetötet.
Wir können der Zukunft also, trotz allem, zuversichtlich entgegenblicken. Auch wenn uns heute die Vergangenheit einholt. Auf den Tag genau vor fünf Jahren rückten die Amerikaner in Gießen ein. Ich kann mich noch gut an jenen Vormittag des 28. März 1945 erinnern. Die wildesten Gerüchte jagten durch die Stadt, ich war gespannt und aufgeregt und hoffte, daß es stimmt: Die Amerikaner kommen! Ich flitzte hierhin und dorthin, wollte alles sehen und dachte gar nicht daran, in Gefahr zu sein. Erst lief ich zur Bergkaserne, wo Soldaten erschoßen werden sollten, die sich den Amerikanern ergeben wollten. Dort oben herrschte ein heilloses Durcheinander, doch erschoßen wurde niemand. Aber am Schlachthof sollten Polizisten mit Handgranaten den Vormarsch stoppen, hieß es. Nichts wie hin! Ich kam gerade rechtzeitig, aber nicht zum Handgranatenwerfen am Schlachthof, sondern zur Sprengung der Brücke am Oßwaldsgarten. Diese gelang nur zum Teil, es gab zwar einen mächtigen Knall, aber der Großteil der Brücke blieb stehen, und schon im nächsten Augenblick sah ich die ersten Amerikaner meines Lebens dort auftauchen. Es war genau 12.30 Uhr, Pioniere bauten eine Notbrücke, und schon eine halbe Stunde später rollten die ersten Panzer über sie hinweg. Gießen wurde schließlich ohne Kampfhandlung eingenommen, was mich, den dummen, abenteuerlustigen 15-Jährigen, ein bisschen enttäuschte. Das war heute vor fünf Jahren. Morgen beginnt die Zukunft!
(erste von „gg“ geschriebene Kolumne in der MNZ/28. März 1950)

Professor Agricola, Prorektor der Universität Halle (Saale) spricht heute abend um 20 Uhr in der Aula der Hochschule über das Thema:
„Die deutsche Einheit und in einem halben Jahr keine Arbeitslosen“
Hessischer Landesausschuss für die deutsche Einheit.
(Veranstaltungshinweis am 30. März 1950)

Veröffentlicht von gw am 20. März 2013 .
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