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Er war’s: Lionel Kieseritzky (Anstoß vom 28. Februar)

»Der ›Anstoß‹ streift ja gerne (zu aller Beteiligten Freude) die Randgebiete des Sports und das ein oder andere Mal deren Übergang zur Gesellschaft«, mailt Tilo Heller aus Echzell, aber gerade deshalb wundert sich der Leser, dass die Friedberger Bundesliga-Schachspielerinnen noch nie in der Kolumne auftauchten. Und das, obwohl sie herrliche Geschichten schreiben. So kam die schwangere Topspielerin Adriana Nikolova zuletzt wegen eines ärztlichen Flugverbots mit dem Bus von Bulgarien zum Heimspiel nach Friedberg. 29 Stunden war sie unterwegs, anschließend bezwang sie ihre Gegnerin in einer Sechs-Stunden-Partie und verhalf dem Team zum Sieg. Den feierte es danach in einer Pizzeria, wobei sich der Präsident des Deutschen Schachbundes anschloss. Am übernächsten Wochenende können die Friedberger Schachspielerinnen an heimischen Brettern sogar Deutscher Meister werden …
» … und gw … schweigt … schreibt … nichts … Schade eigentlich«, bedauert Tilo Heller, der »gedacht hätte«, das sei »eine Steilvorlage« für gw.
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War es dann aber doch noch. Denn die Mail löste blitzschachartig das Problem, eine schöne, gehaltvolle »Wer bin ich?«-Runde zu spielen. Da hatte ich doch vor vielen Jahren einmal die »Unsterbliche Partie« im »Anstoß« nachspielen lassen – der Verlierer, das wär mal eine Aufgabe!
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War’s dann auch. Sehr knifflig und für Nicht-Schachspieler kaum lösbar. Dachte ich … wieder einmal falsch, denn erstaunliche 14 Teilnehmer fanden die richtige Lösung: Wolfgang Egerer (Rosbach-Rodheim), Doris Heyer (Staufenberg-Treis), Andreas Hofmann (Bad Nauheim), Ralf Kranich (Großen-Buseck), Dr. Paul Limberg (Linden), Walther Roeber (Bad Nauheim), Karola Schleiter (Florstadt), Rüdiger Schlick (Reichelsheim), Paul-Gerhard Schmidt (Mücke-Nieder-Ohmen), Jochen Schneider (Butzbach), Peter Storm (Wettenberg), Prof. Peter Schubert (Friedberg), Ingrid Wittich (Mücke-Merlau) – sie alle führen auch mit zwei Punkten die Jahreswertung an – sowie Sven Liebig (Bad Vilbel).
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Die (perfekte) Lösung überlassen wir wieder einem der Gewinner (Paul-Gerhard Schmidt): »Ihre Ankündigung, an der Schwierigkeitsschraube zu drehen, haben Sie wahr gemacht. Zunächst hatte ich keinen blassen Schimmer. Dann nahm ich den Tip mit dem Film auf und untersuchte einige bekannte Science-Fiction-Filme. Der Blade Runner führte mich dann zum Ziel. Eine dort gezeigte Zugfolge in einer Schachszene entspricht einigen Zügen der ›Unsterblichen Partie‹. Diese Schachpartie fand 1851 in London statt und gilt als berühmteste ihrer Art. Gegner waren der deutsche Adolf Anderssen und der baltendeutsche Lionel Kieseritzky. Anderssen opferte in diesem Spiel einige Figuren (Läufer, beide Türme, Dame), um mit dem Rest die Partie zu gewinnen. Kieseritzky wurde 1806 im Baltikum geboren, lebte später als Berufsschachspieler in Paris und übte dort in einem Café seinen Beruf aus. Er galt als eigensinnig und etwas verrückt und starb schon mit 47 Jahren in Paris. Bei seiner Beerdigung war angeblich nur der Kellner seines Schachcafés als Trauergast anwesend.«
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Es gab nur wenige falsche Lösungen (darunter aber so interessante wie »Heinrich Heine« oder »Norbert Grupe alias Prinz von Homburg«), denn die meisten Teilnehmer geben, wie auch beim Schach üblich, vorzeitig auf, wenn sie wissen, dass sie Matt gesetzt werden. Bei »Wer bin ich?« weiß man fast immer, ob man die richtige Lösung gefunden hat, denn nur bei ihr stimmen alle Vorgaben überein. Auch Kieseritzky wusste lange vor dem Matt, dass er verloren hatte – er spielte aber weiter, und dadurch wurde er »unsterblich«.
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Die nächste »Wer bin ich?«-Runde ist noch nicht terminiert. Noch warte ich auf eine blitzschachartige Eingebung. Vielleicht der Prinz von Homburg? (gw)

Baumhausbeichte - Novelle