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Aliens auf der Bank: Zäpfchen auf Ecstasy und tiefrot glühende Ceranplatten

Liebes Eintracht-Tagebuch,
heute möchte ich dir etwas erzählen, was mir eigentlich ein bisschen peinlich ist. Ich gehöre nämlich zu den Menschen, die, wenn sie einen Film schauen, prinzipiell alles glauben, was da erzählt wird! Wenn im Western einer erschossen wird, denke ich: »Oh, der arme Kerl, jetzt isser tot!« Wenn geweint wird, flenne ich mit, wenn ein Fiesling besonders fies ist, beschimpfe ich ihn auf das Übelste, und wenn im Kino ein Dinosaurier auftaucht, kann es schon mal passieren, dass ich meine Schuhe nach ihm werfe, um ihn so in die Flucht zu jagen!
Ja, ich glaube Filmen immer alles und habe mich damit bei meinen Kumpels Thorsten, Steffen und Alex schon mehr als einmal zum belächelten Deppen gemacht. Mittlerweile ist es für die fast schon Kult, sich mit mir zum gemeinsamen Filmeabend zu treffen. Als z. B. neulich Alex einen Sexfilm mitgebracht hatte, war ich, sehr zur Begeisterung der drei, der Einzige, der fest davon ausging, dass die kopulierenden Pärchen auch privat zusammen waren und dass alle Orgasmen ganz bestimmt echt gewesen seien.
Aber gestern Abend hab ich sie drangekriegt! Da hatte nämlich Steffen »Men in black III« eingelegt, bei dem es vorrangig darum geht, dass auf der Erde jede Menge Monster und Aliens in irgendwelchen »normalen« Menschen hausen, damit man sie nicht erkennt. Und in deren Hüllen sie dann schlimme Sachen machen.
Kaum war der Film rum, schauten sie mich erwartungsvoll grinsend an. »Natürlich glaube ich das!«, sagte ich mit fester Stimme, »ich weiß sogar ganz sicher, dass es stimmt. Ich kann zwar nicht sagen, wie viele es gibt, aber ein Alien habe ich definitiv entdeckt!« »Ach ja, in wessen Körper steckt es denn?«, fragte Thorsten feixend.
Ich nickte nur wissend, schaltete Fernseher und Festplattenrekorder ein und drückte auf »Start«. Schon nach kurzer Zeit wich das überhebliche Gruppengrinsen einer kollektiven Schockstarre, denn spätestens jetzt begriffen alle, dass ich absolut recht hatte. »Mein Gott, der arme Christian Streich. Der weiß bestimmt gar nicht, dass er besessen ist!«
Gebannt schauten wir uns diverse Szenen an, in denen der Freiburger Trainer immer wieder urplötzlich eine komplette Wesensveränderung vollzog. In denen er plötzlich turboartig von der Bank hochsprang, wie aus dem Nichts neben dem vierten Schiedsrichter auftauchte und – ich drückte auf Super-Slomotion, und jetzt sah man etwas, was man im normalen TV so nicht hatte erkennen können – wie ihm auf einmal sechs schlangenartige Arme aus dem Körper wuchsen, die den armen Schiri blitzschnell umklammerten, während seine plötzlich meterlange Zunge kurz aber heftig in das linke Ohr des hilflosen Mannes eindrang, um sofort aus dem rechten Ohr zu schießen – eine bei Aliens durchaus gebräuchliche Art der Gehirnwäsche.
Das alles ging unfassbar schnell… Wie gesagt, mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen. Aber jetzt, dank der Zeitlupe, war es offensichtlich, dass Christian Streich von einem schlimmen Alien regiert wird. Was übrigens auch seine vielen durchgeknallten Interviews nach Spielende erklärt. Als ich ausschaltete, regierte Fassungslosigkeit den Raum. »Der arme Mann. Das Monster macht ja mit dem, was es will…«, meinte Thorsten, »erstaunlich, dass sie trotzdem Fünfter sind!« »Was heißt ›trotzdem‹?«, entgegnete Steffen, »genau deswegen!« »Ach du Scheiße, dann erklärt das auch, warum Dortmund so gut spielt!«
Kurz drauf hingen wir vorm Computer und wir schauten uns auf Youtube diverse Jürgen-Klopp-Szenen in Superzeitlupe an, die unsere Befürchtungen bestätigten. In denen sein eben noch friedliches Gesicht in einer Zehntelsekunde zu einer grässlichen Fratze mutierte, bevor er dann dem vierten Offiziellen in unfassbarer Geschwindigkeit ein Stück Hals rausbiss, ohne dass es auch nur irgendjemand mitbekommen hatte!
Und auch bei den anderen Toptrainern sah es nicht besser aus. Ob jetzt Sascha Lewandowski, der in Leverkusen an der Seitenlinie abging wie ein Zäpfchen auf Ecstasy und dabei unmenschlich hochfrequente Schreie von sich gab, oder auch der eigentlich in sich ruhende Jupp Heynckes, dessen Ohren sich aber bei Aufregung urplötzlich in tiefrot glühende Ceranplatten verwandelten … alles eindeutige Indizien für außerirdische Machenschaften!
Gespannt studierten wir nun natürlich auch diverse Szenen unseres so geschätzten Armin Veh… und auch hier bewiesen Nahaufnahmen seiner Mimik, die zwischen freundlichem Lächeln und furchteinflößender Eiseskälte hin- und hersprang wie das Pendel einer Wanduhr, dass wir es auch in Frankfurt mit einem Alien zu tun haben!
Nach ein paar Stunden hatten wir alle Bundesliga-Coachs durch. Thorsten hatte fleißig mitgeschrieben und las vor, was eigentlich alle schon wussten: »Ab Platz sechs sind alle Trainer alienfrei. Jens Keller, Mirko Slomka, Thomas Schaaf, usw. Naja, sieht man ja auch…« Lediglich bei Thomas Tuchel beschlossen wir, die Sache noch mal zu überprüfen, denn dass ausgerechnet der nicht fremdgesteuert sein sollte, mochte keiner von uns glauben.
Natürlich, liebes Tagebuch, stand jetzt noch die Frage im Raum, was man denn mit dieser brisanten Erkenntnis anfangen solle. »Wollen wir das nicht lieber dem DFB melden?«, meinte Alex zaghaft, aber Steffen brachte es auf den Punkt. »Nee, lieber mit nem Alien in die Champions
League, als ohne Alien auf Platz zehn! Guck dir an, wo Dortmund steht, seitdem Klopp da ist!«
Wir nickten erleichtert, während Thorsten bereits fröhlich mit einer DVD wedelte. »Genau! Und jetzt schauen wir ›Harry Potter‹, gell Henni?«
Hendrik Nachtsheim

Baumhausbeichte - Novelle