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Sport-Stammtisch (vom 23. Februar)

Gewissensfrage: Versetzen Sie sich bitte in die Person des künftigen Bayern-Trainers – würden Sie als Pep Guardiola dem FC Bayern München das Triple wünschen? Oder würden Sie inständig hoffen, dass Jupp Heynckes Ihnen ein oder besser zwei zu gewinnende Titel übrig lässt? Da ich mir nichts vormache, weiß ich, wofür ich die Daumen drücken würde. Und Sie? Sind Sie ein besserer Mensch?
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Falls ja, könnten Sie sich einer »geglückten Personalisation« und eines »autonomen Gewissens« rühmen, denn davon »sprechen wir in dem Maß, in dem neben die heteronomen Normen selbstüberprüfte Normen treten, erstere ersetzt bzw. nach kritischer persönlicher Überprüfung gutgeheißen werden«.
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Ach was!?, würde Loriot sagen. Der Satz, bei dem hoffentlich nicht alle Leser weggedämmert sind, ist eines der Zitate, die eine Doktorandin (Thema: »Person und Gewissen«) leicht verändert und ohne Quellenangabe übernommen haben soll. Ich halte mich mangels akademischer Qualifikation raus, würde aber wegen dieses hochgestochenen Geschwurbels jedem den Doktortitel entziehen, egal ob er es originär schreibt, zitiert oder abkupfert.
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Wie bin ich bloß auf diese sportabseitige Bahn gekommen? Ach so, ja, Guardiola. Und Jens Keller. Dazu eine eigene Überprüfung von Person und Gewissen: Kürzlich habe ich den Schalke-Trainer ironisch als »smart, eloquent – und sonst?« abqualifiziert. Aber das war ein Vorurteil, beruhend auf Eindrücken aus Kellers Spielerzeit in Frankfurt. Sorry. Ich nehm’s zurück. Keller hält sich wacker, kein bisschen smartiehaft, sondern standhaft und eigenständig an einer schweren Aufgabe arbeitend. Dass ich ihm nun die Daumen drücke, wird ihm allerdings nichts nützen.
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Ein anderes Vorurteil dagegen ist bestätigt: Dass die Praxis des Zukaufs von Leistung der klassischen Definition von Doping entspricht, das geben jetzt sogar die Vereinsoberen zu. Eintracht-Boss Heribert Bruchhagen und sein Dortmunder Kollege Hans-Joachim Watzke beschuldigten bei einer Podiumsdiskussion in Düsseldorf die Werksklubs inklusive Hoffenheim des Finanzdopings, was Leverkusens Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser konterte: Das Sponsoring von Fraport sei »auch eine Art Finanzdoping durch die öffentliche Hand« (zitiert nach »FR«). Also: Alle dopen, nur wirft es jeder dem anderen vor.
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Die Fußballer wollen ihr spezifisches Dopingproblem mit den gleichen Mitteln in den Griff bekommen, die beim »normalen« Doping üblich sind: Schöne Worte, heuchlerische Worte, dazu ein Doping-Regelwerk (»Financial Fairplay«), das gut klingt – aber was kümmert’s Manchester City oder Paris St. Germain?
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Wie grotesk die Dimensionen verzerrt werden, davon zeugt auch eine »FR«-Schlagzeile zum Fall Pistorius: »Jetzt auch noch Dopingverdacht« – als ob das den scheinbar simplen Mordvorwurf noch toppen würde. Oder jene südafrikanische Kolumnistin: Pistorius des Mordes angeklagt zu sehen, das sei für ihr Land so, als ob Bischof Desmond Tutu beim Klauen im Supermarkt erwischt würde. Den ebenso griffigen wie unpassenden Vergleich übernahm »Stern«-Chefredakteur Thomas Osterkorn in sein Editorial, ergänzte ihn aber mit einem nun wirklich unvergleichlichen, unübertreffbaren Satz von edler Einfalt und schrillster Größe: »Wie kann ein gefeiertes Idol sich zu einer solchen Tat hinreißen lassen?« Einfach hinreißend.
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Ach ja, wieder vom Reizthema infiziert. Ich wollte, sollte doch nicht mehr! Bin wohl ein launiger Typ. Ich gehöre halt doch zur Frankfurter Fan- und Presseszene, denn »Schwegler kritisiert das launige Umfeld« (»Kicker«-Schlagzeile).
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Wie kann man nur launig und launisch verwechseln, Kollegen! Tss!
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Kaum hatte ich mir die »Kicker«-Schlagzeile ausgeschnippelt, um sie zu verulken, da gab mir die allerliebste Zielgruppe das Manuskript für die »Nach-Lese« (heute im Feuilleton) zurück: »Das musst du verbessern.« – Was? – »Du hast ›abergläubig‹ geschrieben.« – Ja, und? – »Das schreibt sich ›abergläubisch‹.« – Echt?
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Tja, wenn sich der Oberlehrer mit dem Zeigefinger ins Auge sticht, will er dennoch Recht behalten. Nachgeschaut, der Duden kennt auch »abergläubig« als »veraltet für abergläubisch«. Konter: »Veraltet. Eben. Wie du.« (gw)

Baumhausbeichte - Novelle