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Mein kleiner Klub der beiden toten Dichter (Nach-Lese vom 23. Februar 2013)

Hoppla, was ist das? Auf der Krimi-Bestenliste der »Zeit« schoss im Februar Reginald Hills »Rache verjährt nicht« (Suhrkamp) auf Platz eins. Reginald Hill, mein Allzeit-Lieblingskrimiautor! Wunderbar. Das hatte er schon lange verdient. Dass »Rache verjährt nicht« gar kein echter Krimi ist, zumal ohne den unvergleichlichen Andy Dalziel, tut der Freude keinen Abbruch. Hill hatte Dalziel schon vor fünf Jahren verabschiedet, im bittersüßen Finale »Der Tod und der Dicke«.
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Ebenfalls vor fünf Jahren erschien das letzte Werk meiner Allzeit-Lieblingskrimiautorin Magdalen Nabb. Seit eben dieser Zeit liegt es auf dem Nachttisch. Ich würde den Krimi gerne lesen, wirklich sehr gerne. Dass ich es noch nicht getan habe, hat einen sehr sentimentalen Grund: Das Buch ist posthum herausgekommen, Magdalen Nabb (mein Jahrgang 1947) starb 2007 mit 60 an einem Hirnschlag, und mit ihr starb also auch der gemütliche Maresciallo Guarnaccia, der in »Vita Nuova« (erschienen bei Diogenes) noch seinen vierzehnten und letzten Fall löste. Nehme ich jedenfalls an. Eine unerklärliche Scheu hindert mich, die Annahme zu überprüfen und von Guarnaccia und seiner Schöpferin Abschied zu nehmen.
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Schrullig, ich weiß. Auch ein wenig abergläubisch: Wenn ich das Buch lese, dann geht’s mir wie Magdal … blöder Gedanke …
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… wie spricht man den Namen der englischen Autorin eigentlich aus? Vor einiger Zeit fragte ich bei Diogenes schriftlich nach: »Mägdelän Näbb? Oder mittlerweile doch schon eher italienisiert, also für uns buchstabengetreu?« – Sibyllinische Antwort des Verlags: »Die von Ihnen vorgeschlagene Aussprache des Namens der Autorin ist richtig.« Vorgeschlagen? Was habe ich denn vorgeschlagen? Na ja. Wie’s euch gefällt.

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Im erlesenen Verlagsprogramm von Diogenes nimmt Magdalen Nabb eine durchaus eigene Rolle ein: Nicht so sophisticated wie Patricia Highsmith, nicht so trendy wie Martin Suter und ohne die Bestseller-Garantie einer Donna Leon, aber eine der ganz Großen der Krimi-Zunft, deren Stil an Simenon und deren Protagonist an Inspektor Columbo erinnert. Nabb, eine gelernte Keramikerin, kam 1975 nach Florenz. Und blieb. Bis zu ihrem Tod. Zunächst schrieb sie keine Krimis, sondern las sie. Vor allem die von Georges Simenon. Als der nichts mehr veröffentlichte, »musste ich sie mir halt selbst schreiben«. Ihren Erstling schickte sie dem Meister – und der wurde ihr erster Fan. Nabbs bedächtig-selbstkritischer Maresciallo Guarnaccia, ein nach Florenz versetzter Sizilianer, wuchs mir ans Herz, dieser sich ungeschickt und geistig langsam wähnende, aber hartnäckig nachdenkende und lebenskluge Wachtmeister ( = Maresciallo).
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Und nun zu Hill. Aber vorab eine Warnung: Während die Nabb-Romane auch im Tee-Lesekränzchen etepetetester Damen vorgelesen werden könnten, schockt Hills durch und durch unkorrekter Dalziel empfindsame Leserinnen: Er rülpst und furzt und »kratzt sich am Sack wie ein Pfadfinder, der ein Feuer zu entzünden versucht«, fährt seine Mitarbeiter an (»Du siehst aus wie eine Henne, die von einem Strauß gevögelt wurde und jetzt spürt, dass das Ei kommt«) und mault: »Los, steigen wir ein, bevor mir noch die Eier abfallen und den Asphalt durchschlagen.« Meine Damen! Da haben nur böse-Lese-Buben und -Mädchen ihren Spaß.
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So tief Dalziels Proll-Niveau sein mag (in Wahrheit ist er teuflisch schlau und hat ein goldenes Herz), so hoch ist Hills literarisches Können. Die »Zeit« feierte schon »Ins Leben zurückgerufen« als »einen der besten Krimis des letzten Jahrzehnts«, der Spiegel meinte, »Ruth Rendell, P. D. James oder Donna Leon sehen daneben alt aus«, und selbst die »alte« Leon pries Hills »Intelligenz, den flotten Humor, die Leidenschaft und einen Stil, der Eleganz und Anmut verbindet«.
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Leider liegt nur etwa die Hälfte von Hills Werken in deutscher Übersetzung vor, und für ein lustvoll-entspanntes Durchschmökern der Originalausgaben reicht mein Englisch nicht, zumal der hochgebildete Hill seinen Lesern einiges abverlangt. Manches davon ist nur noch antiquarisch erhältlich, wie »Noch ein Tod in Venedig«, ein Goldmann-Taschenbuch aus dem Jahr 1981. Das wollte ich haben! Bei Amazon bestellt, knapp 20 Euro bezahlt (Neupreis wohl um die zwei Mark) … und ein völlig zerfleddertes, fleckiges, speckiges Exemplar erhalten. Angeekelt wollte ich es mit spitzen Fingern in den Papierkorb befördern, aber da fiel der Blick auf den ersten Absatz – und der wurde sofort in die persönliche Liste der schönsten Anfänge aufgenommen und war Anlass, behandschuht bis zum Ende zu lesen (und es nicht zu bereuen): »Während der Nacht weinte die dicke Frau mit der Zigeunerperücke im Nebenzimmer erneut. Sarah lag im Bett und hörte ihr voll Sorge zu, weckte aber Michael nicht, der zwei Tage vorher erklärt hatte, von allen Weckrufen auf dieser armseligen, traurigen Welt findet er das Weinen einer dicken Frau am jämmerlichsten.«
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Hill geizt auch nicht mit Gags für den bildungsbewussten Bürger: »Krieg ist nur eine Marketing-Kampagne mit anderen Mitteln«, zitiert er Aristoteles. Wirklich Aristoteles? Ja. Aristoteles Onassis (aus: »Welch langen Weg die Toten gehen«).
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Im letzten Dalziel-Krimi »Der Tod und der Dicke« lässt Hill seinen Andy von einer Verflossenen schwärmen: »Tottie, die hatte nicht nur weiches Fleisch, sondern auch Muskeln. Bei Gott, wenn Frauen beim Hammerwerfen teilnehmen dürften, hätte sie die Goldmedaille gewonnen! Ich hab mal gesehen, wie sie bei einem Grillfest des Rugby-Clubs von der Mitte des Platzes einen Gummistiefel geschleudert hat, der war immer noch im Steigen begriffen, als er über die Torpfosten ging. Dachte daran, sie zu heiraten, aber dann ist sie religiös geworden.«
Na ja, auch ein Hill macht Fehler: Frauen DÜRFEN beim Hammerwerfen teilnehmen.
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Dalziels ebenfalls unverwechselbare Mitarbeiter sind der blass-intellektuelle Peter Pascoe, der frankensteingesichtige, schwule und herzensgute Stoiker Edgar Wield, später auch der junge Hat Bowler und seine ebenso ehrgeizige Aufstiegs-Konkurrentin Shirley Novello. Über allen aber schwebt Dalziel, die krimiliterarische Schocktherapie für empfindsame Leserinnen.
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Lange habe ich über Dalziels letzte Worte nachgedacht. Als Pascoe den von ihm wiederbelebten Schwerstverletzten, der in »Der Tod und der Dicke« im Krankenhaus liegt und einige Nahtoderlebnisse hat oder träumt, bangen Herzens besucht, da »klappten die Augen auf und starrten Pascoe, hell und ohne alle Tränen, unvermittelt an. ›Nur weil du mich von Mund zu Mund beatmet hast, heißt das noch lange nicht, dass wir verdammt noch mal verlobt sind!«
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Ein echter Dalziel. Aber ist er wirklich tot? Leider ja, denn auch Reginald Hill ist gestorben, 2012, im 77. Lebensjahr. »Rache verjährt nicht« ist auch ohne Dalziel ein »posthumes Wunderwerk englischer Erzählkunst« (»Zeit«), aber – siehe oben – weniger ein Kriminalroman als ein Vermächtnis.
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Und für mich Anlass, die fünfjährige Trauerzeit zu beenden und das letzte Werk der so unterschiedlichen, aber krimikongenialen Magdalen Nabb endlich aufzuschlagen. Mit leiser Wehmut und Neid im Lese-Herzen. Neid auf sie, liebe Leser, wenn sie meinen kleinen Klub der beiden toten Dichter noch nicht kannten, neugierig geworden sind und dann noch viele, viele schöne Nach-Lesen halten können. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle