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Sonntag, 17. Februar, 6.10 Uhr

Neugierige Online-Leser wollen unbedingt wissen, um was es im letzten Absatz des Sport-Stammtischs ging. Da einer, der besonders hartnäckig nachfragte, weit weg wohnt und meinem Aufruf zum Kaufen des Blattes nicht folgen kann, lasse ich mich breitschlagen (zerschlagen bin ich sowieso schon nach einer schlaflosen Nacht …ooooch? … ja, Dankeschön für die Empathie). Die Anzeige auf der Stammtisch-Seite war ein Veranstaltungshinweis für einen “Trennungsworkshop nur für Männer”.
Weint Eisenhans? Rennt er in den Wald und umarmt statt seiner Frau eine schöne deutsche Eiche? Sorry. Die Strafe für den Spott folgt nicht auf dem Fuß, sondern gab es schon im voraus. Siehe Nacht.
Ein Trennungsworkshop war früher so unbekannt wie ein Zerknalltreibling. Obwohl eine Trennung ja auch ein Zerknall ist, und irgendein Treibling steckt immer dahinter. Frühmorgensidee: Soll ich daraus eine “Nach-Lese” machen? Ich darf nächsten Samstag wieder den Kollegen mm vertreten und weiß noch nicht, worüber ich schreiben soll. Trennungsworkshop, Zerknalltreibling, Anglizismen, Fremdwörter überhaupt, Eindeutschungen, dazu natürlich Goethe mit seinem “Gesichtserker” (Nase), das wäre eine Option. Vielleicht mit Stalaktiten und Stalagmiten – mit der ewigen Frage, die mein Brockhaus schon oft beantwortet hat, von mir aber immer wieder vergessen: Was von beiden ragt von unten nach oben, was hängt von oben nach unten? Etwa Stalaktiten? O, da werd ich ja unfreiwillig noch zum Brüderle mit den hängenden Stalak… pfui Teufel.
Einn anderes Thema wäre ein Klub der toten Dichter: Reginald Hills neues und letztes Buch, das ich gelesen habe, Magdalen Nabbs letzten Florenz-Krimi, den ich nicht gelesen habe, nach dem Hirnschlag-Tot von Magdalen Nabb aus seltsamer Scheu oder Pietät ungelesen ins Lieblingskrimi-Regal verbannt. Vielleicht mit einem Schwenk zu Schirrmachers neuem Buch, das man kaum noch lesen muss, soviel ist schon darüber geschrieben worden.
Dritte Option: Aus meinem eigenen Workshop, der “So wahr das”-Puzzlearbeit, von der ich immer noch nicht weiß, ob und wie ich sie umsetzen soll, ein paar schöne Fundstücke aus unseren Blättern von 1952 zusammenstellen. Herrliche Sachen dabei, “Bimbos” und “Veronikas”, Erfindungen aus Mittelhessen (die Gummisohle!), Klosterfrau-Melissengeist- und andere heute abgedreht wirkende Werbung.
Was soll ich nehmen? Tendenz momentan: “So wahr das”. Ich lasse mich aber gerne beeinflussen. Was meinen Sie?
Und was ist ein “Zerknalltreibling”? Bitte nicht nachgoogeln, das wär ja Spielverderberei. Oder kennt sogar der hinterletzte Nebenstrang im Netz ihn nicht, den Zerknalltreibling? Denken Sie doch bitte erst einmal nach. Ich kann sowieso jetzt nicht googeln, dazu müsste ich raus aus dem Blog und dann wieder rein, das ist mir zu umständlich. Ich habe den Zerknalltreibling bei Kempowski gefunden, in seinem Dorfschullehrerroman “Heile Welt” (habe ich Dorfschullehrerroman richtig geschrieben? Schriftbild sieht seltsam aus mit den beiden “ll” und “rr”; aber stimmt doch, oder?). Ja.
Bevor ich den Zerknalltreibling auflöse ein Blick in die Meldungen der Nacht. Das ist nicht umständlich, dazu drücke ich nur auf “A” und bin parallel bei den Agenturen. Kurze Sichtungspause.
Wieder da. Nichts Weltbewegendes. Nur ein Interview mit Yoko Ono anlässlich der Frankfurter Ausstellung, darin (im Interview, nicht in der Ausstellung) eine hübsche Passage: “Sie wollen mit 80 ein neues Leben beginnen. Gab es denn im alten Leben etwas, das Sie gerne ungeschehen machen würden?” – Ono: »Nein, Sie können nicht zurückschauen. Die Vergangenheit ist wie verschüttete Milch.”
Die Vergangenheit ist wie verschüttete Milch. Darüber muss ich nachdenken. “So wahr das”?
Und nun noch der Zerknalltreibling. Aus Kempowskis Roman (gestern erst zu Ende gelesen): “Frühsport wurde also abgesagt, statt dessen wurde ein Morgensingen anberaumt. Es war einer Art Morgenandacht nachempfunden, mit Tagesspruch und Lied sowie aktuellen Tages-Gedenk-Mitteilungen, die der Kursleiter von einem Kalenderblatt ablas: daß Annette von Droste-”Hülsdorf” an diesem Tag geboren sei und Benz den Vorderachsenantrieb seines Autos erfunden.” – (habe ich das richtig abgeschrieben? Da ist doch ein Fehler drin? Ja, ich habe richtig abgeschrieben. Da fehlt ein “habe”. Aber jetzt kommt’s, denn so geht’s weiter:) – “‘Zerknalltreibling’, so hatte man den ‘Motor’ im Dritten Reich nennen wollen.” Wirklich? Jetzt geh ich doch mal googeln. Und dann ran an die “Montagsthemen” Bis dann.

Bin schon wieder da (7.03 Uhr), das muss ich schnell noch loswerden: 7380 Treffer für “Zerknalltreibling”. Bin ich der einzige, der das Wort nicht kannte?

Baumhausbeichte - Novelle