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Dr. Sylvia Börgens: Dies und das zu Blog und Kolumne

Einige Gedanken wollt ich mit Ihnen teilen, angefangen mit dem Blog vom letzten Sonntag: Ihr morgendlicher Alptraum des Versagens im Wettkampf erinnerte mich an meinen, regelmäßig wiederkehrend:

Ich sitze in einem Klassenraum unter jungen Leuten und man teilt mir mit, dass ich noch mal die Mathe-Abiklausur schreiben muss. Ich bin völlig verstört; ich war zwar nicht schlecht in Mathe, aber ob ich mit dem, was ich 1974 an einem neusprachlichen Mädchengymnasium abgeliefert habe (Kurvendiskussion, zwei “Minimax”-Aufgaben), heute noch bestehen könnte?? Ich weise die Aufsichtsperson darauf hin, dass ich mittlerweile promoviert bin; wenn man mich gehen ließe, könnte ich die Urkunde holen – aber nichts zu machen, keine Gnade – und schweißgebadet wache ich auf. Meinen Mathematiker-Ehemann amüsiert dies alles natürlich sehr.

Annette Schavan war übrigens eine Schul- und Jahrgangskollegin von mir, Schulsprecherin natürlich und jederzeit in der Lage, druckreif zu reden. Als unsereins sich noch mit der Diplomarbeit herumschlug, hörten wir, sie habe schon ihre Doktorarbeit abgeschlossen – was wir mit der Bemerkung “Naja, sie will ja sowieso in die Politik, da braucht sie halt den Titel schnell” kommentierten. Menschlich tut sie mir trotzdem leid, und so dreist zusammenplagiiert wie Guttenberg hat sie auch nicht.

Trauer über die Trennung von einer geliebten Person kann schlimmer sein als Trauer beim Tod (sofern das Verhältnis zum Verstorbenen ungetrübt war). Denn dann kann die Trauer ein reines Gefühl sein, nicht vermengt mit Anklagen, Bitterkeit und Wut. Und wenn bei einer Ehescheidung der Kampf um die Kinder losgeht, ist es noch mal schlimmer. Ich finde also die Einrichtung eines “Trennungsworkshops für Männer” – so blöd das Wort auch ist – eine gute Sache, und weil Männer in der Tendenz einsamer sind, nicht so ein unterstützendes Netzwerk haben wie Frauen, erst recht.

An den Artikel über Udo Beyer erinnerte ich mich noch. Über “Sport und Trauer” habe ich ein Kapitel in meinem Buch, das ich Ihnen mal anhänge.

Was Yoko Ono über “verschüttete Milch” gesagt hat, ist ein englisches Sprichwort: “There’s no use crying over spilt milk” – sinngemäß: Was geschehen ist, lässt sich durch Jammern nicht ungeschehen machen. Typisch englisch halt. Manchmal hilft aber Jammern auch, Druck abzulassen – oder bemitleidet zu werden ;-) (Dr. Sylvia Börgens/Wölfersheim)

Ich setze mich in Bewegung

Bewegung und Sport helfen vielen Trauernden in ihrem Schmerz. Da Trauer auf der leiblich-seelischen Ebene eine Stressreaktion auslöst, ist es sinnvoll, die Anspannung durch körperliche Betätigung abzureagieren.

Wolfgang B. hatte seine Frau Doris, die an Amyotroper Lateralsklerose (ALS) erkrankt war, lange aufopferungsvoll gepflegt. Dies ist eine tückische Krankheit des Nervensystems, die meist innerhalb weniger Jahre zum Tode führt. Mit Unterstützung eines ambulanten Pflegedienstes hatte er es geschafft, ihr den Wunsch zu erfüllen, bis zuletzt in ihrer vertrauten Umgebung zu bleiben. Sie hatte Verfügungen für ihre Bestattung getroffen, die er alle genau befolgte. Danach empfand er eine große Ratlosigkeit und Leere. Er war als Postbeamter vorzeitig in Pension gegangen, aber er war erst 59 Jahre alt, zu jung für ein „Rentnerdasein im Lehnstuhl“. In allen häuslichen Arbeiten war er perfekt, aber das konnte ihn nicht ausfüllen. Er ging auf Anraten seines Pfarrers zu einem Gesprächskreis von Verwitweten, doch er fühlte sich dort, als einziger Mann in einer Gruppe von Frauen, fehl am Platze. Auch hatte er das Empfinden, dass er in seiner Trauer an einem anderen Punkt stand als die anderen, die plötzliche Todesfälle durch Unfall oder Herzinfarkt zu verkraften hatten. Für ihn hatte das Abschiednehmen im Grunde bei der Diagnose „ALS“ schon angefangen. In der Nachbarschaft war er mit einem gleichaltrigen Ehepaar befreundet, die Doris und ihn sehr unterstützt hatten. Lothar, der Ehemann, lud ihn ein, mit ihm auf Mountainbikes Touren in den Taunus zu unternehmen. Diese sportliche Aktivität, die Anstrengung, gerade auch bei Wind und Wetter, machte ihn ausgeglichener und zufriedener. Er war ja zuletzt sehr ans Haus gefesselt gewesen; so war es wie eine Befreiung für ihn. „Doris wird es auch recht sein, dass es mir besser geht“, meinte er zu seinen Freunden.

Bewegung und Sport scheinen für viele Trauernde geradezu ein Rettungsanker in ihrem Schmerz zu sein.

Von einer meiner Fitness-Trainerinnen, Tatjana, erfuhr ich, dass ihr Bruder bei einem Arbeitsunfall lebensbedrohlich verletzt worden war. Die ersten Auskünfte waren aber zuversichtlich stimmend, er habe eine sehr gute Allgemeinverfassung und werde es wohl schaffen. Nach drei Wochen traf ich sie wieder und fragte sie nach dem Zustand ihres Bruders. „Er ist in der letzten Woche gestorben, an einer generalisierten Sepsis, gegen die kein Antibiotikum mehr geholfen hat.“ Betroffen bot ich ihr meine Hilfe an und gab ihr meine Telefonnummer. Immer wieder treffe ich Menschen, die mir sagen: „Ich weiß, wer Sie sind, und habe Ihre Nummer neben meinem Telefon liegen. Dann weiß ich, wenn es mal gar nicht mehr allein geht, an wen ich mich wenden kann.“ Dies sagte ich auch Tatjana, und sie bedankte sich dafür. Vor ein paar Wochen erzählte sie mir, sie komme im Augenblick ganz gut zurecht. Sie habe begonnen, für den 10-Kilometer-Lauf zu trainieren. Dabei könne sie richtig abschalten. Sie beschrieb es so: „Die Trauer füllt meinen ganzen Körper aus, besonders den Brustraum. Es fühlt sich schwer an, oder es brennt hinter dem Brustbein. Manchmal ist es auch ein stechender Schmerz in der Magengegend. Wenn ich laufe, ist mein Körper auf diese Anstrengung gepolt. Dann füllt die Anstrengung den Körper ganz aus. Hinterher bin ich auf eine wohlige Art müde, aber ich fühle mich leichter.“

Diese Beschreibung weist uns darauf hin, wie körperlich spürbar unsere Trauer sein kann. Tatsächlich sind viele unserer Beschwerden – Herzklopfen und hoher Blutdruck, Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit oder Verdauungsprobleme – Teil eines alten Anpassungsmusters „Flüchten oder Kämpfen“, das uns auf eine Bedrohung einstimmen sollte, also eine Stressreaktion. Nur reagieren wir in der Trauer zunächst ja nicht mit körperlicher Aktivität, sondern reduzieren oft sogar unseren Bewegungs¬radius. Dass Bewegung hingegen die Stimmung aufhellen kann, belegen zahlreiche wissenschaftliche Studien an Depressiven.

Deshalb ist mäßige körperliche Betätigung eine bewährte Notfallmaßnahme, wenn es Ihnen ganz schlecht geht: Egal welches Wetter herrscht, hinaus ins Freie! Mindestens eine Stunde zügig gehen! Danach, so sagen alle Trauernden, fühlen sie sich ein bisschen besser. Das könnte auch ein Dienst sein, den Ihnen eine Freundin oder ein Freund erweist: Sie abholen, wenn Sie sich selbst gar nicht aufraffen können. Viele Trauernde erzählen auch, dass ihnen die Spaziergänge mit ihrem Hund gut tun; eine Pflicht, der man sich nicht entziehen kann. Manche haben sich sogar deshalb einen Hund angeschafft. Wenn Sie Haustiere mögen, kann so ein liebesfähiges Lebewesen auch sonst Balsam für Ihre Seele sein.

Wenn Sie mehr tun wollen als Spazierengehen, stehen Ihnen alle Möglichkeiten offen. Bedenken Sie aber bitte, was immer gilt, wenn man nach längerer Unter¬brechung wieder beginnt, Sport zu treiben: Allzuviel auf einmal ist schädlich. Lassen Sie sich vorher ärztlich untersuchen, ob das Herz und der Kreislauf gesund ist, und steigern Sie langsam die Anforderungen.

Manche schwingen sich zu sportlichen Höchstleistungen auf, die sie sich nie zugetraut hätten.

Leonies Sohn Jan hatte Selbstmord begangen. Er war Marathonläufer gewesen. Drei Jahre nach seinem Tod meldete sie sich beim „Ironman Frankfurt“ an: 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren, 42,2 Kilometer Laufen, die Marathondistanz. Sie war nie besonders sportlich gewesen, hatte anderthalb Jahre lang auf dieses Ereignis hin trainiert. Sie schaffte die Strecke und kam sogar in die Wertung! Sie sagte: „Es war, als ob er die ganze Zeit neben mir hergelaufen wäre und mich angefeuert hätte.“

Wir sehen, wie die starke emotionale, eigentlich leiblich-seelische Energie ihren körperlichen Ausdruck findet. Es gibt auch andere, weniger anstrengende Bewegungsformen, die heilsam sein können. Dazu gehört das Tanzen.

Tänze als Trauerrituale gibt es in vielen Gesellschaften. In Europa sind es vor allem die Griechen, die die Wendepunkte des Lebens – Geburt, Hochzeit, Tod – mit Tanzen begehen. Es sind gemeinschaftliche Reihentänze, die vielfältige Gefühle und die Verbundenheit mit den anderen ausdrücken. Die Schrittfolgen müssen nicht kompliziert sein; wesentlich ist das Aufgehen in der Bewegung und in der Musik, „der Kopf muss abgeschaltet werden“, sagt Kyriakos Chamalidis, einer der prominen¬testen griechischen Tanzlehrer in Deutschland.

Auch unabhängig von der griechischen Tradition finden viele zu einer größeren inneren Gelassenheit durch Meditative Tänze. Diese werden mittlerweile in zahl¬reichen Institutionen der Erwachsenenbildung angeboten. Ich habe bei vielen Gelegenheiten, in meiner Weiterbildung, in der Arbeit mit Trauernden in solchen Reihen oder Runden mitgetanzt. Immer war es eine besondere Erfahrung von Aufgehobensein, gemeinsamem Zur-Ruhe-Kommen, Trauern oder auch Lachen. In den biblischen Psalmen wird es so ausgedrückt: „Du hast mir meine Klage in Tanzen verwandelt“ (Ps. 30,12).

Baumhausbeichte - Novelle