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Sport-Stammtisch (vom 16. Februar)

»Bin gespannt, was gw dazu schreibt«, mailt ein alter Freund unserer Kolumne. Ich muss ihn enttäuschen: Nichts. Nichts zu Oscar Pistorius, nichts zu Udo Beyer. Obwohl beide Namen unsere Kolumne seit vielen Jahren begleiten.
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Die Mordanklage und die Diskussion um den doppelt beinamputierten Läufer – das sind zwei verschiedene Paar Schuhe, auch wenn’s Karbonstelzen sind. Hier irgendwelche Verbindungen oder gar Gründe zu suchen, ist noch unsinniger als Pistorius’ Teilnahme an Wettkämpfen mit Unamputierten. Der Rest ist Tragik und nicht mehr meine Sache.
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Zu Udo Beyers »Doping-Geständnis« ist jedes Wort überflüssig. Hat der Kugel-Olympiasieger von 1976 tatsächlich »dreist zugegeben«, dass die Erde keine Scheibe ist?

Abseits der aktuellen Schlagzeilen bewegten und bewegen mich bei Pistorius und Beyer andere Dinge. Die haben beim einen mit dem Sinn des Sports, beim anderen mit dessen Weg nach der Wende zu tun. Wer hier schon länger mitliest, weiß es. Für andere stelle ich ein paar alte Texte in den gw-Blog, der online meine Kolumnen begleitet (siehe unten).
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Zum Endlos-Thema nur dieses hübsche Kleinod für Kenner: Radprofi Fabian Cancellara hat Kontakte zu Blutprofi Fuentes empört bestritten. Er habe nur mit dem Sportmediziner Cecchini zusammengearbeitet. Das sind keine zwei verschiedene Paar Schuhe, sondern ein zusammengehöriges.
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Dass in Donezk und beim unaussprechlichen Gegner von Hannover nach meiner Definition besonders dreist gedopt wird – nee, nicht schon wieder die alte Leier vom Geld als Epo für Scheich & Reich. Fußball also: In Donezk demonstrierten beide Teams, warum die großen Vier sie fürchten wie … wie der spanische Fußballprofi den späten Fund des Blutbeutels. Wenn Barca, Real, ManU oder die Bayern wählen dürften, gegen wen sie bitte auf keinen Fall antreten müssen, würden nur Donezk und der BVB genannt. Aber wehe Euch: Einer kommt durch! Leider ist noch längst nicht klar, ob das der BVB sein wird. Nicht immer kann nach jedem Hintenrumhummeln vorne einer reingehummelt werden.
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Dem Ringen läuft Olympia davon wie dem Gottesdienst die Kirchgänger. Im Gegensatz zu den Ringern haben die Kirchen aber schon die Zeichen der Zeit erkannt: Beim deutschen Wettsingen für die Schlager-EM traten echte Priester an, und die andere Fakultät misst sich sogar in Predigt-Duellen, bei denen der Applaus der Kirchgänger über den Sieger entscheidet. Die »Predigt-Battle« (Info-Quelle: Süddeutsche Zeitung) besteht aus drei Disziplinen: »vorbereitete Predigt«, »Stand-up-Predigt« und »Spontan-Predigt auf Zuruf«.
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Seltsam nur, dass ein sehr zweifelhafter Stand-up-Gag bei der »Predigt-Battle« umjubelt wurde: »Mit dem Reich Gottes verhält es sich wie mit dem Berliner Großflughafen: ist irgendwie schon da, funktioniert aber noch nicht überall und in jeder Hinsicht.« Das Reich Gottes mit Wowis Schande zu vergleichen, das würde nicht einmal der abgefeimteste Atheist wagen!
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Eine der Kirchen verliert nicht nur viele ihrer Light-Gläubigen, sondern auch einen Tiefst- und gleichzeitig den Haupt-Gläubigen. Auch ohne Mitglied seines Klubs zu sein, fühle ich mich ihm verbunden, alleine schon durch seine Definition von Mut, der auch ich mich verpflichtet fühle: »Tapferkeit besteht im Standhalten gegenüber den Maßstäben der herrschenden Meinungen.« Danke, Papa Ratzi.
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Andere Weltreligionen haben keine Schwundprobleme. Islam – ja, klar. Aber auch der Buddhismus boomt. Sogar unter beinharten Gangsta-Kerlen. Zumindest bei einem. NBA-Profi Ron Artest hat vor einiger Zeit seinen Namen in »Metta World Peace« ändern lassen, was ungefähr »Liebende Güte Weltfrieden« bedeutet. Bevor er buddhistisch angehaucht wurde, hieß er eher noch »Wütende Furie Draufschläger«, sprang auch mal während eines NBA-Spiels unter die Zuschauer und verdrosch einen Fan. Häusliche Gewalt gehört ebenfalls zu seiner Akte (mhhm, nun ja,immerhin ohne Schusswaffe). Fortan jedoch liebte er gütig den Weltfrieden
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Aber kann der Friedlichste in Frieden leben, wenn es dem bösen Gegenspieler … dem rammte Metta World Peace vor einer Woche die Friedensfaust ins Gesicht. Ommm!
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Den alten Freund unserer Kolumne muss ich leider noch einmal enttäuschen. Wenn er heute den Blick über diese Zeitungsseite schweifen lässt, wird er meinen Hinweis auf eine Veranstaltung vermissen. Aber eher beiße ich mir die Zunge beziehungsweise einen meiner beiden Schreibfinger ab, ehe ich mich am heiligen Pressekodex verginge: Strikte Trennung von redaktionellem Inhalt und Anzeigen. (Tja, liebe Nur-Online-Leser, jetzt wundern Sie sich. Kaufen Sie die Zeitung, dann blicken Sie durch!) (gw)

Baumhausbeichte - Novelle