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Freitag, 15. Februar, 17.15 Uhr

Wie im Sport-Stammtisch versprochen (steht online, siehe rechts) folgen zwei ältere Texte zu Oscar Pistorius und Udo Beyer. Zunächst aber eine Anmerkung zum Text von Dr. Hans-Ulrich Hauschild (siehe “Mailbox”): Die Aufforderung zur Stellungnahme fordert mich, da kann ich nicht “aus der Lameng” einfach losschreiben. Um antworten zu können, muss ich erst nachdenken. Ähnlich geht es mir bei einem anderen Thema: Die Pfarrer-Zeitschrift (Sie erinnern sich? Erstes Thema: Der Zweite, der der erste Verlierer ist) hat mich gebeten, einen Text zu ihrem Thema “Auszeit” zu schreiben. Will ich gerne tun, muss aber auch hier erst meine Gedanken sammeln, denn die Auszeit im Sport, über die ich schreiben soll, hat mit dem Auszeit-Thema der Zeitschrift nun mal gar nichts zu tun, nichts mit “Innehalten”, “zur Ruhe kommen”, “sich sammeln”, “abschalten” usw. Im Gegenteil. Redaktionsschluss ist erst im Mai, da habe ich noch genug Zeit. Beim Hauschild-Thema bin ich hoffentlich früher schreibbereit.
Und nun die alten Texte. Zunächst Pistorius (Text von 2007), dann eine Doppelfolge Beyer aus der Serie “Von Olympia nach Athen” (2004)

Eine ganz andere Frage der Sportmoral

Der 20 Jahre alte Südafrikaner Oscar Pistorius, 400-Meter-Bestzeit 46,34 Sekunden, will an der Leichtathletik-WM in Osaka/Japan (25.8.-2.9.) teilnehmen. Warum auch nicht? Wo ist das Problem? Die Zeit ist ordentlich, und da es in Südafrika keine drei Schnelleren gibt, dürfte einer Nominierung nichts im Wege stehen. * Das Problem: Oscar Pistorius ist an beiden Oberschenkeln amputiert. Er läuft mit Carbonfieber-Spezialprothesen, und das verwandelt eine aus »normaler« Sicht ordentliche Zeit von 46,34 Sekunden in eine phänomenale, eine kaum fassbare Leistung. Seit dem Jahr 1967, als die damals schier unglaubliche Nachricht von einem US-Hochspringer bekannt wurde, der rückwärts die Latte überquerte und mit diesem verrückt-ulkigen Stil Weltklasse-Höhen meisterte, hat mich keine Meldung aus der Leichtathletik mehr verblüfft als diese 46,34 Sekunden eines beidseitig Beinamputierten. * Doch jetzt will Pistorius nicht nur bei Paralympics, sondern auch bei den Weltmeisterschaften der Nichtbehinderten starten. Noch ziert sich der Weltverband IAAF, der erst entscheiden will, nachdem der Beinamputierte am 15. Juli in Sheffield ein Rennen gegen 400-m-Olympiasieger Jeremy Wariner (USA/Bestzeit 43,02) bestritten hat. Was ein Skandal, eine beispiellose Diskriminierung ist: Ein Behinderter darf nur bei den Nicht-Behinderten starten, wenn er gegen den aktuell Weltbesten besteht? Damit unterliegt die IAAF einem fundamentalen Missverständnis: Es darf nicht darum gehen, wie gut oder schlecht Pistorius gegen Wariner abschneidet – das ist nur ein interessanter Schaulauf und hat mit echtem Wettkampfsport nichts zu tun. Es geht vielmehr um die Basis des Sports – und, nun ja, auch um seine Ethik und Moral, diese in der Dopingfrage überstrapazierten Begriffe. * Soll der beinamputierte Sportler bei der WM in Osaka starten dürfen? Bei einer repräsentativen Umfrage würden wohl über 90 Prozent der Befragten die Frage ohne lange zu überlegen bejahen. Wer aber behauptet, es sei zutiefst unsportlich, dem großen Sportler Pistorius die Teilnahme zu verweigern, dem schlüge ethisch-moralische

Verachtung entgegen. Ich wage es trotzdem – und bitte um Ihre Bedenkzeit. * In der »Zeit« lese ich einen Bericht über den Biomechaniker und Maschinenbauer Hugh Herr, der als Jugendlicher beim Klettern beide Unterschenkel verloren hatte und später begann, über künstliche Gliedmaßen zu forschen. Seitdem stellt Hugh Herr immer weiter verbesserte motorisierte High-tech-Prothesen her, mit zwei von ihnen lief Pistorius seine Bestzeit. Schon in wenigen Jahren, Herr ist absolut sicher, wird ein Amputierter mit seinen Prothesen schneller laufen können als jeder Nichtamputierte. Und besser klettern – denn dafür schraubt sich der Amputierte Spezialfüße an die Prothese, die in dünnen Spitzen enden, so dass man auf kleinsten Trittflächen stehen kann, für die ein normaler Fuß zu groß ist. Herr arbeitet an den verschiedenartigsten Spezialprothesen, auswechselbare Titanfüße für die verschiedensten Gelegenheiten: Laufen, Klettern – oder um gefahrlos, weil optimal gefedert, aus dem dritten Stock springen zu können. Eine faszinierende Entwicklung, die stürmisch voran«schreitet«, auch weil genügend Forschungsgeld vorhanden ist: Herr wird vom Pentagon gesponsort, da schon bald tausend Soldaten mit fehlenden Gliedmaßen aus dem Irak zurückgekehrt sein werden. * Doch zurück zum Sport: Vor zwanzig Jahren hätte kein amputierter Sportler bei den Nichtamputierten starten wollen. In zwanzig Jahren wird dies auch niemand anstreben: Zu chancenlos wären die beidbeinig Naturfüßigen. Dass die Forschungslage derzeit einen sportlichen Zeitvergleich überhaupt zulässt, ist nur eine trügerische Momentaufnahme und sollte nicht zum Anlass genommen werden, Unvergleichliches wettkampfmäßig mit- und aneinander zu messen – allein schon aus Respekt vor dem jeweiligen sportlichen Können, dessen Qualität nicht von der (egal ob scheinbar besseren oder schlechteren) Leistung des Kunst- oder Naturfüßigen abhängt. * Falls es doch einmal gemeinsame Starts bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen geben sollte – auf welche Idee die Ehrgeizigsten unter den Naturfüßigen dann kommen könnten . . . das will ich lieber nicht mal andeuten.

Zwischen Olympia und Athen (41/2/1) Auf der Suche nach der Seele des Sports

Wir suchen nach der Seele des Sports und stehen vor einem Grab. Ein Kindergrab in Potsdam. Hell und bunt, liebevoll gepflegt und geschmückt. Todtraurig und lebensbejahend. Vor dem Grab steht ein großer, massiger Mann. »Wenn ich mal nicht weiter weiß, komme ich hierher. Dann geht’s wieder.«
Vor dreißig Jahren ging der junge DDR-Kugelstoßer Udo Beyer, ein 18-jähriges Ausnahmetalent, wie es die Sportwelt seit Randy Matson nicht mehr gesehen hatte, bei den Europameisterschaften in Rom in die Pressekonferenz mit den Medaillengewinnern, seinem Mannschaftskameraden Briesenick, dem Westdeutschen Reichenbach und dem Briten Capes. DDR-Stoßer Briesenick hatte gewonnen, saß aber verkrampft und fast unbeachtet neben den beiden anderen, die sich locker und entspannt auf englisch mit den Journalisten unterhielten. Beyer, nicht zum Siegen, sondern zum Schnuppern von und zur Gewöhnung an internationale Wettkampfluft mitgenommen (was im übrigen ein altes BRD-Vorurteil gegenüber dem DDR-Sport widerlegt), nahm sich in diesem Augenblick vor: »Wenn ich einmal Erster werde, will ich nicht wie ein Plebs danebensitzen.« Also lernte er Englisch, eine in seiner Heimat nicht gerade erwünschte Fortbildung.
Diese Geschichte ist seine erste Antwort auf die Frage nach der Seele des Sports, denn sie hatte ihn in der Seele getroffen und er seine Konsequenzen daraus gezogen, die über den Sport hinausgingen. Lebenshilfe durch den Sport. Wir kommen darauf zurück.
Udo Beyer wächst in einer Familie wie aus dem sozialistischen Lehrbuch auf: Mutter Putzfrau, Vater Heizungsmonteur, fünf Geschwister. Regimegegner war er gewiss nicht. Spartakiadesieger, Aktivist, Verdienter Meister des Sports, Träger des Vaterländischen Verdienstordens, NVA-Offizier, Kapitän der DDR-Nationalmannschaft – aber immer anständig, ehrlich, geradeheraus. Wenn es den Begriff »Kumpel« nicht gäbe, für Udo Beyer müsste er erfunden werden. In der DDR wurde er geliebt wie heute in ganz Deutschland Rudi Völler: viele Fans, keine Feinde, ein Mann des Volks und für das Volk. Undenkbar, dass er »hintenrum« jemanden anschwärzen, gar Spitzeldienste leisten könnte. In seiner Persönlichkeitsstruktur ist so etwas nicht vorgesehen.
Es sei ohnehin falsch, das sportliche mit dem gesellschaftlichen System gleichzusetzen: »Der DDR-Leistungssport war Kapitalismus im Sozialismus. Jetzt haben wir in der Wirtschaft das Leistungsprinzip übernommen, im Sport regiert aber in Deutschland die Planwirtschaft, und das ziemlich planlos«, spannt Udo Beyer den Bogen in die trübe Gegenwart und Zukunft der deutschen Leichtathletik. Die Vergangenheit spart er nicht aus, auch Doping ist kein Tabu-Thema für ihn, doch bedauert er, »dass nach der Wende eine intelligente Art der Aufarbeitung verpasst wurde«. Statt beiderseitiger Aufarbeitung der sozialistischen und kapitalistischen Dopingsysteme nur einseitige Schuldzuweisung – da macht eine ehrliche Haut nicht mit.
Bei einem wie ihm wird man kein einziges mieses Spitzel-Gen finden – aber massenhaft exzellente Sport-Gene. Eltern sportlich, alle Geschwister erfolgreiche Sportler, Bruder Hans-Georg 1980 Handball-Olympiasieger, Schwester Gisela Olympiavierte mit dem Diskus – und derartig vorbelastet gewann Udo schon 1976, als gerade mal 20-Jähriger, Kugelstoß-Gold bei Olympia in Montreal. Später stieß er dreimal Weltrekord (Bestleistung: 22,64 m), erlebte Höhen und Tiefen (1980 in Moskau als haushoher Favorit »nur« Bronze) und galt schon in jungen Jahren bei seinen westlichen Konkurrenten als lebende Legende, über die man staunend Trainingsleistungen von über 300 Kilogramm im Bankdrücken und 22 Meter im Kugelstoßen aus dem Stand zugeraunt bekam. Nach der Wende wurden die Konkurrenten (zum Beispiel Ralf Reichenbach) zu Freunden des knapp zwei Meter großen Dreizentnertrumms und fanden die Legenden als Tatsachen bestätigt. Wenn uns also auf unserer schon vierjährigen Sinnsuche die Historiker, Psychologen, Soziologen, Verhaltensforscher, Literaten und Philosophen immer noch nicht entscheidend weitergebracht haben, dann müssten wir doch wenigstens bei diesem großen Athleten, Weltrekordler und Olympiasieger eine Ahnung von der Seele des Sports bekommen können.
Also fahren wir hin zu ihm, nach Potsdam, genauer gesagt nach Babelsberg, seinen geliebten Heimatort. Der freundliche Riese, mittlerweile auf 130 Kilogramm nicht gerade abgemagert, holt uns am Bahnhof ab, will mit uns in sein Reisebüro fahren, das er 1996 eröffnet hat. Doch auf dem Weg dorthin ändert er plötzlich die Fahrtrichtung. »Fahren wir lieber erst mal bei meiner Kleenen vorbei.« Zum Friedhof also.

Zwischen Olympia und Athen (41/2/2) Auf der Suche nach der Seele des Sports

Vor drei Jahren ist Udo Beyers jüngere Tochter Sophia gestorben. Mit elf Jahren, in den Armen der Mutter, bei einem Ostseeurlaub, kurz nach der vierten Herzoperation des Mädchens. Ein Schicksalsschlag, dessen Wucht Außenstehende auch mit ausgeprägtem Einfühlungsvermögen nicht angemessen nachempfinden geschweige denn in Worte fassen können.
Wir stehen am Grab seiner Tochter. Kann er darüber reden? Ja, er will es sogar. Die ältere Tochter dagegen kann es nicht. Katja hatte ein inniges Verhältnis zur Schwester, aber sie spricht nicht mit ihm über den Tod. Beyer respektiert das, seine Frau Rosi ebenfalls. Der Schicksalsschlag hat das Ehepaar noch enger aneinander gebunden. Nach dem Tod Sophias haben sie begonnen, intensiv Rad zu fahren. Beyer war zuvor fast zehn Jahre lang sportlich nicht mehr aktiv, wog zwischenzeitlich 167 Kilogramm. Seitdem unternimmt er ausgedehnte Radtouren, am Tag vor unserem Treffen war er mit seinem Bruder auf einer Sechzig-Kilometer-Fahrt unterwegs. Schnitt: 32 km/h. Und das als knapp 49-Jähriger, mit 130 Kilogramm Lebendgewicht und auf einem notwendigerweise sehr stabilen und schon recht betagten Mountainbike. Ein Ausnahmesportler eben, der zwar seit Jahren kein Bankdrücken mehr macht, aber auch ohne Training jederzeit noch 180 Kilo stemmen kann. Jetzt fährt er Rad. Das gibt ihm sportliche Befriedigung, das hilft ihm. Er ahnt es ja selbst: »Sport kann auch eine Flucht sein.«
Aber keine Flucht vor sich selbst. Das wusste Udo Beyer schon als kleiner Junge – das heißt, so richtig »klein« war er nie, sondern mit 14 schon 1,94 m lang, kräftig sowieso. Für ihn war früh klar, was wir für uns – Gewinnen, Siegermentalität, Triumph über den Gegner und ob dies und falls ja in welchem Ausmaß unverzichtbar zum Wesen des Sportlerlebens und Sporterlebens gehört – noch nicht so recht auf die Reihe bekommen haben. Beyer: »Erst musst du gegen dich gewinnen, um gegen andere gewinnen zu können.« Daher beherzigte er von klein auf die Forderung seines Vaters: »Wenn du etwas machst, mach es richtig, und zwar mit aller Konsequenz.«
Konsequenz: Der Allroundsportler konzentrierte sich auf das Kugelstoßen, spielte auch nicht mehr Handball, obwohl er als überaus talentiert galt. Die Entscheidung gegen den Mannschaftssport fiel ihm nicht schwer: »Ich wollte keine Medaille teilen.«
Am heutigen deutschen Sport stört ihn, dass vielen schon das Mittelmaß genügt. »Das Anspruchsdenken ist zu gering.« Beyer zieht den aparten Vergleich: »Wie wenn man bei Mercedes schon zufrieden wäre, dass die Autos überhaupt fahren.« Mittelmaß reicht vielen, weil Mittelmaß schon Geld garantiert. »Aber bei wem das Materielle an erster Stelle steht, der wird nie ein Weltklassesportler. Darauf gebe ich Brief und Siegel.«
Und der Profi-Fußball? »Das ist für mich kein Leistungssport. Fußball ist Fußball, er hat andere Gesetze, das sollte man respektieren.« Also kein Hochmut des hart trainierenden Individualsportlers, obwohl der bei gemeinsamen Trainingslagern schon mal die DDR-Fußballer Trainingseinheiten absolvieren sah, »die für uns nicht mal zum Aufwärmen gereicht hätten«. Doch der Erfolg im Fußball wird nicht allein über die Trainingsintensität erreicht, sonst wären die schlapp trainierenden DDR-Kicker gegen die noch viel schlappere westliche Konkurrenz mehrfacher Weltmeister geworden. Beyer weiß, wie vergleichsweise einfach es ist, die Höchstleistung eines Leichtathleten bei Olympia über Monate hinweg vorzubereiten, und wie kompliziert und langfristig unplanbar, Woche für Woche in Bestform antreten zu müssen.
»Man muss Sport wollen, vom Herzen und vom Kopf her. Sport ist Ausdruck eines Lebensgefühls. Ich wollte auch anderen Freude bereiten – nicht unbedingt Erich Honecker, sondern 17 Millionen Menschen. Das ist meine innere Überzeugung. Ich war gerne für die Menschen da.« Der Hobby-Radfahrer findet heute »viel mehr Aspekte im Sport als früher. Sport ist eine der angenehmsten Formen, ein Lebensgefühl auszudrücken. Eines der letzten Gebiete des Lebens, das man selbst bestimmen kann.«
Nach dem Besuch am Grab fahren wir nicht ins Udo-Beyer-Reisebüro, sondern in seine Wohnung. Über Sophia reden, Bilder anschauen, von den letzten Urlaubstagen, von der Beerdigung, vom offenen Sarg. Das Mädchen kam mit einem Herzklappenfehler zur Welt, kämpfte, litt und lebte dennoch froh und glücklich, machte auch Udo Beyer glücklich, der »dankbar für die elf Jahre« ist. Sophia wusste von der möglichen frühen Endlichkeit ihres Lebens und lebte daher bewusster, intensiver und auch »weiser« als andere Kinder ihres Alters. Sophia heißt (griech.-lat.) Weisheit, in Platons Sinne die des Wissens von den göttlichen Ideen, die in ihrer Reinheit nur von der körperlosen Seele geschaut werden.
Wir verabschieden uns. Udo Beyer will heute Abend noch eine lange Runde fahren. »Je näher der Todestag rückt, desto intensiver fahre ich Rad.« * »Sport kann auch eine Flucht sein.« Eine Flucht nicht vor dem Leben, sondern dem Leben standhaltend. »Ohne Sport geht’s halt nicht.«

Baumhausbeichte - Novelle