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Dr. Hans-Ulrich Hauschild: Eine Aufforderung

Es gibt vielleicht einen Anlass, Sie zu bitten, sich in Ihrer Eigenschaft als – nun in der Tat – tendenziell eher – „konservativer“ Intellektueller zu einer journalistischen Besonderheit zu äußern, ganz geschaffen, Ihren Anstoß zu bereichern. Konservativ? Nun ja, Sie sprechen ja selbst darauf an: „…ich hätte mich mal als konservativ zu erkennen gegeben. Ich und konservativ? Nee. Progressiv? Nee. Generell nichts davon, in Einzelfällen mal so, mal so. Man kann Gutes bewahren. Man kann in dumme Richtung voranschreiten. Man kann Dummes bewahren. Man kann in gute Richtungen voranschreiten.“ Und: „Dass ich zu keinem Lager gehöre“, darauf scheinen Sie ja Wert zu legen. Nichts mehr davon: jetzt wird ohne Pardon Stellung bezogen, ich schiebe ein „Bitte“ nach.

Was eigentlich hindert Sie daran, „konservativ“ zuzugeben? Ist das eine Krankheit? Sind Sie ängstlich, festgelegt zu werden? Sind Sie schon: Ihr ganzer Anstoß, auch der Blog, zeigt auf, wo Sie stehen. Und das nicht zum Schaden des Gießener Journalismus. Die reine Beobachterrolle, also philosophisch gesprochen, der Skeptizismus (erinnert sich noch jemand an Odo Marquard, der ja wohl Gießen verlassen hat), steht Ihnen nicht, auch wenn Sie sich hinter diesem verstecken, haha, man versteckt sich hinter einem Versteck, denn der Skeptizismus ist eine reine Fluchthaltung, Eskapismus also.

Ich meine, es liegt an den Definitionen. Man kann herrlich wertekonservativ sein gleichsam im „innenpolitischen“ (also Ordnungspolitik, Familienpolitik, bürgerlicher Habitus – im besten Sinne des Citoyen, nicht Bourgeois, – sogar eine erzkonservative Bildungspolitik ist möglich, und mehr) und gleichzeitig sozial- und wirtschaftspolitisch eine eher linke Haltung einnehmen. Progressiv sind die neoliberalen Manager und ihrer politischen Herolde, die nichts, aber auch nichts akzeptieren, was nicht dem Fortschritt ihrer eigenen Gewinnerwartungen bzw. dem Fortschritt der Globalisierung dient, die nun wiederum sozialpolitisch nicht einmal konservativ sind, sondern einfach nur zynisch. Solche Leute entziehen sich jeder definitorischen Wertung, weil sie darüber stehen und es ihnen gleichgültig ist, wen sie mit welchen Mitteln beherrschen.

Dazu hat nun Herr Schirrmacher, FAZ, ein Buch geschrieben, Sie haben es sicherlich schon zur Kenntnis genommen, mit dem Titel „Ego“, in welchem er, der konservative Kulturpessimist, den Kapitalismus nachhaltiger zerreist als jeder Salonlinke dies könnte. Sie haben dieses Thema neulich angedeutet, natürlich in Form satirischer Deckung: „Die Raupe Nimmersatt und das Dogma Wachstum“ stand im Blog. So etwas Ähnliches hat auch Herr Schirrmacher geschrieben. Schauen Sie sich es einmal an auf: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jakob-augstein-ueber-frank-schirrmachers-neues-buch-ego-a-882547.html

Im Zusammenhang mit dieser Debatte kann man dann auch aufräumen mit der Vorstellung, dass sozialdemokratische oder „linke“ Politik um jeden Preis dem Zeitgeist nachlaufen muss. Dazu würde, nur ein kleines Beispiel, gehören, dass man „ordnungspolitisch“ zugesteht, dass die Würde der Opfer von Jugendkriminalität höher einzuschätzen ist, als verfassungsrechtliche Abwägung zweier Verfassungsgüter, als die Rechte dieser keineswegs entmündigten, also auch im moralischen Sinne schuldfähigen Jugendlichen. Was nicht heißt, dass man sie aufgeben müsste. Auch hier sollte „konservativ“ dann heißen: wir – die Gesellschaft – entziehen ihnen ihre Freiheit, wie gesagt mit guten verfassungsrechtlichen Gründen, um sie langfristig der Ordnung einer freiheitlich verfassten, rationalen Gesellschaft zuzuführen. Vulgo: wir integrieren sie durch jenen Wert, der psychologisch und sozialpolitisch immer noch sehr weit oben rangiert: Verantwortung durch Handeln (etwa Arbeit). Dazu muss die aber nun doch ausschließlich auf neoliberal getrimmte Mehrheitsgesellschaft ihrerseits Verantwortung übernehmen. Das, was in dieser Hinsicht soziapolitisch geschieht, ist viel zu wenig, und das aus einem rein ökonomischen Grund: Wohlhabende sollen dafür keine Steuern und Abgaben zahlen müssen. (Dr. Hans-Ulrich Hauschild/Gießen)

Baumhausbeichte - Novelle